Du wärst jetzt lieber auf einer sonnigen Südsee-Insel als im sprühregendurchwirkten Vechta? Ein paar hundert Meter hinter der Uni sitzen ein paar Jungs, denen es da ganz ähnlich geht. Nur sind Strand und Palmen für sie noch schwerer zu erreichen als für Dich.
Wir waren in der Justizvollzugsanstalt Vechta (Hauptanstalt) und haben uns mit Personal und Insassen unterhalten.
“Die Kamera dürfen sie nicht mitnehmen. Es ist nicht erlaubt, hier Fotos zu machen.” Der Ton ist freundlich, aber mehr als bloß bestimmt. Widerrede zwecklos. Na toll, zehn Minuten ehe ich losfahren wollte, habe ich gemerkt, dass mein Fotoapparat nicht zu finden ist, hab gesucht, geflucht und mir den von meiner Nachbarin geliehen.
Dann halt nicht. Außerdem bleiben Handy und Personalausweis beim Pförtner. Wir gehen über den Hof, zu dem roten Backsteingebäude. Frau Fritsch, die mich bei meinem Besuch begleitet, zieht einen Schlüssel aus der Tasche, 15 cm lang und aus glänzendem Stahl. Er könnte gut eine wichtige Rolle in einem Fantasie- oder Abenteuerfilm spielen.
Das Hauptgebäude ist kreuzförmig. Von einem runden Raum in der Mitte gehen vier Flügel ab. In drei von ihnen sind die Gefangenen untergebracht, in einem befinden sich Büro- und Verwaltungszimmer. Die Böden sind durchbrochen, so dass man alles überblicken kann.
Es ist hell, nicht so finster wie in Prison Break oder Die Verurteilten. Doch dank der massiven Gitter, die die einzelnen Stationen voneinander trennen, entsteht eine eigenartige, beklemmende Atmosphäre.
Die JVA wurde 1904 gebaut, damals hat man Gefängnisse so gestaltet, um mit möglichst wenig Personal alles überblicken zu können. Andere Anstalten aus dieser Zeit – auch in anderen Ländern – sehen ganz ähnlich aus. Diese typische Knast-Optik ist bei Filmemachern beliebt, unter anderem wurden Geisel und Kanak Attack in Vechta gedreht.
Zwei Vollzugsbeamte zeigen mir eine Zelle. “Schreiben sie bloß nicht ‘Schließer’!”, werde ich eindringlichst gebeten. Wer im Vollzugsdienst tätig ist, hasst es, wenn seine Arbeit aufs Betätigen von Schlössern reduziert wird.
Die meisten der in Vechta Inhaftierten sind alleine untergebracht. Schreibtisch, Bett, Fernseher, an den Wänden Poster. Ein bisschen kleiner als ein Zimmer im Studentenwohnheim, ansonsten nicht viel anders. Wenn das Fenster nicht vergittert wäre.
Vergitterte Fenster gibt es auch in Frau Fritschs Büro. Die Sozialpädagogin erzählt über ihren Arbeitsplatz, draußen verbringen Inhaftierte ihre Freistunde. Jeder Gefangene hat das Recht, sich 60 Minuten pro Tag auf dem Hof aufzuhalten.
Sie spielen Basketball, unterhalten sich, sitzen mit freiem Oberkörper in der Sonne. Die Männer sind jung, könnten auch Studenten sein.
Jungtätervollzug
Nach Vechta kommt, wer in Niedersachsen verurteilt wurde und zu alt fürs Jugendgefängnis, aber bei Strafantritt jünger als 25 ist. Das ist in Deutschland einmalig, gilt aber als erfolgreich, in Bayern und Nordrhein-Westfalen wird derzeit erwogen, ähnliche Regelungen einzuführen.
Der Vorteil hierbei ist, dass die Gefangenen mit Gleichaltrigen untergebracht sind und dass besonders auf die Bedürfnisse junger Menschen eingegangen werden kann. Die Inhaftierten haben die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen, können bei ausreichender Haftdauer sogar eine Ausbildung machen.
