Tobias Kunz

Inhaltsverzeichnis:

PDF-Version der 20. Ausgabe

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2012 – BESSER, HÄRTER, LÄNGER

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© rafiki / PIXELIO
Jahresende: Beim Zappen durch die TV-Ödnis, in welcher jeder zweite Sender einen Rückblick präsentiert, stellt ein mancher fest, dass man die letzten 365 Tage irgendwie verpennt hat.
Grund genug 2012 wachsam zu sein. Solltest du kein Anhänger Nostradamus-geprüfter Mayatheorien sein, welcher dem Weltuntergang im Dezember entgegen zittert, kannst du dich auf eine handerlesene Auswahl besonderer Ereignisse freuen
Politische Stürze und wirtschaft-liche Plagen?
Mit Sicherheit können wir im Zuge der anhaltenden Eurokrise weiterhin kaum durchschaubare Wirtschaftsunverständlichkeiten genießen. Ob die Götter von gestern ihren Schuldenberg abbauen und die Euro – Rettungsbeschlüsse greifen, wird das nächste Jahr zeigen. Eventuell richtet sich die Aufmerksamkeit dann auch auf den nächsten Krisenfall: Italien. Ob Berlusconis Rücktritt ein Segen für das Land ist? Müssen andere Regierungschefs das Zepter weiterreichen? Im Mai dürfen die Franzosen abstimmen, ob Sarkozy weiterhin das Land regiert oder sich eher familiären Aufgaben widmet. Weitere Wahlen finden im März 2012 in Russland und in der Slowakei statt. Wem das alles nicht spannend genug ist, freut sich sicherlich auf den November. Dann wird sich entscheiden ob Obama mit Amerika noch immer kann.
© HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / www.bayernnachrichten.de / PIXELIO
Politik ist langweilig und Sport viel aufregender?
Am 08. Juni ist es soweit. Die Deutschlandfahnen dürfen wieder im Winde flattern und Public Viewing gehört knapp einen Monat lang zur Tagesordnung. Die Fussball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine wird offenbaren, ob Löws Jungs endlich ein Titel vergönnt ist. Ein früheres Ausscheiden würde sich aber womöglich positiv auf die Klausurergebnisse auswirken.
Weitere Sportgroßereignisse 2012 sind neben der Handball-Europameisterschaft (ab 15. Januar in Serbien) die Olympischen Spiele in London (ab 27. Juli) sowie zum ersten Mal seit Menschengedenken, die Olympischen Winterjugendspiele in Österreich (ab 13. Januar)
Du betreibst Sport lieber auf Tanzflächen?
Anerkannte Popnudeln wie Madonna, Coldplay und Noel Gallagher finden dieses Jahr den Weg in bedeutende deutsche Großstädte. Wem das zu unspektakulär oder zu weit weg ist, der möge sich am 27. und 28. Juli zum Appletree Garden Festival in Diepholz begeben. Auf den Bühnen sind sicher wieder talentierte deutsche Jungbands und erfahrene, betrunkene Skandinavier zu bewundern.
Die kompromisslosesten Musikhörer können übrigens am 26. Mai “unseren Star für Baku” anfeuern, welcher beim 57. Eurovision Song Contest in Aserbaidschan für Deutschland singt.
Und was passiert in Vechta?
Wer das Campusleben ernst nimmt, darf gespannt der Eröffnung des Neubaus neben der Bibliothek entgegenblicken. Ellenbogenfreies Studieren 2012. Vielleicht erkennt man auch erste Maßnahmen für “Ellenbogenfreies Essen”. Die Sanierung der Mensa scheint notwendig zu sein.
Kulturelle Höhepunkte tauchen noch in keinem Terminkalender auf. Vom 16. bis 21. August findet jedoch wieder der “heilige” Stoppelmarkt statt. 1999 kreischte wenigstens noch Whitney Houston in das Mikrofon. Die Highlights der letzten Jahre waren eher penetrante Partymasochisten wie Mickie Krause. Ob es 2012 eine Überraschung geben wird? Madonna ist doch sowieso in Deutschland.
Was auch kommen mag, genießt das nächste Jahr mit sämtlichen Sinnen, damit euch beim TV Rückblick 2012 nichts unbekannt vorkommt. Hoch die Tassen und ein letzter überlegenswerter Rat: Ein geeigneter Einsatz für eine verlorene Wette, wäre die Teilnahme am vierten Unilauf im Juni. Überlegt es euch. Ansonsten guten Rutsch und so.
von Tobias Kunz

Fesselnd, amüsant und anspruchsvoll
Satan besucht Moskau

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© Verlag Volk und Welt
Finstere Gestalten mischen sich unter die russische Gesellschaft der 30er Jahre. Köpfe werden von Straßenbahnen getrennt, Menschen verschwinden spurlos und tauchen am anderen Ende des Landes wieder auf. Frauen stehen plötzlich entblößt auf den Straßen.
Der Leser weiß: Der Teufel und seine Gesellen hinterlassen bei einer jeden Begegnung mit korrumpierten Menschen ihre Spuren. Dies ist sehr düster beschrieben, jedoch bleibt der Humor dabei nie auf der Strecke. Während man einer mysteriösen Episode nach der Anderen folgt, in deren Fortsetzung sich die städtische psychiatrische Klinik auffällig füllt, wird die Liebesgeschichte vom Meister und seiner Margarita erzählt, deren bisheriges tragisches Schicksal durch die lenkende Hand des Teufels ein glückliches Ende finden kann.
Die facettenreiche Handlung ist zu komplex um sie auf einen Punkt zu bringen. Bulgakow (1891 – 1940), der als einer der größten russischen Satiriker gehandelt wird, arbeitete 12 Jahre an diesem Werk. Ob es einem gelingt, des Autors Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit unter Stalin und einer der Religion zunehmend abgeneigten Gesellschaft in seinen Worten zu erkennen, oder man sich lediglich an den unglaublich fantastischen Ideen erfreut, ist jedem selbst überlassen. Was bleibt, ist ein unvergleichliches Leseerlebnis und die Gewissheit, ein wichtiges Buch der Literaturgeschichte gelesen oder im besten Fall, verschlungen zu haben.
Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita
Signatur: 422811
von Tobias Kunz

PDF-Version der 19. Ausgabe

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Hey Mr. DJ …
... eine neue Playlist!

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Hast du nicht den besten Job der Welt? Du, der Meister der Atmosphäre, der Wegweiser einer Party, hast die Macht, die Menschen wie Puppen tanzen zu lassen und das mit dem richtigen Knopfdruck, mit einer passenden Scheibe und dem richtigen Instinkt.
Nutze deine Macht, spüre den perfekten Moment und lass die Party explodieren. Natürlich, du wirst behaupten, dass man es nicht allen Gästen Recht machen kann, dass jeder etwas anderes braucht um sich in Ekstase zu tanzen. Doch lass dir helfen.
Von Semester zu Semester hat man nämlich das Gefühl, dass neben einzelnen Lichtblicken die Playliste einer Uniparty sich ständig wiederholt. Und wenn nach “Wannabe” von den Spice Girls nicht “Everybody” von den Backstreet Boys läuft, dann lief es schon davor. Und man braucht nicht lange zu warten und es werden eine halbe Stunde später, fast schon traditionell zu “Killing in the Name of” von Rage Against the Machines, die Köpfe gebangt.
Kann man es zum Beispiel erwarten, sich innerhalb drei Tracks zu fühlen wie in einem Berliner Electro-Schuppen und gehört ein Partyhitmix von Pur tatsächlich zu einer gelungenen Abendgestaltung für junge Menschen?
uniVista hat sich stichprobenartig informiert: Dazu haben wir uns auf den Weg gemacht und auf dem Campus rumlungernde Studenten gefragt:
Was ist an der Musikgestaltung gut? Was geht besser?
© Christian Steiner / PIXELIO
“Im Großen und Ganzen ok. Also, die aktuellen Charts finde ich in Ordnung. Aber wenn man den ganzen Abend da ist, hört man ein Lied um die 10 Mal und Schlager oder sowas muss ich auch nicht haben. Rock würde ich mir wünschen.” (Annika Peters, 4. Semester, Biologie/Designpädagogik)
“Am 6. April war ja Waldhof. Das fand ich sehr gut. Da war ja auch so viel Mischmasch. Katy Perry und Purhitmix. Also dieser Hitmix muss sein. Also auf Partys ruhig Charts und R&B und sowas. Diese Remixe stören mich manchmal, aber die finden ja manche ganz gut auf Unipartys, aber bin ich halt nicht so der Fan von.” (Sinja Vollriede, 4. Semester, Mathematik/Designpädagogik)
“Die Musik auf den Unipartys ab 3 Uhr ist ein Grund,um zu gehen. Ich würde sagen, da fehlt die gesunde Mischung. Da gibt es bestimmt nur eine Playlist. Da könnte man die 2 ‚Dancefloors‘ in der Wunderbar für Abwechslung nutzen.” (Andreas Hemmer, 6. Semester Sachunterricht/ Deutsch)
“Die Musik auf den Unipartys ist auch ein Grund, vor um 3 zu gehen. Auf jeder Uniparty ist die Musik auch wirklich gleich, gerade Waldhof. Und das ist irgendwann langweilig, sehr langweilig. Es ist ja auch immer so eine Sache, ob man diese Popsachen, die jetzt gerade IN sind auch so supertoll findet, wie David Guetta und so Sachen. Das ist eine Sache, wo viele sagen, das ist nicht mein Ding und deswegen nicht dort hingehen.” (Anne Stahmleder, 6. Semester Sachunterricht/Deutsch)
“Ich will mehr Grunge, mehr Rock, mehr Indie, mehr Reggae. Dass Musik nicht immer die Gleiche ist. Die aktuellen Lieder kenne ich nicht, aber es wiederholt sich halt auf jeder Uniparty alles wieder.” (Anonym)
Hey Mr. DJ, bitte betrachte dies nicht als Beleidigung, sondern als freundliche Unterstützung. Ob du sie annimmst und zukünftig alte Tracks in die Tonne und Neue auf die Tanzfläche rotzt, sei ganz dir selbst überlassen.
von Tobias Kunz

