Artikel aus No 18 - Januar 2011

Der feine Unterschied
Vechta vs. Leipzig

 
 
 
Vechta
Studieren ist eine großartige Sache. Doch kann man sich als Student in einer Kleinstadt wie Vechta entfalten? Abgesehen vom allgegenwärtigen Wissen, welches auch um unsere Universität keinen Bogen macht und die Möglichkeit sich intellektuell zu entwickeln, stellt sich die Frage: Was bedarf es um einen sogenannten studentischen Kult aufrecht zu erhalten und ist die Umgebung in Vechta dafür geeignet? Halten wir fest. Student sein, kann bedeuten: brav lernen, sich einen akademischen Grad anheften lassen und in ein gewähltes Arbeitsfeld eintauchen. Was hier jedoch angesprochen werden soll, ist die Verschmelzung von Wissen, Kultur und Kunst, Politik, Partys, Mode, Geld und ein sich daraus selbst erklärender Lebensstil. Als Perfektionist dieses Lebensstiles in Vechta radelt man also mit Büchern unter dem Arm durch die Einöde der Familiensiedlungen bis hin zur Bibliothek, saugt eine geballte Ladung Wissen in sich auf und denkt auch an die Arschtaschen-Privatlektüre aus dem Bereich der Belletristik.
Liegt eine Party an, so besteht die Möglichkeit, sein möglichst individuell gestaltetes Outfit mit schmuddeligem Secondhand-Anteil auszustaffieren.
Man kann auch darauf verzichten. Die Bedienung an der Großen Straße bietet doch Mode-Freiraum und Klamotten für den studentischen Wiedererkennungswert? Die Kommilitonen sind leicht zu finden, denn die Auswahl der Clubs kann man an einer Hand abzählen. Cocktail schlürfen, Lümmeln auf Sofas in atmosphärisch beleuchteten Hinterzimmern, Tanzen und Abspacken und stets ein halb gefüllter Laden. Wer mag und braucht, kann sicher auch von Joint zu Shisha laufen und breit in Studentenzimmern vergammeln.
links: © khv24 / PIXELIO
rechts: © Peter von Bechen / PIXELIO
Kino, ab und an Theater, Zitadellenpark, Sportangebot, Hochschulpolitik und gleichgesinnte Studenten. Ist doch alles da! Oder doch nicht? Ich gebe ab an Leipzig: Wie ist es in Eurer Großstadt?
von Tobias Kunz
Leipzig
“Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute”, sagte schon Goethe, und ich kann ihm nur zustimmen, wenn ich mich von einem der roten Ledersofas der Campusbibo der 600 Jahre alten „alma mater lipsiensis“ erhebe, um schnell einen Abstecher ins Vapiano zu machen, um danach einen Venti-Café-Latte in unserem Lieblingsstarbucks zu schlürfen. Dabei fällt es uns für gewöhnlich leichter, die PartyStressLernSchlafdefizitSorgen zu verdrängen, die uns arme Medizinstudenten ach so häufig zu überkommen pflegen. Einen großen Milchschaumlöffel genießend, gehe ich in Gedanken die Wochenplanung durch. Heut Abend: Party STUK. Dann: früh raus zur VL oder Ausschlafen und dann erst Praktikum? Hmm … Karten für die Rockoper Faust in Auerbachs Keller besorgen (Dr.Jekyll & Mr.Hide läuft auch gerade, schade, dass ich schon wieder fast pleite bin …), anschließend Umsehen nach einer der en masse zu findenden spottbilligen Stuckdeckenwohnungen. 19 Uhr in die Moritzbastei zur Studentenparty. Am nächsten Tag nochmal in die Bibo, vielleicht diesmal in die der Juristen im Petersbogen, da ist gleich meine Lieblingsshoppingstraße, wo man mich zum tausendsten Mal anquatschen wird, ob ich nicht gedenke, Fitnessstudiomitglied zu werden. Zum Glück beuge ich der drohenden Verfettung durch 2malige Unisport-Aktionen wöchentlich vor, das Angebot ist riesig, die Kurse jedoch studentisch überfüllt. Mein Handy klingelt. Ob ich nicht Lust hätte, Samstag mit ins Velvet zu kommen. Miri hat mir eine Mail auf studiVZ gesendet: “Franzi, wie sieht‘s aus? Samstag Nachtcafé?” Ich überlege, wem ich jetzt absagen soll. Ich beschließe, zu Hause zu bleiben, zum Völkerschlachtdenkmal zu spazieren und ein bisschen die seltene Zeit für mich zu genießen. Mein Handy glüht, ich ändere die Tageseinstellung auf vibrations – und lautlos. Leipzig schläft nicht, aber hin und wieder gönne ich mir selbst diesen Luxus.
von Franziska E.

weitere Artikel dieser Ausgabe lesen

Kontakt

uniVista
Campusmagazin Vechta
Driverstr. 22
Raum CN 2 (hinter dem N-Gebäude)
Postfach 12 an der Uni (vor B1)
49377 Vechta
fon: 04441-15-617
email: redaktion[at]univista.de