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“Eine unendliche Geschichte!”
Wie Filme, dank H&M und Primark, zum wahren Leben werden
Bild: Johanna-Maria Jaromin
Gedrängel der Menschenmassen, ich mittendrin. Der Boden unter meinen Füßen vibriert sanft, der “Schlachtduft”, in Form eines übersüßen Hello Kitty – Bodysprays, bohrt sich hartnäckig in meine Nase. Leicht, ganz leicht – nur mit scharfen Sinnen spürbar. Plötzlich stürzen sie sich von allen Richtungen auf mich: Die Einkäufer mit weißen Tüten! Hier stationiert: H&M und Primark. Mein Atem stockt. Diskret will ich als neutrale Einheit für die Rebellion ergründen, was an folgendem Klischee dran ist: “Junge Leute sehen alle gleich aus – Primark/H&M sind Honig, den hauptsächlich Schüler/Studenten umschwärmen.” Ist etwas Wahres dran? Was spricht dafür und was dagegen?
Zugegebenermaßen fällt auf, dass auf den Straßen gewisse Trends wirklich verstärkt anzufinden sind. Schmunzelnd muss man eingestehen, dass auch im eigenen Schrank Vertreter gewisser Fashionüberflieger hängen. Rückblickend darauf, wo ich meine Herzensstücke ergattert habe, komme ich zu der Erkenntnis, dass ich den Gründern von H&M einen Fanbrief schuldig bin. Lieber Herr H., lieber Herr M., mir gefällt ihre Mode wirklich sehr. Besonders finde ich es genial, dass Sie das Ganze auch noch in guter Qualität und zu erschwinglichen Preisen anbieten, außerdem auch mal Top-Designer für uns “Normalos” an Land ziehen. Die “Klamotten” sind außerdem echt tragbar. Man hat nie das Gefühl, wie eine Alltags-Lady Gaga auszusehen, selbst wenn man den flippigsten Fummel aus Ihrer Kollektion kauft. Beste Grüße, Studentin.”
Diamanten schimmern jedoch nicht aus allen Winkeln. Möchte man beispielsweise bei H&M das Gerücht “Männerbekleidung”, ergründen, muss man sich erst einmal durch die ewigen Weiten des Stoff-Labyrinths, namens “Damenbekleidung”, schlagen. Hat man das Ziel erreicht, ist man wahrscheinlich enttäuscht, da man vermehrt auf immer wiederkehrende Kollektions-Mumien stößt, die hartnäckig jeder Mode-Witterung standhalten und nicht viel Platz für Individualität lassen. Benommen stolpere ich zurück in die Damenabteilung, dem Unterdrücker aller anderen Abteilungen und entdecke auch hier vermehrt dieses Phänomen. Die allgemeine “Schlachttaktik” ist schnell durchschaut. Es scheint also Buch geführt zu werden, über die beliebtesten Produkte der vergangenen Zeit, besonders bei Frauen. Da der Angebotsmarkt mittlerweile “Weltallgröße” angenommen hat, wird den geblendeten Einkäuferinnen ein Placeboeffekt verkauft. Es wird geglaubt, dass man neues “Modeland” erkundet hat. Dabei wird nur selten realisiert, dass alle Jahre wieder ein und dasselbe Kleidungsstück, je Shop und Kollektion, wiederholt in anderen Variationen aufgerollt wird und lediglich die neue Kombination dieser Stücke jeweils den neuen Trend setzen und bestimmen. Designer, die auf Bestellung und für Massenproduktion arbeiten, entwaffnen, indem sie zu bereits Bekanntem ein neues Detail hinzufügen, was wieder extravagant und somit interessant aussehen lässt. Letzten Endes ist es meistens in der Umkleidekabine um jeden geschehen. Mächte, die dem schmeichelnden Charme schlankmachender Spiegel entgegenwirken könnten, müssen in diesem Leben erst noch erfunden werden.
Gruppen von Menschen eilen glücklich mit funkelnden Augen und “Klonware” an mir vorbei. Der dabei entstandene Luftzug weht mir um die Haare. Ein kalter Schauder läuft mir den Rücken herunter. Ich nehme an meinem Ohr ein leises Flüstern wahr. Erschrocken blicke ich hektisch zu meiner Rechten und entdecke sie. Traurig dreinblickende Rabatte. Zumeist unbeachtet, durchwühlt, beschädigt. Bedrückt von dem Anblick, wird mir auf einmal klar, wo die Individualität geblieben ist. Aufgrund der schillernden Farben, der seltsamen Form – aussortiert und gebrandmarkt. Wachgerüttelt adoptiere ich aus Protest einen grünen, hässlichen, für meine Größe viel zu langen Männerschal.
