500€ zusätzlich zu den Studienbeiträgen und den Lebenshaltungskosten aufzubringen ist kein Pappenstiel und, da brauchen wir uns nichts vormachen, nicht von jedem zu leisten. Gerade Abiturienten aus einkommensschwachen Familien sind nicht in der Lage, ohne finanzielle Unterstützung (Bildungskredit, BAföG) zu studieren. Für diese wird sich die Situation in Zukunft verschärfen und ein Studium mit Risiken verbunden sein. Sie müssen den Mut haben, sich schon in jungen Jahren hohen finanziellen Verantwortungen zu stellen. Das kann von Vorteil sein, erscheint aber zunächst einmal als Nachteil und könnte von einem Studium eher abschrecken.
Zunächst einmal muss gesagt werden, dass ein Blick ins Ausland genügt, um festzustellen, dass Studiengebühren erstens keine Seltenheit mehr sind und zweitens in der Höhe von 500€ pro Semester als durchaus moderat bezeichnet werden können. Die Frage ist also diese: Können wir es uns leisten, keine Studiengebühren zu erheben, während andere dieses Instrument benutzen und damit in Bildung investieren? Wer Bildung als wichtige Ressource begreift, von der der (Bildungs-) Standort Deutschland als Exportweltmeister maßgeblich abhing und auch in Zukunft abhängig sein wird, kann nicht den Kopf schütteln, wenn Versuche unternommen werden, das Bildungssystem grundlegend zu reformieren. Die durchaus wirtschaftliche Vokabel heißt in diesem Sinne natürlich Wettbewerb. Und den werden wir haben, wenn Studenten erst einmal entscheiden, an welcher Uni sie ihr Geld lassen wollen, um eine angemessene Ausbildung in Angriff nehmen zu können. Wer wird es sich beispielsweise noch gefallen lassen, dass Hörsäle überfüllt sind und auf Treppenstufen gesessen werden muss? Oder gar: Dass sich neuhochschulsprachlich (Teil-) Module überschneiden. Das Bachelor-/Mastersystem sieht eine stringentes Studium vor, die Studiengebühren ebnen dafür den Weg. Die viel zitierte Meinung, Studiengebühren seien höchst unsozial – hier müssen dann mal wieder die sozial schwächeren Familien herhalten oder die bildungsfernen Schichten -, übersieht zwei Dinge: Zum einen ist hier auf den Bildungskredit zu verweisen, der elternunabhängig und den Bedürfnissen entsprechend in Anspruch genommen werden kann. Zum anderen möchte ich darauf hinweisen, dass ein universitärer Abschluss nach wie vor angesehen ist und entsprechend entlohnt wird. Wer sich also entscheidet, ein Studium auf-zunehmen und sich dieses nur mittels eines Bildungskredites leisten kann, der wird sich diesen Schritt sehr wahrscheinlich gut überlegt haben, entsprechend zielstrebig voranschreiten, das stringente Studium erfolgreich abschließen anstatt in Nebenjobs abzutauchen und als Akademiker gutes Geld verdienen. Und schließlich: Was ist daran sozial ungerecht, wenn künftige breite Schultern schon am Anfang etwas in deren Wachstum investieren? So gesehen sprechen wir bei Studiengebühren klar von einem Prinzip der Solidarität.
