Letztes Jahr wurde mit Orhan Pamuk zum ersten Mal einem Autor aus der Türkei der Literaturnobelpreis verliehen. Der in Istanbul lebende 54-jährige gilt als der bedeutendste türkische Schriftsteller der Gegenwart. Sein Werk wurde in 35 Sprachen übersetzt und ist in über 100 Ländern erhältlich. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er aufgrund seiner schriftstellerischen Tätikeit erhalten hat, zählen unter anderem der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der Ricarda-Huch-Preis und der International IMPAC Dublin Literary Award, außerdem hat er einen Ehrendoktortitel der Freien Universität Berlin.
Pamuk stammt aus einer wohlhabenden, sowohl politisch als auch kulturell westlich orientierten Großfamilie. Die Entscheidung, Schriftsteller zu werden, fällte er als 23-jähriger. Zunächst schrieb er sich für ein Architektur-Studium ein, das er aber kurze Zeit später abbrach, um Journalismus zu studieren. 1977 schloss er das Studium erfolgreich ab. Die folgenden Jahre widmete sich Pamuk ausschließlich dem Schreiben, darüber hinaus war er nicht berufstätig. Nach eigenen Angaben war er bis zu seinem 32. Lebensjahr auf die finanzielle Unterstützung seiner Eltern angewiesen. 1982 veröffentlichte er seinen ersten Roman Cevdet Bey ve Ogullan (dt. Herr Cevdet und seine Söhne).
Neben der literarischen Qualität seiner Romane wird Pamuk sein politisches Engagement zugute gehalten, vielen gilt er als „Brückenbauer zwischen Orient und Okzident“. Er spricht sich bei zahlreichen Gelegenheiten deutlich für einen EU-Beitritt der Türkei aus, kritisiert aber auch offen die noch immer unterdrückende Kurdenpolitik der türkischen Regierung, und setzt sich – unter anderem – für politisch verfolgte Schriftsteller ein. Durch seine klaren Stellungnahmen hat er schon oft Schwiekeiten bekommen. So wurde ein Strafverfahren gegen ihn wegen Verunglimpfung des Türkentums eröffnet, (eine Straftat, die mit bis zu 5 Jahre Haft geahndet wird), nachdem er sich in einem Fernseh-Interview über den Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich, dem Vorgängerstaat der Türkei, in den 1910er-Jahren äußerte. Das Verfahren wurde zwar nach zwei Monaten wieder eingestellt, die Boulevardpresse überzog ihn allerdings mit einer Negativkampagne und er wurde sogar mit Morddrohungen konfrontiert.
Nach Pamuks eigenen Angaben ist lediglich sein Roman Schnee ein politisches Werk. Die Geschichte spielt in den 90er Jahren in der Grenzstadt Kars, die in einem Schneesturm von der Außenwelt abgeschnitten wird, und thematisiert unter anderem den Islamismus und Nationalismus. Doch auch Pamuks andere Bücher setzen sich mit Politik und gesellschaftlichen Fragen auseinander. Sein 1994 erschienener Roman Das neue Leben handelt von dem 22-jährigen Studenten Osman, der aus Interesse an seiner Komillitonin Canan ein geheimnisvolles Buch liest, und dadurch völlig aus der Bahn geworfen wird. Er fühlt sich in seiner bisherigen Existenz nicht mehr wohl, hat das Gefühl, nicht mehr Teil seines bisherigen Lebens zu sein und macht sich auf eine lange und scheinbar ziellose Reise. Osman begegnet dem Tod und der Liebe, gerät in Situationen, die wie bizarre Alpträume wirken und sucht nach dem neuen Leben, das das Buch für ihn bestimmt hat. Dabei wird der Konflikt der türkischen Gesellschaft beschrieben, die zwischen ihrer orientalischen Tradition und den politischen und wirtschaftlichen Einflüssen der westlichen Welt hin- und hergerissen ist. Man erfährt davon, wie sich die Betroffenen fühlen und sich um einen Verlust ihrer kulturellen Identität sorgen. Das Thema ist auch für Leute verständlich, die sich nicht mit der Türkei auskennen, wer aber über das damalige politische Geschehen informiert ist, wird sicher zahlreiche Anspielungen entdecken. Der ca. 300-seitige Roman verbindet orientalische Erzählkunst mit moderner Literatur und nimmt Anleihen bei klassischen europäischen Autoren wie Heinrich von Ofterdingen und Dante Alighieri. Er ist vielschichtig und komplex aufgebaut, so dass er sich dem Leser nicht immer auf Anhieb erschließt. Die aufwendige, bildhafte Sprache des oft etwas verwirrt erscheinenden Ich-Erzählers ist reizvoll und beeindruckend. Das Buch, das als Pamuks wichtigstes Werk gilt, will aber mit wachen Augen gelesen werden und ist nicht unbedingt als Entspannungslektüre geeignet.
von Stefan Hirsch