Immer wieder gerne
Vier mal Osna im subjektiven Blick

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Von sachlich bis ironisch – von nüchtern bis völlig überzogen. uniVista war unterwegs für Euch! Wo? In Osnabrück! Was wir dort gemacht haben? Einen netten Tag verbracht!
Sightseeing! Doch aus welcher Sicht? – Die Genderanalyse
In diesem Artikel befasse ich mich nicht mit trockenen Informationen über Sehenswürdigkeiten, sondern viel eher damit, wie unterschiedlich die Erlebnisse von Mann und Frau aufgenommen werden.
Neun Uhr, Vechtaer Bahnhof. Während Ina und ich uns in der morgendlichen Frische bereits sehr motiviert und voller Vorfreude den Tag schön ausmalten, genoss Tobi sein erstes Frühstück – Kaffee und Zigaretten – während Matthias noch in meditativer Haltung seinen Vorabend zu verarbeiten schien.
Auf der Zugfahrt wurde die Stimmung dann langsam aber sicher schließlich lebhafter und wir ergründeten die tiefsinnige Frage, woran man erkennt, dass Mädchen mit Brüdern aufgewachsen sind oder Jungs die Ehre hatten von Schwestern umgeben zu sein.
In Osnabrück angekommen überkam uns Frauen der plötzliche Hunger und eine innere Stimme in uns schrie nach Backfactory. Nachdem die Herren überzeugt wurden, führte uns das weibliche Bauchgefühl dann anschließend, entgegen der männlichen Technik in Form eines iPads, ins Zentrum der Osnabrücker Altstadt, dessen ästhetische Pracht aus weiblicher Sicht geradezu bejubelt wurde. Interessant fand ich jedoch den Unterschied in der Schrittgeschwindigkeit zwischen uns Mädchen und unseren Begleitern. Wir Frauen waren den Schlendrianen stets weit voraus.
Während wir nun unsere Ziele abklapperten und das Dargestellte auf uns wirken ließen, wurde der Unterschied am deutlichsten. Frauen haben den unerklärlichen Drang ihren emotionalen Zustand in die Welt hinauszuschreien. Gelegentlich ertönte also ein entzücktes Quieken, fiel ein „Oh! Ist das süüüß!“ oder es liefen ein paar Tränen über die Wangen, da der Modeladen Zara gerade Sonderschlussverkauf hatte, man selbst jedoch, natürlich, nicht mit dem nötigen Kleingeld dienen konnte.
Zur Sicht der Männer kann ich nicht wirklich viel sagen, jedoch unterschreibe ich als Fakt, dass das männliche Geschlecht eher schwierig zu begeistern ist und sie sich ihrer Umwelt nicht so dringend mitteilen müssen. Was mich jedoch sehr positiv überrascht hat ist, dass Ina und mir, während unseres Ausflugs kein Wunsch abgeschlagen wurde, Tobi und Matthias, trotz gelegentlich fehlender Begeisterung, alles sehr lieb mitgemacht und geduldig ertragen haben, außerdem sehr zuvorkommend waren.
Bild: Tobias Kunz
Natürlich durfte während des Trips die Anmerkung von uns Frauen nicht fehlen, dass es doch seeehr kalt wäre, woraufhin die Männer auf sensible Weise damit konterten, dass dagegen andere bereits ihre Badeutensilien anziehen würden. Mit einem Sixpack Bier auf der Zugrückfahrt, strahlte dann auch der männliche Part unserer Reisetruppe wieder über beide Wangen.
Ich fand den Ausflug wirklich sehr schön und möchte mich an dieser Stelle sehr für den tollen Tag bei Ina, Matthias und Tobias bedanken.
Immer wieder gerne!
von Johanna-Maria Jaromin
On the road …
Der Winter schien es auf uns abgesehen zu haben und gab sich alle Mühe die letzte Wärme aus uns herauszupressen. Die lange Zugfahrt in der Enge einer winzigen Zelle hatte seine Wirkung nicht verfehlt und alle waren trotz der beißenden Kälte froh endlich rauszukommen. Nun aber ging es weiter. Ein langer Marsch erwartete uns, auf dem viele wegen Hunger oder Müdigkeit zurückbleiben werden. Der Weg war beladen mit ihren kleinen Geschäftchen, verwinkelten Gassen und den Orten, die ihren großen Transportmaschinen vorbehalten waren. Schließlich erblickten wir jedoch unser Ziel. Erst nur schemenhaft, dann immer klarer. Es war eine dieser Glaubensstätten ihrer Religion, die ich bisher immer so gemieden hatte. Mit ihrem Gerede über Heil und Erlösung konnte ich noch nie etwas anfangen und wenn man mir das Zeug aufzwingen wollte, noch viel weniger. Aber was sollte ich machen? Es war zu spät, um jetzt irgendetwas zu bereuen. Ich musste die Konsequenzen für meine Taten übernehmen. Als wir reinkamen, waren unsere Vorgänger bereits durch die Mangel gedreht worden und schienen wie leblose Marionetten nur noch der Stimme der Ansagerin zu folgen. Ein Wunder, dass ihnen noch nicht der Sabber aus dem Mund lief. Glücklicherweise war unser Programm erst für den späteren Nachmittag vorgesehen. Die Anstrengungen des Weges, die Entkräftung durch den Schlafentzug und der ständige Hunger jedoch, ließen mich alles nur noch verschwommen und traumartig wahrnehmen. Mein Herz pochte heftig und es war das einzige Geräusch, das ich noch wahrnahm. Alles verlangsamte sich und schien wie eine einzige klebrige Masse zu sein, die sich immer weiterzog, je weiter wir in den Komplex hineingingen. Sie zeigten uns als erstes, wahrscheinlich zur Einschüchterung, die Gräber derer, die vor uns da waren und die nicht gehorcht hatten. Einer meiner Kameraden verlor die Nerven. Sein Totenlicht war quasi bereits entzündet. Nach einer halben Ewigkeit erreichten wir das Heiligtum des Komplexes: den Altar. Jeder, der hier ankam, war zu allem bereit. Es gab weder Hoffnung noch konnte man Gnade erwarten. Einige wimmerten und flehten um Erbarmen, denn sie wollten nur noch zurück zu ihren Familien. Aber wir alle wussten, dass das nie mehr geschehen würde an der Schwelle zur Ewigkeit. Sie trieben uns immer tiefer und tiefer hinein und wir sahen Dinge, die keiner von uns so schnell vergessen wird. Keiner wird mehr der Gleiche sein, wenn er hier herauskommt. Die erdrückende Atmosphäre und die ewigwährende Melodie, die uns von Anfang an begleiteten, wurden zu immer schwereren Lasten. Alles was uns blieb, war die Verzweiflung, dass unser Leiden sich noch länger hinziehen wird und dies nur der Beginn unserer Reise war. Die Glücklichen verloren den Rest ihres Verstandes schnell, über die Unglücklichen vermag ich nicht zu sprechen. Alles was blieb war, nur etwas länger durchzuhalten als die anderen und zu beten, dass dein ehemaliger Freund neben dir etwas früher aufgeben würde, als man selbst. Unsere mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnten Augen wurden durch das gleißende Licht der aufgehenden Sonne geblendet. Es fiel durch die bunten Fenster über dem infernalischem Instrument, das uns die ganze Zeit akustisch gemartert hatte. So erreichten wir das Ende – unser Ende. Nur eines stand fest zu diesem Zeitpunkt: Der nächste Zwischenstopp auf unserer Reise würde weit unangenehmer werden. So brachen wir auf, die Innenstadt von Osnabrück zu erkunden.
von Matthias Christ
Bild: Tobias Kunz
Universität
Eine fremde Stadt zu erkunden – ohne genau zu wissen, wo man ankommt oder was einem auf dem Weg erwartet – war mir schon immer die liebste Art zu reisen. Man lässt die Stadt auf sich wirken und kann somit einige Überraschungen erleben, die man bei einer durchdachten Stadtrundführung verpassen würde. Meine Mitreisenden waren zum Glück der gleichen Meinung. Im Zug stellte sich daher die Frage, wohin wir eigentlich gehen sollten, wenn wir in der niedersächsischen Stadt Osnabrück angekommen sind, gefolgt von dem Gedanken, ob überhaupt jemand einen Stadtplan dabei hat. Das Ergebnis war erst ein Schweigen, dann ein Lachen, sodass wir in Osnabrück angekommen, einfach unserem Bauchgefühl folgend, die Stadt erkundeten.
Die Überraschung ergab sich relativ schnell. An einer Hauptstraße entlanglaufend und in ein Gespräch vertieft, übersahen wir fast das Schloss, dass mitten in der Stadt platziert war. Der Blick auf das angebrachte Schild, welches auf der Außenmauer angebracht war, ließ uns vor Neid erblassen: Universität Osnabrück.
Wir durchquerten den Torbogen und befanden uns in einem Innenhof, der von dem gelben Schlossmauern umrahmt war. Glücklicherweise war der Eingang nicht verschlossen, sodass wir einen Blick in das Schloss erhalten konnten. Es folgte ein gläserner Aufzug, ein kleiner Schlosspark zum Hinterausgang und eine Aula, die mit ihren hohen mit Stuck verzierten Decken, an denen pompöse Kronleuchter hingen, eher an einen Ballsaal erinnerte. Anschließend wurde der gläserne Fahrstuhl ausprobiert, der uns in das oberste Stockwerk brachte, von wo aus man einen imposanten Blick über die Stadt Osnabrück erhalten konnte. Die Räume waren schon nicht mehr schlossähnlich, sondern erinnerten an den umgebauten Gebäudetrakt im 1. Stock des R-Gebäudes der Universität Vechta. Eine abgestellte Kaffeetasse mit dem Logo Studentenwerk Osnabrück, die man auch in Vechta zu Gesicht bekommt, war ein weiterer Beweis für eine gewisse Ähnlichkeit beider Universitäten und ließ uns erfreuen. Die Vorzüge einer kleinen Universität, wie in Vechta, wurden noch einmal aufgezählt, zu denen eindeutig eine gewisse persönliche Atmosphäre, das schnelle Zurechtfinden und das häufige Wiedertreffen von Personen zählten.
Doch eines konnten wir nicht abstreiten. Einen Tag in einem Schloss zu studieren, dass hatte schon etwas Besonderes. Abermals durchquerten wir den Torbogen und waren gespannt, wohin uns unser Bauchgefühl als nächstes leiten würde.
von Ina Bushuven
Wer Tiere mag, liebt oder lustig findet …
Bild: Tobias Kunz
… und vom Studium zu überhitzt ist, sollte den Weg zum Osnabrücker Stadtrand einschlagen. Hinter dem Krankenhaus gelegen, findet sich eine Ansammlung von merkwürdigen, verrückten und allseits bekannten Tieren, die das tun, was Tiere halt so hinter Gittern tun: Sinnlos im Kreis laufen, uns Menschen mitleidig anschauen und fressen. Natürlich sind die knapp 2500 Tiere nicht nur für die Bespaßung da, man kann auch viel Wissenswertes aus der Welt der Tiere lernen. Zum Beispiel warum Nacktmulle so hässlich sind und was für eine Aufgabe sie sonst noch auf dem Planeten haben. Fakt ist, dass sie in einem unterirdischen Teil des Zoos der Öffentlichkeit dargeboten werden, den es in dieser Form nur in Osnabrück gibt. Leider sieht man größtenteils nur Schatten und Stroh. Das soll natürlich alles nicht abschrecken. Auf einem Gebiet von fast 24 Hektar gibt es auch sehr schöne Dinge zu entdecken für groß und klein. Aber mal ehrlich, zu erkennen dass Affen sich fast genauso dämlich benehmen wie man selbst oder einen lieblichen Löwen den Kopf zu streicheln, ist doch immer wieder ein Erlebnis wert.
Außerdem sind wir alle Studenten. Und der positive Effekt, den Tiere auf unser emotionales Befinden ausüben, ist jedem bekannt. Zumindest weiß man am Ende des Ausflugs : Hier ist jemand noch ärmer dran, als man selbst.
Irgendwie ironisch: Der Zoo weist in einem Sonderteil auf die ökologisch bescheidenen Umstände hin, die der Mensch zum Beispiel durch Landwirtschaft erzeugt und somit den Tieren ihren Lebensraum nimmt. Da schaut man dann doch schon etwas besorgter den Elefanten beim Rumtröten zu. Aber immerhin bringt einen der lustige Nacktmull wieder zum Lächeln.
von Tobias Kunz

Zurück zur Beat Generation, dem Ursprung des Hipsters

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Da der Begriff des “Hipsters” in den letzten Jahren für optisch grausame und anstrengend künstlerisch betuliche Szenegestalten verwendet wurde, lohnt es sich den eigentlichen Ursprung des Begriffes näher zu betrachten. Jack Kerouac beschrieb 1958 auf 160 Seiten in seinem Prosawerk “The Subterraneans” (Krampfhafte deutsche Übersetzung: “Bebop, Bars und weißes Pulver”) eine berauschende Welt innerhalb der Straßen von San Francisco, angereichert mit vernebelten Alkoholgemütern und verschrobenen Weltanschauungen. Er schildert mit gewaltigen Wortschöpfungen die ausufernden Partys der damaligen Beat Generation (wie schon in seinem früheren Werk “Unterwegs”) sowie von mitreisender Jazzmusik heraufbeschworene Ekstasen. Hauptsächlich dreht sich alles jedoch um eine simple Geschichte: Mann findet Frau, Mann verliert Frau.
Die ist jedoch mit einem solch mitreisendem, aggressivem Schreibstil verfasst, dass man schnell selbst das Bedürfnis verspürt zur Flasche zu greifen oder dem Protagonisten die Leber zu retten. Da Kerouac stets einen autobiografischen Schreibstil pflegte, sollte die Identifikation mit den geschilderten Tatsachen nicht schwer fallen. Diese sind nach fünf Jahrzehnten noch immer aktuell für eine jede halbwegs gescheiterte Gestalt. Dass die Figuren der Geschichte Proust zitieren, statt studiVZ-Gruppen, vermindert keineswegs das Lesevergnügen. Vielleicht bleibt nach der Lektüre auch stets ein Lächeln auf den Lippen, wenn man einem “Hipster” im restaurierten Szeneviertel begegnet.
Jack Kerouac: The Subterraneans
Signatur: 46658
von Tobias Kunz

PDF-Version der 18. Ausgabe

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“Ich glaube, ein Jahr ist genug”
Auf ein Wort mit Austauschstudent Wang Chenye

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In dieser Rubrik stellen wir Euch regelmäßig jemanden vor, der im Rahmen eines Studienaustauschs ein paar Monate oder auch mehr in Vechta verbringt. Die Fragen sind jedes mal die selben, die Antworten hoffentlich nicht.
Du heißt:
Wang Chenye
Du kommst aus:
Ich komme aus der Stadt Chansha und Hunan ist die Provinz. In China sagt man dazu Provinz nicht Bundesland. Das ist in Südchina. Mao Zedong kommt aus der selben Stadt.
Du studierst:
Germanistik und Sozialwissenschaften
Warum hast Du Dich ausgerechnet für Vechta entschieden?
Unsere Deutsche Fakultät hat partnerschaftliche Beziehungen mit Vechta und auch mit Konstanz. In Konstanz muss man für 2 Jahre studieren, in Vechta nur für ein Jahr. Ich glaube, ein Jahr ist genug.
Was ist hier genauso, wie Du es erwartet hast?
Die schöne Landschaft. Ich denke, Deutschland ist ein typisch europäisches Land und hier gibt es nicht so viele ältere Gebäude wie in den anderen EU-Ländern. Hier sind die Häuser sehr modern.
Und was ist völlig anders?
Ehrlich gesagt: Das Essen in Deutschland gefällt mir nicht so.
Der Verkehr in Deutschland ist super, nicht so wie in China. Wenn ein Auto kommt, hält das Auto und ich gehe weiter. In China muss man aufpassen, ob ein Auto kommt oder nicht. Und wir müssen warten, bis das Auto fährt.
Würdest Du gerne länger bleiben als ursprünglich vorgesehen?
Ein Jahr reicht. In China muss ich noch ein Jahr an meiner Heimatuni studieren. Später, wenn ich eine Arbeit habe und die Chance dazu habe, möchte ich noch einmal nach Deutschland, aber auch nicht so lange bleiben.
Was machst Du, wenn Du Heimweh bekommst?
Ich quatsche mit meiner Mutter im Internet.
Wo werden die besseren Partys gefeiert?
In China machen die Jugendlichen oder Studenten nicht so viel Party wie hier. Ich war auf der Uniparty in der Wunderbar, aber die hat mir eigentlich nicht gefallen.
Was gefällt Dir an den Deutschen?
Die meisten Deutschen, die ich getroffen habe, sind sehr nett und sehr hilfsbereit.
Und was stört Dich an ihnen?
Die deutschen Studenten trinken sehr viel Alkohol. Ich mag das nicht so. Viele Mädchen rauchen auf der Straße. Das ist in China nicht so.
Hast Du schon mal vorher im Ausland gelebt?
Nein.
Würdest Du zu einem Studienaustausch raten?
Ja. Besonders weil man die Sprache und die kulturellen Unterschiede sehr gut lernen kann.
Sei ehrlich: Nerven Dich diese Fragen?
Nein! Das finde ich interessant.
Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast!
Das Interview führte Tobias Kunz.

