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Hämorrhoiden des Hörfunks
Offener Brief an die Radiomoderatoren
© Daniel Labs / PIXELIO [1]
Liebe Radiomoderatoren,
eine Seefahrt, die ist lustig, eine Bahnfahrt nicht so sehr. Deswegen reise ich am liebsten mit dem Auto. Jaja, die Straßen sind zu voll, die Radarfallen zu zahlreich und außer einem selber nur Psychopathen unterwegs. Aber ich weiß nicht, ich finde das alles nicht so schlimm, und die Psychopathen sitzen ja immerhin in anderen Autos. In der Bahn sind sie hingegen bedeutend näher. Ich erinnere mich da an vor allem an eine Fahrt von Vechta nach Braunschweig: Neben mir saß ein Alkoholiker, der zunächst alle 160 Klingeltöne seines steinalten Nokia-Handys durchprobierte. Dann erklärte er das Rauchverbot für unverbindlich und wollte sich mit dem Schaffner prügeln, der auf Einhaltung der Vorschrift bestand.
Aber genug davon. Ich fahre – wie gesagt – ganz gerne Auto. Es gibt nur etwas, was man nie vergessen darf, wenn man gut gelaunt ankommen will: CDs mitnehmen. Ohne Musik, da fehlt irgendwie was, das fühlt sich seltsam an, das geht nicht.
Und Radio hören? Mal im Ernst: Das macht jede Fahrt zur Folter. Und Schuld daran seid – ja richtig – Ihr!
Das mit der Musik ist eine Sache. Die ist scheiße, aber gefällt immerhin allen, die über die Volkswagen-Werbung lachen und gerne bei Günther Jauch mitraten. Darüber will ich mich jetzt auch gar nicht beklagen, da muss man halt durch, wenn man Radio hört. Sich über Silbermond, Lady Gaga und Herbert Grönemeyer auf FFN & Co. aufzuregen, wäre genau so nutzlos, wie wenn man sich auf der Kirmes an Mickie Krauses Zehn nackten Friseusen störte (Wobei es schon ziemlich, naja, ich sag mal weit fassend ist, von Kulthits und dem Besten von heute zu sprechen und dann irgendwas von Unheilig zu bringen. Ich bin mir bei Songs wie Geboren um zu leben nicht so sicher, ob das jetzt Gummibärchen-Gothic oder ein mit tiefer Stimme gesungener Schlager ist).
Nein, was wirklich nervt, ist alles, was jenseits von Musik typisch Radio ist, z. B. Gewinnspiele. Da fangen ältere Herren an, vor Freude zu quieken wie Ferkel auf der Schlachtbank. Und warum? Weil sie 100 €
abgreifen konnten. Das muss doch nicht sein, und dass das alles nur gestellt ist, ist völlig klar („So, wir rufen dich jetzt nochmal an, und sagen dir, dass du gewonnen hast. Und du freust dich dann. So total irre und voll crazy und so. Klar?“)
Das schlimmste ist aber die Comedy. Benjamin von Stuckrad-Barre bezeichnete Radio-Comedy mal als Hämorrhoiden des Hörfunks. Und auch wenn manch einer die Verfilmung seines Bestsellers Soloalbum als Hämorrhoide der Popliteratur sehen würde, muss man doch sagen: Er hatte recht.
Nehmen wir beispielsweise mal FFNs Telefonstreich Crazyphone. Liebe Moderatoren, macht bitte mal die Augen zu, und denkt ganz fest an das Wort crazy. Was wird als erstes in Euren Köpfen erscheinen? Richtig, ein adipöser Mayonnaise-Junkie, der sein Baseball-Cap mit dem Schirm nach hinten trägt, morgens unter der Dusche den Song aus der Bratmaxe-Werbung pfeift und immer noch nicht ganz verwunden hat, dass die 90er Jahre vorbei sind. Was ich damit sagen will, ist: Was sich selbst als crazy definiert, ist nicht lustig sondern jämmerlich.
Während man dem Crazyphone aber ganz gut aus dem Weg gehen kann, ist das bei dem Kleinen Nils bedeutend schwerer. Diese Telefon-Verarsche für Diddl-Maus-Onanisten breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür und hat mittlerweile auf 18 Sendern ihren Platz.
Lustig? Naja, es gibt ja auch Leute die über totgefahrene Katzen lachen. Hätten die Macher von 24 jedenfalls Radio gehört, würde Special Agent Jack Bauer gefangene Terroristen nicht mithilfe von Stromstößen kooperativ machen, sondern sie zusammen mit dem Kleinen Nils und Morgenmän Franky zu einem Frühstück bei Stefanie einladen.
Amnesty International würde das jedoch äußerst bedenklich finden. Deswegen, liebe Radiomoderatoren, eine Bitte: Hört Euch einfach mal selber zu. Und dann denkt bitte gründlich darüber nach, was davon witzig, was noch zumutbar, und was einfach nur scheiße ist.
Liebe Grüße,
Euer Stefan Hirsch
uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: Hämorrhoiden des Hörfunks
Datum: 17. Januar 2011
Rubriken: Artikel,Kultur,No 18 - Januar 2011,Stefan Hirsch
Adresse: http://www.univista.de/2011/01/17/haemorrhoiden-des-hoerfunks/
Links im Artikel:[1] PIXELIO - http://www.pixelio.de