The Dome 49

„Endlich“ eine Karte.
Foto: Lea Weber
Es ist 16 Uhr, drei Gestalten treffen sich auf einem öffentlichen Parkplatz und besteigen nach einer kurzen Besprechung einen kleinen, unauffälligen Kleinwagen, ihr Weg führt sie auf die Autobahn.
Kurz nach 18 Uhr: Das Auto fährt mit zügigem Tempo direkt vor den Hannoverschen Flughafen, hält abrupt auf dem Behindertenparkplatz, zwei Frauen stürzen heraus und rennen ins Gebäude.
Hektisch drehen sie sich nach links und rechts, um sich zu orientieren und wenden ihre eiligen Schritte schließlich nach links. Sie laufen endlose Gänge entlang, tauschen kurzatmige Silben der Ratlosigkeit aus. Die Blicke schweifen während des Runs durch den Flughafen nervös über die bunten Wegweiser. Hastig rennen sie ins zweite Stockwerk und betreten atemlos ein kleines Bistro…
Stoff für einen Hollywoodfilm? Retten die beiden Frauen den Hannoverschen Flughafen etwa vor einem Attentat?
Stoff für einen Hollywoodfilm? Retten die beiden Frauen den Hannoverschen Flughafen etwa vor einem Attentat?
Sie wenden sich an den Mann hinter der Theke: „Entschuldigen Sie… Wir brauchen unbedingt noch zwei Tickets für… The Dome.“ Peinlicher und x-tremer ging’s selten! Fast hätten wir unsere Tickets auf dem Schwarzmarkt erwerben müssen, aber sei’s drum… Lest nun auf den folgenden Seiten, wie x-treme es wirklich war.
von Melanie Ehlert
“Ihr seid super-affen-mega-spitze!“ Spätestens als uns der Warm-Upper das begeistert entgegen brüllt, wird mir bewusst, auf was ich mich da eingelassen habe… Gerechnet hatte ich ja mit einer Masse von 13- bis 16-Jährigen, die, völlig ausgehungert und durchgefroren, weil schon eine Woche vor der TUI Arena zeltend, Bands Liebeserklärungen und Kinderwünsche entgegen brüllen, von denen ich noch nie was gehört habe. Aber das ist tatsächlich noch schlimmer… Das (freiwillige) Publikum schätze ich so zwischen 8 und 13. Alles was älter ist, sind genervte Eltern oder große Geschwister, die mit einer Miene, wie ein Macho beim Schuhe kaufen, neben uns auf den oberen Rängen sitzen.
Eröffnet wird der Karneval der akustischen Grausamkeiten mit Lady Gaga. Ich hatte ja immer gedacht, wenn man berühmt wird, macht man das große Geld. Bei Lady Gaga reicht das aber offensichtlich nicht mal für eine vernünftige Hose – sie trällert uns im schwarzen Schlübber entgegen. Musik vom Band, Stimme live… Hätte sie sich allerdings vielleicht doch überlegen sollen… Erstens sind die Töne nicht so ganz treffsicher und die Technik hat das auch noch nicht so ganz raus… Erst hört man kaum Stimme, dann plärrt es
ohrenbetäubend.
Was für ein Auftakt! Später wird sie kurz über ihre Meinung zu deutschen Fans interviewt – was für ein Präventionsprogramm: Liebe Kinder, nehmt keine Drogen, sonst könnt ihr euch genauso wenig artikulieren wie Lady Gaga.
ohrenbetäubend.
Was für ein Auftakt! Später wird sie kurz über ihre Meinung zu deutschen Fans interviewt – was für ein Präventionsprogramm: Liebe Kinder, nehmt keine Drogen, sonst könnt ihr euch genauso wenig artikulieren wie Lady Gaga.
Durch den „bunten Abend“ führen Joko und Miriam, zwei Moderatoren… na ja, von der Stange halt, aber zu verkraften. Weiter geht’s mit dem Programm für diejenigen, die, wenn sie dem jugendlichen „eigentlich-alles-Musikgeschmack“ entkommen sind, sich Richtung Rock entwickeln möchten: Eisblume (mit Subway-to-Sally-Cover) und LaFee überraschen mich mit tatsächlich ganz gut hörbarer Gitarrenmusik – Eisblume zusätzlich mit einer netten Stimme, während LaFee mich mit den „Du-bist-voll-das-Arschloch-aber-ich-werde-mich-schon-rächen-denn-ich-bin-ja-schon-15-und-weiß-wie-das-Leben-läuft“-Texten dann doch wieder auf den Boden der Zielgruppen-Tatsachen zurückbringt.