Esiet sveicinãti Daugavpilï
Unsere Partneruniversität in Lettland

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Deutschland (Vechta) – Lettland (Daugavpils)
Es ist keine gewöhnliche Strecke durch Europa, es kommt einem eher vor, wie eine Reise in die Vergangenheit. Zwischen stillgelegten Fabriken und Betrieben schlummern baufällige Häuser und rasen alte deutsche Autos. An all den schönen Herbsttagen liegt stets der Geruch von Brennholz in der Luft. Willkommen in Lettland: uniVista zu Besuch in Daugavpils – Ein persönlicher Eindruck.
Es ist schon merkwürdig. Ich könnte auf einer Landkarte ganz genau wiedergeben, wo ich mich soeben befinde. Der Finger würde auf einen östlichen Fleck Lettlands zeigen. Mein Gefühl sagt mir jedoch etwas Anderes: Ich steuere auf den Rand unserer geliebten Erde zu. Alles dunkel und unbekannt.
Das ist natürlich totaler Quatsch. Mein Gehirn liefert mir lediglich ein Bild der Ahnungslosigkeit. Östlicher bin ich nämlich nie gewesen und der alte Zug, welcher sich durch die finstere Nacht schlängelt, verstärkt natürlich diese eigene, fast peinliche Wahrnehmung.
Nächster Halt Daugavpils
“Nãkamã pietura: Daugavpils”, raunt eine Frauenstimme durch den Lautsprecher. In Lettland sollte man sich hüten, sofort aus dem Zug zu springen, wenn man aus all den fremden, lettischen Worten den Namen der Stadt hört, bei der man aussteigen möchte. Die kommende Haltestelle wird eine Station früher angesagt und nicht während der Fahrt. Also bleibe ich ungeduldig sitzen. Ich bin in solchen Situationen glücklicherweise nicht auf mich allein gestellt. In Begleitung meiner einheimischen Freundin kann mir eigentlich nichts passieren. Dennoch male ich mir aus, wie eine Grenzkontrolle mich unsanft durchsucht. Weißrussland ist nämlich nur 35 km entfernt, zur litauischen Grenze sind es sogar lediglich 25 km.
Als ich aussteige, überlege ich, wie viele Studenten aus Vechta wohl vor mir hier gewesen sind. Viele können das nicht gewesen sein. Kein einziger Studierender von der Universität in Daugavpils wird mir später sagen, dass er je mit einem Deutschen Bekanntschaft geschlossen hat. Unser International Office bestätigt zumindest die Aussage, dass die letzten zwei Jahre keiner unserer Studierenden den Weg nach Daugavpils gefunden hat.
Einblick
Willkommen also in der zweitgrößten Stadt Lettlands, zu deutsch auch gern Dünaburg genannt. Hier erwarten einen 100.000 Einwohner, wobei zu beachten ist, dass 80 bis 90% russisch stämmig sind. Wer also ein stolzes Repertoire an gelernten lettischen Wörtern vorweisen kann, sollte sich auf kleine Enttäuschungen vorbereiten:
Denn Lettland war Teil der Sowjetunion und in diesen Zeiten wurde die russische Einwanderung staatlich angeordnet und, obwohl seit der Unabhängigkeit 1991 Lettisch wieder die Amtssprache ist, wird dennoch in Daugavpils überwiegend russisch gesprochen.
Die Geschichte des Landes spiegelt sich in den Spannungen zwischen den Menschen. Viele Letten berichten mir, dass sie sich nicht sonderlich heimisch fühlen im „russischen“ Daugavpils und dennoch scheint es, gehen Russen und Letten Hand in Hand. Ich erlaube mir kein Urteil über bestehende Konflikte. Ich bin nur ein „reicher Deutscher“ in einem der ärmsten Länder der EU. Und das sieht man mir anscheinend auch an. Mein Gesicht kann anscheinend meine Herkunft nicht verleugnen.
Stadtbild
Die Stadt bietet dem Studenten von heute alles, was man sich in einem gewissen Zeitraum wünschen kann: Theater, Disco, Bowlingbahn, Eishalle, Kinos, Bibliotheken, einladende Parks sowie urgemütliche Kneipen. Wer sich darüber hinaus mit der Geschichte der Stadt beschäftigen möchte, sollte sich Sehenswürdigkeiten wie die beeindruckende Festung von Daugavpils, die letzte und einzige in ihrer Art erhaltene Schutzbaute aus dem 19. Jahrhundert, anschauen. Viele Kirchen prägen zudem das Stadtbild. Bei wem die Begeisterung für kulturelle Dinge auf der Strecke geblieben ist, kann sich an dem Fluss Daugava erfreuen oder generell die schöne Landschaft genießen.
Die Universität
Solltest Du vorhaben, durch einen Erasmusvertrag ein Semester lang die lettische Luft zu schnuppern, kannst Du dies als Erziehungswissenschaftler, zukünftiger Lehrer oder Student der Geschichte tun. Sicher läuft Dir ab und an auch mal ein deutscher Dozent über den Weg. Zumindest werden von Vechta ausgehend regelmäßig Lehraufenthalte durchgeführt. Dies betrifft Bereiche der Sozialen Arbeit sowie der Geschichte. Die Universität ist die zweitgrößte Lettlands und als solche seit Mitte der Neunziger Jahre anerkannt. Sie bietet ein angenehmes Klima, die vier einzelnen zugehörigen Gebäude sind in kurzer Zeit als Fußgänger zu erreichen. Man unterscheidet fünf verschiedene Fakultäten: Humanwissenschaften, Sozialwissenschaften, Musik und bildende Kunst, Naturwissenschaften und Mathematik, Pädagogik und Management.
Zwei Mal im Monat veranstaltet zudem die Univer-
sität eine Party in einem Schuppen namens Banzai. Wer sich schon in der Wunderbar wohlfühlt, wird auch in diesem Trance-Universum seine Freuden haben.
Auch ein reichhaltiges Sportangebot sorgt für Deine Gesundheit. Kleiner Tipp: Lettland ist verrückt nach Eishockey. Der Gang als Anfänger auf das Eis sollte also gut überlegt sein.
Universität: Fakultät Humanwissenschaften
Foto: Tobias Kunz
“Wie gefällt es Dir in Lettland?”
Natürlich ist dies eine der meist gestellten Fragen der einheimischen Menschen und immer fällt mir die Antwort sehr schwer. Ich verschweige meine Gedanken, nachdem ich bedacht habe, dass meine unpatriotische Einstellung mit der anderer Nationen nicht mithalten kann. Ohne jemanden zu kränken sage ich: sehr gut. Geglaubt hat es wahrscheinlich keiner. Denn die Wahrheit ist: Der Lebensstandard ist meilenweit von dem in Deutschland entfernt. Dies zeigt sich insbesondere an und bedauerlicherweise auch in den Gebäuden. Damit meine ich nicht die Vorzeigestadt Riga, sondern die Ecken Lettlands, welche man als Tourist nicht unbedingt aufsucht. Darunter fällt teilweise auch Daugavpils und speziell die einzelnen Dörfer. Wo kein Geld liegt, kann auch nichts blühen. Es ist ziemlich grau in diesem Land, trotz schöner Landschaft. Wer ein Faible für das Vergangene hat, ist jedoch gut in Daugavpils aufgehoben. Und sind wir mal ehrlich: Die optische Ähnlichkeit mit einzelnen Flecken Ostdeutschlands kann man nicht verleugnen.
All zu fremd muss man sich sowieso nicht fühlen. Ich konnte keinen großen Unterschied zwischen deutscher und lettischer Mentalität feststellen, zumindest nicht innerhalb der Jugend. Ist die Sprachbarriere überwunden, stellt sich schnell heraus, dass hinter der scheinbaren Unfreundlichkeit die selben Studenten stecken, wie man sie auch in Vechta findet. Jedoch, und das sollte man sich stets vor Augen halten: mit weitaus mehr existenziellen Ängsten und Sorgen. Mehr als eine traurige Philosophie, sondern bittere Realität ist folgender Satz, welcher mir wiedergegeben wurde: “Lernen, Lernen, Lernen, lebenslanges Lernen, weil wir eh keine Arbeit finden!”
von Tobias Kunz

Bilderalbum
uniVista No. 18: Daugavpils in Lettland

Der feine Unterschied
Vechta vs. Leipzig

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Vechta
Studieren ist eine großartige Sache. Doch kann man sich als Student in einer Kleinstadt wie Vechta entfalten? Abgesehen vom allgegenwärtigen Wissen, welches auch um unsere Universität keinen Bogen macht und die Möglichkeit sich intellektuell zu entwickeln, stellt sich die Frage: Was bedarf es um einen sogenannten studentischen Kult aufrecht zu erhalten und ist die Umgebung in Vechta dafür geeignet? Halten wir fest. Student sein, kann bedeuten: brav lernen, sich einen akademischen Grad anheften lassen und in ein gewähltes Arbeitsfeld eintauchen. Was hier jedoch angesprochen werden soll, ist die Verschmelzung von Wissen, Kultur und Kunst, Politik, Partys, Mode, Geld und ein sich daraus selbst erklärender Lebensstil. Als Perfektionist dieses Lebensstiles in Vechta radelt man also mit Büchern unter dem Arm durch die Einöde der Familiensiedlungen bis hin zur Bibliothek, saugt eine geballte Ladung Wissen in sich auf und denkt auch an die Arschtaschen-Privatlektüre aus dem Bereich der Belletristik.
Liegt eine Party an, so besteht die Möglichkeit, sein möglichst individuell gestaltetes Outfit mit schmuddeligem Secondhand-Anteil auszustaffieren.
Man kann auch darauf verzichten. Die Bedienung an der Großen Straße bietet doch Mode-Freiraum und Klamotten für den studentischen Wiedererkennungswert? Die Kommilitonen sind leicht zu finden, denn die Auswahl der Clubs kann man an einer Hand abzählen. Cocktail schlürfen, Lümmeln auf Sofas in atmosphärisch beleuchteten Hinterzimmern, Tanzen und Abspacken und stets ein halb gefüllter Laden. Wer mag und braucht, kann sicher auch von Joint zu Shisha laufen und breit in Studentenzimmern vergammeln.
links: © khv24 / PIXELIO
rechts: © Peter von Bechen / PIXELIO
Kino, ab und an Theater, Zitadellenpark, Sportangebot, Hochschulpolitik und gleichgesinnte Studenten. Ist doch alles da! Oder doch nicht? Ich gebe ab an Leipzig: Wie ist es in Eurer Großstadt?
von Tobias Kunz
Leipzig
“Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute”, sagte schon Goethe, und ich kann ihm nur zustimmen, wenn ich mich von einem der roten Ledersofas der Campusbibo der 600 Jahre alten „alma mater lipsiensis“ erhebe, um schnell einen Abstecher ins Vapiano zu machen, um danach einen Venti-Café-Latte in unserem Lieblingsstarbucks zu schlürfen. Dabei fällt es uns für gewöhnlich leichter, die PartyStressLernSchlafdefizitSorgen zu verdrängen, die uns arme Medizinstudenten ach so häufig zu überkommen pflegen. Einen großen Milchschaumlöffel genießend, gehe ich in Gedanken die Wochenplanung durch. Heut Abend: Party STUK. Dann: früh raus zur VL oder Ausschlafen und dann erst Praktikum? Hmm … Karten für die Rockoper Faust in Auerbachs Keller besorgen (Dr.Jekyll & Mr.Hide läuft auch gerade, schade, dass ich schon wieder fast pleite bin …), anschließend Umsehen nach einer der en masse zu findenden spottbilligen Stuckdeckenwohnungen. 19 Uhr in die Moritzbastei zur Studentenparty. Am nächsten Tag nochmal in die Bibo, vielleicht diesmal in die der Juristen im Petersbogen, da ist gleich meine Lieblingsshoppingstraße, wo man mich zum tausendsten Mal anquatschen wird, ob ich nicht gedenke, Fitnessstudiomitglied zu werden. Zum Glück beuge ich der drohenden Verfettung durch 2malige Unisport-Aktionen wöchentlich vor, das Angebot ist riesig, die Kurse jedoch studentisch überfüllt. Mein Handy klingelt. Ob ich nicht Lust hätte, Samstag mit ins Velvet zu kommen. Miri hat mir eine Mail auf studiVZ gesendet: “Franzi, wie sieht‘s aus? Samstag Nachtcafé?” Ich überlege, wem ich jetzt absagen soll. Ich beschließe, zu Hause zu bleiben, zum Völkerschlachtdenkmal zu spazieren und ein bisschen die seltene Zeit für mich zu genießen. Mein Handy glüht, ich ändere die Tageseinstellung auf vibrations – und lautlos. Leipzig schläft nicht, aber hin und wieder gönne ich mir selbst diesen Luxus.
von Franziska Ehrst

PDF-Version der 17. Ausgabe

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No. 17 inkl.
Sonderausgabe
No. 17

PDF-Version der 16. Ausgabe

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Und unsere Kinder werden begeistert sein!
Blick nach vorn und zurück

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© khv24 / PIXELIO
Wohlmöglich mit übereinander gelegten Beinen und Pfeife im Mund werden einige von uns ganz nostalgisch vor dem offenen Kaminfeuer sitzen und ihren Kindern erzählen, wie es damals war vor 20 Jahren in einem unbekannten Ort namens Vechta. Das Bild scheint etwas abwegig, zumal es mehr an die Wohnzimmeratmosphäre des Biedermeier-Zeitalters erinnert, als an das Jahr 2030. Und nichtsdestotrotz, ob nun familiäre Gemütlichkeit wiederbelebt wird, oder fliegende Autos am Fenster vorbei zwitschern, irgendwann werden die eigenen Kinder, falls sie denn das Recht auf Leben in unserer verkappten demografischen Zeit finden, uns fragen: “Was ging denn damals ab? Zu Eurer Zeit, in den wilden 2010ern?”
Wehmut und Stolz?
Eine Mischung aus Wehmut und Stolz wird dann unsere Augen zum Leuchten bringen, gepaart mit Mundwinkeln, welche sich leicht nach oben ziehen. Es wird sich geräuspert, in die Hände geklatscht und eine aufrechte Position eingenommen. Die Augen träumerisch abwesend auf die Kinder gerichtet, was soviel bedeuten wird, wie: “Haltet Euch fest: die folgenden Schilderungen aus den Zeiten, als es noch Bachelor und Master zu erkämpfen gab, als die Studienbeiträge noch recht günstig waren und die Studenten halbherzig den Straßenverkehr lahm legten, um gegen die Missstände zu demonstrieren, werden Euch umhauen.”
Harmonie statt Action!
Es wird weit ausgeholt werden, denn Vechta hatte ja 2010 viel zu bieten und die Vergangenheit wird rückblickend immer besser geschildert, als sie wohl tatsächlich war.
Die Zeit, als sich die Studierenden zu Beginn des Jahrzehnts unglaublich vermehrten und den begrenzten Platz zu sprengen drohten, klingt doch sehr erzählenswert. Wenn die Kinder mit neugierigen Ohren lauschen, wird sicherlich auch vertuscht werden, dass jeder zweite Studierende an Vechta etwas auszusetzen hatte, da es wohl zu klein und zu langweilig war. Nein, es wird heißen, dass genau die Studierende die treibende Kraft gewesen ist, welche diesem Nest unglaubliches Leben eingehaucht hat. Die geringe Größe
des Studiums-Ortes hatte sich zwar auch auf den Geist Einzelner niedergelegt, doch meistens wurde wohl die Etikettierung “Nichts los” nicht einfach hingenommen. Nein, Vechta hatte geniale Möglichkeiten für den Zeitvertreib. Vielleicht nicht wie in Berlin, Hamburg, Köln oder München, dafür jedoch umso einzigartiger. Komische Studiengänge und komische Menschen. Hier konnte man sich noch einen Namen machen und die außergewöhnlichsten Gestalten grenzten sich einzigartig von der grauen Masse ab. Die Prüfungen waren leicht zu meistern und die Aufnahme ein Witz. Austauschstudenten sorgten damals für ein multikulturelles Miteinander und das Motto von Vechta hätte “Harmonie statt Action” heißen können. Ja, Vechta hatte unglaublichen Charme. Der immense Frauenanteil gestaltete ein Schlaraffenland für Männer und das Mensa-Essen wurde noch mit Liebe zubereitet.
Fragen?
Wenn wir dann nach gefühlten 2 Tagen fertig sind mit unseren euphorischen Ausführungen, ja dann werden die Kinder uns genervt anschauen und sicherlich ein paar Fragen stellen, auf die uns dann eventuell nicht die richtigen Antworten einfallen werden:
“Warum war denn damals der katholische Anteil noch so hoch? Wie, Euch ist 2010 das Streusalz ausgegangen? Es gab damals noch Schnee und Eis? Musstet Ihr denn immer so viel trinken? Was heißt hier Stadt des Pferdes? Und warum hat es stets nach Gülle gerochen? Was kann denn daran schön gewesen sein? Warum wart Ihr denn alle so komisch?”
“Vechta, liebe Kinder, Vechta! Das könnt Ihr nicht mehr verstehen!”
von Tobias Kunz

Kilo stemmen und Beulen drücken!

