Cindy Klechowicz

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Von der Spinnerei zum Sozialen Netzwerk

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Profilseite bei kaioo
Foto: Björn Franke
Das Prinzip der Social Community boomt – fast jedem bekannt dürften die Plattform studiVZ für Studenten und Klone wie schülerVZ und meinVZ sein. uniVista hat Thomas Kreye, den Vater und ursprünglichen Ideengeber von kaioo, einer nicht-kommerziellen, gemeinnützigen Plattform, die durch Spenden finanziert wird, besucht, und ihn zum Interview gebeten. Kaioo bietet Menschen – wie andere Social Communities auch – die Möglichkeit gibt, sich Profile anzulegen, Gruppen zu gründen und beizutreten und sich dadurch mit seinen Freunden virtuell zu vernetzen.
kaioo ist laut Aussage von Kreye aus einer Spinnerei entstanden. Die Idee war eine Website zu erstellen, auf der sich Leute freiwillig Werbevideos anschauen, um dort „ihre Zeit zu spenden“ und mit dem gespendeten Werbeerlös etwas Gutes zu tun. Das Problem: Die Leute besuchen so eine Seite einmal und dann nie wieder. Daraus entstand die Idee, eine Community zu gründen, bei der der „Spende deine Zeit“-Gedanke in den Hintergrund rückt, da in einer Community die Nutzer die Werbung eher nebenbei wahrnehmen.
Kreye war zum damaligen Zeitpunkt in der Unternehmensentwicklung bei Bertelsmann beschäftigt und sprach mit Kollegen über diese Idee. Rolf Schmidt-Holtz, ehemaliger Stern-Chefredakteur und mittlerweile im Vorstand von SonyBMG, war begeistert und stellte eine Summe aus seinem Privatvermögen zur Verfügung.
Im Sommer 2007 wurde eine Satzung entworfen und damit die Entwicklung von kaioo gestartet. Die Zielgruppe von kaioo umfasst nicht nur Studenten, sondern Menschen jeden Alters, unabhängig von beruflicher und gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
Ende November 2007 ging die Community an den Start – mit rudimentärem Funktionsumfang und dem Problem, in der sowieso schon von Datenschützern kritisch beäugten Landschaft der Social Communities Glaubwürdigkeit zu erlangen.
„Die Leute müssen sehen, dass wir das auch wirklich ernst meinen“, sagt Kreye. „Durch den Gesellschaftsvertrag wird festgelegt, dass unsere Mittel zeitnah für soziale Zwecke verwendet werden müssen.“
Doch für neue Communites ist der Start schwer, denn die Menschen bleiben dort, wo sie ihre Freunde – ihre virtuelle Heimat – haben. Somit kamen anfangs nur Menschen zu kaioo, die die Konzeption gut fanden.
Das Konzept setzt neben der Gemeinnützigkeit auf aktive Beteiligung der Nutzer. So gibt es zum Beispiel eine Gruppe, die sich um die Ausgestaltung der AGB kümmert. Kreye dazu: „Die AGB sind momentan sicherlich nicht optimal, aber sie sollen dadurch nutzeroptimal gestaltet werden.“ Neben dem Wert der Mitbestimmung gilt auch der Wert der Meinungsfreiheit: „Zu Anfang funktionierte die Löschfunktion noch nicht. Dann gab es einen Thread ‚Wir wollen hier raus!‘. Wir haben den Thread stehen gelassen, weil wir dachten, es muss noch intelligente Menschen geben, die sich das erstmal anschaun und sich dann ein Urteil bilden. Aber wir haben uns damit auch in den Fuß geschossen, weil sowas ja auch abschreckt.“ Die Nutzer sollen sich bei kaioo nicht als Kunden fühlen, sondern als aktive Mitgestalter. Laut Kreye können die Nutzer selbst das beste „Monitoring“ liefern, wenn es um problematische Inhalte wie beispielsweise Schmuddelbilder geht. Der betreffende Nutzer wird in einem solchen Fall angeschrieben, dass er den problematischen Inhalt entfernen möge. Denn eine Löschung des Nutzers würde nur dazu führen, dass er sich in der nächsten Minute wieder neu anmeldet. Sofern die Inhalte gesetzeswidrig sind, werden die Daten des Nutzers nur auf richterlichen Beschluss herausgerückt.
kaioo wurde in der Vergangenheit oft die Nähe zu Bertelsmann vorgeworfen und kritische Stimmen fragten, ob kaioo am Ende nur Adressen für die Firma sammeln sollte, doch Kreye betont, dass dieser Gedanke indiskutabel sei und dass daran kein Interesse bestünde – er selbst war zwar 1,5 Jahre dort angestellt, doch die Firma Bertelsmann war für ihn nur ein Arbeitgeber und kaioo habe mit Bertelsmann überhaupt nichts zu tun.
Ein Problem, welches gewissermaßen aus dem Prinzip der Social Communities resultiert, ist der Datenschutz. Jeder Nutzer kann die Daten anderer Nutzer einsehen, seien es Freunde oder die Redakteure aus der Boulevardpresse, wie vor einiger Zeit geschehen, als eine schülerVZ-Nutzerin verunfallte und die Zeitung mit den vier Buchstaben Bilder aus ihrem Fotoalbum verwendete. Kreye sagt dazu, dass er hofft, dass die Menschen aufgrund der Thematisierung des Datenschutzes bei kaioo generell dafür sensibilisiert werden, welche Daten sie von sich in sozialen Netzwerken preisgeben.
Für die Zukunft der mittlerweile 35.000 Mitglieder fassenden Community kaioo plant Kreye, im Juni und Juli vieles zu verändern. Die Plattform wird seiner Aussage nach kaum wiederzuerkennen sein – am Prinzip der Gemeinnützigkeit wird sich zwar nichts ändern und die Werbeeinnahmen werden weiterhin gespendet werden, doch die Nutzer von kaioo sollen noch stärker ins Geschehen involviert werden.
Sebastian Ebert und Thomas Kreye
Foto: Cindy Klechowicz
Details des sich in der Entwicklung befindlichen Konzeptes sind jedoch noch geheim, der momentane Stand der Community ist aber keinesfalls das Endprodukt.
Mittel- bis langfristig kann Kreye sich auch vorstellen, kaioo nach dem Open- Source-Prinzip weiterzuentwickeln, da der Grundsatz der Ehrenamtlichkeit der Idee, möglichst viel Geld für wohltätige Zwecke zu spenden, am ehesten entspricht: Je weniger Mitarbeiter fest angestellt sind und je mehr Menschen das Projekt auf freiwilliger, ehrenamtlicher Basis unterstützen, desto mehr Kosten werden gespart und desto mehr Geld kommt gemeinnützigen Zwecken zugute – ein Grundsatz, den das Team von kaioo selbst zu leben scheint, wenn man wie wir die Chance hat, sich das einfach eingerichtete Büro im Hamburger Mediadeck einmal selbst anzuschauen.
von Björn Franke und Cindy Klechowicz

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