Rasten ohne Hasten?

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Fotos: Björn Franke
370 gibt es in Deutschland. Mal architektonisch reizvoll, mal im Charme der vergangenen Jahrzehnte. Im Grunde nimmt man sie nicht wahr, sie ziehen vorüber an den Fenstern der Automobilisten, es sei denn, man verspürt Hunger bzw. Durst, den Bedarf des Besuches von sanitären Anlagen oder das Auto braucht neuen Betriebsstoff.
Ein Ort des Rastens, nur für einen Moment, für vielleicht eine halbe Stunde.
Man wird Teil der Umgebung, die sonst an einem vorbeizieht, und doch gefangen in einer abgezäunten Welt der Autobahn, Landkarten, Kinderbespassungsutensilien. Mittlerweile haben die üblichen Vertreter der Junkfood – Industrie Einzug erhalten, so kann die burgeraffine Familie ebenso speisen wie ältere Damen und Herren, die zwischendurch einen Kaffee trinken wollen.
Biografien laufen nebeneinander her. Jeder verhaftet in sich selbst, das Ziel vor Augen, keine Zeit verlieren und schnell ankommen. Getrieben von Bedürfnissen, die den Menschen zum Halten zwingen. Die Herkunft, ob sozial oder geografisch, scheint egal.
Der fernfahrende Osteuropäer neben der aus dem Urlaub heimkehrenden Familie des Münsterlandes.
Der Regisseur Christian Petzold setzte sich bei dem stilistisch der Berliner Schule zuzurechnenden Film „Wolfsburg“ mit der Veränderung der Psyche des Menschen durch das Automobil auseinander: „Autofahren ist eine Massentätigkeit – es wird aber als etwas Individuelles verkauft. Es ist dein Auto, du bist in deinem Auto, du und die Welt. Dieser vereinzelte Mensch, der da sitzt, umgeben von Navigationssystemen, Geruchsfiltern, Verkehrsfunk, ist in seinem eigenen Film…“ (fluter, bpb, 31.08.2005)
Jeder in seinem eigenen Film, der selbst in der Raststätte nicht unterbrochen wird, oder gar endet. Das Smalltalk- Gespräch an der Kasse im Vergleich zur symbolhaften Interaktion aus Lichthupe, Bremslicht und Gestik auf den Fahrbahnen: Ein Hauch persönlicher?
Der Ort bleibt institutionalisiert – „Wann geht’s weiter?“.
Am Fenster Platz nehmend und nach draußen blickend gönnen wir uns einen Moment des Stopps in der Brückenraststätte Dammer Berger. Unter uns nimmt das Wort „Mobilität“ in ansehbarer Weise weiterhin Gestalt an. Auf der A1 kriechen, schlängeln, fahren, drängeln, jagen – manchmal ganz getreu dem Motto „Ich geb’ Gas, ich will Spaß“ -Autos, Wohnwagen, wie auch Laster auf zwei Richtungsfahrbahnen unter der Brücke durch.
Wir scheinen uns dem mobilen Treiben entzogen zu haben und zugleich bleiben wir mobil, denn an diesem Ort verweilt keiner länger als ein paar Stunden. Und doch:
Fotos: Björn Franke
Dieser Ort soll ein Ort der Rast sein. Der Ruhe nach dem Sturm eines Staus, stehendes Ventil für den durch Anspannung geladenen Ärger eines knapp entkommenen Unfalls, der Möglichkeit zum stillen Örtchen, dem „Sind wir jetzt da?“ ein kurzes Ende zu setzen. Aber auch ohne einen dieser Gründe ist allein die Aussicht der Raststätte einen kurzen Besuch wert.
Über der ständigen Bewegung einer fahrenden Bevölkerung fragen wir uns, ob sich Menschen hier begegnen. Doch nach einem Austausch über die Art einer Begegnung kommen wir zu dem vorläufigen Schluss, dass sich die Wege verschiedenster Menschen an diesem Ort nicht mehr als nur kreuzen.
Die Vielen, die hier zusammenkommen, rasten aber rosten nicht. Jeder in der Gruppe der Kraftwagen fahrenden bleibt sich seinem Ziel bewusst. Das Besondere an diesem Ort: Er scheint weitestgehend frei zu sein von sonstigen Scheidewegen menschlicher Unterschiede. Eine gewisse Neutralität politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Machenschaften. Das Augenmerk liegt auf den Grundbedürfnissen des Menschen, nicht mehr und nicht weniger.
Fastfood, Fastfoot. Ich muss weiter!
Mobilitätsgetrieben stehen wir auf und gehen Richtung Parkplatz …
von Björn Franke und Johanna Olberding
Raststätte “Dammer Berge”
“Dammer Berge” liegt an der A1 und erstreckt sich als eine von zwei Raststätten in Deutschland brückenförmig über die Autobahn. 2005 wurde die Anlage komplett renoviert. Seitdem gibt es dort Restaurants der Fastfood-Ketten Burger-King, Nordsee und Gustico, sowie zwei Coffee-Shops. In zwei Kiosk-ähnlichen Einkaufsbereichen bekommt man Tierfutter, Zeitschriften, Krawatten, Chips, CDs, Kinderspielzeug und vieles mehr, was man auf einer Autofahrt irgendwie brauchen könnte.
Wer die kostenpflichtige Toilette benutzt, erhält einen 50-Cent-Einkaufsgutschein, ansonsten sind die Preise – typisch Raststätte – heftig. Auch wer geistige Ablenkung vom Autofahren sucht, wird bedient: Eine Kinderecke lädt die lieben Kleinen, Geldspielgeräte die Zocker zum Spielen ein. Draußen wartet eine Kapelle auf durchreisende Christen, Eintrag im Gästebuch: „Bitte Herr, lass Bayern gegen Schalke gewinnen“. Und man kann natürlich auch tanken.
von Stefan Hirsch

Bilderalbum
uniVista No. 08: Rasten ohne Hasten

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