Was gibt es Schöneres, als jeden Tag nicht nur ein “Hallo” zu bekommen? Wenn dann auch noch die Sonne scheint und die eigene Laune gut ist, dann gibt es wirklich nichts Schöneres … Wäre da nicht diese eine Angewohnheit, die einem das Leben manchmal stressig machen kann. Das ist eine Angewohnheit, die man nicht abstellen kann. Man kann lernen, sie zu bekämpfen und zu unterdrücken, aber die Wahrscheinlichkeit, sie für immer auszulöschen, besteht nicht. Das ist so. Schicksal. Sie kann ganz verschieden auftreten. Sie kann bei Tieren auftauchen, aber meistens eher bei Menschen. Es muss sich dabei gar nicht um Freunde, Familie oder Bekannte handeln. Sie tritt auch bei völlig Fremden in Kraft, aber lange nicht so stark wie bei Menschen, mit denen man eine bestimmte Beziehung hat. Eine Regel dazu: je stärker die Bindung zu diesem Menschen, desto stärker diese Angewohnheit in Bezug auf diese Person. Die Ursache? Eine sehr gute Frage. Es ist sicherlich eine Frage der Erziehung, aber auch ganz klar eine Frage der Einstellung. Das Problem: seelische Belastung. Eine weitere Regel: Die Probleme aller Anderen sind wichtiger als Deine Eigenen! Und dann gibt es zu allem Überfluss ein Wort, was diese Angewohnheit perfekt beschreibt: Altruismus.
Was ist also dieser Altruismus? Banal gesagt: Man kümmert sich erst um die Angelegenheiten und Probleme Anderer und dann, wenn es keine Probleme bei Anderen mehr gibt, kommen die eigenen Probleme auf den Plan. Darüber hinaus bewirkt der Altruismus ein kontinuierliches Ja-Sagen. Wird man nach Hilfe gefragt, dann stimmt man natürlich zu, denn schließlich hat jemand ein Problem und ich muss es lösen. So ist das eben. Dass aber mehrere Leute viele Probleme haben können und alles zur selben Zeit, macht den Altruismus so gefährlich. Ein notorischer Ja-Sager wird schnell ausgenutzt und hat keine Zeit für sich, um sich auszuruhen und sich um seinen eigenen Kram zu kümmern. Aber so sind die Regeln. Es gibt einen Ausweg: Nein sagen! Aber sag als Altruist einmal “Nein!” … das ist bei Weitem nicht so einfach, wie ein Ja. Du weißt, dass Du mit einem Nein eine große Enttäuschung ertragen musst, die an Dir nagen wird und Dein Gewissen belastet. Also liegt die Entscheidung zwischen einem schlechten Gewissen und dem körperlichen, aber besonders psychischen Druck, den sie sich durch ein Ja aufladen. Dann doch lieber die Zerstörung des eigenen Körpers, um den des Bittenden zu schonen und ihn glücklich zu machen. Das macht alles einfacher und das Gewissen leichter. Warum einen gesunden Körper und Geist, wenn man ein leichtes Gewissen haben kann?
Hierzu passt ein weiterer Fachbegriff: Burn-out. Was ist das also? Na ja, Burn-out heißt übersetzt “ausgebrannt”. Und das erlebt der Körper, wenn er nur “Ja und Amen” sagt. Manchmal ist es einfach gesund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Für Körper und Seele. Ja-Sager sind ausgebrannt. Ihr ständiges Problemlösen wirft ihnen mehr und mehr Probleme bei ihnen selbst auf. Neben ihren alltäglichen Problemen tauchen Schwächeanfälle auf und sie werden zunehmend gestresst und sind einfach nervlich am Ende.
Nun denken sich alle: “Ich bin altruistisch und falle also irgendwann einmal in ein tiefes schwarzes Loch, weil ich den Leuten ihr Leben leichter machen möchte. Wo ist denn da die Gerechtigkeit?” Die Gerechtigkeit findet sich in Freunden und Vertrauten. Besonders für Altruisten ist es wichtig, dass sie jemanden haben, dem sie etwas anvertrauen können, ihre Probleme abladen können. Denn sonst staut sich bei ihnen eine Art Damm, der schnell brechen kann. Oft auch ohne Vorwarnung. Schließlich gibt es sogar einen Begriff für eine solche Angewohnheit und deswegen gibt es auch mehrere Menschen, die dasselbe Problem haben. Du bist nicht der einzige Altruist!
Dann gibt es die Leute, die einem Ratschläge geben. Man solle egoistischer sein. Denn nur als Arschloch würde man sein Ziel erreichen. Doch warum erst ein Arschloch werden? Was hat man davon immer egoistisch zu sein? Damit macht man sich nur Feinde. Völlig nutzlos. Neben diesem Effekt bringt der Ratschlag für echte Altruisten auch nichts, denn sie werden es nicht schaffen, so egoistisch zu sein. Sie können kein Arschloch sein. Zwar können sie lernen Nein zu sagen und kein allzu schlechtes Gewissen zu haben, aber ein Arschloch sein, klappt einfach nicht. Ihnen werden die Probleme Anderer nie egal sein. Auch wenn diejenigen sie nicht in diese Sache einbeziehen möchten, die Gedanken der Altruisten können sie nicht kontrollieren. Und diese handeln mit Sicherheit von jenen Problemen. Das ist einfach so.
Altruisten haben meist viele “Freunde”; Leute, mit denen sie sich gut verstehen, aber natürlich nur einige gute Freunde. Dann passiert es oft, dass diese guten Freunde, denen man alles erzählen kann, ebenfalls Altruisten sind. Sie ziehen sich quasi magisch an. Denn nur ein Altruist weiß, wie sich ein Altruist fühlt. Und nur diesem anderen Altruisten kann man seine Probleme erzählen, um nicht den Kopf zu verlieren. Auch ein Gesetz.
von Sarah Kotten
|
Als Altruist hat man immer eine offene Hand
|