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Wir befinden uns heute in Rico‘s WG-Zimmer. Eine Ansammlung von motivierten Studenten versucht sich einen geeigneten Tagesplan zu erstellen, in welchem vorgesehen ist, weiterhin ihre Genialität in der Welt zu verbreiten …

Es ist Sonntag Nachmittag und unsere WG ergießt sich wieder mühselig in heiterem und anspruchsvollem Geplauder. Studierende sind halt auch außerhalb ihrer Lerntätigkeit stets auf dem Gipfel ihrer geistreichsten Begeisterungsfähigkeit.

So wird sich ereifert über ihre Frische und Jugend. Ihren Stil, ihren Anmut! Es ist nicht zu leugnen, Energie ist in diesem Zimmer quasi so konzentriert, dass man sie förmlich anpacken kann!

Seht sie Euch an! Die Elite! Die zukünftig oberste soziale Klasse unserer Gesellschaft! Das vollkommene Maß an kollektiver Intelligenz!
… aber vorspulen. Und so könnt ihr in der nächsten Ausgabe den weiteren Fortgang auf höchstem Niveau verfolgen. Humor, Anspruch, Action, Spannung und Erotik in einem. Bis zum nächsten Mal!
Texte: Thomas Hülsmann und Tobias Kunz
Kulissen: Thomas Hülsmann
Inspiration: Bistro Geplapper
Fotos: Alexander Dressler

PDF-Version der 15. Ausgabe

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Thank you for travelling
Einmal im Kreis mit der NordWestBahn

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Foto: Jenniffer Malenz
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo
Irgendwann macht es dich einfach kirre, wenn du weißt, dass du eine 12-stündige(!) Zugfahrt vor dir hast und niemals eine der bereisten Städte von innen sehen wirst oder wenigstens ein Endziel vor Augen hast, statt am Ende nur wieder in Vechta (für mache schon tragisch genug) zu enden. Doch das alles war uns egal. Wir wollten das komplette Semesterticket an einem Tag ausnutzen, koste es, was es wolle. Da sind Einschnitte nötig!
Irgendwann hört man dann sogar auf, miteinander zu reden oder die Pferde zu zählen (es waren 26), sondern beendet auch das Hoffen darauf, dass etwas Spannendes passiert. Jeder von uns hat sicherlich schon einmal eine längere Zugfahrt mitgemacht. Normalerweise passiert dort etwas. Irgendwas. Vielleicht sitzt man neben einem verrückten, komplett besoffenen Fußballfan, der versucht unter die Sitze zu erbrechen oder eine alte Omi führt Selbstgespräche über diese merkwürdigen Porzellanpuppen-Teleshops. Irgendwas halt. Bei uns war das nicht so. Es passierte nichts. Wir waren einfach gelangweilte Reisende neben gelangweilten Reisenden – mit dem Unterschied, dass sie in einem Zug saßen und wir in dem größten Karussell Niedersachsens, der NordWestBahn Vechta bis Vechta.
Monoton rattert der Waggon los. Emotionslose Berufspendler gucken emotionslos in die emotionslose niedersächsische Tiefebene. Die Tonbandstimme irgendeiner Bahnangestellten erklärt mir, dass wir auf dem Weg nach Esens sind. Esens – ein Name, den man (wenn überhaupt) nur von der Rückseite seines Studentenausweises kennt. Das hat auch seinen Grund: Esens ist nicht nur ein verschlafenes ostfriesisches Dorf, sondern auch das nördliche Ende der NordWestBahn. Doch für mich bekam es noch eine dritte Bedeutung. Esens war ein Symbol für die gesamte Reise, denn tatsächlich endet die Schiene hier vor einem großen grauen Poller. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Wir saßen uns bereits fünf oder sechs Stunden gegenüber, machten nur „Pause“, wo der Plan es vorsah, und stiegen niemals aus, sondern nur um. Wenn wir nicht unsere „heilige Mission“ zu erfüllen hätten, wäre man hier wohl ausgestiegen und hätte an der Nordsee ein paar Flaschen (oder Kisten) Bier getrunken. Statt dessen gucke ich kurz raus, höre eine Möwe schreien und nehme ernüchternd wahr, wie sich derselbe Zug, mit dem wir gekommen waren, in die umgekehrte Richtung aufmacht, um uns nach Bielefeld zu bringen. Der Betreiber eines schmierigen Autoskooters hätte jetzt gesagt: “Und weiter geht die wilde Fahrt.”
Ich schließe mit einem Appell:
Liebe Studenten, das Semesterticket ist toll, aber macht so was nicht nach! Mit der NordWestBahn im Kreis fahren, ist wie Sterben. Wirklich! Nehmt lieber Drogen, fangt das Rauchen an oder lasst das Anschnallen sein, aber macht nicht nach, was die wahnsinnigen uniVista-Kaputten da wieder ausprobiert haben. Lasst es einfach. Wirklich. Eure Psychohygiene wird Euch dankbar sein. (Ausserdem sind wir dafür um fünf Uhr aufgestanden! Um fünf! Wie bekloppt kann man eigentlich sein?)
von Thomas Hülsmann
Foto: Thomas Hülsmann
Zwischen Hüten und Zügen
“Was mach ich hier nur?”, war die erste Frage, die sich mir stellte, als sich an meinem freien Tag, morgens um fünf Uhr, der Wecker mit seinem schaurigem Piepton meldete, um damit den wohl merkwürdigsten Tag meiner Semesterferien einzuleiten. Wer bitte kam auf diese geistreiche Idee? Und was würde ich 12 Stunden lang mit den anderen anfangen? Fragen über Fragen, aber ich war bereit. Also traf ich alle Vorbereitungen, die für einen solch ereignisreichen Tag eben zu treffen sind, und begab mich auf den Weg zum Vechtaer Bahnhof, nachdem ich mit großer Genugtuung meinen Zauberbesen an meinem Fahrrad festgeklemmt hatte. Lange musste ich nicht warten an diesem Morgen, da bewegten sich auch schon zwei dunkle Gestalten auf mich zu. Die eine von ihnen rief laut: “Der Besen!” und lachte. Es war Thomas, der mit Tobias die Straße überquerte. Ich hatte wirklich befürchtet, dass sich keiner außer mir aus den Federn bewegen würde. Aber weit gefehlt.
So warteten wir gemeinsam noch kurze Zeit auf den Zug und stellten erstaunt fest, wie viele Leute so früh schon von A nach B unterwegs waren. Die NWB war gut befüllt, doch fanden wir einen Vierer-Platz, an dem wir uns gegenseitig unsere Habseligkeiten für den Tag zeigten und uns fragten, warum so viele
Harry-Potter-Dinge dabei waren. Nun ja, das nehme ich dann mal auf meine Kappe. Und es sollte ja auch noch seinen Zweck erfüllen. Tobias zeigte uns, wie stylish er mit Hut und uniVista-Shirt sein kann und Thomas präsentierte sich mit meinem tollen
Hogwarts-Outfit vor der Kamera.
Schon bald lugte die Sonne hervor und wir trafen in Bremen ein. Dort frühstückten wir bei einem Bäcker, posierten abermals vor der Kamera und begaben uns dann auf den Weg nach Wilhelmshaven. Welch ein schöner, weiter, flacher aber auch etwas trister Landesabschnitt. Und weil es sich anbot, haben wir die Gelegenheit genutzt, unsere intimsten Geheimnisse preiszugeben und über Gott und die Welt zu sprechen. Doch damit nicht genug. Es muss so zwischen Wilhelmshaven und Sande gewesen sein, als wir das Glück hatten, den kompletten Zug für uns alleine zu haben, als mein Hogwarts-Outfit und Tobias’ Quidditch-Ball zum Einsatz kamen. Ich habe tatsächlich den Schnatz gefangen und sogar einen Quaffel in den Torring bekommen. Welch ein Erfolg! Ravies rocken!
Nachdem wir uns also in Ostfriesland völlig verausgabt hatten, fuhren wir fröhlich weiter nach Osnabrück. Um die Reise noch extremer zu gestalten, diesmal stehend, so Tobias‘ Vorhaben, woran uns dann leider eine Schaffnerin hinderte und uns Plätze zuwies. Daher war diese Fahrt relativ unspektakulär. Bis auf den jungen Herrn neben mir, der das Bedürfnis hatte, während seines Schlafes mit dem Kopf auf meiner Schulter zu liegen. Daher nahm ich automatisch eine wenig rückenschonende Haltung ein, um ihm dies nicht zu ermöglichen. Tobias und Thomas fanden das sicher sehr amüsant.
Da dies aber nicht der Höhepunkt des Tages sein sollte, beschlossen wir dann eine Gemeinschaftsgeschichte zu schreiben und gingen diesem Vorhaben auch direkt auf dem Weg in Richtung Bielefeld nach. Nie war ich so kreativ, nie so reich an wohlgeformten Wörtern. Und weil nach diesem literarischen Meisterwerk unsere Köpfe leer und unsere Körper schlapp waren, nutzen wir die restliche Fahrt nach Vechta nur noch dafür, um in der Gegend herumzustarren oder auch um zu schlafen.
Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich nun zum einen weiß, wie viele Orte ich kostenlos mit der NWB erreichen kann, wie es in Niedersachsen aussieht und wo ich ungestört Zugfahren kann. Zum anderen habe ich meine beiden Mitredakteure besser kennengelernt sowie umgekehrt, was doch immer eine tolle Sache ist und zum Zugfahren einfach dazugehört! Thank you for travelling! .
von Jenniffer Malenz
Foto: Jenniffer Malenz
Meine persönlichen Lowlights
Mal so was richtig Extremes machen. Das war das Motto. An die Grenzen gehen. Das Licht am Ende des Tunnels sehen und dann schnell abbiegen. Dass die NordWestBahn ein Zug des schleichenden Wahnsinns sein kann, wusste ich aus Erfahrung. Dass das karge Flachland im Norden reichlich Halluzinationen zutage bringt, auch. Ich war eingestellt auf Verspätungen, quälende Nahverkehrsschaffner und tobende Schulklassen, die einem die fröhliche Gesinnung nehmen. Doch dann das: Es passierte absolut gar nichts! Nicht ein Hauch von Abenteuer oder näher kommendem Nervenzusammenbruch. 12 Stunden geregeltes Beieinandersitzen in Harmonie und Geselligkeit. Mal reichlich abschweifend, dann wieder intensiver. Ist das extrem? Ja! Wieso? Schon allein das ganze Vorhaben ist von extremer Stumpfheit, dass die Schilderung der Erlebnisse einen Platz in dieser Rubrik finden darf. Hier meine persönlichen Lowlights.
Beginnen wir mit dem ersten extremen Akt.
05:30 Wenn man zu einer Zeit aufsteht, an der die letzten Gäste im Blue ein Bier bestellen, kann das keineswegs gesund sein. Motivation ist reichlich wenig vorhanden, dem kommenden Tag mit positiver Energie entgegenzutreten, da er doch dafür reserviert ist, die Zeit in Zügen der NWB abzusitzen, welche sogar Ortschaften anfährt, an dem kein Wunsch präsenter ist, als zu fliehen oder zu sterben.
06:01 Bahnhof Vechta. Ich mag diesen Ort eigentlich. Er ist stets der Beginn einer Reise zu aufregenderen Orten als eben dieses Vechta. Heute soll er mich in exakt einer Tageshälfte wieder begrüßen. Gut, dass Hermine uns begleitet. Vielleicht kann sie uns allesamt hinweg zaubern.
Als Student hat man irgendwann vergessen, dass Arbeitszeit auch schon vor 8:30 Uhr beginnen kann. Die NWB war nämlich voll von müden Lohnjägern, was ich in meiner einmaligen Situation, in ihrer Gegenwart zu verweilen, extrem lustig fand.
11:00 Wenn ich Möwen kacken sehe, bin ich recht zufrieden, da ich mir darüber im Klaren bin, dass das Meer nicht weit sein kann. Die NWB hält am obersten Zipfel ihres Liniennetzes leider nicht direkt am Strand. So konnte ich mir etwas salzigen Geruch einbilden, bevor wir wieder in Richtung extremer Landwirtschaft und Tierzüchterei fuhren.
13:00 Um alles einen Grad extremer zu gestalten, gebot ich meinen Mitstreitern (Hermine kann übrigens nicht zaubern) zwei Stunden im Stehen zu verweilen. Ich hätte mich dafür allerdings gegen eine eifrige Schaffnerin auflehnen müssen, welche die Fahrgäste so verteilte, dass auch Quasimodo bequem gesessen hätte. Aus Erfahrungswerten weiß ich allerdings, dass es keine Mittel gibt, Kontrolleure in ihrem natürlichen Jagdgebiet von dem Glauben an eine gute Sache zu überzeugen. Zumindest nicht in unserem Fall. Das extreme Vorhaben scheiterte.
15:55 Bielefeld ist extrem hässlich. Ich möchte mir kein Urteil über die gesamte Stadt erlauben, aber alles, was sich um den Bahnhof befindet, ist eine Beleidigung für neugierige Augen. Außerdem rannten ständig Arminia-Fans über den Zuggang. Die sind auch nicht schön anzusehen. Aber sie verhielten sich sehr vorbildlich. Kein Grölen, kaum am Saufen. Fast schon extrem langweilig.
18:30 Vechta. Wir sind zurück. Nicht einmal die Knochen schmerzen. Ich fühle mich extrem ausgeruht. Der Tag kann endlich beginnen. Dennoch muss ich noch so einige extreme Sachen festhalten. Zum einen waren meine Mitstreiter extrem sympathisch. Zum anderen sollte man bedenken, dass Zug fahren und Bier trinken eine notwendige Mischung zur Aufrechterhaltung des ausgeruhten Reisestiles ist. Ich verzichtete! Und das war richtig extrem!
von Tobias Kunz

