Es war einmal ein Junge namens Heinrich. Er lebte in einem kleinen Fürstentum. Sein Vater verdiente das Brot für die Familie als Bauer. Eines Abends, während des Essens, erzählte der Vater ihm von einem neuen Erlass des Fürsten. Er polterte und schimpfte, dass die Adeligen nur Unsinn im Kopf hätten. Schon wieder wollte der Fürst ein Fest geben und verlangte für diesen Monat die doppelten Abgaben. Das nannte er dann Politik. „Ich nenne das Verschwendung“, wetterte der Vater, „er sollte lieber die Steuern für seine Untertanen senken oder ihnen mehr zum Leben lassen. Sonst wird es bald Unruhen geben.“
Als er schon im Bett lag, dachte Heinrich noch lange an diese Worte. Wusste denn der Fürst nicht, wie seine Untertanen dachten? Warum sagte es ihm keiner? Warum entschied er alles allein? Er überlegte und kam zu dem Entschluss, dass doch besser alle bestimmen sollten, was im Land passiert. Aber wie?
Auch am nächsten Tag beschäftigte ihn dieser Gedanke sehr. Er saß auf der Wiese hinter dem Haus an einen Baum gelehnt, als ein Schmetterling sich zu ihm gesellte. Gedankenverloren sah er ihn an und erkannte nur langsam, dass das kleine Geschöpf auf seinem Knie gar kein Schmetterling war. Eine kleine Elfe saß da, und schaute ihn neugierig an. „Warum sitzt du hier so trübselig anstatt zu spielen? Es ist doch ein herrlicher Tag.“ Heinrich erzählte ihr von seinem Vater, dem Fürsten und seiner Idee. Kaum hatte er seine Rede beendet, sprang sie fröhlich auf. „Ich schau mal, was ich tun kann.“ Noch ehe Heinrich fragen konnte, was sie denn überhaupt tun könne, war die kleine Elfe verschwunden. Vorsichtig sah er sich um, aber alles schien wie immer. Auch zu Hause konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Nicht beim Abendessen und auch nicht bevor er schlafen ging. Am nächsten Morgen hatte er die Begegnung mit der Elfe schon wieder vergessen. Doch als ein Bote an die Tür des Bauern klopfte und seinen Vater dazu einlud, zum Fürsten zu kommen, (denn alle mündigen Bürger dürften jetzt über die Geschicke des Landes mitbestimmen), erinnerte sich Heinrich wieder und strahlte. Die Elfe hatte es also wirklich geschafft.
Von nun an gingen der Vater und alle anderen mündigen Bürger des Fürstentums einmal die Woche zum Fürsten, um die anstehenden Entscheidungen zu treffen. Alle waren glücklich und zufrieden. Doch eines Tages trug der Fürst ein heikles Anliegen vor. Er wollte sich mit anderen Fürstentümern verbünden, gemeinsam seien sie stärker. Doch alle Verbündeten verpflichteten sich auch, die anderen in Zollfragen und Geldangelegenheiten einzubeziehen. Der Fürst versicherte, dass bereits alles vorbereitet und der Vertrag aufgesetzt wäre und sie nur Vorteile davon hätten. Genau diese Äußerung jedoch entfachte den Unmut in der Versammlung. Wie konnte alles vorbereitet sein, wenn er sie noch gar nicht gefragt hatte. Nein, das ging nicht, da war man sich einig. Sie zeterten und schrien alle durcheinander. Der Fürst erhob schließlich seine Stimme: „Es muss eine Entscheidung getroffen werden.“ Noch einmal warb der Fürst mit schillernden Worten für sein Vorhaben, doch immer wieder wurden Vorbehalte und Ängste aus der Menge geäußert, die breite Zustimmung fanden. Der Fürst kam dagegen nicht an. So wurde das Bündnis abgelehnt.
Als er den Fürsten des Bündnisses diese Nachricht überbrachte, reagierten sie mit Unverständnis. „Du kannst doch nicht die einfachen Untertanen eine solch gewichtige Entscheidung treffen lassen.“ „Aber bisher hat es doch gut funktioniert.“ „Das mag sein, aber wissen deine Untertanen denn auch, was passiert, wenn ihr Land allein bleibt? Wissen sie, was die anderen Fürsten planen? Haben sie die Geschichte und die Diplomatie studiert? Haben sie den Vertrag gelesen?“ Der Fürst überlegte kurz, und musste diese Nachfragen dann verneinen. „Das sind einfache Leute. Ich bin nicht mal sicher, ob alle lesen können.“ Daraufhin erntete der Fürst nur noch Spott und wurde mit den Worten nach Hause komplimentiert, dass er wiederkommen solle, wenn er die Entscheidungsgewalt hätte. Geknickt fuhr er also zurück in sein Schloss.
Bei der nächsten Versammlung berichtete er von diesem Zusammentreffen und stellte die Frage in den Raum, wer lesen könne. Nur wenige Hände wurden gehoben. Er schloss die Frage an, wer denn lesen lernen wolle. Es hoben sich nicht viel mehr Hände. „Aber ihr müsst lesen können, damit ihr mündige Bürger seid.“ Empörung machte sich unter den Anwesenden breit. „Für sowas habe ich keine Zeit, und ich weiß doch auch so Bescheid.“, schrie Heinrichs Vater.
Resigniert sank der Fürst in seinen Sessel. So ging es nicht weiter. Wenn die Bürger mit entscheiden wollten, mussten sie über alles Bescheid wissen.
Zu Hause erzählte natürlich auch der Vater Heinrich von diesen Vorkommnissen. Dieser zog sich anschließend ganz betrübt in sein Zimmer zurück. Was war schief gelaufen? Warum funktionierte die direkte Abstimmung nun nicht mehr?
Am nächsten Morgen fragte er den Vater, warum er nicht lesen lerne um zu verstehen, was der Fürst sagt. Doch dieser wiegelte nur ab. „Von sowas bekommst du kein Essen auf den Tisch.“ Außerdem habe er sich ja schon entschieden und werde sich auch nicht mehr umstimmen lassen.
Wieder saß Heinrich auf der Wiese, angelehnt an die alte Eiche und schaute angestrengt ins Gras. Wo diese Elfe nur wieder steckte? Gegen Abend schließlich setzte sie sich wieder auf sein Knie und fragte: „Warum sitzt du hier so betrübt?“ Heinrich schilderte ihr, was geschehen war. Die Elfe lauschte. Aber diesmal wusste Heinrich keine Lösung des Problems. So flog die Elfe wieder von dannen, ohne eine Idee, was sie für Heinrich tun könne. So war sie es, die nun wach lag und grübelte. Sollte sie alles wieder rückgängig machen, als ob es die direkte Mitbestimmung nie gegeben hätte? Oder könnte sie wirklich alle Bürger dazu bewegen, lesen zu lernen um die nötigen Kenntnisse zu erwerben?
Aber wer würde dann die Felder bestellen und die Tiere füttern, wenn alle beschäftigt wären? Sollten die Bürger vielleicht einige aus ihrer Mitte wählen, die sich fortan nur noch mit den Staatsgeschäften auseinander setzen und von den anderen mitversorgt würden? Aber wer würde dann kontrollieren, was diese tun?
Wie sie es auch drehte und wendete, sie konnte keine Lösung finden.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so grübeln Heinrich und die Elfe noch heute…
von Stefanie Bruns