Klapprige Knie kurz vor dem Auftritt
gehören dazu beim Poetry Slam im Gulfhaus.
Showtime! Ein Haufen begabter Amateurschreiberlinge tritt gegeneinander an, um mit selbst geschriebenen Texten vor applaudierender Menge zu punkten.
Um zu vermeiden, dass ein rasender Puls einen völlig um den Verstand bringt, ist es immer ratsam, mit dem Rotwein schon am Nachmittag zu beginnen. Ich stehe daher an einem tristen Novembertag, dem Vierten, um genau zu sein, auf dem Balkon und versuche meine Aufregung zu lindern. Meine Aufregung vor einer zu großen Bühne, vor zu vielen unbekannten Gesichtern und der grausamen Vorstellung, schlicht und einfach zu versagen.
Eine selbst erdachte Geschichte vor anderen zum Besten gegeben, das habe ich schon des Öfteren getan, doch was wusste ich schon von einem Poetry Slam? Das Prinzip hatte ich zwar verstanden, jedoch noch nie einen miterlebt. Immerhin stand ich ja nur auf der Teilnehmerliste, weil Uniparty-Nächte zuvor meine betrunkene, schlechtere Hälfte in Anwesenheit des Vechtaer Poetry Slam Masters zu viel Zuversicht, Mut und Phrasen wie „klar, mach ich da mit“, „kein Ding“ oder „…war schon immer mein Traum da mitzumachen“ rausposaunte.
Nun tickte also die Uhr, um 18 Uhr noch eine Vorlesung und direkt danach zum Gulfhaus, dem Ort des Geschehens. Aus einem Glas Wein waren inzwischen vier geworden, doch meine Zuversicht stieg mit jedem Schluck. Von der Vorlesung bekam ich im Endeffekt so gut wie nichts mit, ich verließ sie auch so schnell wie möglich und ging sehr zeitig meinem ungewissen Schicksal entgegen. Mit einem ausgedruckten Zettel, worauf mein Text geschrieben stand, den ich zum Besten geben würde, zitterte ich mich schließlich zum Gulfhaus.
Dort angekommen, befand ich nach so viel Rotwein meinen Puls für zu niedrig, meine Aufregung jedoch noch immer für zu hoch, und ging zu Becks über. Wohlbehütet aufgenommen in der Slammerrunde ließ der Startgong nicht lange auf sich warten. Als Neunter sollte ich an die Reihe kommen. Viel Zeit, um sich vorher kranke Geschehnisse, die mir auf der Bühne widerfahren könnten, auszumalen: Ohnmachtsanfälle oder Übelkeitssymptome zu Lasten des Publikums
Schon der erste Slammer ließ mich mit seiner Souveränität blass werden. Auch folgende Texte zeugten von Witz und Anspruch. Selbsteinschätzung liegt mir fern, weshalb die Ungewissheit, wie ich ankommen würde, stieg. Als es dann schließlich so weit war, wankte ich auf die Bühne, geleitet von Adern, prall gefüllt mit Alkohol.
Nach nur sechs Minuten war alles geschafft. Und dann soviel Aufregung? Ich muss verrückt gewesen sein. Angst wich nun dem Stolz und wie sich der Stein von meinem Herzen löste, schoss mir auch der restliche zuvor erstarrte Alkohol zu Kopf. Ich war noch nie in meinem Leben so schlagartig besoffen. Im Endeffekt hatte ich mit meinem Text, so wie ich denke und mir auch habe berichten lassen, die Menschen erfreut, zum Lachen gebracht, angeekelt oder angeödet. Alles Dinge, mit denen ich leben kann. Alles Dinge, die ich nur weiterempfehlen kann! Ein Platz irgendwo im Mittelfeld. Was will man mehr? Das nächste Mal, wenn es ein nächstes Mal geben wird, werde ich jedoch nüchtern sein.
von Tobias Kunz