Vechtaer Studenten in Polen.
Foto: Anna Nehoss
Man mag der Meinung sein, Vechta sei mit seiner Lage am Rande vom Nichts nur mäßig international, doch ab und zu kann man sich eines Besseren belehren lassen…
Ein internationales Treffen mit anderen Studenten aus Polen und Frankreich? In Polen, wo das Bier so schön billig ist und Zigaretten noch bezahlbar? Eine Woche keine Uni und dafür auch noch entschuldigt werden? Klingt ja super!!
Wo ist der Haken? Achja, es ist ein akademisches Arbeitstreffen mit dem Thema „Widerstand im Dritten Reich“. Muss das sein? Haben wir das nicht lange Jahre an der Schule gehabt und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir selbst nicht Schuld sind und wir trotzdem aufpassen müssen, dass das nicht noch mal passiert!? Reicht das denn nicht?
Um einen Schein für die Fahrt zu bekommen, war der Besuch eines vorbereitenden Seminars Pflicht.
Hier lasen wir Originaltexte der Widerständigen Helmuth James von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg. Sie waren die Köpfe einer Gruppe von Widerständigen, dem Kreisauer Kreis. Hey, war das nicht das Reiseziel?
Yorck und Moltke hatten während des Krieges Pläne erdacht, wie es nach Hitlers Sturz mit Deutschland weitergehen könnte. Denn dass der Krieg nicht mit einem Sieg für die Deutschen enden würde, schien ihnen offensichtlich. Ihre Ideen stützten sich auf die demokratischen Grundsätze Gleichheit der Menschen, Freiheit und Gerechtigkeit. Das Besondere an ihrem Widerstand war die Gewaltlosigkeit, denn „man kämpft nicht für irgendetwas, sondern nur gegen irgendetwas: Hass ist die Dominante des Krieges, nicht Liebe. Feigheit, Muckertum, Massenpsychose züchtet der Krieg.“ (H. Moltke).
Trotzdem sind sie gehengt worden, Moltke nur drei Monate vor Kriegsende, und nur weil er nachgedacht hatte. Weil er es gewagt hatte, gegen die NSDAP zu denken. Weil er die Würde jedes Menschen über seinen Glauben hob. Dieser Widerstand steht stellvertretend für viele andere. Für Menschen, die bereit waren, ihr Leben einem Ideal zu opfern. Menschen, die sich gewehrt haben.
Widerstand ist vielfältig: Es gibt ihn in den unterschiedlichsten Ausprägungen, als Volkswiderstand, als Einzelkämpfer, gewalttätig und gewaltfrei. Im Namen einer Organisation, einer Idee oder aufgrund der eigenen Moral. Widerstand ist so vielfältig wie die Menschen. Ihnen gemeinsam ist aber der Wille, etwas am aktuellen Zustand ändern zu wollen.
Genau diese Geisteshaltung hat den Bogen geschlagen von abgedroschener, langweiliger Geschichte zu einem interessanten Rückblick. Die Geschichte des Dritten Reiches ist so groß, unverständlich und grausam, dass es gar nicht genug Möglichkeiten geben kann, darüber zu informieren. Das muss nicht immer trocken oder langweilig sein, es geht nicht immer mit erhobenem Zeigefinger einher. In Kreisau waren wir auf dem Gut von Moltke untergebracht. Durch das Schloss zu gehen und zu wissen, dass vor etwas mehr als 60 Jahren in diesen Mauern Geheimtreffen stattfanden, berührt mehr als es viele Statistiken des Zweiten Weltkrieges zu schaffen vermögen.
So viele Fotografien zu sehen, Geschichten zu lesen und die einzelnen Menschen hinter den alten, angestaubten Büchern zu erkennen, geht tiefer unter die Haut als eine anonyme Zahl.
Die bunten Träume, Wünsche und Hoffnungen der Menschen, die der Maschinerie Hitlers zum Opfer fielen, sind es auch knapp 63 Jahre nach Kriegsende noch wert, gewürdigt und anerkannt zu werden.
Kreisau hat uns mit der Frage nach Hause geschickt, ob wir es merken würden, wenn sich wieder eine solche Macht zusammenbraut. Und ob wir den Wunsch hätten, uns zu wehren. Wie weit wir dafür gehen würden, ob wir uns unserer eigenen Moral beugen würden. Schwierige Fragen, die sich noch schwieriger beantworten lassen. Trotzdem: Mal einen Gedanken zu risikieren, kann ja nicht schaden!
von Anna Nehoss