Vom Leben und Leiden, mit Witz und Wahnsinn

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Lust auf ein Buch, das mal wieder das eingestaubte Herz so richtig erwärmt? Polski Blues lesen! Janosch kennt man wohlmöglich meist in Verbindung mit einer komischen Tigerente. Hier erfreut er auch die gereifte Generation mit Sinn für Menschlichkeit und Sprache.
Protagonist des Buches ist Filmregisseur Staszek Wandrosch, welcher mit Freunden durch sein heimatliches Polen reist, um sein altes Idol aufzuspüren: den legendären Jazztrompeter Zdenek Koziol. Eine Vielzahl dazu stoßender skurriler Gestalten erhöht dabei das Lesevergnügen. Allesamt versuchen sie, die Frage zu beantworten, was in einer von Armut geprägten Welt einen Lebenskünstler auszeichnet.
Die Darstellung vom polnischen Land und seinen Leuten geschieht dabei so herzlich, dass man in eine Stimmung versetzt wird, die konstant auf mageren 156 Seiten einen verregneten Nachmittag die Stirn bietet. Dabei halten sich Witz und Tragik die Waage, dass man es Janosch hoch anrechnen muss, ohne Bedarf an abgegriffenem Feel-Good-Kitsch, eine grau gezeichnete Welt, in wohlige Wärme zu hüllen.
Extra für Euch bestellt und von der Bibliothek rangeschafft, wünschen wir ein wohlwollendes Leseerlebnis für schwere und für leichte Zeiten.
Janosch: Polski Blues
Signatur: 407568
von Tobias Kunz

Horoskop Mai 2010

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Stier
Finanzielle Sorgen sollten nicht zu eng gesehen werden. Auch wenn es beruflich nicht sonderlich gut läuft, kommende Nahtoderfahrungen sind in nächster Zeit von größerer Bedeutung.
Zwillinge
Solltest Du jetzt vorhaben die Welt zu erobern, die Sterne stehen verdammt günstig. Mit Witz, Anmut und einer selbstverständlichen Leichtigkeit ziehst Du alles und jeden in Deinen Bann. Damit legst Du das Fundament für ewig währendes Glück und Vollkommenheit.
Krebs
Du bist unendlich motiviert in Sachen „Pläne schmieden“. Leider mangelt es Dir an ausreichend Kompetenzen diese umzusetzen. Deine subtile arrogante Art wird Dir dabei die nötige Unterstützung anderer vom Leib halten.
Löwe
Schönheit allein reicht leider nicht aus. Du kommst die Tage einfach nicht in Fahrt und Deine andauernde Zurückgezogenheit geht den Ersten bald auf den Zeiger.
Jungfrau
Du versprichst Dir viel von den kommenden Wochen und Monaten. Zu viel? Nein, Deine Erwartungen werden sogar noch übertroffen. Vor Dir liegt der beste Sommer, den Du je erlebt hast.
Waage
In der Liebe tut sich bei Dir einiges. Wenn Du Single bist, stehen die Sterne günstig, jemanden zu finden, der Dir sein Herz schenken möchte. Möglicherweise ist das Ganze nicht von Dauer, und alles, was bleibt, ist eine hartnäckige Syphilis-Infektion. Doch was wäre die Alternative? Nicht nur Domian-Fans wissen: Objekt-Sexualität ist keine Lösung..
Skorpion
Die Zeit ist reif für neue Kontakte. Die Frühlingsluft ermöglicht Dir, Dich hervorragend zu verstellen und Dein wahres, langweiliges Selbst zu verbergen. Dankbarkeit und Freundschaft könnten dafür gedeihen.
Schütze
Deine gute Laune ist wirklich unerträglich. Zwar hast Du das Gefühl mit Deinem harmonischen Gemüt die Leute anzustecken, stößt dabei mit Deiner Ekel erregenden Glücksschwafelei jedoch nur auf Ablehnung.
Steinbock
Du bist manchmal unzufrieden mit Deinem Leben? Du hättest gerne mehr geschafft, hättest gerne Erfolge, auf die Du zurück blicken könntest? Vielleicht hast Du recht. Vielleicht ist Dein Leben wirklich jämmerlich. Doch das untere Ende ist noch nicht erreicht. Gut möglich, dass das bald anders ist. Die Sterne jedenfalls sagen: „Herzlich willkommen am Arsch!“
Wassermann
Voller Erwartung sehnst Du den kommenden Sommer herbei. Doch wie war diese Jahreszeit 2009 oder 2008? Ein paar warme Tage und viel Regen? Ein Camping-Urlaub mit dem jetzigen Ex-Freund? 35 Grad im Zimmer und jede Menge Klausuren im Nacken? Mal im Ernst: Wer mit solchen Erfahrungen Vorfreude entwickelt, würde mit einem halben Hähnchen zum Tierarzt gehen.
Fische
Es ist schön, dass Du nach unendlichem Rumlungern ein neues Hobby gefunden hast. Du strahlst wie nie zuvor Zuversicht und Fröhlichkeit aus. Doch sei vorsichtig. Experimente mit Rauschgift sind nicht auf Dauer befriedigend.
Widder
Manchmal fühlst Du Dich unverstanden, einsam und unbeliebt. Nur nicht den Kopf hängen lassen! Vielleicht liegt es ja bloß an der unzureichenden Leistungsfähigkeit Deines Deodorants, dass niemand neben Dir sitzen möchte. Vielleicht auch nicht. Gut möglich, dass Dich wirklich keiner leiden kann. Die Sterne jedenfalls liefern darauf keine Antwort. Warum? Na weil sie Dich nicht mögen.
von Stefan Hirsch und Tobias Kunz
Hintergrundbild: © Martin Kolb / PIXELIO

Plötzlich exmatrikuliert: Was nun?

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Der Zukunft lächelnd entgegen
Dichte Wälder, sprudelnde Flüsse und weite Felder ziehen an mir vorbei. Nichts und niemand kann mich stressen und stellt mir Fragen. Lediglich der nette Herr, der mir in diesem Moment einen frischen Kaffee anbietet. Doch kann ich ihn mir nicht leisten, und wenn wir ehrlich sind, bekommt der mir eh nicht. Aber auch das interessiert mich nicht, denn ich bin glücklich und frei. Keine Klausuren, kein Lernen und kein Zwang mich mit Dingen zu beschäftigen, die schon bald nicht mehr von Bedeutung sind. Denn ich bin exmatrikuliert, aus Gründen, die eben dafür sprechen. Ich als zukünftige Sozialarbeiterin? Die Traumblase ist nun zerplatzt. Doch wen kümmert‘s? Genügend andere, zum Teil selbst psychische Wracks, können diesen Job jetzt gerne für mich übernehmen. Ich hingegen nutze nun die Zeit für meine andere Leidenschaft.
Wie dumm wäre ich, wenn ich nun aufgeben würde? So bereise ich die Welt, oder wenigstens Nordrhein-Westfalen. Denn ich bin auf dem Weg nach Dortmund, da ich im Internet gelesen habe, dass ich mich dort zur Journalistin ausbilden lassen kann. Und was liegt nun näher, als diesen Weg anzustreben? Richtig: nichts! Also begebe ich mich auf den Weg dorthin, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, der letzten Endes bewirken soll, dass ich aufgenommen werde und meinen weiteren Lebensweg im angrenzenden Bundesland beschreiten werde. Es bleibt nur zu hoffen, dass er mich glücklich macht. Und so träume ich schon von künftigen Tagen, die mich am Abend sagen lassen, dass ich den richtigen Weg gewählt habe. Sie werden mich daran erinnern, wie ich einst hier saß und mich damit abgefunden hatte, „versagt“ zu haben. Sie werden mich aber auch daran erinnern, dass ein Weg nicht alles bedeutet und eine Fähigkeit von mir nicht alles ausmacht. Und während ich voller Hingabe positiv denke, frage ich mich, ob dieser Optimismus vielleicht nur daher rührt, weil dies alles rein hypothetisch ist.
von Jenniffer Malenz
Der Zukunft ächzend entgegen
Exmatrikuliert. Schon allein die unterschwellige Kraft, welche dieses Wort zu bieten hat, kann einem zartbesaiteten Studenten Angst einjagen. Da lacht man an einem sonnigen Morgen dem Himmel entgegen und in der bedrohlichen Dunkelheit eines kleinen Briefkastens entfaltet sich ein Wisch des Grauens. “Sie wurden exmatrikuliert. Sie haben versagt. Sie sind von der Liste der Pseudo-Intellektuellenelite gestrichen worden. Packen Sie ihre Sachen. Ihre ungenügenden Fähigkeiten werden hier keinesfalls mehr benötigt.”
Das feine Polster des Studentendaseins hat man mit perfektionierter Faulheit oder grenzenloser Dummheit zerstört. Die neu gewonnene Freiheit schmeckt bitter. Wohin mit der eigenen, vorerst gescheiterten Existenz?
Ein Abend an der Theke einer Eckkneipe sollte Klarheit schaffen. Dieser Ort hat eine raue Menge an gescheiterten Existenzen zu bieten und sollte bei der Frage helfen, ob man sich selbst dazuzählt.
Die geöffneten Arme der Familie fühlen sich an wie Schläge in das Gesicht. Das geht schon in Ordnung. 600 Euro pro Semester, investiert für das eigene besiegelte Scheitern. Da kann man die Wut und Enttäuschung der verwandten Geldgeber schon nachvollziehen. Die Rolle des Sündenbocks sollte man akzeptieren.
Irgendwann, nach wochenlangem Suhlen im Selbstmitleid, sollte man wieder in die Zukunft schauen. Das Leben anpacken. Der eigene Blick muss in die richtige Richtung gehen. Nämlich genau zu den Leuten, welche noch viel mehr versagt haben. Das ist menschlich und stärkt Körper und Geist. Immatrikulation heißt dann das Zauberwort. Eine Anmeldefrist für den Neuanfang gibt es nämlich nicht.
von Tobias Kunz

PDF-Version der 14. Ausgabe

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Erbarmungslos schlecht und irgendwie auch traurig

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Verleihung der Goldenen Himbeere
Eine unauslöschliche Lichtgestalt des internationalen Filmbusiness ist ohne Zweifel: Uwe Boll. Nach Ed Wood als schlechtester Regisseur aller Zeiten verschrien, dreht und produziert dieser gleichwohl stur und eigenwillig einen Film des Grauens nach dem anderen. Viele kennen sicher Bruchstücke aus seiner tragischen, filmischen Laufbahn. Hinter trashigen Meisterwerken mit schauspielerischen Minimaltalenten wie Far Cry (Til Schweiger), Alone in the Dark (Christian Slater) oder Dungeon Siege (Jason Statham) steht sein Name.
Der Gebürtige Wermelskirchener erblickte am 22. Juni 1965 das Licht der Welt, um sie Jahre später mit seiner Kunst zu bestrafen. Zunächst jedoch studierte er Filmregie sowie Literatur, Film- und Betriebswirtschaft, um anschließend Mitte der Neunziger zum Doktor der Philosophie zu promovieren.
Wenn auch unbegabt im Filme drehen, hat Boll ein gutes Händchen als Geschäftsmann. Als Mitgründer und Geschäftsführer der Boll-KG (BOLU – Filmproduktions- und Verleih GmbH) ist es ihm erlaubt, seine Filme aus daraus entstehendenden Gewinnen und zusätzlich aus deutschen Medienfonds zu finanzieren. Des einen Freud (Boll), des anderen Leid (Publikum), staatliche Filmförderung für die Machwerke kam logischerweise bisher noch nie zu Stande, weshalb sich Boll überwiegend darauf “spezialisiert”, einschlägig bekannte Computerspiele mit hohem Gewaltfaktor zu verfilmen, in der Hoffnung die spielwütige Playstation-Generation würde die Kinos stürmen und damit kostendeckendes Geld einspielen.
Trotz eines gewissen Charmes, welcher von seinen dilitantischen Filmen zeitweilig ausgeht, muss man im Endeffekt zugeben: Uwe Bolls Machwerke sind für den kultivierten Filmliebhaber purer Schmerz. Nach ersten Erfahrungen mit Kurzfilmen auf Super 8 und Video stieg Boll 1991 mit seinen ersten Langspielfilmen in das Geschehen deutscher Filmproduktionen ein. Bis 2003, bevor er sich an die erste Verfilmung eines Computerspieles wagte (House of the Dead), versuchte Boll mit provokanten Themen das Publikum auf seine Werke aufmerksam zu machen. Unter anderem inszenierte er 1993 eine fingierte Dokumentation über den Tod des ehemaligen Politikers Uwe Barschel (Barschel – Mord in Genf). Das brisante Thema über Verschwörung und Machenschaften, welche dem realen Sterbetag Barschels vorangingen, setzt Boll unbedarft in den Sand. Weiterhin setzt sich der talentfreie Regisseur mit dem sensiblen Thema des Amoklaufes auseinander (Amoklauf, 1994). Allerdings wurde mehr Wert auf die Gewaltveranschaulichung und pornographischen Sequenzen gelegt als den psychologischen Werdegang des Protagonisten. Was bleibt, ist ein sinnfreies Filmwerk unterster Klasse.
Im Jahre 2006 schien Uwe Boll die ständigen (jedoch meist berechtigten) Einwände gegenüber seinem filmischen Schaffen nicht mehr zu verkraften und organisierte mit viel Promotion einen Boxkampf gegen seine fünf größten Kritiker: “Wenn ihr immer schreibt, ihr wollt mich umhauen, foltern, kreuzigen, erschießen, dann kommt nach Vancouver und wir boxen.” Gesagt und getan: Boll, welcher selbst über Boxerfahrung verfügt, gewann alle fünf Kämpfe. Der symbolisch amüsante Akt gegen sämtliche Kritiker hielt 2008 Computerspiele-Qualitätstester Robert Harvey nicht davon ab, eine Petition im Internet gegen Boll zu veröffentlichen. Virtuelle Unterschriften von ca. 330.000 Menschen forderten den Regisseur auf, seine verheerenden Aktivitäten im Filmgeschäft aufzugeben. Eine Million Namen wären laut Boll jedoch nötig gewesen um seine Tätigkeiten einzustellen. Die daraufhin von ihm selbst ins Leben gerufene Pro-Boll-Petition erreichte nicht einmal annähernd 10.000 Unterschriften. Die Kaugummimarke Stride bot dafür jedem Teilnehmer einen Warengutschein an, welcher sich für die Anti-Boll-Petition engagieren würde, bis das Ziel der Unterschriften von einer Million erreicht würde. Das ganze Unterfangen blieb jedoch folgenlos und so dreht Boll heute noch Filme.
Im Jahre 2009 kam der lang ersehnte Durchbruch auf der Karriereleiter des Schrottfilmers. Er erhielt gleich zweimal die Goldene Himbeere. Er wurde als schlechtester Regisseur geehrt. Daneben erhielt er die Auszeichnung für das “schlechteste, bisherige Lebenswerk”.
Zurzeit verhunzt Boll sicherlich die Biographie über Max Schmeling, welche noch dieses Jahr in unsere Kinos kommen soll. Henry Maske verkörpert übrigens die Boxlegende. Der Trailer lässt schon jetzt das nächste typische Boll-Werk vermuten: Erbarmungslos schlecht und irgendwie auch traurig.
von Tobias Kunz

