Licht an oder Licht aus?

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Was passiert, wenn man sturzbetrunken auf einer Uni Party rumrandaliert? Richtig! Man kommt, wenn die Polizei gerufen wird, in die Ausnüchterungszelle. Was einen da erwartet und was es für ein Gefühl ist, dort zu sein, haben wir für euch noch vor dem großen Fest getestet.
Ein großes Dankeschön an die örtliche Polizei für diese Erfahrung.
Bildnachweis: pixelio.de (205023)
Der Freund und Helfer hilft auch beim Ausnüchtern.
Foto: Gabi Schoenemanne / PIXELIO
45 Minuten anstehen, es ist kalt. Der zuvor zu mir genommene Glühwein und die selbst gemachte Feuerzangenbowle verlieren langsam ihre angenehme, leicht betäubende Wirkung. Mir ist im Gegensatz zur Außentemperatur mächtig warm, aufgrund der drängelnden Personen vor und hinter mir… was ist denn hier los? Ist doch nur ne Uni- Party?!
(1 Stunde später) … die Getränke sagen uns sehr zu – viele Menschen hier, ein Dauergrinsen macht sich auf meinem Gesicht breit, die Musik rauscht in meinen Ohren, ich swinge vor der Theke im Takt des Liedes – 4 Ouzo bitte…2 Charly… 2 Jägi-Cola…2 Bacardi-Sprite…2 Heino…
Melanie Ehlert
Es gibt wohl unzählige Möglichkeiten, wie so ein Abend mit 1,8 Promille enden kann. Drei davon finde ich am interessantesten – oder zumindest an dieser Stelle nennenswert. Da wäre zunächst die Angenehmste: Man tanzt mit guten Freunden in der Dorfdisse zu guter Musik, nimmt sich mit einer schönen Eroberung ein Taxi nach Hause und lässt es anschließend so richtig krachen. Man wacht in einem warmen Bett auf, die Sonne scheint einem aus dem Arsch und alles ist in Butter. Weniger angenehm sieht dagegen die Unfallstation des örtlichen Krankenhauses aus, welche die zweite Endstation eines Abends darstellen kann. In diesem Fall hat man mit einem ordentlichen Brauseschädel entweder direkt vor der Disco das Laufen auf zwei Beinen verlernt und ist mehr oder weniger elegant auf die Nase gefallen, oder man hat sich selbige von Disco-Vitali plätten lassen, da dieser durch das unvollständige Genuschel irgendwie die Keuschheit seiner Mutter in Frage gestellt sah. Weniger schön. Und drittens kann man dort enden, wo ich mich wahrscheinlich gerade befinde: In der Ausnüchterungszelle der Polizeiinspektion Vechta. Weil ich es selbst kaum glauben kann, gehe ich noch mal auf Nummer sicher und teste, ob ich wirklich hier bin. In der Horizontalen befinde ich mich schon mal, das merke ich auch mit meinen geschlossenen Augen. Meine Hände wandern links und rechts neben mich, aber dort liegt kein warmer weiblicher Körper unter einer verschwitzten Decke. Verdammt. Meine Hand geht zur Nase, einmal dran gewackelt, stelle ich erfreut fest, sie ist auch noch ganz. Okay, ich befinde mich also wirklich in der Zelle. Der Schatten der Gitterstäbe, der durch die schmalen Fenster fällt, bestätigt es hinreichend. Auch wenn ich hier unter anderen Voraussetzungen gelandet bin wie der Rest der Klientel, der hier gewöhnlich die Nacht verbringt. Dazu zählen wohl verlassene (Ex-)Freunde, die gedacht hatten, Sorgen könnten nicht schwimmen. Bürohengste, die auf der Weihnachtsfeier beim Flirt mit der Kröger aus der Buchhaltung zu tief ins Feuerzangenbowleglas geschaut haben. Oder Leute, die meinen, Laternen auszutreten, imponiere irgendjemanden. Ich dagegen bin schlicht und ergreifend hier, weil eine liebe Bekannte einen schwachen Moment meiner Person schamlos ausnutzte und sich unter Zeugen den Handschlag und das Versprechen einholte, doch mal eine Nacht für unsere uniVista mein schönes Bettchen aufzugeben und dort zu nächtigen, wo man normalerweise freiwillig nicht hin will. Sie habe da Kontakte, schon klar. Wenigstens macht sie selbst mit. Ändern kann ich daran