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Schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak
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Dagegen sein kann jeder, daher zur
Abwechslung einmal ein Lob für
die Stummel voller Verheißungen.
© Günter Havlena / PIXELIO [1]
Blauer Dunst, Du feine Kraft. Schlängelst Dir den Weg so majestätisch durch den Raum. Umtänzelst all die hübschen Gesichter und schmiegst Dich zärtlich an alles, was Dir im Wege steht. Liebevoll saugst Du Dich in sämtliche Hautporen, Haare, Kleidung und beglückst allesamt Plauzen mit deinem einzigartigen Geschmack. Leider hat man Dir die Freiheit eingeschränkt. Denn auch ich muss gestehen, wo Du doch deine Sonnenseite mir fortwährend in allen Bereichen meines Lebens präsentierst, so weiß ich, dass Du Deine Schattenseiten auf meine Lungen hetzt.
Aber Du scheinst mir beharrlich zu sein und wie auch Gras sich durch Beton frisst, kann man auch Dich nicht einfach vernichten. Deshalb, nach allen Schandtaten, die Dir angetan wurden, eine kleine Hommage an Dich, mein liebster Wegbegleiter, mein süffisanter Freund in Not, feuriger Helfer sozialer Bedrängnisse, schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak:
Du hast Dich so sehr in mein Herz gefressen, dass selbst mein erster Gedanke nach bedrückendem Erwachen des Geistes in frühster Morgenminute nur Dir gewidmet ist. Indem ich deine hinterlassenen Spuren des vergangenen Tages aus meinem Rachenraum huste, schreit sogleich ein schwacher Pulsschlag nach Deiner belebenden Wirkung. Zusammen mit unserem besten Freund, dem Koffein, lächeln wir später der Sonne entgegen und betören ihre feinen Strahlen mit liebevollen Rauchzeichen. Ohne Dich an meiner Seite würde mir ein gelungener Tagesbeginn nie in den Sinn kommen.
Trete ich vor die Tür, so fühle ich mich schlicht und einfach nackt, wenn ich Dich nicht mit auf den Weg nehmen würde. Gucci, Levi‘s, Adidas … nein, meine Mode bist Du, mein ästhetischer Stängel und eingeklemmt zwischen Zeige- und Stinkefinger zeige ich Dich wie ein Neugeborenes gern in der Gegend rum. Manch einer scheint von Dir so beeindruckt zu sein, dass ich auch fremde Münder an Dir ziehen lasse.
Während viele Menschen geschmacklos in der Ecke stehen, um auf bestimmte Ereignisse zu warten, sich nicht vor Unwohlsein zu helfen wissen, ihre Finger nicht still halten können, sinnlos mit dem Handy spielen, ja da hol ich Dich raus, anmutiges Kippchen und kose Dich im Munde.
In jeder gut besuchten Location führst Du mich genau in die Ecken, in der auch ich gebraucht werden könnte und schielst einer blauen Gallierin entgegen. Denn Rauchen verbindet und wie auch Du Dich mit fremden Dunst umwirbelst, so halt ich bald gelbe Nikotinfinger in meiner Hand, betrachte wunderlich schwarze Zähne, staune über ausgetrocknete Haut und lausche dem zarten Krächzen des Raucherhustens.
Zu Unrecht, liebster Tabak, was man Dir angetan. Rauchverbot, Altersbeschränkung oder Beschuldigung als jegliche Krankheitsursache. Du bist der freundliche Virus, welcher die Süchtigen und exzessiven Selbstzerstörer verbindet. Du bist einfach da und doch so wunderbar!
In ewiger Liebe,
Dein Raucher.
von Tobias Kunz
1 Kommentar (Anzeigen | Verbergen)

Nr. 1 von mary am 27. April 2009 @ 20:06 Uhr

Es wäre mit Sicherheit gesünder so an adidas, levi’s oder gucci zu hängen als am tabak und stylischer wäre es noch dazu. wer aber nach diesem text noch auf solche symbole verzichtet und doch lieber zum glimmstengel greift, dem ist wohl wirklich nciht zu helfen. sehr schöner appell an die vernunft, nett verpackt!

uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: Schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak
Datum: 27. April 2009
Rubriken: Artikel,Gesellschaft,No 12 - April 2009,Tobias Kunz
Adresse: http://www.univista.de/2009/04/27/schleichender-virus-haesslicher-todbringer-liebster-tabak/
Links im Artikel:[1] PIXELIO - http://www.pixelio.de