Traumtrash – Recyceln ist sinnvoll!

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Virtuelles Kino. Eintritt frei, beste Sitzplätze. Jede Nacht in Deinem eigenen Kopf. Welche Programmsparte Dich erwartet? Nun, das liegt ganz in Deinem eigenen Empfinden. Träume sind ja, wie man so schön sagt: Der Spiegel unserer Seele. Alles, was in unserem Bewusstsein unformuliert ruht, macht sich in unserer Traumwelt bemerkbar und soll uns somit den Schlüssel zur Erklärung unserer alltäglichen Probleme und Aufgaben überreichen.
Ob man daran nun glaubt oder nicht, was Nacht für Nacht in unserem Kopf projiziert wird, insofern man sich nach dem Aufwachen noch daran erinnern kann, ist eine unsägliche Flut an Bildern und kreativen Auswüchsen, die nur ein benebelter Verstand zu Tage fördern vermag. Bevor man sich jedoch nach bloßem Gefühl in eigenen Erklärungen zur Deutung seiner Träume verirrt, sollte man eventuell doch einmal ein Medium zur Traumdeutung aufsuchen. Es könnte ja sein, dass falsche Interpretationen bzgl. unseres derzeitigen Empfindens uns schlicht an den Rand des Wahnsinns führen.
Angenommen Du liegst in einer lauen Sommernacht unter dem prächtigsten Sternenhimmel, für den sich die Natur gar wirklich sehr aufgeopfert hat. Du schwelgst in Gedanken, die sich alle um Dein wunderbares Leben drehen und dann schläfst Du ein, bevor Du auch nur einmal versucht hast, den großen Wagen über Dir zu entdecken. Stattdessen siehst Du Dich selbst. Einfach so, in einem schwarz gepuderten, unverzierten, leeren Raum. Das ist nichts Ungewöhnliches, könnte man denken, wenn deinem Selbst gegenüber nicht schlicht anfangen würde, das Gesicht wegzufaulen. Da stehst Du also und Du schimmelst. Du kannst den üblen Prozess der Verwesung nicht aufhalten und so siehst Du Dir selbst und den vergammelnden Tatsachen ins Auge. Bis Du aufwachst und Dir stockstarr über Dein doch so angenehm unangetastetes Gesicht streichelst. “Was jetzt?”, denkt sich Dein Verstand. “Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Steht mir Krankheit bevor, Hautkrebs oder Akne?” Nun, schauen wir im TraumWiki nach: “Vor einem Neubeginn steht oft Auflösung, etwa die Beendigung einer Beziehung. In ihnen ist keine Energie mehr vorhanden, sie weiter zu führen. Die Angst davor kann sich in Fäulnis ausdrücken.” Statt des eigenen Leides und Todes zu fürchten, muss man sich nun also Gedanken darüber machen, welche Person man ermüdet aus seinem Leben kickt. Danke, Traumdeutung.
© Marvin Siefke / PIXELIO
Zweiter Fall: Es ist späte Nacht. Du kommst erschöpft von der Arbeit und wirfst Dich direkt mit Anlauf in Dein Bett, um in ein sorgenfreies Schlummerland zu entgleiten. Denkste so. Denn anstatt unbehelligt in ein unaufgeregtes Dunkel zu starren, wird Dir in der eigens erschaffenen Traumwelt ein Päckchen Crack in die Hand gedrückt. Dummerweise befindet sich die Stadt, in der Du Dich aufhältst, soeben in einem Ausnahmezustand. Blaulicht streift durch dunkle Gassen und Polizeikontrollen versperren den Horizont. Du versuchst den Weg zu finden, um mit dem Crack an ein unbekanntes Ziel zu kommen. Auch wenn Du nicht drogensüchtig bist, solch einen Wert schmeißt man nicht weg. Zu spät. Ein liebäugelnder Dackel leckt über Deine Tasche mit erweiterten Pupillen und ein Polizist an seiner Leine packt Dich direkt in den Streifenwagen. “Was jetzt?”, denkt sich Dein Verstand. “Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Werde ich für meine bisherigen illegalen Aktivitäten bestraft? Konflikt mit Polizei oder GEZ? Juckt nach all den Jahren wieder das Pudernäschen?” Nochmals der Blick ins TraumWiki: “Drogen auf illegalem Weg zu erwerben, lässt auf eine überhöhte Risikobereitschaft schließen. Ein unangenehmes Drogenerlebnis im Traum kann auf die Angst, den Verstand zu verlieren, zurückgeführt werden. Von der Polizei abgeführt werden kann Schuldgefühle wegen tatsächlich oder vermeintlich unmoralischer Handlungen anzeigen.” Ja dann, danke Traumdeutung. Du hast wieder einmal den Tag gerettet.
Wusstet Du, dass sämtliche Personen, welche in Deinen Träumen vorkommen und die Du nicht aus Deinem realen Leben kennst, Du selbst bist? Eine Tatsache, wie ich finde, welche sehr interessant ist, wenn man überlegt, was man in seinen Träumen aus dieser Perspektive so alles mit sich selbst anstellt. Dinge, über die Du Dir am Besten selbst Gedanken machst, falls Du mal wieder Deinen Traumtrash recyceln willst.
von Tobias Kunz

Kunst der Poesie, Ambitionen und Abgründe

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Der Leser, welcher ohnehin ein Faible für die Abgründe des menschlichen Daseins hegt, sollte sich ohne Bedenken dies Werk von Milan Kundera zu Gemüte führen. Ohne grobe Anklage, viel mehr mit liebenswürdiger Bewunderung, zeichnet der Autor ein Netz individueller Beziehungen zwischen seinen Figuren, welches sich von bedingungsloser Liebe bis hin zu rasender Verachtung erstreckt. 
Im Mittelpunkt des niveauvoll erzählten Dramas steht der heranwachsende Jaromil, der nach dem frühen Ableben seines Vaters von seiner übermäßig ergebenen Mutter großgezogen wird. Die ist es auch, welche in ihm den begnadeten Dichter zu erkennen glaubt. So wird Jaromil nicht an die Poesie mit all ihren Facetten herangeführt, sondern förmlich von ihr überschüttet. Der Leser sieht einen ausgeklügelten Leidensweg des Protagonisten, welcher auf der Suche nach Anerkennung und Bewunderung, überfordert von den eigenen und fremden Ansprüchen erkennen muss, dass sein eigener Glanz, lediglich eine trübe Abfärbung sämtlicher Vorbilder ist.
Kundera schafft es meisterhaft mit atmosphärisch dichtem Erzählstil die Aufmerksamkeit seiner Leser zu gewinnen ohne diese zu langweilen. Selten liegen Ironie und Tragik so nah beisammen wie in dieser Perle.
Milan Kundera: Das Leben ist anderswo
Signatur: 228399
von Tobias Kunz

Träumer

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Und du wartest
Und du träumst
Und du träumst
Und du findest was du träumst
Und du träumst
Und du träumst
Und sie wartet
Und du träumst
Und du träumst
Und sie wartet
Und du träumst
Und du träumst
Und ER kommt
Und du träumst
Und du träumst
ER träumt nicht
Und du träumst
Und du träumst
Und sie wartet
Und du träumst
Und du träumst
Und sie lässt das Warten bleiben
Doch du träumst
Und du träumst
Und verträumst worauf du wieder wartest.
von Tobias Kunz

Fliegerbombe und Schleudergang

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Ein Tag wie jeder andere. Eines drögen Morgens, an dem sich alle WG-Mitglieder so ganz wunderbar bei nebenbei laufendem TV entspannen, flattert eine fröhliche Neuigkeit durch die Gemächer und erhellt die verstaubten Gemüter. Bob hat gelernt seine Wäsche zu waschen.

Die Botschaft reißt sofort alle in einen berauschenden Bann. Jeder scheint sich zu freuen und Bob in seinem neu eroberten Lebensabschnitt das Beste zu wünschen, was man halt so jemanden wünschen kann, der allmählich sämtliche Facetten des schwierigen Lebens in den Griff zu bekommen scheint.

Alle sind sich einig. Bob ist von nun an ein anderer Mensch. Sein neuer Lebensmut und die damit einhergehenden verschärften Sinne strahlen eine unendliche Energie aus, welche sich in die noch so winzigste Pore der WG-Räumlichkeiten ausbreitet und alle restlichen Mitbewohner gleichwohl beflügelt.

Doch da ein unverhoffter Schicksalsschlag. Von einem Moment zum nächsten fliegt der doch eben noch so energiegeladene Wohngemeinschaftspalast in die Luft und wird von einer wuchtigen Schneelawine begraben. Doch bevor einer unserer tapferen Helden auch nur das Ausmaß des Schreckens verarbeitet hat, wird schon wieder an die Zukunft gedacht.
Doch wie wird diese Zukunft wohl aussehen? Wird Bob einen jämmerlichen Tod sterben oder doch noch bügeln lernen? Wird er es überhaupt überwinden mit dreckigen Sachen in das Krankenhaus gebracht zu werden? Und was ist mit Nadine und Enrico? Werden sie Kinder bekommen und sich den teuflischen Krallen der Ehe hingeben oder einfach nur ins Gras beißen? Ist das ganz und gar das Ende?
Text und Kulissen: Tobias Kunz
Inspiration: Robert Betz
Fotos: Alexander Dressler

