Der Zukunft lächelnd entgegen
Dichte Wälder, sprudelnde Flüsse und weite Felder ziehen an mir vorbei. Nichts und niemand kann mich stressen und stellt mir Fragen. Lediglich der nette Herr, der mir in diesem Moment einen frischen Kaffee anbietet. Doch kann ich ihn mir nicht leisten, und wenn wir ehrlich sind, bekommt der mir eh nicht. Aber auch das interessiert mich nicht, denn ich bin glücklich und frei. Keine Klausuren, kein Lernen und kein Zwang mich mit Dingen zu beschäftigen, die schon bald nicht mehr von Bedeutung sind. Denn ich bin exmatrikuliert, aus Gründen, die eben dafür sprechen. Ich als zukünftige Sozialarbeiterin? Die Traumblase ist nun zerplatzt. Doch wen kümmert‘s? Genügend andere, zum Teil selbst psychische Wracks, können diesen Job jetzt gerne für mich übernehmen. Ich hingegen nutze nun die Zeit für meine andere Leidenschaft.
Wie dumm wäre ich, wenn ich nun aufgeben würde? So bereise ich die Welt, oder wenigstens Nordrhein-Westfalen. Denn ich bin auf dem Weg nach Dortmund, da ich im Internet gelesen habe, dass ich mich dort zur Journalistin ausbilden lassen kann. Und was liegt nun näher, als diesen Weg anzustreben? Richtig: nichts! Also begebe ich mich auf den Weg dorthin, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, der letzten Endes bewirken soll, dass ich aufgenommen werde und meinen weiteren Lebensweg im angrenzenden Bundesland beschreiten werde. Es bleibt nur zu hoffen, dass er mich glücklich macht. Und so träume ich schon von künftigen Tagen, die mich am Abend sagen lassen, dass ich den richtigen Weg gewählt habe. Sie werden mich daran erinnern, wie ich einst hier saß und mich damit abgefunden hatte, „versagt“ zu haben. Sie werden mich aber auch daran erinnern, dass ein Weg nicht alles bedeutet und eine Fähigkeit von mir nicht alles ausmacht. Und während ich voller Hingabe positiv denke, frage ich mich, ob dieser Optimismus vielleicht nur daher rührt, weil dies alles rein hypothetisch ist.
von Jenniffer Malenz
Der Zukunft ächzend entgegen
Exmatrikuliert. Schon allein die unterschwellige Kraft, welche dieses Wort zu bieten hat, kann einem zartbesaiteten Studenten Angst einjagen. Da lacht man an einem sonnigen Morgen dem Himmel entgegen und in der bedrohlichen Dunkelheit eines kleinen Briefkastens entfaltet sich ein Wisch des Grauens. “Sie wurden exmatrikuliert. Sie haben versagt. Sie sind von der Liste der Pseudo-Intellektuellenelite gestrichen worden. Packen Sie ihre Sachen. Ihre ungenügenden Fähigkeiten werden hier keinesfalls mehr benötigt.”
Das feine Polster des Studentendaseins hat man mit perfektionierter Faulheit oder grenzenloser Dummheit zerstört. Die neu gewonnene Freiheit schmeckt bitter. Wohin mit der eigenen, vorerst gescheiterten Existenz?
Ein Abend an der Theke einer Eckkneipe sollte Klarheit schaffen. Dieser Ort hat eine raue Menge an gescheiterten Existenzen zu bieten und sollte bei der Frage helfen, ob man sich selbst dazuzählt.
Die geöffneten Arme der Familie fühlen sich an wie Schläge in das Gesicht. Das geht schon in Ordnung. 600 Euro pro Semester, investiert für das eigene besiegelte Scheitern. Da kann man die Wut und Enttäuschung der verwandten Geldgeber schon nachvollziehen. Die Rolle des Sündenbocks sollte man akzeptieren.
Irgendwann, nach wochenlangem Suhlen im Selbstmitleid, sollte man wieder in die Zukunft schauen. Das Leben anpacken. Der eigene Blick muss in die richtige Richtung gehen. Nämlich genau zu den Leuten, welche noch viel mehr versagt haben. Das ist menschlich und stärkt Körper und Geist. Immatrikulation heißt dann das Zauberwort. Eine Anmeldefrist für den Neuanfang gibt es nämlich nicht.
von Tobias Kunz