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Unter Affen
Letzte Woche im Extra-Markt: Eine alte Frau kommt auf mich zugelaufen, gestützt von einer Kollegin aus dem Markt, mit einer nicht zu übersehenden dicken Beule am Kopf, rechts über dem Auge. Verwirrt und sichtbar neben sich, versucht sie mir zu erklären, wie es zu der Verletzung kam. Ein Radfahrer soll sie von hinten angefahren haben. Sie ist gestürzt und irgendwie in meinen Laden gekommen. Ihr Ohrring ist weg, der liegt wohl noch an der Unglücksstelle. Es ist Samstagnachmittag gegen drei, der Laden ist voll, die Kunden wollen nach Hause, die Schlangen bahnen sich ihren Weg durch den Laden. Ich helfe der alten Frau, hole ihr etwas zu trinken, einen Lappen um die Beule zu kühlen, rede mit ihr, damit sie sich nicht alleingelassen fühlt, frage noch einmal nach dem Hergang des Unfalls und benachrichtige schließlich die Feuerwehr und die Polizei.
Keiner hat der alten Frau auf der Straße geholfen, als sie gelegen hat, alle sind an ihr vorüber gegangen. Eine Kundin, die gerade an der Kasse stand, sagte etwas stumpf, dass sie sie hat fallen sehen, aber auf die Frage meiner Kollegin, ob sie als Zeugin auf die Polizei warten würde, kam ihr nur ein „damit möchte ich nichts zu tun haben“ über die Lippen.
Ich arbeite in diesem Laden seit fast 4 Jahren und habe schon alkoholisierten Philosophen zugehört, Schlauschnackern und Möchtegernpropheten, heruntergefallene Lebensmittel weggewischt und liegen gelassene Ware ins Regal zurückgebracht, kleine Kinder beruhigt, Hunden Wasser in Schüsseln gegeben und alte Frauen zur Damentoilette gebracht. Wenn ich zur Arbeit gehe, lasse ich mein „Uni- Hirn“ für zweimal acht Stunden im Bett. Bringt so und so nichts, mich über die Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen zu ärgern. Im Grunde sind sie wie Affen, die sich lausen, sich paaren und keine Scham davor haben, sich anderen gegenüber so zu zeigen, wie sie sind. In dieser Woche erst hat sich mir die Azubine vom Backshop offenbart: Sie ist schwanger – in der 7. Woche -, hat Stress mit der Schwiegermutter, die sie am Telefon gegenüber der eigenen Mutter aufs Übelste beschimpft haben soll, weil sie sich am Wochenende immer irgendwo herum treibt, wie eine Schlampe rumläuft und das Kind so oder so behindert sein wird, weil der eigene Sohn auch behindert ist. Er hatte mal ein Drogenproblem – ist er deswegen gleich behindert?!
“Meinst du, die Affen übernehmen mal die Weltherrschaft?”
Homer Simpson in
“Die Simpsons: Blick zurück ins Eheglück”
© veit kern / PIXELIO [1]
Axel kommt dann betrunken in den Laden, hustet und niest auf das Wechselgeld, das er in der Hand hält. Klasse! „Geh nach Hause und leg dich ins Bett“, sage ich zu ihm, aber er kommt noch ein paar mal wieder und tauscht Hartgeld gegen Dortmunder Bier ein.
Manchmal frage ich mich, warum ich Sozialpädagogik studiere und nicht zur Polizei gegangen oder Lehrer geworden bin. Aber dann erinnere ich mich schnell wieder daran, dass die anderen Berufe auch ihre Schattenseiten haben, auch ihre Affen, unter denen ich dann wäre. Ein Lichtblick ist schließlich da: Irgendwann muss ich nicht mehr hier an der Kasse sitzen und mir die Geschichten der anderen anhören – irgendwann habe ich auch mal Freitag um halb vier Schluss. Bis dahin schiebe ich hier noch Dienst, immer freitags und samstags bis acht Uhr abends…
von Frank Scholz
uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: Unter Affen
Datum: 9. Juli 2007
Rubriken: Artikel,Frank Scholz,Gesellschaft,No 05 - Juli 2007
Adresse: http://www.univista.de/2007/07/09/unter-affen/
Links im Artikel:[1] PIXELIO - http://www.pixelio.de