jetzt nichts mehr, denn wie gesagt, ich befinde mich in einer Zelle. Und Zellen haben in ihrer archetypischen Funktion die Eigenschaft, ihren Insassen großzügigerweise die immer wieder nervige Entscheidung abzunehmen, wo man denn als nächstes hingeht und was man denn jetzt schon wieder als nächstes macht. Aber der Reihe nach. Kurz nach unserer Ankunft im blau-silbernen Passat- Kombi (oder war nur ich blau und habe bloß silberne Sterne gesehen? Egal, ich freue mich übrigens auf meine Kinder. „Als ich in eurem Alter war, waren Polizeiautos noch grün-weiß!“ „Boooah!“) betreten wir durch eine Art Schleuse die kleine, aber feine Polizeiwache Vechtas. Gleich nach hinten durch ins Büro, hinsetzen und pusten. Mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht schiele ich auf das Display des stationären Alkomaten-Test-Geräts. Denn mein Kapitaleinsatz im Waldhof hat dem Pustefix nach tatsächlich eine Rendite von 1,8 Promille erwirtschaftet. Hat sich ja doch gelohnt! Sollte Aktionär werden.
Gleich im Anschluss Handy, Schlüssel, Portemonnaie, Gürtel, Jacke und Schuhe abgeben. Die Kleinteile kommen in einen verschließbaren, abwaschbaren Beutel. Der Rest – man weiß es nicht. Aber so viel Vertrauen sollte man seinem Freund und Helfer schon entgegenbringen.
Bildnachweis: bf
Zelle belegt
Foto: Björn Franke
Als der gute Mann aber, der ja auch irgendwie mein Gastwirt ist, sich demonstrativ die weißen Latexhandschuhe überstreift, wurde ich dennoch leicht nervös. Es blieb Gott sei Dank beim bestens durch Film und Fernsehen bekannten Durchsuchen. Hände oben an die Wand, Beine auseinander, ein Griff hier, ein Klopfen dort. Eine fiese Leibesvisitation, bei denen die zumindest maskulin-heterosexuelle rektale Unschuld touchiert wird, war wohl durch meine Freundlichkeit und Kooperationsbereitschaft nicht vonnöten. Dann mal ab in den Bau. Das Grau der Fliesen könnte man sich durchaus auch in seinem eigenen Badezimmer vorstellen. Postmodern und gar nicht mal hässlich. Überhaupt bin ich überrascht, wie geräumig der Raum ist. Hier hätten auch drei bis vier Personen entspannt eingesperrt werden können. Dagegen gibt es nur einen gefliesten Steinsockel, der zusammen mit einer dünnen Plastikmatratze meine Schlafstätte darstellt. Dann sind noch drei Sachen zu klären: Licht an oder aus? Eine oder zwei Decken? Und hier ist der Rufknopf mit Gegensprechanlage, soll ja wohl vorkommen, dass Betrunkene mal aufs Örtchen müssen. Werde mich übrigens beim Reiseveranstalter beschweren, dass ich trotz anders lautendem Prospekt das Klo nicht auf dem Zimmer habe, sondern es mir mit anderen Gästen auf dem Flur teilen muss. Ich entscheide mich für die Option mit zwei Decken und Licht aus. Will ja auch irgendwann mal schlafen. Und dann geht auch schon die Tür zu. Sogleich beginne ich, meine Eindrücke dieser Zelle mit gängigen Vorurteilen abzugleichen. Erstens, wenn eine solch dicke Stahltür abgeschlossen wird, macht es tatsächlich so ein herrlich- tiefsattes „KLACK-KLACK“ wie im Film. Mann. So müsste eine Mercedes S-Klasse klingen, wenn man sie abschließt. DAS wäre chefmäßig-souverän. Dann denke ich, dass der ganze Raum vom Würfelhusten meiner Vorgänger eigentlich höllisch stinken müsste. Tut er aber keineswegs! Und selbst die Decken, die aber eher aussehen wie Einwegdecken und sich auch so rau anfühlen, riechen nicht besonders schlimm. Finde ich zumindest. Kann natürlich aber auch an der Rendite liegen. Nachdem ich mir diese spärlichen Informationen über diesen spärlich eingerichteten Raum in mein spärlich aufnahmebereites Gehirn eingeprägt habe, um sie mangels Stift oder Diktiergerät an dieser Stelle auch gescheit wiedergeben zu können, schlafe ich auch schon recht bald auf der Matratze ein.
