Franziska Kliefoth
Inhaltsverzeichnis:
Die Welt in Tönen und Farben erschmecken
Der Zimt riecht pink. Die Sonne schmeckt süß. Der Freitag ist feminin. Das Saxophon klingt quadratisch. Die 6 erscheint geschwätzig.
Die Sinne der Synästhetiker verschmelzen. Sie hören Farben, sehen Musik oder schmecken Ziffern. Solcherlei Aussagen klingen für viele Menschen befremdlich. Dennoch ist Synästhesie* kein Hirngespinst, sondern ein Phänomen, dessen medizinische Ursachen innerhalb der letzten 30 Jahre versucht wurde mit Hilfe der neuesten technologischen Durchbrüche zu entschlüsseln.
So wird zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgegangen, dass bestimmte neuronale Verbindungen für die ungewöhnliche Verkopplung der Sinne verantwortlich sind. Die Forscher vermuten, dass jedes Neugeborene bis zu seinem vierten Lebensmonat die Welt um sich herum synästhetisch wahrnimmt. Mit der Reifung des Gehirns beginnen die Sinne zum größten Teil autonom ihre Aufgaben zu erfüllen.
Bei wenigen Menschen bleiben diese speziellen Verknüpfungen ein Leben lang erhalten. Wie viele Synästhetiker es wirklich gibt, konnte noch nicht genau festgestellt werden. Häufig ist von dem Verhältnis 1:2000 die Rede.
Synästhesie kann verschiedenste Formen annehmen. So ist in der Theorie fast jede Kombination der Sinne denkbar, auch wenn noch nicht alle von ihnen bei Synästhetikern entdeckt werden konnten.
Die Ursache hierfür liegt zum einen an der noch sehr jungen Forschung, zum anderen daran, dass viele Menschen nichts von ihrer Synästhesie wissen. Sie gehen davon aus, dass jeder seine Umwelt auf dieselbe Weise erfährt. Die ungewöhnlichen Gefühle und Verbindungen werden als selbstverständlich beschrieben, da die eigene Welt nie anders erlebt wurde.
So wird zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgegangen, dass bestimmte neuronale Verbindungen für die ungewöhnliche Verkopplung der Sinne verantwortlich sind. Die Forscher vermuten, dass jedes Neugeborene bis zu seinem vierten Lebensmonat die Welt um sich herum synästhetisch wahrnimmt. Mit der Reifung des Gehirns beginnen die Sinne zum größten Teil autonom ihre Aufgaben zu erfüllen.
Bei wenigen Menschen bleiben diese speziellen Verknüpfungen ein Leben lang erhalten. Wie viele Synästhetiker es wirklich gibt, konnte noch nicht genau festgestellt werden. Häufig ist von dem Verhältnis 1:2000 die Rede.
Synästhesie kann verschiedenste Formen annehmen. So ist in der Theorie fast jede Kombination der Sinne denkbar, auch wenn noch nicht alle von ihnen bei Synästhetikern entdeckt werden konnten.
Die Ursache hierfür liegt zum einen an der noch sehr jungen Forschung, zum anderen daran, dass viele Menschen nichts von ihrer Synästhesie wissen. Sie gehen davon aus, dass jeder seine Umwelt auf dieselbe Weise erfährt. Die ungewöhnlichen Gefühle und Verbindungen werden als selbstverständlich beschrieben, da die eigene Welt nie anders erlebt wurde.
![]() “Einige Kreise” von Wassily Kandinsky (1926)
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Nicht-Synästhetiker haben nur bis zu einem gewissen Grad die Möglichkeit synästhetische Empfindungen nachzuvollziehen. Das unwillkürliche, immer gleiche Empfinden bei diesen synästhetischen Erfahrungen bleibt ihnen verborgen. Der einzig mögliche Zugang zu der Perzeption* eines Synästhetikers ist nur unter Hinzunahme des Begriffs der Assoziation denkbar. Diese beiden Vorgänge können nicht gleichgesetzt werden, jedoch dem Verständnis dienlich sein. Jeder kann beispielsweise musikalische Wahrnehmungen mit Begriffen aus anderen Bereichen verknüpfen. Wir können über eine Komposition aussagen, dass sie zu uns spricht, springt oder sich steigert. Derartige Gedankengänge sind für die meisten Menschen gut nachvollziehbar. Genau hier muss jedoch die Assoziation von der Synästhesie differenziert werden. Der Empfänger der Assoziation kann diese nur erleben, wenn er sich auf eine solche einlässt.
