Mein Name ist Vinícius Laurindo und ich studiere Philosophie und Sozialwissenschaften an der Universidade Federal da Paraíba (UFPB). Im Moment bin ich im 6. Semester und seit letztem Sommersemester studiere ich an der Hochschule Vechta. Weil ich sehr beeindruckt bin, was das Austauschprogramm zwischen Vechta und João Pessoa ermöglicht, will ich die Chance nutzen und Euch an dieser Stelle von einigen Erfahrungen meinerseits berichten.
Akademisches Leben:
Das akademische Leben an der Hochschule Vechta bedeutet für mich eine sehr reiche kulturelle Erfahrung. Außer der deutschen Sprache kann ich auch das deutsche Uni-System kennenlernen. Es ist ganz anders im Vergleich zu Universitäten in Brasilien. Die Universität von João Pessoa ist viel größer als die Hochschule Vechta, jedoch ist mir aufgefallen, dass die Seminare hier größer sind.
Deutschland hat eine sehr große philosophische Tradition, das ist für meine akademische Erfahrung sehr wichtig. Hier habe ich den Zugang zu vielen philosophischen Werken. Ich habe also die Möglichkeit die Werke im Orginal zu lesen, nicht mehr nur in der Übersetzung. Außerdem kann ich mit dieser Erfahrung reifer in meinem Bereich werden und vielleicht kann ich später wieder nach Deutschland kommen, um meinen Master zu machen. Deshalb ist diese Erfahrung ganz wichtig für mich, weil die Sprache langsam leichter wird und ich die deutsche Kultur schon erlebe.
Viele kulturelle Aspekte haben mich sehr beeindruckt, wie z. B. die Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden. Meiner Meinung nach gibt es eine große Distanz zwischen den beiden Gruppen. Die Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden ist etwas anders in Brasilien. Vor allem kann es sein, dass die Studierenden nach den Vorlesungen mit den Dozierenden noch über das Seminar oder andere Sachen sprechen können. Hier in Vechta sehe ich schon einen großen Unterschied. Mir ist auch aufgefallen, dass alle sehr förmlich sind. Die Beziehung unter den Leuten ist hier sehr besonders. Beispielsweise werde ich hier auch anders angesprochen: In Vechta heiße ich nicht mehr Vinícius, sondern Herr Laurindo. Diese Feinheiten der deutschen Kultur sind schon genug, um einen Brasilianer in Erstaunen zu versetzen. Mit solchen gemachten Erfahrungen kann ich mit Sicherheit sagen: Sich auf die deutsche Kultur einzulassen bedeutet für mich, eine neue Kultur zu erleben.
Praktikum:
Dieses Programm zwischen Vechta und der brasilianischen Universität hat mir auch ermöglicht, ein Praktikum zu machen. Ich habe in Lohne ein Praktikum bei der Tafel gemacht. Die Lohner Tafel ist eine Nichtregierungsorganisation (NRO), die Spenden von Fabriken und Supermärkten bekommt. Solche Spenden sind Nahrungsmittel, welche übrig geblieben sind. Dennoch wählt die Lohner Tafel Essen aus und verteilt es unter ungefähr 400 Leuten pro Woche, die keine finanzielle Möglichkeit haben, ohne Hilfe täglich satt zu werden.
Als Herr Sandkötter, Soziologe und Leiter des Brasilienaustauschs an der Uni Vechta, mit mir über dieses Angebot gesprochen hatte, war ich sehr neugierig geworden, weil meine Arbeit bei der Tafel armen Leuten helfen würde. Mein Eindruck von der Einkommensverteilung in Deutschland war immer sehr positiv, weil ich keine armen Personen gesehen hatte und alles sehr reich aussieht. Ich weiß, dass Deutschland sehr reich ist, aber ich hatte gedacht, das wäre nur in großen Städten so, wie zum Beispiel in Berlin oder in München, aber nein, es ist überall so. Ich sehe hier in Vechta nur schöne Häuser, teure Autos, viel Konsum, Luxus – ein Lebensstil, den viele erreichen wollen. Ich habe sogar gedacht, dass alle hier das ideale Leben haben. Dieser Eindruck über die deutsche Gesellschaft hat sich jedoch total verändert, als mein Praktikum bei der Lohner Tafel angefangen hat. Es ist mir aufgefallen, dass solch ein Bild von teuren Autos, schönen großen Häusern, Luxus zu eingeschränkt und einseitig ist.
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Nähere Infos gibt‘s bei Dr. Stephan Sandkötter
(e-Mail: stephan.sandkoetter[at]uni-vechta.de)
Die Lohner Tafel hat mir nämlich eine andere Seite von Deutschland gezeigt. Da sah ich ungefähr 400 Leute mit großen Familien zu Hause, die nicht genügend zu essen hatten. Manchmal waren die Kinder nicht zu Hause, sondern mit ihren Eltern bei der Tafel und es ist oft passiert, dass die Kinder sehr zufrieden waren, weil ein Kollege von mir oder ich ihnen einfach extra Obst gegeben haben. Es war für mich eine sehr traurige Situation. Dennoch kann ich sagen, dass ich durch mein Praktikum ein bisschen besser die deutsche Gesellschaft kennen lernen konnte. Wenn ich meinen ersten Eindruck von der deutschen Gesellschaft mit meinem heutigen Eindruck vergleiche, merke ich, dass man das ganze Leben mit einem falschen Eindruck leben kann. Ich glaube, dass ich diese Erfahrung in meinem Leben nicht vergessen werde.
von Vinícius Laurindo