Dreck – Ein Hoch auf die Putzlappen

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Dreck wächst mit seinen Aufgaben. Dreck verweist auf Leben. Ja, Dreck reinigt sogar den Magen. Wieso also ein solch wunderbares Produkt unserer großzügigen Umwelt bekämpfen? Obwohl er alle Eigenschaften besitzt, der sich im Normalfall die Gesamtheit aller menschlichen Sinne entziehen möchte, bindet er vortrefflich die Charakterzüge eines Menschen zu einem Ganzen. Man möchte wissen mit welcher Person man es zu tun hat? Das Ausmaß der Verwüstung individueller Umfelde gibt darauf die Antwort. Nach dem Motto: Zeig mir deine Behausung und ich sage dir, wer du bist. Das Spektrum ist groß. Von psychisch gestörten Messies bis hin zu psychisch gestörten Ordnungswahnsinnigen. Oder unbrachial betrachtet: Von Menschen geregelter Verhältnisse bis hin zu Typen getriebener Planlosigkeit. Vielleicht sind solcherlei Betrachtungen wissenschaftlich relevant, vielleicht aber auch einfach nur: Müll.
Im Rahmen fortlaufender Emanzipation in allen sozialen Bereichen möchte ich auch sogleich das ausgelutschte Thema über die Unterschiede der Haushaltsführung zwischen den Geschlechtern verwerfen, entsorgen und pfandfrei niemals wiederverarbeiten.
Solange man angekündigten Besuch nicht als Gelegenheit auffasst, das vorläufig geplante Saubermachen tatsächlich umzusetzen, so bleibt zu sagen, das ein ungepflegtes Territorium eine Gelegenheit darstellt, um die Ernsthaftigkeit einer Beziehung zu Freund/Freundin oder Anderes auf die Probe zu stellen: Du willst mich? Du bekommst mich nur mit diesem und meinem Zimmer!
© Gisela Peter / PIXELIO
Es ist doch auch so, dass ein monatelanges, dahinsiechendes räumliches Umfeld einen Bezug zu der persönlichen Vergangenheit darstellt. Überwindet man sich wirklich einmal, den Frühjahrsputz durchzuziehen, könnte man unter dem eigenen Bett Dinge entdecken, die einem in schöne frühere Tage zurückversetzen. Eine Budweiserflasche vielleicht? – Ach ja, die verrückte Tschechin auf der WG-Party von `97. Das waren noch Zeiten. Das eigene unordentliche Zimmer dient also auch leidlich als eine Art Tagebuch.
Im Endeffekt bleibt zu erwähnen: Ob ordentlich oder unordentlich. Solange der Teppich nicht anfängt zu leben, ist doch alles in recht geordneten Verhältnissen.
von Tobias Kunz
So! Ich bin dann vor ein paar Monaten umgezogen. Im alten Zimmer hatte ich Laminat… also keinen Teppich. Ich hatte mich gut auf meinen Umzug vorbereitet, aber eine stille Gefahr habe ich nicht gesehen. Als mir meine Freunde geholfen haben mein Bett auseinander zu bauen, da sprangen sie mir fast ins Gesicht. Sie haben mich ausgelacht und streckten mir ihre grauen Zungen entgegen. Staubhasen oder wahlweise auch Staubmäuse genannt. Sie sammelten sich gesellig auf dem Boden und lachten uns mit ihrem Staub an. Zugleich mussten wir alle bei diesem Anblick keuchen vor Entsetzen… Naja, eigentlich eher wegen dem Staub, aber so klingt es dramatischer. Frisch umgezogen habe ich mir geschworen mehr für mein Zimmer zu sorgen. Daraus wurde leider noch nicht so viel, aber jetzt putze ich wenigstens. Mein Zimmer aufräumen? Ja, schon, aber… seien wir doch mal ehrlich! Wie viele von Euch räumen ihr Zimmer auf, wenn sich nicht gerade die Eltern oder anderer Besuch angemeldet hat? Also, ich gestehe hiermit, dass ich mein Zimmer nur aufräume, wenn Besuch kommt. Das ist in meinen Augen aber auch völlig in Ordnung, denn ich muss schließlich darin schlafen und nicht mein Besuch (naja, im Regelfall ist das so). Zu meiner Verteidigung darf ich sagen, dass ich aber wenigstens einen Grund habe mal richtig aufzuräumen und Besuch ist doch immer schön, also räume ich dann auch gerne auf, um meine Gäste gut zu empfangen. Und da ja Ausnahmen immer die Regel bestätigen, muss ich hier noch hinzufügen, dass auch sehr gerne während der Klausurenzeit geputzt wird. Hand aufs Herz, das ist doch bei Euch auch so.
Also hoch mit Euch Studenten und an die Putzlappen. Versucht auch, ohne dass Besuch kommt, Eure Staubhasen zu fangen und bringt sie zum Stillschweigen, denn sie haben kein Recht auf Leben! Mögen die Putzmittel und -lappen mit Euch sein!
von Sarah Kotten

PDF-Version der 13. Ausgabe

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Herrentag – Ein Prost auf die Männlichkeit

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Es scheint die Sonne. Blauer Himmel weit und breit. Perfekter kann ein Tag nicht starten, welcher unsere vollkommene Männlichkeit krönt.
Stets am Vierzigsten Tage nach Ostern ziehen wir dahin, in unsere Wälder, an unsere Seen, bepackt mit Bollerwagen und Schubkarren, mit Alkohol bis an die Zähne bewaffnet.
Heute wird ein langjähriges, traditionelles Fest gefeiert. In den neuen Bundesländern vielmehr als „Männertag“ bekannt und hier auch weitaus beliebter in der Durchführung, wird jedes kirchliche Palaver anlässlich „Christi Himmelfahrt“ im gegärten Keim erstickt und sich auf das spezialisierteste Können der Männer konzentriert: Saufen.
Kaum jemand, welcher heute grölend unterwegs ist, kann verraten, aus welchem Anlass diese gewaltige Zeremonie durchgeführt wird, wie und wodurch sie entstanden ist, allgemein bekannt ist jedoch: Wenn Männer ihres Geschlechtes frönen, erreicht die Anzahl der Verkehrsunfälle und Schlägereien den totalen Jahreshöhepunkt.
In den brechend vollen Zügen liegt schon kurz nach neun am herrlichen Morgen der aufdringliche Duft von Alkohol in der Luft. Doch stören sollte es keinen, denn wer an diesem Tage nüchtern auf den Spuren aller stolzen Männer wandelt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Ausdünstungen jeglicher Art die hartnäckigsten Begleiter sind.
Was früher absolut tabu gewesen ist, schleicht sich seit dem Mauerfall allmählich mit in das Geschehen: Frauen. Im Rahmen der Emanzipation und annähernder Gleichberechtigung beider Geschlechter, konnte sich auch der konventionelle Herrentag nicht gegen diese Entwicklung erwehren. Unter den Älteren erzählt man sich augenzwinkernd, dass zu Zeiten der DDR plötzlich auftauchende Schaffnerinnen gnadenlos aus dem Zug geschmissen wurden. Heute haben sich die Ansichten geändert, die Anzahl weiblicher Mitwanderer hat sich enorm vergrößert, auch wenn diese sich fortwährend unbedacht perverse Kommentare von sabbernd geilen Männerscharen anhören müssen. Das wohl letzte Recht, was den Männern an diesem Tage verblieben ist, zugegeben: meist nur von der minderbemittelten Sorte in Anspruch genommen.
Auch Kinderbeine rennen häufiger neben einem her. Historisch betrachte war zu einem Herrentag jedoch der jüngste Wanderer der heranwachsende Bub, welcher in die fröhliche Sauferei eingeweiht wurde. (Heute lernen Jungs so etwas eher bei Flaschendrehen und Flat-Rate-Partys. Ohne Papi aber dafür mit Mädels.) Es ist also klar erkenntlich geworden: Der Herrentag hat sich teilweise zu einem beherzten Volksfest entwickelt.
Bildquelle: aboutpixel.de / mexcian drunken [3] © Christoph Ruhland
“Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar”
Herbert Grönemeyer, Männer
Dennoch: Es tauchen unentwegt alte verbissene Narren auf, welche den Zahn der Zeit nicht erkannt haben und noch immer auf ihr abgelaufenes Anrecht pochen, an genau diesem Tag keinem Weib ins Antlitz schauen zu müssen. Und so werde auch ich, trotz Bart und tiefer Stimme, auf eine schwer verdauliche Art und Weise beschimpft, indem ich mich in Begleitung einer Frau wiederfinde. Zwei Minuten später beginnt der alte Kerl aus Enttäuschung zu weinen. Obwohl man dazu geneigt ist, dem hohen Alter Respekt darzubieten, weiß ich just in dem Moment nicht, ob ich mitfühlen oder lachen soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Ein Prost auf die Männlichkeit.
Der Rest ist schnell erzählt: Es wird den ganzen Tag getrunken, viel gesungen, getanzt und gelacht. Später wird vermehrt gegrölt, geschlagen und demoliert. Man ergibt sich dem anschleichenden Nebel geistiger Unzurechnungsfähigkeit und am Ende passiert das, was stets durch zu viel Alkohol und Testosteron geschieht: Es artet aus.
von Tobias Kunz

Von Luxus und Langeweile, von Aversionen und Alkohol

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Die Länge eines vertrübten Nachmittages beansprucht diese einmalige Perle und Wegweiser der deutschen Popliteratur.
Im Mittelpunkt der simpel geschilderten Farce von Nord- nach Süddeutschland bis in die Schweiz, steht ein meist unbeteiligter, namenloser Protagonist, welcher uns mittels herrlich misanthropischer Art und Weise schildert, auf welche gesellschaftlichen Abartigkeiten er stößt. Ziel und Sinn seiner Reise sind nicht von Belang. Ein Vagabund der reichen Gesellschaft, welcher permanent Alkohol konsumiert und sich auf jeder zweiten Seite eine neue Zigarette anbrennt. Er lässt sich treiben, nächtigt in den teuersten Hotels, steuert von einer Party zur nächsten, trifft Menschen seinesgleichen, welche mit ihm alle etwas gemeinsam haben. Sie deuten eine zunehmend ungemütlichere Gesellschaft an, in der Isolation, Selbstzerstörung, Heuchelei und Disharmonie überhandnehmen. Die absurden Schilderungen seiner Umgebung, angereichert mit Materialismus und Exzessen, belustigen und schockieren zugleich.
Dem Autor gelingt es, Deutschland in eine konstant düsteren Atmosphäre zu verkleiden, wobei sich die Frage stellt, wie viel Dunkelheit aus Christian Krachts Geist in das Werk mit einströmt und wieviel festgehaltene Finsternis tatsächlich auf diesem Fleck Erde existiert. Fakt ist, wie das zersplitterte Licht, in welchem sich seine tragikomische Geschichte abspielt, so gebrochen erscheinen auch seine Figuren. Inwieweit man sich auf diese Gestalten einlässt, sich zuletzt sogar mit ihnen identifiziert, sei jedem selbst überlassen.
Ein kurzweiliges Geschehen, welches bei jedem Leser einen eigenen Eindruck hinterlassen sollte.
Christian Kracht: Faserland
Signatur: CQYk8532 = 312967
von Tobias Kunz

Fernweh

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Eine eindeutige Erkenntnis zwang unsere WG heute über gewisse Dinge nachzudenken. Seit Bestehen der aufregenden Ansammlung unserer lustigen Gesellen ist uns klar geworden, dass zwar viele Menschen unsere Räumlichkeiten betreten haben, jedoch selten einer von uns diese verlassen hatte.
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Urlaub! Das ausschlaggebende Stichwort. Wir alle gierten sogleich nach dieser ausgefeilten Idee und ein jeder von uns interpretierte seine eigene Wunschvorstellung in diesen Gedanken. Es wurde Zeit diesem eingebrachten Traum einer Reise eine feste Gestalt zu geben.
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Und so vergingen ein paar Stunden. Keiner sagte ein Wort und keiner machte eine Bewegung. Und in der Stille der Peinlichkeit hofften alle, dass Tequila Tony, unser Vermieter, die Ruhe stören könnte, doch dieser war auf der Jagd nach dem Munkelmann. Bis schließlich…
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Bob unterbrach die grausame Stille und erwähnenswert ist es schon in jeglicher Hinsicht, dass unser Dauerkiffer der einzige war, der den roten Faden nicht verloren hatte. Jedoch wie der Zufall es so will, konnte diesen marihuanaverseuchten Faden auch keiner unserer dauergestressten Studenten wieder aufnehmen.
Und so verließ Luisa unser Paradies vereinter Glückseligkeit. Und als sie später mit Rucksack und gestrecktem Daumen die WG verließ, konnte sich nach einer halben Stunde auch keiner mehr an sie erinnern. Ob Luisa nach ihrer Rückkehr von ihren Mitbewohnern doch wieder erfasst wird, ist fraglich, aber dennoch anzunehmen. Wie wird die WG reagieren? Und wird Bob wieder backen können? All das und noch viel weniger, erfahrt ihr in der nächsten Ausgabe.
Text und Kulissen: Tobias Kunz
Fotos: Alexander Dressler

PDF-Version der 12. Ausgabe

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Schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak

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Dagegen sein kann jeder, daher zur
Abwechslung einmal ein Lob für
die Stummel voller Verheißungen.
© Günter Havlena / PIXELIO
Blauer Dunst, Du feine Kraft. Schlängelst Dir den Weg so majestätisch durch den Raum. Umtänzelst all die hübschen Gesichter und schmiegst Dich zärtlich an alles, was Dir im Wege steht. Liebevoll saugst Du Dich in sämtliche Hautporen, Haare, Kleidung und beglückst allesamt Plauzen mit deinem einzigartigen Geschmack. Leider hat man Dir die Freiheit eingeschränkt. Denn auch ich muss gestehen, wo Du doch deine Sonnenseite mir fortwährend in allen Bereichen meines Lebens präsentierst, so weiß ich, dass Du Deine Schattenseiten auf meine Lungen hetzt.
Aber Du scheinst mir beharrlich zu sein und wie auch Gras sich durch Beton frisst, kann man auch Dich nicht einfach vernichten. Deshalb, nach allen Schandtaten, die Dir angetan wurden, eine kleine Hommage an Dich, mein liebster Wegbegleiter, mein süffisanter Freund in Not, feuriger Helfer sozialer Bedrängnisse, schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak:
Du hast Dich so sehr in mein Herz gefressen, dass selbst mein erster Gedanke nach bedrückendem Erwachen des Geistes in frühster Morgenminute nur Dir gewidmet ist. Indem ich deine hinterlassenen Spuren des vergangenen Tages aus meinem Rachenraum huste, schreit sogleich ein schwacher Pulsschlag nach Deiner belebenden Wirkung. Zusammen mit unserem besten Freund, dem Koffein, lächeln wir später der Sonne entgegen und betören ihre feinen Strahlen mit liebevollen Rauchzeichen. Ohne Dich an meiner Seite würde mir ein gelungener Tagesbeginn nie in den Sinn kommen.
Trete ich vor die Tür, so fühle ich mich schlicht und einfach nackt, wenn ich Dich nicht mit auf den Weg nehmen würde. Gucci, Levi‘s, Adidas … nein, meine Mode bist Du, mein ästhetischer Stängel und eingeklemmt zwischen Zeige- und Stinkefinger zeige ich Dich wie ein Neugeborenes gern in der Gegend rum. Manch einer scheint von Dir so beeindruckt zu sein, dass ich auch fremde Münder an Dir ziehen lasse.
Während viele Menschen geschmacklos in der Ecke stehen, um auf bestimmte Ereignisse zu warten, sich nicht vor Unwohlsein zu helfen wissen, ihre Finger nicht still halten können, sinnlos mit dem Handy spielen, ja da hol ich Dich raus, anmutiges Kippchen und kose Dich im Munde.
In jeder gut besuchten Location führst Du mich genau in die Ecken, in der auch ich gebraucht werden könnte und schielst einer blauen Gallierin entgegen. Denn Rauchen verbindet und wie auch Du Dich mit fremden Dunst umwirbelst, so halt ich bald gelbe Nikotinfinger in meiner Hand, betrachte wunderlich schwarze Zähne, staune über ausgetrocknete Haut und lausche dem zarten Krächzen des Raucherhustens.
Zu Unrecht, liebster Tabak, was man Dir angetan. Rauchverbot, Altersbeschränkung oder Beschuldigung als jegliche Krankheitsursache. Du bist der freundliche Virus, welcher die Süchtigen und exzessiven Selbstzerstörer verbindet. Du bist einfach da und doch so wunderbar!
In ewiger Liebe,
Dein Raucher.
von Tobias Kunz

