Es scheint die Sonne. Blauer Himmel weit und breit. Perfekter kann ein Tag nicht starten, welcher unsere vollkommene Männlichkeit krönt.
Stets am Vierzigsten Tage nach Ostern ziehen wir dahin, in unsere Wälder, an unsere Seen, bepackt mit Bollerwagen und Schubkarren, mit Alkohol bis an die Zähne bewaffnet.
Heute wird ein langjähriges, traditionelles Fest gefeiert. In den neuen Bundesländern vielmehr als „Männertag“ bekannt und hier auch weitaus beliebter in der Durchführung, wird jedes kirchliche Palaver anlässlich „Christi Himmelfahrt“ im gegärten Keim erstickt und sich auf das spezialisierteste Können der Männer konzentriert: Saufen.
Kaum jemand, welcher heute grölend unterwegs ist, kann verraten, aus welchem Anlass diese gewaltige Zeremonie durchgeführt wird, wie und wodurch sie entstanden ist, allgemein bekannt ist jedoch: Wenn Männer ihres Geschlechtes frönen, erreicht die Anzahl der Verkehrsunfälle und Schlägereien den totalen Jahreshöhepunkt.
In den brechend vollen Zügen liegt schon kurz nach neun am herrlichen Morgen der aufdringliche Duft von Alkohol in der Luft. Doch stören sollte es keinen, denn wer an diesem Tage nüchtern auf den Spuren aller stolzen Männer wandelt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Ausdünstungen jeglicher Art die hartnäckigsten Begleiter sind.
Was früher absolut tabu gewesen ist, schleicht sich seit dem Mauerfall allmählich mit in das Geschehen: Frauen. Im Rahmen der Emanzipation und annähernder Gleichberechtigung beider Geschlechter, konnte sich auch der konventionelle Herrentag nicht gegen diese Entwicklung erwehren. Unter den Älteren erzählt man sich augenzwinkernd, dass zu Zeiten der DDR plötzlich auftauchende Schaffnerinnen gnadenlos aus dem Zug geschmissen wurden. Heute haben sich die Ansichten geändert, die Anzahl weiblicher Mitwanderer hat sich enorm vergrößert, auch wenn diese sich fortwährend unbedacht perverse Kommentare von sabbernd geilen Männerscharen anhören müssen. Das wohl letzte Recht, was den Männern an diesem Tage verblieben ist, zugegeben: meist nur von der minderbemittelten Sorte in Anspruch genommen.
Auch Kinderbeine rennen häufiger neben einem her. Historisch betrachte war zu einem Herrentag jedoch der jüngste Wanderer der heranwachsende Bub, welcher in die fröhliche Sauferei eingeweiht wurde. (Heute lernen Jungs so etwas eher bei Flaschendrehen und Flat-Rate-Partys. Ohne Papi aber dafür mit Mädels.) Es ist also klar erkenntlich geworden: Der Herrentag hat sich teilweise zu einem beherzten Volksfest entwickelt.
“Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar”
Herbert Grönemeyer, Männer
Dennoch: Es tauchen unentwegt alte verbissene Narren auf, welche den Zahn der Zeit nicht erkannt haben und noch immer auf ihr abgelaufenes Anrecht pochen, an genau diesem Tag keinem Weib ins Antlitz schauen zu müssen. Und so werde auch ich, trotz Bart und tiefer Stimme, auf eine schwer verdauliche Art und Weise beschimpft, indem ich mich in Begleitung einer Frau wiederfinde. Zwei Minuten später beginnt der alte Kerl aus Enttäuschung zu weinen. Obwohl man dazu geneigt ist, dem hohen Alter Respekt darzubieten, weiß ich just in dem Moment nicht, ob ich mitfühlen oder lachen soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Ein Prost auf die Männlichkeit.
Der Rest ist schnell erzählt: Es wird den ganzen Tag getrunken, viel gesungen, getanzt und gelacht. Später wird vermehrt gegrölt, geschlagen und demoliert. Man ergibt sich dem anschleichenden Nebel geistiger Unzurechnungsfähigkeit und am Ende passiert das, was stets durch zu viel Alkohol und Testosteron geschieht: Es artet aus.
von Tobias Kunz