Der Synästhetiker hingegen hat keine Wahl. So wird die 6 immer rot, vertraut und feminin sein. Es entstehen untrennbare Einheiten, die nicht nur dann ablaufen, wenn über die Zahl gesprochen, sondern auch wenn nur an diese gedacht wird. Stehen auf einem Blatt schwarze Zahlen, werden sie dennoch, sobald sie gelesen und die Informationen im Gehirn verarbeitet werden, zu bunten Ziffern. Jeder Synästhetiker verbindet hierbei andere Farben und nicht nur diese bleiben über die Jahre erhalten, sondern auch die jeweiligen Nuancen. Ein Magentarot wäre genauso falsch wie Blau, da die 6 immer Weinrot sein muss.
Dass der Klang einer Trompete gelb und kantig erscheint, kann nur von einem Farbenhör-Synästhetiker, wie es zum Beispiel der Künstler Wassily Kandinsky war, nachempfunden werden. Ein Synästhetiker kann nämlich aufgrund seiner Veranlagung andere Synästhesiearten nicht nachvollziehen. Für eine Person, die Töne schmecken kann, und einen Nicht-Synästhetiker ist es gleichermaßen abstrus zu hören, dass jemand Grapheme personifiziert*.
Der Synästhetiker hingegen hat keine Wahl. So wird die 6 immer rot, vertraut und feminin sein. Es entstehen untrennbare Einheiten, die nicht nur dann ablaufen, wenn über die Zahl gesprochen, sondern auch wenn nur an diese gedacht wird. Stehen auf einem Blatt schwarze Zahlen, werden sie dennoch, sobald sie gelesen und die Informationen im Gehirn verarbeitet werden, zu bunten Ziffern. Jeder Synästhetiker verbindet hierbei andere Farben und nicht nur diese bleiben über die Jahre erhalten, sondern auch die jeweiligen Nuancen. Ein Magentarot wäre genauso falsch wie Blau, da die 6 immer Weinrot sein muss.
Dass der Klang einer Trompete gelb und kantig erscheint, kann nur von einem Farbenhör-Synästhetiker, wie es zum Beispiel der Künstler Wassily Kandinsky war, nachempfunden werden. Ein Synästhetiker kann nämlich aufgrund seiner Veranlagung andere Synästhesiearten nicht nachvollziehen. Für eine Person, die Töne schmecken kann, und einen Nicht-Synästhetiker ist es gleichermaßen abstrus zu hören, dass jemand Grapheme personifiziert*.
Synästehie: Altgriech. für „mitempfinden“ oder “zugleich wahrnehmen”.
Perzeption: Unbewusste Prozesse individueller Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung.
Graphem-Personifikationen: Dabei werden Zahlen oder Buchstaben Geschlechtern oder Persönlichkeitseigenschaften zugeordnet.
Wir sehen Farben, hören Töne, riechen Gerüche, ertasten und empfinden.
Diese Vorgänge wirken auf uns, als seien sie unmittelbar und stünden im direkten Kontakt mit der einen, allgemeingültigen Wirklichkeit. Doch neuronale Signale werden von unserem Gehirn nach festgelegten Kriterien subjektiv bewertet und gedeutet. Somit kann unsere eigens durch die Sinne kreierte Welt als dynamisches Konstrukt des Gehirns angesehen werden. Die Hypothese, dass jedes Individuum in seiner eigenen Realität lebt, die es sich zuvor selbst erschaffen musste, kann durch die eigene undurchdringbare Isolation, welche damit vorausgesetzt wird, angsteinflößend erscheinen.
Durch die Erfahrungsberichte der Synästhetiker entsteht jedoch eine Art Praxis zu dieser Theorie, mit derer es uns leichter fallen kann, sich der Individualität der eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden und somit vielleicht sogar Einblicke in konträre Weltbilder zu gewinnen.
Diese Vorgänge wirken auf uns, als seien sie unmittelbar und stünden im direkten Kontakt mit der einen, allgemeingültigen Wirklichkeit. Doch neuronale Signale werden von unserem Gehirn nach festgelegten Kriterien subjektiv bewertet und gedeutet. Somit kann unsere eigens durch die Sinne kreierte Welt als dynamisches Konstrukt des Gehirns angesehen werden. Die Hypothese, dass jedes Individuum in seiner eigenen Realität lebt, die es sich zuvor selbst erschaffen musste, kann durch die eigene undurchdringbare Isolation, welche damit vorausgesetzt wird, angsteinflößend erscheinen.