Selbst wenn Studenten ihr Studium als eine Investition in die Zukunft ansehen und bereit sind, die notwendigen Mittel dafür aufzubringen, ändert das noch nichts an den maroden Hochschulen und dem zurückgebliebenen Bildungssystem in Deutschland. Erst die Zukunft wird zeigen, ob die Gelder der Studierenden wirklich zusätzliche Mittel für die Hochschulen darstellen. Wahrscheinlicher ist, dass die Länder ihre Finanzierung, im selben Umfang wie die Studiengebühren fließen, zurückfahren und die Universitäten letztendlich eher mit weniger Mitteln ausgestattet werden um sich dem Wettbewerb zu stellen. So gesehen würde es sich bei den Studienbeiträgen nur um eine Umfinanzierung handeln und nicht um eine Verbesserung. Indiz hierfür ist auch die beschlossene Föderalismusreform, welche vorsieht, dass Bildung nun vollkommen zur Ländersache wird und damit auch die Finanzierung von Schulen und Hochschulen. Bei dem viel beschworenem Wettbewerb, welcher durch die Studiengebühren angeregt werden soll, handelt es sich um genau so ein Luftschloss. Denn nach welchen Kriterien wird ein Abiturient wählen, wenn es Länder ohne Studiengebühren gibt? Die finanzielle Belastung wird sicher ein ausschlaggebender Punkt sein, wichtiger als Ruf und Reputation. Somit stellen die Studiengebühren also einen Wettbewerbsnachteil dar, so lange es Bundesländer gibt, welche sie nicht erheben.
Bleiben wir zunächst in Niedersachsen und glaubt man hierzulande den Worten des niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann, dann sollen die Studiengebühren klar zur Verbesserung der Lehre an den Hochschulen eingesetzt werden. (Stratmann-Brief aus dem Jahre 2005) Natürlich kann es nicht sein, dass Studenten die Schwarzen Löcher einer wie auch immer missratenen Finanzpolitik stopfen. Hier ist Transparenz angesagt und einzufordern. Und wie viel mehr ist es das Recht einer mittlerweile zahlenden Klientel, eine gute Ausbildung zu erfahren?
Sind wir doch gespannt, was sich die – und nun bundesweiten und gebührenpflichtigen – Universitäten einfallen lassen, um neue Akademiker ausbilden zu können und somit unter anderem an potenzielles Nachwuchspersonal zu kommen. Eröffnen wir den Ideenwettbewerb und schauen wir, wer mithalten kann. Neuzeitliche mitteleuropäische Völkerwanderungen, Studentenscharen, welche die gebührenfreien Unis überlaufen werden, kann ich mir nur schwer vorstellen. (Und die Flucht ins Ausland brächte ohnehin nicht viel.) Schließlich werden auch die noch studiengebührfreien Bundesländer bzw. vielmehr die dort vorhandenen Universitäten einsehen und schließlich ihr gutes Recht einfordern, dass die Einführung von Studiengebühren eine Chance für die Bildung sein kann. Dass StudentInnen Semester für Semester 500 € dafür ausgeben, um in einem maroden Bildungssystem” studieren zu können, bezweifle ich dabei doch stark. Studiengebühren bedeuten mit Sicherheit ein Umdenken in unserer Gesellschaft – sie bedeuten aber vor allem, dass nicht nur gedacht wird und Zustandsbeschreibungen, etwa die eines heruntergekommenen Bildungssystems gemacht werden, sondern sie bieten einen möglichen Reformansatz für mehr Wettbewerb und Unabhängigkeit in der Hochschulpolitik an. Die halbjährliche Zahlung der Gebühren ist dabei nicht nur ideen-, sondern darüber hinaus handlungsorientiert und das gleich im Doppelpack: Zum einen mag die Gebühr den einen oder anderen Studenten dazu anregen, über seine gewählte Universität nachzusinnen. Zum anderen: kann je nach Beurteilung eine aktive Teilnahme und entsprechende Unterstützung der Uni ebenso möglich sein wie das Zücken einer gelben oder roten Karte.