Allerdings können die Männer nicht heimatnah untergebracht werden, wie dies bei älteren Tätern praktiziert wird. Die JVA Vechta ist das einzige Gefängnis für Jungtäter in Niedersachsen.
Das kann vor allem für die Angehörigen der Häftlinge problematisch sein. Zweimal im Monat darf ein Inhaftierter Besuch empfangen. Stammen die Eingeladenen aus sozial schwachen Milieus, was nicht selten der Fall ist, werden die mitunter weiten Fahrten zur finanziellen Belastung.
347 Männer
Derzeit sitzen 347 Männer ihre Haftstrafen in der Hauptanstalt der JVA ab. Die Taten, die sie begangen haben, reichen von Fahren ohne Fahrerlaubnis, über Körperverletzung und Diebstahl bis hin zu vorsätzlichen Tötungsdelikten. Innerhalb der Anstalt sind sie verschiedenen Abteilungen zugeordnet. Klar, wer hier bloß für eine kurze Ersatzfreiheitsstrafe einfährt, weil er seine Geldbuße nicht bezahlt hat, soll nicht mit Mördern und Vergewaltigern untergebracht werden. In einer sogenannten Schutzgruppe leben Unterdrückungsopfer getrennt von den anderen.
Überhaupt gibt es innerhalb der gut gesicherten Mauern eine starke Differenzierung. Nach Haftantritt wird jeder Gefangene psychologischen Befragungen unterzogen und macht einen Intelligenztest. Danach entscheidet sich, wie es mit ihm weitergeht. Täter mit hohem Aggressionspotential haben die Möglichkeit einer Sozialtherapie, Suchtmittelabhängige können einen Entzug machen.
Außerdem wird bestimmt, welche Jobs für den Inhaftierten in Frage kommen. Von den Insassen der Haftanstalt wird erwartet, dass sie arbeiten. Das ist wichtig, damit sie einen normalen Tagesablauf beibehalten, sich nicht zu sehr von dem Leben “draußen” entfremden. Von dem Verdienst können sie sich kleine Annehmlichkeiten bestellen, so zum Beispiel Schokolade, Tabak oder Obst. Diese Einkäufe werden über Guthabenskonten verrechnet, Bargeld ist im Gefängnis verboten, um Erpressungsfälle oder Probleme wegen Schulden bei Mithäftlingen zu vermeiden. Der größte Teil des Einkommens wird aber erst nach der Entlassung ausgezahlt, um den Start in die Freiheit zu erleichtern.
Die Kosten, die ein Gefangener verursacht, liegen in der JVA übrigens bei ca. 80 Euro pro Tag. Eine Ausgabe, die wohl jeder der 347 Insassen dem Staat gerne ersparen würde.
“Haben sie noch Fragen?”, ermuntert Frau Fritsch mich. Ich schüttele den Kopf. Für heute habe ich genug Antworten erhalten. Es ist ein seltsames Gefühl, in so kurzer Zeit so viele Eindrücke aus dieser absurden, bedrückenden und dennoch irgendwie faszinierenden kleinen Welt zu bekommen.
Ich werde nach draußen begleitet. An einer Wand hängt ein Bild, das ein Gefangener gemalt hat. Es zeigt eine Uhr, die zwischen Gitterstäben zerfließt.
Dennis
Dennis ist 23 Jahre alt. Er hat verschiedene Betrugsdelikte begangen und wurde zu zwei Bewährungsstrafen von acht Monaten und eineinhalb Jahren verurteilt. Die Bewährung der kürzeren Strafe wurde widerrufen, so dass er ins Gefängnis musste. Ob er die eineinhalbjährige Strafe ebenfalls absitzen muss, entscheidet sich in den nächsten Monaten.
Vor seinem Bewährungswiderruf hatte Dennis als Animateur in Griechenland gearbeitet. Er hat eine Freundin und eine eineinhalbjährige Tochter aus einer alten Beziehung.
Schön, dass du dich von uns interviewen lässt.
Ich habe kein Problem damit, über diese Sachen zu reden. Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe, aber ich will es auch nicht verheimlichen.
Wie kommt es, dass du hier bist?
