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Ironie und Skurrilität – Wladimir Kaminer in Vechta
“Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.”
Diesen Satz kann ich dem Kultautoren Wladimir Kaminer nur zu gut glauben, wenn jemand ein so abenteuerliches Leben wie das seinige bestreiten müsste.
Er schafft es mit Hilfe seiner Sprachgewandtheit aus der alltäglichsten Situation eine Ode an das Leben zu entwerfen. So empfinde ich den von ihm geprägten Begriff der „Alltagsbewältigungsprosa“ als sehr passend, falls das Bedürfnis besteht, ihn irgendwo einordnen zu müssen.
Seine Bücher bestehen hauptsächlich aus Kurzprosa und Essays, die in den verschiedensten Längen aneinandergereiht werden und so ein Werk komplettieren.
Kaminer betont immer wieder, dass in seinen Büchern weder die Charaktere noch die Erzählungen fiktiv sind. Das Dazuerfinden bezeichnet er als eine „kopflästige Angelegenheit“. Aus diesem Grund erhalten wir authentische Einblicke in das Leben des Literaten, vornehmlich aus seiner Zeit in Berlin, und der Menschen in seiner Umgebung.
Im Mai beehrte Wladimir Kaminer die Universität Vechta, um aus seinen Büchern vorzulesen.
Hier überraschte er mit seiner starken Publikumsbezogenheit. So zog er das Stehen bei der Menge dem Wasserglas und Mikro auf der Bühne vor.
Einen festen Ablaufplan hatte die Lesung nicht. Er selbst war überrascht, dass er aufgrund seines Debütbuches Russendisko geladen worden war, da dieses bereits 2000 erschien und er seitdem fast jährlich ein neues Buch veröffentlichte. Lieber fragte er sein Publikum, was dieses gerne hören würde oder ob es Fragen zu seinen Werken hätte. Durch allerlei Anekdoten über sein momentanes Lieblingsthema „Familie“ gewann er sofort das Publikum für sich. Mit seiner lockeren Art flocht er Hintergrundinformationen zwischen die Texte ein, die aufgeschrieben ein neues weiteres Werk ergeben könnten. Diese Unbekümmertheit, die er ausstrahlte, und sein noch deutlich vernehmbarer Akzent unterstrichen einmal mehr seine Authentizität.
Auf Happy Ends innerhalb der Geschichten wird kein Wert gelegt, da Kaminer selbst sie nur als Zwischenstationen des Lebens ansieht.
Er sagt über seine eigene Person, dass er im Gegensatz zu vielen Popliteraten von heute nicht durch eine Wohlstandskindheit verdorben worden sei.
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Foto: Pia Sabine Klein
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er machte eine Ausbildung zum Toningenieur, absolvierte anschließend ein Dramaturgiestudium am Moskauer Theaterinstitut. 1990 bekam er durch seine jüdischen Wurzeln die Möglichkeit in die DDR einzureisen. Spontan entschied er sich, diese wahrzunehmen. Die Fahrkarte kostete nur 96 Rubel und für Ostberlin benötigte er nicht einmal ein Visum. Das größte Problem bestand darin, dass Kaminer bei seiner Ankunft kein einziges Wort deutsch sprechen konnte, sodass er sich die Sprache innerhalb kürzester Zeit selbst aneignete.
Nach einigen Umwegen, bei denen er unter anderem Limonade verkaufte oder als Filmstatist mitspielte, ist er nun wirklich in Berlin angekommen und lebt dort mit seinen zwei Kindern und seiner Frau Olga, deren Werke auch sehr gut zum Verschlingen geeignet sind.
Auch wenn seine Texte zumeist durch Ironie und Skurrilität große Belustigung erzeugen mögen, sollte er nicht als witziger Geschichtenerzähler gesehen werden. Kaminer ist ein proletarisch erzogener Autor, der versucht, sozial benachteiligte Menschen in die Bewusstseins-perspektive des Lesers zu bringen. Seine Kritik geschieht jedoch nie auf bissige Art und Weise.
Mit einem scheinbar kindlich naiven Blick beobachtet er den Alltagswahnsinn und die Lebenslügen um ihn herum.
Die Absurdität wurde vor allem bewusst, als er von seinem Künstlerfreund Sergej berichtete, dessen Plastik als Entwurf für das Holocaust-Mahnmal gedacht war und welche Kaminer einige Zeit später auf einem Berliner Abenteuerspielplatz wiederfand. „Das muschelförmige Werk sollte den Schmerz der Menschheit symbolisieren, einen aus Beton gegossenen Schrei.“ Aber auch „als Schnecke auf dem Spielplatz sah sie herrlich aus.“ (Russendisko, 2000) Er empört sich nicht, sondern stellt nur fest. Der Leser darf selbst entscheiden, ob er lachen oder verstehen möchte.
von Franziska Kliefoth
uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: Ironie und Skurrilität – Wladimir Kaminer in Vechta
Datum: 6. Juli 2009
Rubriken: Artikel,Franziska Kliefoth,Literatur,No 13 - Juli 2009
Adresse: http://www.univista.de/2009/07/06/ironie-und-skurrilitaet-wladimir-kaminer-in-vechta/