Deutschland (Vechta) – Lettland (Daugavpils)
Es ist keine gewöhnliche Strecke durch Europa, es kommt einem eher vor, wie eine Reise in die Vergangenheit. Zwischen stillgelegten Fabriken und Betrieben schlummern baufällige Häuser und rasen alte deutsche Autos. An all den schönen Herbsttagen liegt stets der Geruch von Brennholz in der Luft. Willkommen in Lettland: uniVista zu Besuch in Daugavpils – Ein persönlicher Eindruck.
Es ist schon merkwürdig. Ich könnte auf einer Landkarte ganz genau wiedergeben, wo ich mich soeben befinde. Der Finger würde auf einen östlichen Fleck Lettlands zeigen. Mein Gefühl sagt mir jedoch etwas Anderes: Ich steuere auf den Rand unserer geliebten Erde zu. Alles dunkel und unbekannt.
Das ist natürlich totaler Quatsch. Mein Gehirn liefert mir lediglich ein Bild der Ahnungslosigkeit. Östlicher bin ich nämlich nie gewesen und der alte Zug, welcher sich durch die finstere Nacht schlängelt, verstärkt natürlich diese eigene, fast peinliche Wahrnehmung.
Nächster Halt Daugavpils
“Nãkamã pietura: Daugavpils”, raunt eine Frauenstimme durch den Lautsprecher. In Lettland sollte man sich hüten, sofort aus dem Zug zu springen, wenn man aus all den fremden, lettischen Worten den Namen der Stadt hört, bei der man aussteigen möchte. Die kommende Haltestelle wird eine Station früher angesagt und nicht während der Fahrt. Also bleibe ich ungeduldig sitzen. Ich bin in solchen Situationen glücklicherweise nicht auf mich allein gestellt. In Begleitung meiner einheimischen Freundin kann mir eigentlich nichts passieren. Dennoch male ich mir aus, wie eine Grenzkontrolle mich unsanft durchsucht. Weißrussland ist nämlich nur 35 km entfernt, zur litauischen Grenze sind es sogar lediglich 25 km.
Als ich aussteige, überlege ich, wie viele Studenten aus Vechta wohl vor mir hier gewesen sind. Viele können das nicht gewesen sein. Kein einziger Studierender von der Universität in Daugavpils wird mir später sagen, dass er je mit einem Deutschen Bekanntschaft geschlossen hat. Unser International Office bestätigt zumindest die Aussage, dass die letzten zwei Jahre keiner unserer Studierenden den Weg nach Daugavpils gefunden hat.
Einblick
Willkommen also in der zweitgrößten Stadt Lettlands, zu deutsch auch gern Dünaburg genannt. Hier erwarten einen 100.000 Einwohner, wobei zu beachten ist, dass 80 bis 90% russisch stämmig sind. Wer also ein stolzes Repertoire an gelernten lettischen Wörtern vorweisen kann, sollte sich auf kleine Enttäuschungen vorbereiten:
Denn Lettland war Teil der Sowjetunion und in diesen Zeiten wurde die russische Einwanderung staatlich angeordnet und, obwohl seit der Unabhängigkeit 1991 Lettisch wieder die Amtssprache ist, wird dennoch in Daugavpils überwiegend russisch gesprochen.
Die Geschichte des Landes spiegelt sich in den Spannungen zwischen den Menschen. Viele Letten berichten mir, dass sie sich nicht sonderlich heimisch fühlen im „russischen“ Daugavpils und dennoch scheint es, gehen Russen und Letten Hand in Hand. Ich erlaube mir kein Urteil über bestehende Konflikte. Ich bin nur ein „reicher Deutscher“ in einem der ärmsten Länder der EU. Und das sieht man mir anscheinend auch an. Mein Gesicht kann anscheinend meine Herkunft nicht verleugnen.