Durch die Erfahrungsberichte der Synästhetiker entsteht jedoch eine Art Praxis zu dieser Theorie, mit derer es uns leichter fallen kann, sich der Individualität der eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden und somit vielleicht sogar Einblicke in konträre Weltbilder zu gewinnen.
von Franziska Kliefoth
Ironie und Skurrilität – Wladimir Kaminer in Vechta
“Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.”
Diesen Satz kann ich dem Kultautoren Wladimir Kaminer nur zu gut glauben, wenn jemand ein so abenteuerliches Leben wie das seinige bestreiten müsste.
Er schafft es mit Hilfe seiner Sprachgewandtheit aus der alltäglichsten Situation eine Ode an das Leben zu entwerfen. So empfinde ich den von ihm geprägten Begriff der „Alltagsbewältigungsprosa“ als sehr passend, falls das Bedürfnis besteht, ihn irgendwo einordnen zu müssen.
Seine Bücher bestehen hauptsächlich aus Kurzprosa und Essays, die in den verschiedensten Längen aneinandergereiht werden und so ein Werk komplettieren.
Kaminer betont immer wieder, dass in seinen Büchern weder die Charaktere noch die Erzählungen fiktiv sind. Das Dazuerfinden bezeichnet er als eine „kopflästige Angelegenheit“. Aus diesem Grund erhalten wir authentische Einblicke in das Leben des Literaten, vornehmlich aus seiner Zeit in Berlin, und der Menschen in seiner Umgebung.
Im Mai beehrte Wladimir Kaminer die Universität Vechta, um aus seinen Büchern vorzulesen.
Hier überraschte er mit seiner starken Publikumsbezogenheit. So zog er das Stehen bei der Menge dem Wasserglas und Mikro auf der Bühne vor.
Einen festen Ablaufplan hatte die Lesung nicht. Er selbst war überrascht, dass er aufgrund seines Debütbuches Russendisko geladen worden war, da dieses bereits 2000 erschien und er seitdem fast jährlich ein neues Buch veröffentlichte. Lieber fragte er sein Publikum, was dieses gerne hören würde oder ob es Fragen zu seinen Werken hätte. Durch allerlei Anekdoten über sein momentanes Lieblingsthema „Familie“ gewann er sofort das Publikum für sich. Mit seiner lockeren Art flocht er Hintergrundinformationen zwischen die Texte ein, die aufgeschrieben ein neues weiteres Werk ergeben könnten. Diese Unbekümmertheit, die er ausstrahlte, und sein noch deutlich vernehmbarer Akzent unterstrichen einmal mehr seine Authentizität.
Auf Happy Ends innerhalb der Geschichten wird kein Wert gelegt, da Kaminer selbst sie nur als Zwischenstationen des Lebens ansieht.
Er sagt über seine eigene Person, dass er im Gegensatz zu vielen Popliteraten von heute nicht durch eine Wohlstandskindheit verdorben worden sei.
Diesen Satz kann ich dem Kultautoren Wladimir Kaminer nur zu gut glauben, wenn jemand ein so abenteuerliches Leben wie das seinige bestreiten müsste.
Er schafft es mit Hilfe seiner Sprachgewandtheit aus der alltäglichsten Situation eine Ode an das Leben zu entwerfen. So empfinde ich den von ihm geprägten Begriff der „Alltagsbewältigungsprosa“ als sehr passend, falls das Bedürfnis besteht, ihn irgendwo einordnen zu müssen.
Seine Bücher bestehen hauptsächlich aus Kurzprosa und Essays, die in den verschiedensten Längen aneinandergereiht werden und so ein Werk komplettieren.
Kaminer betont immer wieder, dass in seinen Büchern weder die Charaktere noch die Erzählungen fiktiv sind. Das Dazuerfinden bezeichnet er als eine „kopflästige Angelegenheit“. Aus diesem Grund erhalten wir authentische Einblicke in das Leben des Literaten, vornehmlich aus seiner Zeit in Berlin, und der Menschen in seiner Umgebung.
Im Mai beehrte Wladimir Kaminer die Universität Vechta, um aus seinen Büchern vorzulesen.
Hier überraschte er mit seiner starken Publikumsbezogenheit. So zog er das Stehen bei der Menge dem Wasserglas und Mikro auf der Bühne vor.
