© Diogenes Verlag AG, Zürich
Wer in dieser kalten, ungemütlichen Restwinterzeit ein schnuffiges Wohlfühlbuch für die Badewanne sucht, sollte jetzt weglesen. Dürrenmatts Der Verdacht ist nämlich schwere, aber dafür sehr nahrhafte Lesekost.
Auf den flink lesbaren 120 Seiten des Der Richter und sein Henker-Nachfolgers (den man nicht gelesen haben muss) strickt Dürrenmatt einen fesselnden Plot um den abgehalfterten Kommissär Bärlach und seinen letzten Fall zur Jahreswende 1948 und ’49. Der Titelspende-Verdacht geht dabei von einem alten Foto aus, das einen bekannten schweizer Mediziner als sadistischen KZ-Arzt zu enttarnen scheint. So beginnt Bärlach, trotz Krankheit, ein letztes Mal zu ermitteln.
Der ernste Hintergrund um den Holocaust und seine Vollstrecker wird dabei zur Bühne für Dürrenmatts Fragen nach moralischer Stabilität in einer Welt des nackten Materialismus.
Das hört sich jetzt zwar schlimm nach Deutsch-LK-Lektüre für Pseudointellektuelle an, ließt sich aber nicht so. Durch Dürrenmatts präzise, bodenständige Formulierungen bleibt man so glücklicherweise vor dem altbekannten „Charme“ gewisser gelber Reclam-Büchlein bewahrt und kann ungehemmt die Spannung genießen. Wer ein packendes Buch mit Tiefe sucht, stiefelt also zur Bibo-Fachkraft seines Vertrauens.
Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht
Sachgebiet / Signatur: CQYd8692 / 85267
von Thomas Hülsmann