Die Entwicklung eines solchen Wettbewerbs ist höchst zweifelhaft. So bezahlen die Studenten auch das Studentenwerk und doch wissen nur wenige, was für Leistungen ihnen für diesen Beitrag zustehen und fordern diese auch nicht ein. Ebenso steigt der Identifikationsgrad nicht an und das, obwohl es Möglichkeiten gibt, im Studentenwerk mitzuwirken und die studentische Meinung gegenüber der Leitung des Studentenwerks geltend zu machen. Doch für diese ehrenamtlichen Ämter finden sich kaum Interessenten. Aus diesem Grunde halte ich es auch für fraglich, ob Studiengebühren tatsächlich motivierend wirken und sich die Studenten plötzlich mehr mit ihrer Hochschule auseinandersetzen und sich engagieren, um bei der Verteilung der Studiengebühren mitzuwirken und somit die Hochschule zu unterstützen. Gleichsam erscheint mir diese von den Befürwortern der Studiengebühren angepriesene Dienstleistungsmentalität an einer Hochschule für unangemessen. Es geht ja nicht darum, dass Studenten und Hochschule gegeneinander arbeiten. Vielmehr ist es in der Ausbildung zukünftiger Wissenschaftler und Akademiker wichtig, in Zusammenarbeit mit den Lehrenden zu lernen und sich zu bilden. Doch für diese Zielsetzung ist die Druckausübung ä la „ich hab dafür bezahlt” unproduktiv.
Außerdem ist ein Studium ja nicht nur die Anhäufung von Fachwissen. Dieses gehört als Basis sicher unbestritten dazu. Doch es sollte auch darum gehen, den Menschen zu bilden und Aktivitäten über das Studium hinaus, beispielsweise in der Studentenvertretung, Chor, Theater etc. zu fördern anstatt das ohnehin schon enge Korsett der neuen Bachelorstudiengänge durch enorme Finanzen noch enger zu binden. Denn hohe Kosten verursachen auch einen hohen Leistungsdruck. Zwar wird unentwegt darauf hingewiesen, dass die Kredite zur Finanzierung der Studiengebühren von den Eltern unabhängig vergeben werden, aber welcher Student ist denn tatsächlich von Anfang an finanziell unabhängig und bei wie vielen Studenten zahlen nicht doch Mama und Papa die Miete und letztlich auch die Gebühren? Um sich in so jungen Jahren so hoch zu verschulden, braucht es Mut und Vertrauen in die Zukunft. Das deutsche Volk hat sich diesbezüglich jedoch noch nie besonders risikofreudig gezeigt. Das wird deutlich an der geringen Geburtenrate und an der in den letzten Jahren sehr hohen Sparquote. Die Menschen haben in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Terrorismus eher Angst vor der Zukunft, als dass sie in sie investieren und ein Mentalitätswandel ist nicht in Sicht.
Im Zeichen der Globalisierung den Kopf in den Sand zu stecken oder einen Sonderweg ohne Studiengebühren zu gehen – beide Handlungen scheinen wenig konstruktiv zu sein, um der zunehmenden kulturellen, gesellschaftlichen und vor allem der wirtschaftlichen Verflechtung im Weltgeschehen als einer der Protagonisten weiterhin beiwohnen zu können. Bildung schafft Perspektiven, kann Auswege aus Sackgassen bieten. Und den Karren an die Wand fahren, das würden wir geradewegs tun, wenn wir die nun viel zitierte Chance in den Studiengebühren versäumten. Dass Hochschulbildung nun neben Fleiß auch mehr Geld kosten soll, beteiligt die StudentenInnen an einer Entwicklung, die seit Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten zu erkennen ist: Um den Sozialstaat zu erhalten, muss jeder bereit sein, etwas dafür zu tun. Dass zukünftig Besserverdienende quasi einen Vorschuss hierfür bezahlen, kann darüber hinaus als ein Zeichen gesehen werden, wieder mehr Mut und Vertrauen in die Zukunft zu haben Warum sollen nun gerade hierfür die StudentInnen herhalten? Vielleicht mag der Vergleich mit den 68ern hinken, von denen sich unsere Generation sowieso eklatant unterscheiden soll und mit Sicherheit auch wirklich unterscheidet, aber eines muss in der nach wie vor verändernden Kraft des Hochschulbetriebes gesehen werden: Gut aufgelegte Universitäten ebnen nicht nur den Weg für Tausende von gut ausgebildeten Arbeitskräften, sie machen darüber hinaus den Weg frei für Gedanken, überhaupt für das Nachdenken über uns und können die Zukunft unseres Landes auf allen Ebenen klar mitgestalten. Hierfür zu bezahlen, warum nicht?
von René Kohn und Stefanie Bruns