Einen festen Ablaufplan hatte die Lesung nicht. Er selbst war überrascht, dass er aufgrund seines Debütbuches Russendisko geladen worden war, da dieses bereits 2000 erschien und er seitdem fast jährlich ein neues Buch veröffentlichte. Lieber fragte er sein Publikum, was dieses gerne hören würde oder ob es Fragen zu seinen Werken hätte. Durch allerlei Anekdoten über sein momentanes Lieblingsthema „Familie“ gewann er sofort das Publikum für sich. Mit seiner lockeren Art flocht er Hintergrundinformationen zwischen die Texte ein, die aufgeschrieben ein neues weiteres Werk ergeben könnten. Diese Unbekümmertheit, die er ausstrahlte, und sein noch deutlich vernehmbarer Akzent unterstrichen einmal mehr seine Authentizität.
Auf Happy Ends innerhalb der Geschichten wird kein Wert gelegt, da Kaminer selbst sie nur als Zwischenstationen des Lebens ansieht.
Er sagt über seine eigene Person, dass er im Gegensatz zu vielen Popliteraten von heute nicht durch eine Wohlstandskindheit verdorben worden sei.

Foto: Pia Sabine Klein
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er machte eine Ausbildung zum Toningenieur, absolvierte anschließend ein Dramaturgiestudium am Moskauer Theaterinstitut. 1990 bekam er durch seine jüdischen Wurzeln die Möglichkeit in die DDR einzureisen. Spontan entschied er sich, diese wahrzunehmen. Die Fahrkarte kostete nur 96 Rubel und für Ostberlin benötigte er nicht einmal ein Visum. Das größte Problem bestand darin, dass Kaminer bei seiner Ankunft kein einziges Wort deutsch sprechen konnte, sodass er sich die Sprache innerhalb kürzester Zeit selbst aneignete.
Nach einigen Umwegen, bei denen er unter anderem Limonade verkaufte oder als Filmstatist mitspielte, ist er nun wirklich in Berlin angekommen und lebt dort mit seinen zwei Kindern und seiner Frau Olga, deren Werke auch sehr gut zum Verschlingen geeignet sind.
Nach einigen Umwegen, bei denen er unter anderem Limonade verkaufte oder als Filmstatist mitspielte, ist er nun wirklich in Berlin angekommen und lebt dort mit seinen zwei Kindern und seiner Frau Olga, deren Werke auch sehr gut zum Verschlingen geeignet sind.
Auch wenn seine Texte zumeist durch Ironie und Skurrilität große Belustigung erzeugen mögen, sollte er nicht als witziger Geschichtenerzähler gesehen werden. Kaminer ist ein proletarisch erzogener Autor, der versucht, sozial benachteiligte Menschen in die Bewusstseins-perspektive des Lesers zu bringen. Seine Kritik geschieht jedoch nie auf bissige Art und Weise.
Mit einem scheinbar kindlich naiven Blick beobachtet er den Alltagswahnsinn und die Lebenslügen um ihn herum.
Die Absurdität wurde vor allem bewusst, als er von seinem Künstlerfreund Sergej berichtete, dessen Plastik als Entwurf für das Holocaust-Mahnmal gedacht war und welche Kaminer einige Zeit später auf einem Berliner Abenteuerspielplatz wiederfand. „Das muschelförmige Werk sollte den Schmerz der Menschheit symbolisieren, einen aus Beton gegossenen Schrei.“ Aber auch „als Schnecke auf dem Spielplatz sah sie herrlich aus.“ (Russendisko, 2000) Er empört sich nicht, sondern stellt nur fest. Der Leser darf selbst entscheiden, ob er lachen oder verstehen möchte.
Mit einem scheinbar kindlich naiven Blick beobachtet er den Alltagswahnsinn und die Lebenslügen um ihn herum.
Die Absurdität wurde vor allem bewusst, als er von seinem Künstlerfreund Sergej berichtete, dessen Plastik als Entwurf für das Holocaust-Mahnmal gedacht war und welche Kaminer einige Zeit später auf einem Berliner Abenteuerspielplatz wiederfand. „Das muschelförmige Werk sollte den Schmerz der Menschheit symbolisieren, einen aus Beton gegossenen Schrei.“ Aber auch „als Schnecke auf dem Spielplatz sah sie herrlich aus.“ (Russendisko, 2000) Er empört sich nicht, sondern stellt nur fest. Der Leser darf selbst entscheiden, ob er lachen oder verstehen möchte.
von Franziska Kliefoth




