“Wer aufhört zu rudern, der fällt zurück.”
Diese Worte schrieb mir meine Geschichtslehrerin bereits in der fünften Klasse in mein Poesiealbum. Sie sind ein Sinnbild für unsere Zeit, denn mehr denn je ist es wichtig, im Leben voran zu kommen. Sowohl im übertragenem, als auch im wörtlichen Sinn.
Nur der höchstmögliche Bildungsgrad, die bestmöglichen Noten erlauben zumindest die Illusion von einem guten, selbstbestimmten Leben ohne Zukunftsängste.
Denn in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit ist niemand sicher und alle gehen Kompromisse ein, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben.
Flexibilität und Mobilität sind die Stichwörter unserer Zeit. Ein Arbeitnehmer soll genügsam sein. Er soll viel arbeiten für wenig Geld. Gut ausgebildet soll er sein, flexibel einsetzbar. Ein Kind hat er besser nicht, das stört nur bei der Erfüllung der Arbeit und nicht zuletzt sollen ihn Entfernungen nicht schrecken. Entweder, er zieht mit gesamter Familie der Arbeit hinterher, wie es Millionen Menschen in Amerika tun oder er nimmt lange Anfahrtswege in Kauf. So ist heute Pendeln für viele Menschen Alltag. 2004 mußten 30 Millionen Menschen einen langen Weg zur Arbeit, zum Studienplatz, oder zur Schule in Kauf nehmen. Ja, auch unsere Jüngsten bleiben nicht von dieser Entwicklung verschont. In ländlichen Gebieten brauchen Kinder für den Schulweg oftmals 1 Stunde und mehr.
Aber was macht das mit einem Menschen?
Mobilität bringt Wechsel und Veränderung mit sich. Dabei geht Stabilität verloren und damit auch Sicherheit. Soziale Bindungen lösen sich. Die Zufriedenheit in der Partnerschaft nimmt ab, denn die Familie und die Freunde sind nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Viel Zeit wird auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause verbracht. Zeit, die für soziale Kontakte fehlt. Zeit, die jeder Mensch braucht, um sich zu erholen und seinen Interessen nachzugehen. Das lässt das soziale Netz löchrig werden. Die soziale Identität und auch das Gefühl der Zugehörigkeit, Geborgenheit gehen verloren. Dies ist nicht zuletzt mit aufkommenden Ängsten und Depressionen verbunden. Natürlich ist es auch physisch eine große Anstrengung, eine lange Fahrtstrecke zu bewältigen. So treten bei den Betroffenen häufig Kopfschmerzen, Magen- Darm-Beschwerden und Bluthochdruck auf. Auch Pendler, welche die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, bleiben von derlei Auswirkungen nicht verschont. In Bussen und Bahnen kommt außerdem eine, unter Umständen, höchst unangenehme Nähe zu fremden Personen dazu, welche als sehr belastend empfunden wird, und sich auch auf das eigene soziale Verhalten negativ auswirken kann. Kurz um: Pendeln gefährdet die Gesundheit.
Klar ist wohl, dass ich mich vom Bild des Studenten, wie es die ´68er Generation geprägt hat, verabschieden muss, will ich halbwegs erfolgreich ins Berufsleben starten. Aber was ist das neue Bild eines Studenten? Wo ist der rote Faden, der einem sagt: „ Hier geht´s lang, das ist dein Weg!“ ? Was will ich vom Leben? Von wessen Meinung und Ansicht lasse ich mich überzeugen? Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm. Nur, wen soll man denn fragen? Meine Dozenten? Meine Kommilitonen? Das Kaffeesatz-Orakel?
Doch der gesellschaftliche Druck ist groß. Wer sich nicht um Arbeit bemüht, und dafür auch Opfer bringt, wird schnell an den Rand der Gesellschaft gedrängt. So bleibt gerade Menschen mit Familie nichts anderes übrig, als lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. Denn die Politik fordert von den Arbeitnehmern zwar Mobilität, doch sie macht es ihren Bürgern nicht einfach. Ein Schulwechsel von Region zu Region ist schon schwierig, aber in einem Land mit 16 verschiedenen Bildungssystemen, ist ein Wechsel zwischen den Bundesländern schlichtweg eine Zumutung für jedes Kind.
Aber der Blick muss gar nicht so weit abschweifen. Die Einführung des Bachelor-Master-Systems sollte den Studierenden ermöglichen, auch innerhalb ihres Studiums sehr mobil zu sein. Ein in Europa einheitlich gestaltetes Schnellstudium, damit unsere Studierenden schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und sich während des „Blitzstudiums“ auch schon an das Unterwegssein gewöhnt haben.
Wo soll das noch hinführen?
Das Idealbild der Wirtschaft wäre sicher ein Arbeitnehmer, welcher der Firma überall hin folgt. Ein Mensch, für den Arbeit und Konsum das Wichtigste im Leben sind.
Doch der Mensch ist ein soziales Wesen. Die Auswirkungen, dieses auf Leistungsfähigkeit aufgebautem System, zeigen sich nicht erst heute. Die Geburtenrate sinkt. Die Zahl der Single-Haushalte steigt. Ebenso steigen die Vereinsamung und die damit verbundenen psychischen Probleme.
Ist es nicht längst fünf nach zwölf? Warum passen sich Menschen und Politik an die Wirtschaft an? Die Wirtschaft hat das Geld und damit Macht. Doch ohne den Konsumenten gäbe es die Wirtschaft nicht. Jeder Einzelne hat die Wahl, ob er einen derartigen Anspruch unterstützt. Er hat die Wahl, sein Leben anders zu führen und Zeichen zu setzen. Ein Beispiel hierfür ist die „Slowfood“ Bewegung. Sie entstand aus Protest gegen das erste Fastfood-Restaurant und tritt für bewusstes Leben und vor allem bewusstes Essen ein. Es geht also auch anders.
von Stefanie Bruns