Stadtbild
Die Stadt bietet dem Studenten von heute alles, was man sich in einem gewissen Zeitraum wünschen kann: Theater, Disco, Bowlingbahn, Eishalle, Kinos, Bibliotheken, einladende Parks sowie urgemütliche Kneipen. Wer sich darüber hinaus mit der Geschichte der Stadt beschäftigen möchte, sollte sich Sehenswürdigkeiten wie die beeindruckende Festung von Daugavpils, die letzte und einzige in ihrer Art erhaltene Schutzbaute aus dem 19. Jahrhundert, anschauen. Viele Kirchen prägen zudem das Stadtbild. Bei wem die Begeisterung für kulturelle Dinge auf der Strecke geblieben ist, kann sich an dem Fluss Daugava erfreuen oder generell die schöne Landschaft genießen.
Die Universität
Solltest Du vorhaben, durch einen Erasmusvertrag ein Semester lang die lettische Luft zu schnuppern, kannst Du dies als Erziehungswissenschaftler, zukünftiger Lehrer oder Student der Geschichte tun. Sicher läuft Dir ab und an auch mal ein deutscher Dozent über den Weg. Zumindest werden von Vechta ausgehend regelmäßig Lehraufenthalte durchgeführt. Dies betrifft Bereiche der Sozialen Arbeit sowie der Geschichte. Die Universität ist die zweitgrößte Lettlands und als solche seit Mitte der Neunziger Jahre anerkannt. Sie bietet ein angenehmes Klima, die vier einzelnen zugehörigen Gebäude sind in kurzer Zeit als Fußgänger zu erreichen. Man unterscheidet fünf verschiedene Fakultäten: Humanwissenschaften, Sozialwissenschaften, Musik und bildende Kunst, Naturwissenschaften und Mathematik, Pädagogik und Management.
Zwei Mal im Monat veranstaltet zudem die Univer-
sität eine Party in einem Schuppen namens Banzai. Wer sich schon in der Wunderbar wohlfühlt, wird auch in diesem Trance-Universum seine Freuden haben.
Auch ein reichhaltiges Sportangebot sorgt für Deine Gesundheit. Kleiner Tipp: Lettland ist verrückt nach Eishockey. Der Gang als Anfänger auf das Eis sollte also gut überlegt sein.
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Universität: Fakultät Humanwissenschaften
Foto: Tobias Kunz
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“Wie gefällt es Dir in Lettland?”
Natürlich ist dies eine der meist gestellten Fragen der einheimischen Menschen und immer fällt mir die Antwort sehr schwer. Ich verschweige meine Gedanken, nachdem ich bedacht habe, dass meine unpatriotische Einstellung mit der anderer Nationen nicht mithalten kann. Ohne jemanden zu kränken sage ich: sehr gut. Geglaubt hat es wahrscheinlich keiner. Denn die Wahrheit ist: Der Lebensstandard ist meilenweit von dem in Deutschland entfernt. Dies zeigt sich insbesondere an und bedauerlicherweise auch in den Gebäuden. Damit meine ich nicht die Vorzeigestadt Riga, sondern die Ecken Lettlands, welche man als Tourist nicht unbedingt aufsucht. Darunter fällt teilweise auch Daugavpils und speziell die einzelnen Dörfer. Wo kein Geld liegt, kann auch nichts blühen. Es ist ziemlich grau in diesem Land, trotz schöner Landschaft. Wer ein Faible für das Vergangene hat, ist jedoch gut in Daugavpils aufgehoben. Und sind wir mal ehrlich: Die optische Ähnlichkeit mit einzelnen Flecken Ostdeutschlands kann man nicht verleugnen.
All zu fremd muss man sich sowieso nicht fühlen. Ich konnte keinen großen Unterschied zwischen deutscher und lettischer Mentalität feststellen, zumindest nicht innerhalb der Jugend. Ist die Sprachbarriere überwunden, stellt sich schnell heraus, dass hinter der scheinbaren Unfreundlichkeit die selben Studenten stecken, wie man sie auch in Vechta findet. Jedoch, und das sollte man sich stets vor Augen halten: mit weitaus mehr existenziellen Ängsten und Sorgen. Mehr als eine traurige Philosophie, sondern bittere Realität ist folgender Satz, welcher mir wiedergegeben wurde: “Lernen, Lernen, Lernen, lebenslanges Lernen, weil wir eh keine Arbeit finden!”
von Tobias Kunz
Bilderalbum
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