Alle Jubeljahre – Jubiläen: Die Geschichte von B. und M.
Boris Antonio und seine Schwester Maria Esclarmonde (im Folgenden B.A. und M.Ed.) hatten es von Anfang an nicht leicht. Mit ihrer Geburtsstadt hatten sie noch verhältnismäßig Glück. Im schönen Italien lag die Stadt, die ein wenig klingt wie eine berühmte Speise aus dem selben Land: Bologna. Und selbst mit der Familie war es gar nicht so schlecht um sie bestellt: Sie war riesengroß, und die Verwandten kamen aus fast allen europäischen Ländern. So weit so gut. Oder auch nicht? Der Schein trog, denn so toll es war, eine solch große Familie zu haben, sie alle, ob Tante Amelié aus Frankreich oder Onkel Karl Heinz aus Deutschland, sie alle hatten immer irgendwas auszusetzen und wussten natürlich immer alles besser. Egal, wohin sie reisten, und sie reisten viel und gern, immer war da jemand, der es besser wusste und auf den sie sich neu einzustellen hatten.
Da kamen die beiden eines Tages auf die glorreiche Idee, die kurze Zeit, die sie ja immer nur zur Verfügung hatten, so gut wie nur möglich auszunutzen und stellten gemeine Dinge an. Ihr Lieblingsziel war zumeist die Universität der Stadt – merkwürdigerweise gab es in jeder Stadt, in der ihre Verwandten lebten, eine Universität. Hier stürmten sie die Büros, gingen an die Schränke und Schreibtische, tauschten Zettel aus, spielten mit dem Kopierer, fertigten Kollagen an… Schließlich zogen sie weiter und hinterließen, wie Kinder das nun mal gerne tun, ein gewaltiges Chaos, das Tante Amelié schon erleben durfte, was sie aber für sich behielt und ihrem Bruder Karl Heinz in Deutschland verschwieg. Hier nun wüteten die beiden in den vergangenen Jahren kreuz und quer durch die Republik und besuchten viele ihrer Verwandten.
Erst einmal ins schulfähige Alter gekommen, galt es natürlich, nebenbei einen Schulabschluss zu machen, und hier kommen wir nun wieder zum Anfang zurück, denn leicht, so haben wir festgestellt, hatten es die beiden nun wahrlich nicht. Die ständigen Wechsel und Veränderungen in ihrem Leben, kein wirkliches Zuhause, das fehlende stabile Umfeld – kein Wunder, dass die beiden Kinder ganz verunsichert sein mussten. Ihr chaotisches, zuweilen zerstörerisches Verhalten mag ein Ventil hierfür sein, dass niemand sie wirklich und für längere Zeit in ihr Herz geschlossen hat. Nur schwer fanden sie Anschluss, wenn sie wieder einmal neu irgendwo ankamen; sie waren oftmals sehr eigen, zuweilen sehr auf sich selbst bedacht, ohne wirkliches Interesse am Mitmenschen. Und was ihre Leistungen anging, nun, die wurden so unterschiedlich bewertet, so unterschiedlich Tante Amelié aus Frankreich und Onkel Karl Heinz aus Deutschland sprechen, der wiederum seinen schwäbelnden Bruder, den Peter, kaum verstand. Mal waren sie die Besten, mal Mittelfeld, mal die die Schlechtesten; manchmal kam es sogar vor, dass man gar nichts mit ihnen anzufangen wusste. Was habt ihr da gemacht? Und warum?, hieß es dann etwa, und B.A. und seine Schwester M.Ed. schüttelten die Köpfe. Keine Ahnung, wir haben das einfach so gemacht, sagten sie dann. Aber einmal abgesehen von dem mangelnden Sozialverhalten und den unterschiedlich bewerteten Voraussetzungen, wer ihnen vorwarf, sie lernten zu langsam oder seien immer nur abgelenkt, nun, denen kann gesagt werden, dass sie sehr tüchtig waren. Schnell holten sie Stoff auf und nach, erzielten gute bis sehr gute Ergebnisse und wurden schließlich in die Klasse 4 versetzt – Abschlussklasse Primarschule. Das ist jetzt.
