Nach Weihnachten und vor Ostern entscheiden sich viele Bundesbürger für gute Vorsätze. Das Einhalten dieser Vorsätze ist meist schon einer davon, daneben gibt es aber noch die Klassiker: Abnehmen, mit dem Rauchen aufhören, der Liebsten öfter Blumen schenken, Fußballabende vom Freund ruhiger ertragen oder einfach öfter die Lateinvorlesungen besuchen.
Na gut, dass das mit Latein nicht einfach ist, weiß wohl jeder Germanistikstudent, aber abnehmen? Kann doch nicht so schwer sein…
Pünktlich zum Jahreswechsel war es dann soweit: Die bekannteste Abnahmegruppe der westlichen Welt, ja genau, die mit den zwei W, rief zur Gewichtsreduktion auf. Fröhlich lachende Frauen und bunte, frühlingsfrische Werbungen sprangen einem aus dem Fernseher auf das Sofa, direkt neben die Schokolade, und unterstützten die guten Vorsätze darin, den inneren Schweinehund in Ketten zu legen.
Okay, da ich ja schon länger bis immer nicht ganz so zufrieden mit mir war, entschloss ich mich, das örtliche Treffen zu besuchen. “Ein Versuch kann ja nicht schaden!” dachte ich mir und fuhr mit dem Rad (der erste Bewegungspunkt) zum Gruppentreffen. Im Saal eines Restaurants, wie passend, wartete schon eine Schlange Menschen in winterlich untypisch leichtem Outfit, um beim Gang auf die Waage ein gutes Ergebnis zu fördern; andere saßen schon auf den bereitstehenden Stühlen, und es war kalt. Ich mag Kälte nicht. Auf einem langen Tisch standen sämtliche Angebote von kalorienarmer Schlagsahne über kalorienarme Schokoriegel bis hin zu Büchern über kalorienarmes Kochen. Soweit die äußeren Gegebenheiten. Mehr Beobachtung war nicht möglich, denn jetzt stand ich unmittelbar vor der Waage und somit auch vor der Leiterin des Treffens. Sie begrüßte mich, drückte mir ein Heftchen in die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.
Mit den Informationen bewaffnet, bezog ich Stellung auf meinem Stuhl und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Die Jacke ließ ich an, denn mir war ja schließlich kalt. Punkt acht ging es los. Die Leiterin stellte sich wie eine Lehrerin vor ihre Schüler und fragte in die Runde nach dem Befinden. Vereinzelte Antworten über zufriedene Abnahmen, nervige Gewichtsstillstände oder unliebsame Zunahmen wurden laut, begleitet vom Kopfnicken der anderen Teilnehmer. Nach einer kurzen Diskussion über die jeweiligen Zustände, wie sie erreicht worden seien, was man dagegen oder dafür tun könne, und natürlich mit den obligatorischen Bemerkungen über schlanke Ehemänner und maulende Kinder beim Gemüseeintopf, die das Abnehmen ja erschweren würden, wurde über das Thema des Abends, Kalzium, gesprochen.
Nach dem Gruppentreffen, das etwa 45 Minuten dauerte, stellte sich mir die Leiterin noch einmal persönlich und ausführlich vor, erläuterte mir das Ernährungskonzept und sprach von Punkten. Ja, alles klar, ich kannte Kalorien und Prozentangaben, aber PUNKTE? Nun, hier wurde mir erklärt, was es damit auf sich hatte, und das ich, wenn ich mich entschließen sollte mitzumachen, wöchentlich mit mehr Neuigkeiten über Punkte ausgestattet werden würde. Ich durfte wählen zwischen dem preisgünstigeren Abo und dem etwas kostspieligerem Einzeltreffen, entschied mich für ersteres, wurde gewogen und zack – war ich Mitglied der Punktesekte.
Mit weiteren Informationen, frischer Motivation und dem Wunsch nach einer heißen Dusche radelte ich nach Hause, schon gespannt, was jetzt passieren würde.
Jedes Lebensmittel hatte ab jetzt für mich Punkte, Pizza wenigstens 15, ein Glas Milch oder eine Scheibe Brot jeweils zwei, ein Stück (ja, ein klitzekleines Stückchen) Schokolade einen Punkt, Obst und Gemüse dafür aber gar keine. Für Sport gab es Bonuspunkte und damit ich den Überblick behielt, schrieb ich alles in ein Points-Tagebuch. Das war vor einigen Monaten, mittlerweile sind die ersten Pfunde weg, das Treffen hat den Raum und damit auch die Heizung gewechselt und demnächst bin ich vielleicht sogar Goldmitglied. Das ist aber dann schon wieder eine Geschichte für Mein erstes Mal : “Vom Verein geehrt werden…”
von Anna Nehoss