Christopher Vielhaber
Licht an – oder Licht aus? Ich entscheide mich für Licht aus, was soll ich hier auch sehen? Die Tür fällt zu, es wird abgeschlossen, das Licht erlischt. Unsicher gehe ich in Socken über den gekachelten Boden und setze mich auf die dünne Latexmatratze. Plötzlich bin ich nicht mehr so überzeugt davon, dass eine Nacht in der Ausnüchterungszelle eine so enorm lustige Idee war… In meinem Kopf und meinen Ohren rauscht es noch von der Party, Bilder fegen durch meinen benebelten Schädel. Ich schaue mich ein wenig um, die Gitterstäbe werfen einen Schatten an die Wand – ich bin tatsächlich eingesperrt. Ein komisches Gefühl. Der Beamte sagte, er würde in einer halben Stunde nach mir sehen – was Christopher wohl gerade macht? Es ist ziemlich seltsam in der Zelle, ich wickle mich in eine der erhaltenen Decken und starre in die Dunkelheit. Mir ist ein wenig schwindelig, die Kacheln der Wand, an die ich mich gelehnt habe, sind hart, kalt und ungemütlich. Ich höre keinen einzigen Ton… nur meinen Atem und das Rauschen in meinen Ohren. Ich lausche eine Weile, da muss ein Beamter über den Flur gehen… aber an der Zellentür tut sich nichts.
Was ich die ganze Zeit gedacht habe? – Ich weiß es nicht mehr so genau, aber es muss einfach ALLES gewesen sein. Wie lange sitz ich denn schon hier? Er hatte doch gesagt, er wollte in einer halben Stunde wiederkommen?
Bildnachweis: bf
Weiße Kacheln, Matratze, Decke – was ein Luxus
Foto: Björn Franke
Ich ziehe die Knie an den Körper und schlinge die Arme um sie… Wer hier wohl schon so alles gesessen hat? Was der oder diejenige wohl hier gedacht, geschweige denn gemacht hat? Plötzlich durchbricht grelles Neonlicht die Dunkelheit, es schmerzt in den Augen, die Tür wird geöffnet. „Na, alles klar?“ Ich nicke und blinzle leicht benommen „Und? Wie lange bist du schon hier, was meinst du?“ Ich denke kurz nach. „Ganz schön lange, ne dreiviertel Stunde bestimmt.“ Lachend weist der Beamte mich darauf hin, dass ich erst 10 MINUTEN in der Zelle sitze. „Naja, ich komm’ in einer halben Stunde nochmal wieder… Licht an oder Licht aus?“ „Licht aus…“ murmel ich, das wird eine lange Nacht, an Schlafen ist nicht zu denken…
Melanie Ehlert
Als ich durch das inzwischen eingeschaltete Licht wieder aufwache, ist es nur wenige Stunden später und schon Zeit zu gehen. Also rasch zur Rezeption, noch einmal kurz den nur wenig gesunkenen Pegel gemessen, ausgecheckt und Wertsachen zurückerhalten. Frühstück gibt es nicht, also ab zum Bäcker. Da kann mir keiner sagen, ich hätte die Nacht auf Staatskosten verbracht – ist im Normalfall nämlich sauteuer, so ne Aktion, besonders wenn man die Fahrbereitschaft beanspruchen sollte. Alles in allem war es weniger schlimm, als ich befürchtet hatte. Auf ein fröhliches „Auf Wiedersehen!“ habe ich aber mal vorsichtshalber verzichtet.
Christopher Vielhaber

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