Sicher, die wenigsten von Euch kommen direkt aus Vechta, die meisten vermutlich aus dem Emsland, oder wie ich: aus Ostfriesland. Aber so wirklich Ostfriesin bin ich eigentlich gar nicht. Denn ich bin innerdeutsche Migrantin zweiter Generation.
Nachdem meine Eltern irgendwann in den Siebzigern in Ostfriesland Urlaub machten, fassten sie nach der Heimkehr nach Kaiserslautern den Entschluss nach Ostfriesland zu ziehen. Es gibt drei Möglichkeiten, die ich dafür in Betracht ziehe:
1. Weil das Land so schön ist (und jetzt bitte keine Einwände!); 2. Arbeit; 3. Um die eigene Souveränität gegenüber der restlichen Familie zu sichern. Die blieb nämlich größtenteils in der Pfalz zurück.
So packten sie ihre Sachen und rund zehn Jahre später waren mein Bruder und ich auch schon da. Und uns beschäftigten einige Thematiken, die so manch andere MigrantInnen zweiter Generation vermutlich in ähnlicher Form kennen.
Angefangen bei der Sprache, was zwar nicht die deutsche Sprache an sich betrifft, aber eine, die in Teilen Ostfrieslands stärker vertreten sein kann als Hochdeutsch: das Plattdeutsche.
Des Öfteren musste ich mir von ostfriesischen Bekannten vorwerfen lassen, ich sei selbst schuld daran, dass ich kaum Plattdeutsch spräche. Fakt ist dabei dennoch, dass man damit nicht zwangsläufig in Berührung kommen muss, wenn man in Ostfriesland aufwächst. Meine Eltern sprechen schließlich schönstes Pfälzisch. Dort sieht der Genitiv im Vergleich zum Hochdeutsch (z. B. “Hans‘ Auto”) ungefähr so aus: “Demm Hans soi Audo”. Es gibt keine Gurken, es gibt Gummern. Kartoffeln sind Krumbeere. Das Endstück eines Brotes (im Norden meist Knust genannt) heißt Knärzje. Man setzt sich nicht in ein Café sondern in e Kaffee.
Meine Freunde hingegen sprechen, obgleich sie größtenteils Ostfriesen sind, Hochdeutsch mit mir. Sie, Lehrer und alle anderen um mich herum sprachen es und so eignete ich mir in erster Linie Hochdeutsch an. Natürlich kann ich auch Pfälzisch sprechen, aber mir fehlt die Übung. Im Hören und Übersetzen bin ich jedoch ganz groß und muss ziemlich oft das, was meine Eltern sagen, für meine Freunde übersetzen. Im Laufe der Zeit entwickelte ich ein sonderbares Kauderwelsch aus Hochdeutsch, plattdeutschen und pfälzischen Begriffen.
Dann sind da noch die Traditionen und das übrige Verhalten. Das Verhalten der Pfälzer gegenüber den Ostfriesen ist sehr kontrastreich.
Ostfriesen scheinen den höchsten Pro-Kopf-Teeverbrauch der Erdbevölkerung zu haben. Es gibt immer Tee. Am liebsten natürlich schwarzen Tee mit Kluntje
und Sahne. Meine Nachbarn trinken jeden Tag um Punkt 17 Uhr Tee. In der Pfalz gibt es hingegen den ganzen Tag Kaffee. Möglich, dass daraus das Temperament der Pfälzer entstammt. Sie scheinen permanent aufgeregt und nervös zu sein. Ostfriesen hingegen wirken ruhig und gelassen, als hätten sie keine Eile. Hat man in der Pfalz eine Autopanne und wechselt einen Reifen, sind sofort zehn Pfälzer da, die es besser können. In Ostfriesland würde sich eine einzige verirrte Seele neben die arbeitende Person stellen, viele Minuten schweigend bei der Arbeit zusehen und irgendwann trocken fragen: “Mokst dat ook richtig?”
Komplimente werden von manchen Pfälzern gerne als Fragen formuliert. Nehmen wir an, wir haben einen Kuchen gebacken. Der Pfälzer sagt: “Hasche schee gemach, gell?” Der Ostfriese … Naja, der Ostfriese lässt sich generell schwer begeistern. Er sagt einfach: “Schmeckt wohl.”
Es sind diese Unterschiede, die meine Stereotypen von Pfälzern und Ostfriesen definieren. Sie basieren auf meinen subjektiven Beobachtungen. Sollte ich durch eine meiner Ausführungen jemanden gekränkt haben, tut es mir leid. Schreibt einen Kommentar. Vielleicht les ich ihn mir durch. Hat aber Zeit. Denn eigentlich bin ich Ostfriesin. Ich bin zu Hause, wenn der Deich erklommen ist und Muscheln, Steine und Sand unter meinen Schuhen knirschen. Wenn der Wind mir durch das Haar streicht, die Luft nach Salz riecht und das Meer … Ei, wo isses dann? Net do? Ebbe? Och jo. Alle hopp, gehn mer heem.
von Pia Klein
Nr. 1 von knieriemen am 18. Juli 2010 @ 12:23 Uhr
Der Artikel ist sehr spritzing geschrieben. da wir eine ‘mischehe’ (Pfälzerin/ostfriese) führen, bin ich der meinung, dass das thema von der artikelschreiberin auf den punkt genau getroffen wurde. mfg
Nr. 2 von Badener am 26. November 2011 @ 16:44 Uhr
Hallo Pia,
sehr pointiert geschriebener Artikel, der mir sehr gut gefällt, Kompliment!
Meine Mutter ist/war Pfälzerin, mein Vater Badener und gelebt haben sie im SChwabenland, am Fuß der schwäbischen alb.
Bis zu ihrem Tod war meine Mutter eigentlich pfälzerin geblieben, kontaktprobleme kannte sie keine, ein quirliger Tausendsassa, der aber auch die Schwaben und ihre Eigenarten liebte.
Sprachlich unbefangen musste man gelegentlich erahnen, was dieses ‘pälzer word’ jetzt wohl wieder bedeuten sollte, doch man nahm ihr diese Eigenart, diesen markanten Zungenschlag, nie übel. Vieles aus dem Artikel kann ich gut nachempfinden.
‘ne kleine Anmerkung für alle Dialektsprecher: Ich finde den Begriff ‘Schriftdeutsch’ Treffender als ‘Hochdeutsch’, auch wenn von uns aus der Norden oben ist.
Badener.