Als nächstes werden Reamonn angekündigt. Schon in freudiger Erwartung wird diese aber gleich wieder enttäuscht. Die sind nämlich noch gar nicht da, aber da das ja eine Aufzeichnung ist, mussten sie die Anmoderation schon mal machen… aha… Besonders erquickend ist, dass sie die Abmoderation gleich mitdrehen. Ohne, dass etwas passiert ist, fragt uns Joko überschwänglich: „Uuuuuund? Wie fandet ihr Reamonn???“ Tja, da weiß glücklicherweise selbst das junge und ansonsten so begeisterte Publikum nicht mehr, was es dazu sagen soll.
Nachdem Queensberry im 80er-Jahre-Ballett-Barbie-Outfit den Kreischpegel der Teenies noch mal zum Exzess geführt haben (und den Papa neben mir dazu gebracht haben, noch mal Oropax nachzulegen), will sich Jeanette zum „Beat undressen“. Wir sind uns einig, dass das gerne ihre vier männlichen Tänzer vertretend übernehmen dürften… Immerhin eine Freude für die Augen!

Gute Sicht aus den oberen Rängen
Foto: Lea Weber
Bei Titiano Ferro täuscht meine redaktionelle Leidensgenossin neben mir dann endgültig akute Blasenschwäche und einen spontanen Herzinfarkt vor, aber da muss sie jetzt durch – auch wenn sie sich kopfschüttelnd die Ohren zuhält. Ich persönlich fange bei Tim Toupet und Super-Richie (hey, der war sogar schon bei The Dome, als ich das „damals“ noch freiwillig geguckt habe), jetzt als Luca Toni verkleidet, an, mich ernsthaft zu fragen, ob ich nicht noch ganz dringend irgendwelche Hausarbeiten zu schreiben hätte… Der Abfluss in der Dusche müsste auch dringend mal wieder gemacht werden… Und der Dachboden sieht aus…
Glücklicherweise kommen dann (tatsächlich) Reamonn und Razorlight. Zur Abwechslung ist bei denen tatsächlich alles live – man sieht sogar die Kabel von den Gitarren zu den Boxen laufen… Selbst die Eltern neben mir, die sich vermutlich auch gerade gefragt haben, warum sie heute nicht lieber die Steuererklärung gemacht haben, scheinen wieder gut gestimmt.
Diese Aufmunterung war auch nötig, denn es geht gleich schon wieder weiter mit Sido. Der Papa neben mir kramt nach weiterem Oropax, denn der Kreischpegel übertrifft den von Queensberry noch um einige Dezibel… Der Grund, warum ich über den Sido-Auftritt an sich gar nicht viel sagen kann… So viel hab ich davon ja gar nicht mitbekommen…
Jetzt kommt noch mal Lady Gaga auf die Bühne und präsentiert uns ihren neuen „Smash-Hit“ Poker Face. Also… das dachte man wohl so. Irgendwie kommt bei ihr nur die erste Minute kein Ton raus (Und ich sag noch: Man sollte das mit dem Halbplayback echt nur machen, wenn man‘s wirklich kann….). Wie sich nach der Perfomance rausstellt, ist die Moderatorin Miriam mit dem Absatz ihres Highheels auf ein Kabel getreten, dass für das Mikro von Lady Gaga zuständig war. Aber das schöne ist ja, dass wir hier bei einer Aufzeichnung sind. Also holen wir noch mal den Warm-Upper raus, um das Publikum noch mal hochzukochen und wiederholen den Auftritt einfach noch mal. Ich überlege erstmals in meinem Leben, ernsthaft mit harten Drogen anzufangen, um das ganze hier ohne weitere psychische Schäden zu überleben. Ein Blick zur Seite: Ein kopfschüttelndes Hände-ins-Gesicht-Vergraben lässt mich vermuten, dass es nicht nur mir so geht.
