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Probieren geht über Studieren
Mourne Grange - Ein Paradies für Praktikanten
Bild: Nina Gerlach
Alles begann 1940 in Aberdeen, Schottland, als der Wiener Kinderarzt Karl König nach seiner Freilassung aus einem Internierungslager die erste Camphill Community gründete, die Camphill Community for Children in Need of Special Care. Angelehnt an die Waldorfpädagogik, erhielten dort Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen eine angemessene Schulausbildung und in Ergänzung dazu verschiedene Musik- und Bewegungstherapien.
Die erste Camphill-Dorfgemeinschaft entstand fünfzehn Jahre später in Yorkshire, im Norden von England. Das “Dorf” bot Wohn- und Arbeitsplätze für 130 Erwachsene mit “besonderen Bedürfnissen”. Seit 1955 wurden immer mehr Camphill Communities gegründet, mittlerweile gibt es in zwanzig verschiedenen Ländern insgesamt über hundert Communities. Eine davon ist Mourne Grange.
Mourne Grange liegt, versteckt zwischen den Hügeln der namengebenden Mourne Mountains, in einer sagenhaft schönen Idylle, an der Südküste Nordirlands. Mourne Grange ist eine Camphill Community, in der erwachsene Menschen mit Behinderungen leben und arbeiten. Das Dorf im Dorf bietet alles, was man zum Leben braucht. Wohnräume, familiäre Atmosphäre, eine Bäckerei, eine Wäscherei, ein Café und vieles mehr. In insgesamt acht verschiedenen Häusern leben die Dörfler in Verhältnissen, wie in einer Großfamilie, zusammen mit den Sozialarbeitern und deren Familien.
Die Tagesabläufe der Dörfler in Mourne Grange gestalten sich immer gleich. Um ihnen einen normalen Alltag zu ermöglichen, ist Regelmäßigkeit und eine konsequent feste Aufgabenverteilung wichtig. Der Tag beginnt mit einer gemeinsamen halben Stunde innerhalb der Häuser, in der gesungen und zum Teil auch gebetet wird. Danach wird gefrühstückt, bevor die Bewohner zu ihrer jeweiligen Arbeit aufbrechen. Jeder Dörfler hat die Möglichkeit einer Arbeit nachzugehen, die seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten entspricht. Ganz verschiedene Arbeitsplätze bieten hier die Weberei, Wäscherei, Holzwerkstatt und die verschiedenen Bereiche der Lebensmittelherstellung, wie etwa das Landbuilding, die Farm, die Bäckerei oder die Foodprocessing. Gearbeitet wird von morgens um 9 Uhr bis mittags um 12:30 Uhr und nachmittags nach dem Lunch von 14 bis 18:30 Uhr.
Die biologisch-dynamisch hergestellten Lebensmittel werden an die Häuser verteilt, denn die Bewohner von Mourne Grange leben überwiegend von dem, was sie selbst produzieren. Die Lebensmittel und Produkte, die nicht verzehrt werden, können von Besuchern des Dorfes im Store oder in dem kleinen Café mit angeschlossenem Laden, die ebenfalls Arbeitsmöglichkeiten bieten, erworben werden.
In ihrer Freizeit können die Dörfler Hobbies nachgehen. Es gibt Gesangsgruppen, Musikgruppen, Töpferkurse und Malkurse. Seit 2007 gibt es zusätzlich das sogenannte Healthcenter, in dem sich verschiedene Therapieräume, ein Eurythmieraum und ein Maleratelier befinden.
An den Wochenenden, besonders am Sonntag, werden oft und gerne Ausflüge unternommen. Dann macht sich das ganze Haus zusammen auf den Weg, um ins Kino zu gehen, ein Restaurant zu besuchen oder andere Dinge gemeinschaftlich zu erleben. Die Nähe zu Gott finden die Dörfler in der kleinen dorfeigenen Kapelle, wer jedoch einer Gemeinde außerhalb der Camphill Community angehört, wird jeden Sonntag mit dem Auto zu seiner Kirche gefahren.
Außer den Sozialarbeitern und deren Familien und den Dörflern leben und arbeiten in Mourne Grange viele Co-Worker. Junge Freiwillige, die hier einen Freiwilligendienst absolvieren. Sie leben in den verschiedenen Häusern, in denen sie verschiedenen Aufgaben zugeteilt werden und selbstverständlich gehen auch sie einer Arbeit im Dorf nach. Natürlich haben auch sie freie Tage.
Grafik: Nickshanks, Wikimedia
Bearbeitung: Alexander Dressler
In Mourne Grange leben und arbeiten die Menschen friedlich miteinander. Stress und Hektik sind Fremdwörter in dem kleinen Dorf. Menschen mit besonderen Bedürfnissen haben hier die Gelegenheit, ein ganz normales Leben zu führen, ihre körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen treten völlig in den Hintergrund.
2008 habe ich im Rahmen meines schulischen Sozialpraktikums vier Wochen lang in Mourne Grange gelebt. Obwohl ich mit der Waldorfpädagogik vertraut und mir Anthroposophie nicht fremd ist, war die Lebensweise der Menschen in Mourne Grange etwas völlig Neues für mich.
Ich habe Mourne Grange als eine sehr positive Erfahrung mitgenommen. Mich hat es erstaunt, wie friedlich und stressfrei man miteinander leben kann. Als ich nach dem Praktikum zurück nach Deutschland in die Stadt kam, spürte ich den Kontrast der Lebensarten nur zu deutlich. Ich habe diese Zeit vor allen Dingen genutzt, um die Erfahrung zu machen, wie es ist, mit körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen zusammen zu leben. Ich persönlich habe in Mourne Grange nur gute Erfahrungen gemacht und hatte ein tolle Zeit.
Ich denke, Mourne Grange könnte für viele Studenten eine interessante Praktikumsstelle sein. Sowohl für Studenten der Sozialen Arbeit, als auch der Gerontologie. Auch Anglistikstudenten sind in Mourne Grange gut aufgehoben. Es wird ein gut verständliches Englisch gesprochen, nicht nur von den Sozialarbeitern. Außerdem sind die Erfahrungen, die man in einer Camphill-Einrichtung machen kann, einmalig.
Der Tagesablauf der Praktikanten in Mourne Grange gestaltet sich in etwa gleich, wie der der Co-Worker, man lebt in einem der Häuser und wird einer Arbeit im Dorf zugeteilt.
Also: Probieren geht über Studieren.
von Nina Gerlach
uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: Probieren geht über Studieren
Datum: 23. Juni 2011
Rubriken: Artikel,Nina Gerlach,No 19 - Juni 2011,Studium
Adresse: http://www.univista.de/2011/06/23/probieren-geht-uber-studieren/