Es geht um nichts weniger als um die Empfehlung für die weiterführende Schule. Es geht also um Weichenstellung für die Zukunft. Dass Züge, besonders schnellere, hierbei schon entgleist sind, ist kein Geheimnis, und ein wenig Angst können B.A. und seine Schwester M.Ed. auch haben: Eifrig dabei sind etwa 23.000 Kollegen von Karl Heinz und Peter, die Gleise zu demontieren. Sie, Professoren, Dozenten, Wissenschaftler, sprechen sich nämlich für eine neue Strecke aus. Der Weg des Geschwisterpärchens, wir konnten ihn ein wenig begleiten, habe nämlich alles andere als Erfolge gebracht: Viel zu viele wollen viel zu viele Interessen durchsetzen und vergessen darüber das, worum es einst ging, damals in Bologna: B.A. und MEd – das sollten Symbole, Garanten, Statusfiguren für Internationalisierung und Vergleichbarkeit werden. Und was noch? Kürzere Studienzeiten. Na gut, geschenkt. Letzteres kann man aber auch verdrehen: Quantität vor Qualität. Stichwort Scheuklappenstudium. Und was stellen wir hierzulande bei Karl Heinz und Peter noch fest? Es studieren nicht mehr StudentInnen – der Geschwisterboom um B.A. und M.Ed. blieb aus. Die Abbrecherquoten steigen. Stichworte: Gleiche Stofffülle bei kürzerer Studiendauer. Und bis man eine Person gefunden hat, die einem eine Prüfungsordnung erklären kann, nun, das war wohlmöglich auch früher schon nicht so einfach. Aber damals hatten sich die meisten an die alte Prüfungsordnung mittlerweile gewöhnt und wussten, was drin stand.
Hintergrund:
Im nächsten Jahr wird der Bologna-Beschluss 10 Jahre alt. Kein Grund zu feiern, sagen sich 23.000 Professoren und Wissenschaftler. Sie haben ihre Unterschrift dafür gegeben, dass sofortige drastische Gegenmaßnahmen bzgl. des Bachelor-Studienganges eingeleitet werden.
Abgesehen davon lässt die europäische Geschichte in Hinblick auf den Bachelarius-Abschluss keinen Optimiusmus für diesen versprühen: Immer wieder wurde er eingeführt, um einige Jahre später wieder zu verschwinden.
Welche Empfehlung also geben wir unseren künftigen Zehnjährigen im nächsten Jahr? Trotz tüchtigen Arbeitsverhaltens, trotz guter bis sehr guter Noten? Sollte man sie noch einmal wiederholen lassen, um Zeit zu gewinnen für die richtige Entscheidung und den hoffentlich richtigen Weg? Oder im Gegenteil: Schicken wir sie auf eine Schule für Hochbegabte und schauen, was passiert. Hier findet doch Förderung statt, wenn es auch nur für die Wenigsten ist (vgl. Studierendenzahlen). Oder sollten wir ein einfaches Ticket ohne Rückfahrt nach Bologna kaufen, und sie erst dann wieder in die weite Welt schicken, bis dort all die Zettel sortiert worden sind, die die beiden – man verzeihe es ihnen – durcheinander gebracht haben. Ich meine, mein Gott, waren wir nicht alle einmal neun Jahre alt und haben uns so benommen?
Wichtig bleibt, was schon immer wichtig gewesen ist für unsere Kleinen in der Gesellschaft, also auch für Boris Antonio und Maria Esclarmonde: Klare und nachvollziehbare Strukturen zu schaffen, ohne dabei die freie Entfaltung, die Kreativität und die Phantasie vollkommen zu verwerfen, denn das alles werden wir brauchen, um Lösungen zu finden, die dem Wirrwarr der derzeitigen Hochschullandschaft Europas Konstruktives entgegensetzen.
von René Kohn