Das große Finale macht dann Sammy Deluxe, der offensichtlich auf unserer Seite steht. Nachdem die Technik erst den falschen Song, dann den richtigen Song, aber die falsche Version eingespielt hatte, fiel selbst ihm nichts anderes mehr ein, als laut und deutlich ins Mikrofon gen Technik zu zischen: „Das ist jetzt aber echt mal viertel vor Blamage, Leute!“ Danke, Sammy! Du sprichst mir aus der Seele!
von Lea Weber
Bei mir hat es nur zu einem Stehplatz-Ticket gereicht. Anstatt mich komfortabel auf einem Sitz zu räkeln, bin ich zwischen den echten Fans. Naja, nicht ganz. Um sich einen vorderen Platz zu sichern, hätte man eher kommen müssen, so bleibt mir lediglich ein Standort am Rande der Menge, hinter den Teenagern und vor ihren gelangweilten Eltern, die als Begleitpersonen mitgekommen sind.
Immerhin hat es noch nicht angefangen. Ein Typ, der an Kinderbespaßer in Clubhotels erinnert, verteilt The-Dome-T-Shirts und fragt dabei immer wieder „Hannover, seid ihr gut drauf?“. Das ist offensichtlich der Fall: Als die Moderatoren übernehmen und wenig später Lady Gaga in einem leuchtenden Bilderrahmen auf die Bühne schwebt, bricht ein Kreischen los. Hoch, schrill, laut. Ich hätte solche Töne selbst mit 14 nicht hervorbringen können.
Dann geht es weiter mit Razorlight, Queensberry, Max Mutzke usw. Irgendwie nett, irgendwie aber auch genau das, was man zwischen einem Haufen dummen Gelaber auf Radio FFN hört. DJ Ötzi – sonst ja eher bekannt für Kirmes-Musik – überrascht mit einer Depri-Ballade, der Applaus fällt verhalten aus. Zwischendurch gibt es den ersten Personenschaden: Ein ca. 14-jähriges Mädchen klappt – vermutlich geschwächt durch langes Rumstehen in Verbindung mit hohen Limonadenpreisen – zusammen und wird mit einer Krankentrage abtransportiert.
Nach der Pause heißt es für mich dann wirklich „mittendrin statt nur“ dabei. Ich gehe so weit es geht nach vorne. Vor mir steht ein Junge, der sich das The-Dome-Symbol, die stilisierte Spiegelkugel, auf den Schädel rasiert hat. Ich komme mir vor, wie ein Atheist bei den Zeugen Jehovas.

Auf zur nächsten Show.
Foto: Lea Weber
DJ Ötzi kommt mit seiner zweiten Nummer besser an, obwohl sein Auch in 100000 Jahren werd‘ ich immer bei dir sein wie eine Drohung klingt. Eisblume, sonst nur als manga-ähnliche Zeichentrickfigur in ihrem Video zu sehen, tritt zum ersten mal live auf. Wir können uns also fast ein wenig privilegiert fühlen. Und ich hätte ja nie gedacht, dass ich das mal schreibe, aber Sido hat es drauf. Bisher fand ich den Gewollt-Gangster mit der abgebrochenen Kindergärtner-Ausbildung eher peinlich. Aber bei seinem Auftritt stimmt alles, jeder Spruch, jede Bewegung passt perfekt, das Kreischen der Fans erinnert an startende Flugzeuge. Als er seinen Schal in die Menge wirft, bricht fast eine Schlägerei los.
Zwischen den Auftritten immer die beiden Moderatoren, und immer, wenn es schief läuft, wird Käpten Kinderbespaßer auf die Menge los gelassen: „Hannover, seid ihr gut drauf?“
Den Arschloch-Job übernimmt Sammy Deluxe. Sein Auftritt ist der letzte des Abends, die meisten gehen schon, während er auf der Bühne steht.
Hinterher klingeln mir die Ohren von dem Kreischen der Teenager, und ausgerechnet das Fliegerlied von Tim Toupet (vor allem bekannt durch Du hast die Haare schön) schwirrt mir auf der Autofahrt die ganze Zeit im Kopf herum. Trotzdem, irgendwie war es ganz lustig, auch wenn es ganz sicher keiner Wiederholung bedarf.
von Stefan Hirsch
