Bionade. Im StudVZ beschäftigen sich über 100 Gruppen mit ihr, sie sieht gut aus, schmeckt gut, ist halbwegs gesund, und man kann sie hervorragend mit Wodka mischen. Metrosexuelle Styler mögen sie ebenso sehr, wie doppelnamenbewaffnete Trägerinnen asymetrischer Kurzhaarfrisuren.
Bis aus der bayrischen Bio-Brause ein Trendgetränk mit dem besten Image wurde, das man sich als Hersteller wünschen kann, dauerte es aber seine Zeit. Angefangen hat es bereits 1995, als Dieter Leipold, Miteigentümer der insolvenzbedrohten Peter-Brauerei aus dem bayrischen Ostheim, ein neuartiges Brauverfahren erfand, bei dem kein Alkohol entsteht. Dieses Verfahren, die Grundlage der Bionade, war eine revolutionäre Neuentwicklung in der ca. 5000-jährigen Geschichte des Brauens – und interessierte zunächst niemanden. Leipold hatte ursprünglich geplant, sein Bionade-Herstellungsverfahren an seine Mitbewerber zu verkaufen, diese lehnten dankend ab. Als die finanziell angeschlagene Peter-Brauerei die Gesundheits-Limo schließlich selber produzierte, gab es abgesehen von einigen Fitness-Centern und Kurkliniken keinen, der sich das neue Getränk ins Lager stellen wollte. Erst Ekelfleisch-Skandal und Bio-Boom sorgten dafür, dass das „offizielle Getränk einer besseren Welt“ (Bionade- Werbe-Slogan) zur mutmaßlichen Lieblings-Limo der Neon-Leser und vieler anderer mehr wurde. Seitdem geht es steil bergauf. 2007 wurde in einigen Monaten mehr Bionade verkauft, als 2006 im ganzen Jahr. Immer wieder kommt es wegen der gewaltigen Nachfrage zu Lieferengpässen bei Zutaten aus biologisch überwachtem Anbau wie z.B Holunderbeeren. Die Bionade-GmbH schafft es kaum, genug zu produzieren. Probleme, von denen andere träumen…
Das bemerkenswerte an diesem Erfolg ist, dass kaum Werbegelder flossen. Im Gegensatz zu Firmen wie Coca-Cola, die sich die Markteinführung neuer Geschmacksrichtungen Millionen kosten lassen, war es dem Familienunternehmen unmöglich, kostenintensive Merk-dir-mein-Logo-oder-ich-brech-dir-‘nen-Arm-Kampagnen zu finanzieren. Stattdessen war man auf Guerilla- Marketing und Mundpropaganda angewiesen, und das reichte aus, um in den Jahren des Geiz-ist-geil-Denkens ein hochwertiges und teures Produkt zu etablieren. Kein Wunder, dass Bionade regelmäßig Thema in Wirtschaftsmagazinen ist.
Mittlerweile gibt es die Bio-Brause an jeder Ecke, selbst bei McDonalds. Wie jetzt? Das offizielle Getränk einer besseren Welt in den Regalen der Burger bratenden Hardcore-Kapitalisten? Supersize Me nach EG-Öko-Verordnung?
Nach einem Artikel der Zeitschrift Öko-Test nicht unpassend: Dort fand man in einem Limo-Vergleich heraus, dass Bionade Ingwer-Orange nicht nur deutlichBmehr Zucker enthält als angegeben, sondern, dass auch Spuren von Nickel in der Bio-Brause vorkommen. Bionade erhielt ein peinliches Befriedigend und landete – hinter Nachahmerprodukten – im Test-Mittelfeld. Die Bionade- GmbH ging daraufhin mit einer einstweiligen Verfügung gegen Öko-Test vor, diese wurde aber vom Landgericht Hamburg wieder zurück genommen. Es konnte nicht bewiesen werden, dass die Öko-Test-Messungen fehlerhaft waren.
Ist Bionade also nur das offizielle Getränk einer zweitbesten Welt? Naja, man sollte zwischen verhältnismäßig gesund und auch-in-den-Augen-derer,-die-selbst- Schnaps-und-Kippen-im-Reformhaus-kaufen-gesund unterscheiden. Gesünder als die meisten anderen „kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränke“ ist sie sicher, außerdem fehlt ihr dieser Nachgeschmack nach entgangener Lebensfreude, der für alkoholfreies Bier so typisch ist. Prost.
von Stefan Hirsch