Lieber mobilisierter Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse, wie Dir sicherlich nicht entgangen ist, kann man derzeit relativ schonungslos in der Werbung verfolgen, dass jährlich etwa 5000 Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen. In vielen Fällen ist vor allem die hohe Geschwindigkeit eine Ursache hierfür. Opfer dieser Unfälle, wie Du sicherlich weißt, sind selten die, die sie verursacht haben. Eher ist es die ahnungslose Mutter mit zwei Kindern auf der Rückbank, der Ehemann auf dem Heimweg von der Arbeit, der Fahranfänger drei Wochen nach Erhalt des Führerscheins. Die Verursacher hingegen, welche sich in der Regel in gut gepolsterten Gefährten befinden, kommen zumeist mit marginalen Schäden davon. Nun möchte ich Dir, lieber Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse, die Frage stellen, warum es eben immer wieder dieselben Gefährte sind, welche durch zu hohes Tempo, dichtes Auffahren und aggressives Überholverhalten auffallen und somit eine nicht mindere Gefahr für Unfälle darstellen? Sollte es tatsächlich einen charakterlichen Zusammenhang zwischen einer Automarke und seinem Besitzer geben? Und wenn ja, wer beeinflusst in diesem Fall wen?
Nicht selten erlebe ich als treue Kleinwagenfahrerin aufgebrachte Fahrer wie Dich in mobilisierten Einzimmerwohnungen, wie sie, nervös ausscherend, auf einer nassen Landstraße versuchen, selbst die Laserpistole eines Polizisten in Erstaunen zu versetzen. Sicherlich gibt es auch für Dich gute Gründe, warum man an einem gewöhnlichen Wochentag einfach mal die Regeln des Überholens außer Kraft setzt. War es nun der Reihe folgend oder einfach Darwins Gesetz des Stärkeren? Was auch immer, Hauptsache schnell davon. Auch möchte ich gern wissen, was einen vermeintlich harmlosen Autofahrer in einer bayerischen Vorzeigemarke dazu zwingt, wutschnaubend mit Lichthupe das alleinige Recht der linken Spur einzufordern. Wahrscheinlich wirst Du argumentieren, dass man die Tatsache, dass Deutschland eines der wenigen EU Länder mit freier Tempowahl auf Autobahnen ist, doch ausnutzen müsse. Außerdem sei Zeit bekanntlich Geld. Obwohl: Bei einem solchen Auto sollte Dir letzteres wohl kaum Probleme bereiten.
In Anbetracht der zu Beginn genannten Zahl von bis zu 5000 unnötiger Todesopfer jedes Jahr im deutschen Straßenverkehr möchte ich Dir, lieber Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse, einen Vorschlag unterbreiten: Wie wäre es mit einer Woche Fahren in einem Kleinwagen, durchschnittliche PS-Zahl, geringe Knautschzone. Selbstverständlich für Dich und Deine Familie. Ausflüge, Besuche, die tägliche Fahrt zur Arbeit. Fahren wie genau die Menschen, die du sonst über die Straßen Deutschlands scheuchst. Vielleicht wirst du dann nachvollziehen, welches Gefühl einen durchfährt, wie sich Angst mit Ärger über die Überheblichkeit des Fahres im Rückspiegel paart. Und vielleicht wirst auch Du dann feststellen, dass es letztlich kaum auf die paar Minuten ankommt, die an manchen Orten Familien zerreißen. Denk mal drüber nach.
Herzlichst
Deine uniVista
von Britta Simon