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Auf der anderen Seite des Tisches
Aus dem Alltag einer Arbeitsvermittlerin SGB II
© Rainer Sturm / PIXELIO [1]
Endlich nach fünf Jahren hatte ich das Diplom nun in der Tasche. Doch statt in die große weite Welt führten mich meine ersten Wege als Absolventin aber ins Arbeitsamt. Ich wurde Kundin, wie es so schön heißt, des Jobcenters. Das brachte vollkommen neue Herausforderungen mit sich. Es galt Anträge auszufüllen und Nachweise einzureichen. Mein Wortschatz erweiterte sich um Begriffe wie Eingliederungsvereinbarung, Meldeversäumnis, Weiterbewilligungsantrag u.v.m.
Nach über einem Jahr in den Mühlen dieser Bürokratiemaschine bekam ich dann doch endlich einen Job. Dieser führte mich nach Hamburg und wieder ins Arbeitsamt. Denn ich hatte einen Vertrag als Arbeitsvermittlerin im Bereich SGB II (umgangssprachlich Hartz IV) angeboten bekommen. Zwar waren mir die Begrifflichkeiten durch meine eigene Zeit als Kundin nicht mehr ganz so fremd, trotzdem war alles neu. Denn auf der anderen Seite des Tisches bekommen die Verwaltungsvorgänge eine ganz neue Bedeutung. Doch zunächst wurde ich von meinem Arbeitgeber in einen Schulungsmarathon geschickt und lernte neben den gesetzlichen Grundlagen weitere neue Worte, wie erwerbsfähiger Hilfebedürftiger (jetzt: erwerbsfähiger Leistungsberichtigter), Mehrbedarf, Passiv-leistungen etc. und, dass es für all diese Begrifflichkeiten natürlich auch Abkürzungen gibt (das interne Abkürzungsverzeichnis ist über 20 Seiten stark).
Nach gut zwei Monaten war es dann soweit. Ich führte meine ersten eigenverantwortlichen Kundengespräche. Nun war ich es die eine Eingliederungsvereinbarung schloss, zur Bewerbung aufforderte und in den weiten der Jobbörse die passende Stelle für den vor mir sitzenden Menschen zu finden versuchte, was für eine Herausforderung.
Zwar fühlte ich mich als Diplom Pädagogin der Gesprächssituation gewachsen, dennoch war der Perspektivwechsel nicht einfach. Denn häufig sind die Biographien der Menschen geprägt von Brüchen und Problemlagen, welche den Fokus auf Arbeit verstellen. Doch die Arbeitsvermittlung ist der Kern dieser Tätigkeit. Hinzu kommen Arbeitgeber, welche die Eier legende Wollmilchsau suchen, die es, wie wir alle wissen, nicht gibt. Hinzu kommen Zielvorgaben durch den eigenen Arbeitgeber und die Politik. Gefühlt sitze ich als Arbeitsvermittlerin immer zwischen diesen Stühlen.
Doch Arbeitsvermittlung ist nicht nur inhaltlich vielfältig und komplex, sondern auch von den Voraussetzungen, welche jeder Kollege mitbringt.
Denn Arbeitsvermittlung ist kein wirklicher Lehrberuf. Es gibt zwar den einen oder anderen Absolventen der BA- Hochschule, aber diese sind in der Minderheit. Der große Rest besteht aus Quereinsteigern. Denn um bei der BA für den höheren Dienst eingestellt zu werden ist lediglich ein absolviertes Studium (egal welches) oder entsprechende Berufserfahrung Voraussetzung. Dementsprechend sind unter den Kollegen, Juristen, Psychologen, Biologen, Archäologen, Historiker, Verlagskaufleute und vieles mehr zu finden.
Diese Vielfalt spiegelt einerseits eine Qualität wieder, da diese unterschiedlichen Erfahrungen auf den verschiedensten Fachgebieten auch bedeuten, dass viel Fachwissen im Jobcenter vertreten ist. Andrerseits ist das auch Ergebnis einer hohen Fluktuation innerhalb der Bundesagentur für Arbeit. Denn die Ansprüche an einen Arbeitsvermittler sind hoch. In einem normalen Jobcenter betreut ein einziger Arbeitsvermittler oft bis zu 400 Menschen auf einmal. Betreuung bedeutet dabei nicht nur die Gespräche zu führen, sondern auch alle Verwaltungsaufgaben zu erledigen, die anfallen. Dazu kommt, dass die Verträge häufig befristet sind. Arbeitsvermittler also selbst von der Arbeitslosigkeit bedroht werden.
Vorteilhaft ist, dass die Arbeitszeit durch Gleitzeitregelungen flexibel handhabbar ist und Überstunden unkompliziert abgegolten werden können. Auch das Anfangsgehalt, welches sich durchaus auch an der eigenen Qualifikation bemisst, ist zumindest für Arbeitnehmer aus dem sozialpädagogischen Bereich durchaus lukrativ.
Nach meinem ersten halben Jahr im Bereich Arbeitsvermittlung SGB II kann ich folgende Bilanz ziehen: Die Arbeit ist anspruchsvoll, gerade wenn es darum geht , sowohl dem Menschen, als auch dem Gesetz genüge zu tun. Der Alltag ist neben den Gesprächen vor allem durch Verwaltung geprägt.
Als Arbeitsvermittler ist man Teil der Exekutive. Das heißt, man führt geltendes Recht aus. Gerade im SGB II Bereich oftmals gegen viel Widerstand. Hinzu kommt, dass die Politik sich gern mit möglichst geringen Arbeitslosenzahlen schmückt und deshalb häufig Neuerungen eingeführt und wieder abgeschafft werden um politisch gewollte Ziele, in der Regel Zahlen zu erreichen.
von Stefanie Bruns
uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: Auf der anderen Seite des Tisches
Datum: 6. Dezember 2011
Rubriken: Artikel,No 20 - Dezember 2011,Stefanie Bruns,Studium
Adresse: http://www.univista.de/2011/12/06/auf-der-anderen-seite-des-tisches/
Links im Artikel:[1] PIXELIO - http://www.pixelio.de