Die Welt in Tönen und Farben erschmecken

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Der Zimt riecht pink. Die Sonne schmeckt süß. Der Freitag ist feminin. Das Saxophon klingt quadratisch. Die 6 erscheint geschwätzig.
Die Sinne der Synästhetiker verschmelzen. Sie hören Farben, sehen Musik oder schmecken Ziffern. Solcherlei Aussagen klingen für viele Menschen befremdlich. Dennoch ist Synästhesie* kein Hirngespinst, sondern ein Phänomen, dessen medizinische Ursachen innerhalb der letzten 30 Jahre versucht wurde mit Hilfe der neuesten technologischen Durchbrüche zu entschlüsseln. 
So wird zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgegangen, dass bestimmte neuronale Verbindungen für die ungewöhnliche Verkopplung der Sinne verantwortlich sind. Die Forscher vermuten, dass jedes Neugeborene bis zu seinem vierten Lebensmonat die Welt um sich herum synästhetisch wahrnimmt. Mit der Reifung des Gehirns beginnen die Sinne zum größten Teil autonom ihre Aufgaben zu erfüllen.
Bei wenigen Menschen bleiben diese speziellen Verknüpfungen ein Leben lang erhalten. Wie viele Synästhetiker es wirklich gibt, konnte noch nicht genau festgestellt werden. Häufig ist von dem Verhältnis 1:2000 die Rede.
Synästhesie kann verschiedenste Formen annehmen. So ist in der Theorie fast jede Kombination der Sinne denkbar, auch wenn noch nicht alle von ihnen bei Synästhetikern entdeckt werden konnten.
Die Ursache hierfür liegt zum einen an der noch sehr jungen Forschung, zum anderen daran, dass viele Menschen nichts von ihrer Synästhesie wissen. Sie gehen davon aus, dass jeder seine Umwelt auf dieselbe Weise erfährt. Die ungewöhnlichen Gefühle und Verbindungen werden als selbstverständlich beschrieben, da die eigene Welt nie anders erlebt wurde.
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“Einige Kreise” von Wassily Kandinsky (1926)
Nicht-Synästhetiker haben nur bis zu einem gewissen Grad die Möglichkeit synästhetische Empfindungen nachzuvollziehen. Das unwillkürliche, immer gleiche Empfinden bei diesen synästhetischen Erfahrungen bleibt ihnen verborgen. Der einzig mögliche Zugang zu der Perzeption* eines Synästhetikers ist nur unter Hinzunahme des Begriffs der Assoziation denkbar. Diese beiden Vorgänge können nicht gleichgesetzt werden, jedoch dem Verständnis dienlich sein. Jeder kann beispielsweise musikalische Wahrnehmungen mit Begriffen aus anderen Bereichen verknüpfen. Wir können über eine  Komposition aussagen, dass sie zu uns spricht, springt oder sich steigert. Derartige Gedankengänge sind für die meisten Menschen gut nachvollziehbar. Genau hier muss jedoch die Assoziation von der Synästhesie differenziert werden. Der Empfänger der Assoziation kann diese nur erleben, wenn er sich auf eine solche einlässt.
Der Synästhetiker hingegen hat keine Wahl. So wird die 6 immer rot, vertraut und feminin sein. Es entstehen untrennbare Einheiten, die nicht nur dann ablaufen, wenn über die Zahl gesprochen, sondern auch wenn nur an diese gedacht wird. Stehen auf einem Blatt schwarze Zahlen, werden sie dennoch, sobald sie gelesen und die Informationen im Gehirn verarbeitet werden, zu bunten Ziffern. Jeder Synästhetiker verbindet hierbei andere Farben und nicht nur diese bleiben über die Jahre erhalten, sondern auch die jeweiligen Nuancen. Ein Magentarot wäre genauso falsch wie Blau, da die 6 immer Weinrot sein muss.
Dass der Klang einer Trompete gelb und kantig erscheint, kann nur von einem Farbenhör-Synästhetiker, wie es zum Beispiel der Künstler Wassily Kandinsky war, nachempfunden werden. Ein Synästhetiker kann nämlich aufgrund seiner Veranlagung andere Synästhesiearten nicht nachvollziehen. Für eine Person, die Töne schmecken kann, und einen Nicht-Synästhetiker ist es gleichermaßen abstrus zu hören, dass jemand Grapheme personifiziert*.

Synästehie: Altgriech. für „mitempfinden“ oder “zugleich wahrnehmen”.
Perzeption: Unbewusste Prozesse individueller Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung.
Graphem-Personifikationen: Dabei werden Zahlen oder Buchstaben Geschlechtern oder Persönlichkeitseigenschaften zugeordnet.
Wir sehen Farben, hören Töne, riechen Gerüche, ertasten und empfinden.
Diese Vorgänge wirken auf uns, als seien sie unmittelbar und stünden im direkten Kontakt mit der einen, allgemeingültigen Wirklichkeit. Doch neuronale Signale werden von unserem Gehirn nach festgelegten Kriterien subjektiv bewertet und gedeutet. Somit kann unsere eigens durch die Sinne kreierte Welt als dynamisches Konstrukt des Gehirns angesehen werden. Die Hypothese, dass jedes Individuum in seiner eigenen Realität lebt, die es sich zuvor selbst erschaffen musste, kann durch die eigene undurchdringbare Isolation, welche damit vorausgesetzt wird, angsteinflößend erscheinen.
Durch die Erfahrungsberichte der Synästhetiker entsteht jedoch eine Art Praxis zu dieser Theorie, mit derer es uns leichter fallen kann, sich der Individualität der eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden und somit vielleicht sogar Einblicke in konträre Weltbilder zu gewinnen.
von Franziska Kliefoth

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