Ich hatte immer auf eine Karriere als Fußballprofi gehofft. Ich war in der A-Jugend von Werder Bremen, dann habe ich mich dem Sportförderprogramm der Bundeswehr angeschlossen. Dort hatte ich einen schweren Unfall, ich habe mich an der Wirbelsäule verletzt. Zeitweise hieß es, ich könnte nie wieder Sport machen. Danach habe ich mich ziemlich hängen lassen. Ich war in einer Drückerkolonne, später habe ich zusammen mit anderen bei eBay Sachen verkauft, die ich nicht besessen habe.
Wie haben deine Eltern darauf reagiert, dass du ins Gefängnis musstest?
Meine Eltern waren natürlich enttäuscht. Aber sie halten zu mir, besuchen mich regelmäßig. Auch meine Freundin hat sich nicht von mir getrennt, obwohl wir erst seit zehn Monaten zusammen sind. Wir sind seit zehn Monaten ein Paar und seit fünf Monaten bin ich im Gefängnis.
Hat sie von deiner Vergangenheit gewusst?
Ja, ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt.
Wie ist es, im Knast zu sein?
Eigentlich ist das Leben hier nicht so schlimm. Man hat seine Aufgaben, irgendwas ist immer. Nur wenn abends die Zellentüren abgeschlossen werden, das ist übel. Trotzdem, manchmal glaube ich, die draußen haben es noch schwerer.
Was meinst du damit?
Ich denke dabei zum Beispiel an meine Freundin. Sie ist 19 Jahre alt und hat gerade Abi gemacht. Viele von ihren Bekannten können absolut nicht verstehen, warum sie mit mir zusammen geblieben ist. Ihre Geschwister haben ein Problem mit mir, wahrscheinlich, weil sie sich Sorgen um sie machen. Das ist nicht einfach für sie.
Mal was anderes: Konntest du die Fußball-WM mitverfolgen?
Ja, klar. Wir haben Fernsehen auf unseren Zellen. Wir dürfen übrigens auch Spielkonsolen benutzen, aber nur alte Modelle, die nicht internetfähig sind, also Gamecube, Playstation 1 usw. Es ist nur schwer, an Spiele zu kommen. Besucher dürfen uns keine mitbringen und es ist verboten, sich gegenseitig etwas auszuleihen.
Justizvollzugsanstalten in Vechta
Geschlossener Jungtätervollzug
Sozialtherapie für Jungtäter
Untersuchungshaft für männliche Jugendliche
Offener Jungtätervollzug
Jugendarrest
Geschlossener Vollzug
Untersuchungshaft
Mutter-Kind-Haus
Offener Vollzug
Freigang
Sozialtherapeutische Abteilung
Was machst du hier so?
Ich bin Hausarbeiter, das heißt, ich wische und fege, teile Frühstück, Mittag- und Abendessen aus. Außerdem mache ich Sport, spiele Fußball, Badminton und Volleyball. Eine Zeitung haben wir hier auch, den Kaktus, da mache ich ebenfalls mit.
Gibt es so etwas wie eine Knast-Hierachie?
Nein, eigentlich ist es recht ruhig. Klar, man kommt nicht mit jedem zurecht. Aber die meisten sind nicht auf Streit aus. Es sind vor allem die Jüngeren, die Ärger suchen. Die stressen rum, und behaupten, sie wären hier, weil sie jemanden umgebracht hätten. Man kann nicht alles glauben, was einem erzählt wird.
Glaubst du, dass dir die Zeit im Gefängnis auch etwas Positives bringt?
Ich denke, man lernt das Leben draußen, die Freiheit, mehr zu schätzen. Hier ist alles reguliert, selbst wann und wie oft man duschen darf. Alles, was man braucht, muss man beantragen.
Wie geht es bei dir weiter, wenn du draußen bist?
Es ist schwierig, das zu planen. Ich weiß ja nicht, wann ich raus komme. Ich möchte auf jeden Fall mein Abi nachholen, ich habe mich an einer Fernschule angemeldet. Was ich danach mache, weiß ich nicht. Vielleicht werde ich studieren.
Vielen Dank für das Gespräch.
von Stefan Hirsch