Bild: Ahmad A.
Wieder im Freien und völlig erschöpft vom Tauschhandel, schließe ich meine Augen und atme tief durch.
Als ich sie wieder öffne, stehe ich plötzlich an einem anderen Ort, vor einer anderen einschüchternden Präsenz. Meine linke Hand hält einen Zettel fest umschlossen. Verwirrt beginne ich zu lesen: “Name: Primark. Beliebtheitsgrad: Laut privater Befragung, vier von fünf Sternen. Das Objekt darf nicht unterschätzt werden. Viel Erfolg!” Seufzend durchforste ich all meine Taschen nach brauchbaren Mitteln, im Falle des Gefechts. Fünf Euro. Bei H&M ein “Huteinwurf”, bei Primark dagegen beinahe unbegrenzte Auswahlmöglichkeiten, wie ich in dem großen Waren-Meer feststelle. Begeistert von der Erkenntnis, dass die Kollektion, bis auf die Qualität, ihrer Konkurrenz in nichts nachsteht, motiviert mich dazu, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Das Gefühl, alles nachgeworfen zu bekommen, hat eine überwältigende Auswirkung – ein wahres Studentenparadies. Alles, was das Herz begehrt, so einfach erschwinglich und bei Verlusten leichter zu entbehren. Ein Gefühl, dass man sich leider, nichts desto trotz, mit unzähligen Gleichgesinnten teilen muss, denn die “berauschende” Einkaufszone gleicht einem Schlachtfeld. Auch hier bleibt der Individualitätsverlust nicht fern. Trotz dem für unsere Geschmäcker eher exotischen Angebot, das dem Herkunftsland England angepasst ist, sind auch hier die Beliebtheitsnoten klar verteilt. Wie in einem Trainingslager wird man im Waten geschult, durch unzählige Stoffmassen, die über den Boden verteilt vor sich hin lechzen. Auslagetische, die stolz die beliebtesten Prachtstücke der Kollektion ehren, können einen in Schrecken versetzen. Zerpflückt und durchgewühlt bis zur Unkenntlichkeit. Zu prickelnd ist die Ware, zu stark der Reiz, den ganzen Laden zu erforschen.
Sind die ganzen Eindrücke vom “ersten Mal” bei Primark jedoch erst einmal verebbt, dürfte sich die Suche dort nach dem perfekten “kleinen Schwarzen” und generell größeren Anschaffungen immer schwerer gestalten.
Die Neuheiten verblassen, der Alltag kehrt ein, bloß der Jahreszeitenwechsel schafft Veränderung. Die preisreduzierten Stücke sind aufgrund der schlechten Qualität, trotz Individualität, ein Kleiderfriedhof – nicht zu retten.
Ich schleiche mich seitlich an einen gut verdeckten Ort, von dem aus ich alles überschauen kann. Ich sichte einen weiteren Anti-Sympathen, dessen Name allzu bekannt ist: Warteschlange.
Ein weiterer Dorn im Auge ist, dass es für mich ein ewiges Mysterium bleiben wird, wie Primark’s Umkleidekabinen von innen aussehen. Wie sagt man so schön? “Ein guter Gegner kennt die Schwächen seiner Feinde” – meine Ungeduld wurde entlarvt, in Deckung! Ich stürme etliche Gänge entlang, ohne zu wissen, wohin. Der Boden unter den Füßen bebt heftig. Der Hello-Kitty-Schlachtduft verfolgt mich und drängt sich gewaltsam in meine Nase. Mittlerweile sehe ich sie überall – Einkäufer mit weißen Tüten! Hier stationiert: H&M und Primark. Mich plagt ein elender Durst, ich werde langsamer und bleibe anschließend ganz stehen. Entkräftet sinke ich zu Boden, mir wird übel. Ich setze mich hin und schließe die Augen. In meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen. Ich öffne meine Augen und sehe es …
Bild: Lukas J.
von Johanna-Maria Jaromin
uniVista | Campusmagazin Vechta (www.univista.de)
Titel: “Eine unendliche Geschichte!”
Datum: 6. Dezember 2011
Rubriken: Artikel,Gesellschaft,Johanna-Maria Jaromin,No 20 - Dezember 2011
Adresse: http://www.univista.de/2011/12/06/eine-unendliche-geschichte/