Von Erkenntnis und Erlösung, von Weisheit und Wahrheit

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“Wir sind ja alle verrückt, dass wir uns dauernd auf Nebengleisen herumrangieren lassen und ewig, ewig und ewig, jede Winzigkeit, die passiert, sofort auf unser dummes, schmutziges, kleines Ego beziehen.“
Erinnert ihr euch noch an Salingers Besteller Der Fänger im Roggen? Holden Caulfield, die tragische, unangepasste Gestalt mit Sinneskrise, welche von vielen pubertären Jungs zur Identifikationsfigur ihres verpfuschten Daseins gekürt wurde? Sätze, welche meist auf „und so…“ endeten?
Mit Franny und Zooey beweist Salinger eindrucksvoll, dass er der Magie der Sprache auf anspruchsvollerer Ebene mächtig ist. Der Zauber des kleinen Meisterwerkes besteht zwischen den Dialogen der Familie Glass aus N.Y., deren geistige Überlegenheit gegenüber ihren Mitmenschen die Suche nach dem Sinn des Lebens deutlich erschwert.
Zwar sind viele Überlegungen in einem Netz aus Sprache verstrickt, welche schwer nachvollziehbar sind, doch genau darin liegt zugleich Herausforderung und Genuss dieser „Perle“.
Jerome D. Salinger: Franny und Zooey
Signatur: 758381
von Tobias Kunz

Der Munkelmann

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Nach einer exzessiven WG-Party schien in unserer WG nichts mehr so zu sein wie es war. Die Räume schrien nach Sauerstoff, unsere Körper nach H20. Leider konnte sich keiner mehr an die vergangenen Nächte erinnern, demzufolge gab es untereinander nicht viel zu erzählen.
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Plötzlich betrat unser Vermieter, Tequila-Toni, der reichlich mitgefeiert hatte, unsere Wohnung. Doch irgendwie schien er an diesem Tage verändert und versuchte uns irgendetwas Ominöses mitzuteilen, was ihm wohl sehr zugesetzt hatte.
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Da keiner so richtig etwas verstand, musste Tequila-Toni, unser Vermieter, deutlicher werden. Und so versuchte er alle bemerkenswerten Details des Munkelmannes näher zu erläutern, wobei er nicht wirklich den Kern unseres benebelten Interesses traf.
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Bevor wir in Erwägung zogen, uns dem beängstigenden Thema des Munkelmannes unsere Aufmerksamkeit entgegenzubringen, beschlossen wir Tequila-Tony für verrückt zu erklären, der daraufhin beleidigt die Wohnung verließ. Somit lösten wir zwei Probleme mit einem Schlag und alles schien wieder in bester Ordnung zu geraten. Naja, zumindest fast alles.
Wird Tequila-Tony seinen neuen Gegner, den Munkelmann, in die Flucht schlagen oder ihm sogar eine Wohnung vermieten? Taucht Bobs Armbanduhr wieder auf und wird in der WG alles wieder so sein wie früher? Das alles und viel weniger erfahrt ihr in der nächsten Ausgabe. Bis dahin und viel weiter… seid gespannt!
Text und Kulissen: Tobias Kunz
Bilder: Alexander Dressler

Weltuntergang – Und Du bist in Vechta!

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Weltuntergang… in Vechta? Oh man. Da, wo am Wochenende um acht Uhr schon die Bürgersteige hochgeklappt werden? Toll. Na ja, lässt sich nunmal nicht ändern. Da stecke ich also fest und überlege, was ich tun soll. Ich schätze, dass ich alle meine vermeintlichen Freunde zwingen würde, den letzten Tag unseres Lebens miteinander zu verbringen. Joa. Ansonsten, vielleicht ein paar Dinge, die man sonst noch nie gemacht hat… warum auch immer. Vielleicht irgendwas Kreatives an die Uni-Wände malen oder so. Ansonsten: Warten, beten und hoffen, aber Weltuntergang in Vechta ist echt unfair… zumindest für solche, die ihre Heimat woanders haben. Echt, ey!
von Sarah Kotten
kolumne12
© SarahC. / PIXELIO
© Gerd Altmann (geralt) / PIXELIO
Ich bin nicht sonderlich mutig. Vor allem nicht, wenn es darum geht, jemandem ganz klipp und klar die Meinung zu sagen. Ganz egal, ob die positiv oder negativ ausfällt. Meistens versuche ich alles ganz diplomatisch und so „einerseits-andererseits“-technisch auszudrücken. Ich denke aber immer: „Man müsste mal demunddem und so weiter…“ Ich denke, das würde ich tun: Ich würde den ganzen Tag damit verbringen, Lobhudeleien und (auch platonische) Liebeserklärungen an die (entsprechenden) Leute zu bringen und andere entsprechende Leute verbal (obwohl, dann is´ ja auch egal…) in der Luft zu zerreißen. Und dank Telefon geht das ja sogar über die Grenzen von Vechta hinaus…
von Lea Weber
Die Welt geht heute unter? Das allein ist schon eine gruselige Vorstellung. Zu allem Überfluss muss ich das dann auch noch in Vechta erleben? Wahrscheinlich würde ich meine Familie anrufen und mich dann mit meinen Freunden verabreden und in den Weltuntergang reinfeiern. Vielleicht würde ich auch Rotz und Wasser heulen und mich verkriechen. Oder all die Dinge tun, die ich schon immer tun wollte. Aber darüber müsste ich nachdenken und die Zeit hab ich doch gar nicht. Aaaargh.
von Stefanie Bruns
Auf der einen Seite gibt es Vechta, auf der anderen Seite die Welt. Wenn auch die Welt untergeht – Vechta bleibt. Im Falle eines Weltuntergangs rettet Weltfremdheit das Leben!
von Johanna Olberding
Weltuntergang, und ich bin in Vechta? Kein Ding. Ich schiebe alle unkoscheren Gedanken beiseite, zähle ein paar Ave Maria auf und bekreuzige mich. Denn wenn das wie mit dem Wetter läuft, dann machen die apokalyptischen Reiter eben so Halt vor den gläubigen Toren Vechtas wie der Niederschlag. Und wenn nicht, naja dann gibt’s ja immer noch das Paradies, und da ist ja eh alles schön. Nun, und wenn der heilige Schein nicht über Vechta wacht, dann gehe ich gepflegt mit meinen Liebsten in die Cubar und feier eine letzte Sause mit genügend Long Island Ice Teas. Insel, ich komme.
von René Kohn
Die Welt geht unter und ich bin dabei! Das ist ein fucking Event! An so einem Tag muss man was Besonderes machen. Mit Freunden treffen? Heulen? Kann man auch an allen anderen grauen Kleinstadttagen. Ich würde mir einen Porsche 911 Turbo mieten, und auf Vechtas Straßen alle 4 Teile von The Fast and the Furious nachspielen. In einem rosa Hasen-Kostüm. Betrunken. Bußgeld? Punkte? Scheiß drauf, die Welt geht unter und mit ihr mein Führerschein.
von Stefan Hirsch
Ich würde wohl zunächst abwarten, inwiefern meine ausbrechenden animalischen Triebe der aufkommenden Anarchie standhalten würden. Sicher spannend, ob ich dann Opfer oder (Wohl)täter wäre. Ansonsten würde ich Kette rauchen und dem letzten Feuer meines Lebens auf dem Pferd vor der Sparkasse in einem ausreichend geistesgestörten Zustand singend und heulend entgegen reiten.
von Tobias Kunz

PDF-Version der 11. Ausgabe

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Poetry Slam

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Klapprige Knie kurz vor dem Auftritt
gehören dazu beim Poetry Slam im Gulfhaus.
© Pegas / PIXELIO
Showtime! Ein Haufen begabter Amateurschreiberlinge tritt gegeneinander an, um mit selbst geschriebenen Texten vor applaudierender Menge zu punkten.
Um zu vermeiden, dass ein rasender Puls einen völlig um den Verstand bringt, ist es immer ratsam, mit dem Rotwein schon am Nachmittag zu beginnen. Ich stehe daher an einem tristen Novembertag, dem Vierten, um genau zu sein, auf dem Balkon und versuche meine Aufregung zu lindern. Meine Aufregung vor einer zu großen Bühne, vor zu vielen unbekannten Gesichtern und der grausamen Vorstellung, schlicht und einfach zu versagen.
Eine selbst erdachte Geschichte vor anderen zum Besten gegeben, das habe ich schon des Öfteren getan, doch was wusste ich schon von einem Poetry Slam? Das Prinzip hatte ich zwar verstanden, jedoch noch nie einen miterlebt. Immerhin stand ich ja nur auf der Teilnehmerliste, weil Uniparty-Nächte zuvor meine betrunkene, schlechtere Hälfte in Anwesenheit des Vechtaer Poetry Slam Masters zu viel Zuversicht, Mut und Phrasen wie „klar, mach ich da mit“, „kein Ding“ oder „…war schon immer mein Traum da mitzumachen“ rausposaunte.
Nun tickte also die Uhr, um 18 Uhr noch eine Vorlesung und direkt danach zum Gulfhaus, dem Ort des Geschehens. Aus einem Glas Wein waren inzwischen vier geworden, doch meine Zuversicht stieg mit jedem Schluck. Von der Vorlesung bekam ich im Endeffekt so gut wie nichts mit, ich verließ sie auch so schnell wie möglich und ging sehr zeitig meinem ungewissen Schicksal entgegen. Mit einem ausgedruckten Zettel, worauf mein Text geschrieben stand, den ich zum Besten geben würde, zitterte ich mich schließlich zum Gulfhaus.
Dort angekommen, befand ich nach so viel Rotwein meinen Puls für zu niedrig, meine Aufregung jedoch noch immer für zu hoch, und ging zu Becks über. Wohlbehütet aufgenommen in der Slammerrunde ließ der Startgong nicht lange auf sich warten. Als Neunter sollte ich an die Reihe kommen. Viel Zeit, um sich vorher kranke Geschehnisse, die mir auf der Bühne widerfahren könnten, auszumalen: Ohnmachtsanfälle oder Übelkeitssymptome zu Lasten des Publikums
Schon der erste Slammer ließ mich mit seiner Souveränität blass werden. Auch folgende Texte zeugten von Witz und Anspruch. Selbsteinschätzung liegt mir fern, weshalb die Ungewissheit, wie ich ankommen würde, stieg. Als es dann schließlich so weit war, wankte ich auf die Bühne, geleitet von Adern, prall gefüllt mit Alkohol.
Nach nur sechs Minuten war alles geschafft. Und dann soviel Aufregung? Ich muss verrückt gewesen sein. Angst wich nun dem Stolz und wie sich der Stein von meinem Herzen löste, schoss mir auch der restliche zuvor erstarrte Alkohol zu Kopf. Ich war noch nie in meinem Leben so schlagartig besoffen. Im Endeffekt hatte ich mit meinem Text, so wie ich denke und mir auch habe berichten lassen, die Menschen erfreut, zum Lachen gebracht, angeekelt oder angeödet. Alles Dinge, mit denen ich leben kann. Alles Dinge, die ich nur weiterempfehlen kann! Ein Platz irgendwo im Mittelfeld. Was will man mehr? Das nächste Mal, wenn es ein nächstes Mal geben wird, werde ich jedoch nüchtern sein.
von Tobias Kunz

Wilhelmshaven – Maritime Erlebnisse

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Fotos: Sarah Kotten und Alexander Dressler
Freundlich wurden wir in Wilhemshaven von einer älteren Mitbürgerin begrüßt, als wir unseren mit Rückenwind gesegneten Gang am Hafenkanal genossen. “Ich wünsche euch den Gegenwind, den ich grad hab.“, war ihre spontane Reaktion auf unsere Anwesenheit.
Wir waren grad auf dem Weg zum Bauwagen von Peter Lustig, von dem ein Exemplar im Kulturzentrum Pumpwerk steht. Leider war er lieblos hinter Bauzäunen versteckt und mit Plastikplanen vor dem rauen Seewetter geschützt. Nicht ganz so lieblos präsentiert Wilhelmshaven seine Maritime Meile, die im Fokus unseres Ausflugs stand. Mehrere unterschiedliche Museen und Erlebnishäuser befinden sich entlang des Kanals und der Bucht.
Dabei führen verschiedene Wege nach Wilhelmshaven. Entweder mittels einer meist stündlichen Verbindung über Bramsche und Oldenburg mit der NWB (ca. 3h), einer 3-4maligen Verbindung pro Tag über Ahlhorn mit dem Bus (3,90 Euro) und dann weiter mit der NWB (ca. 2h) oder über eine noch seltenere Verbindung (2 Mal pro Tag) mit der NWB über Delmenhorst und Oldenburg.
Garnisonskirche
Die Garnisonkirche ist nicht sehr groß, aber doch irgendwie beeindruckend. Zwischen all den Wappen an den Sitzbänken erinnern große Denkmäler und Tafeln an Opfer von Seeschlachten. Es wird den Helden der Marine gedacht und neben dem Altarbereich gibt es das Grab eines unbekannten Matrosen. Im Altarraum selbst prangt ein helles Bild, welches Gott auf dem Meer symbolisiert. Allgemein lohnt es sich, dieser evangelischen Kirche mal einen Besuch abzustatten. Außerdem kann man dann auch seine Gebete und allgemeinen Sorgen in einem Buch niederschreiben, was am Eingang der Kirche ausliegt. Ach, eine letzte Sache noch, die man hier unbedingt beachten sollte: Die Kirchentüren sollten immer geschlossen bleiben, denn schließlich heizt die Kirche nicht für den Vorplatz… sagt sie zumindest.
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wal.welten
Foto: Tobias Kunz
Küstenmuseum
Wer sich schon immer für Seemannsromantik begeistern konnte, ist im Küstenmuseum gut aufgehoben. Neben den üblichen Abbildungen von Schiffen und Meereshorizonten erfährt man viel Wissenswertes über das Leben und Sterben der Nordseebewohner seit Anbeginn der Evolution. Aufnahmen von Überschwemmungen, ausgestellte Skelettfunde sowie die präzise Veranschaulichung der Veränderung Wilhelmshavens in den letzten Jahrzehnten bis in die Gegenwart. Nebenbei überzeugt die Ausstellung wal.welten indem sie das
15 Meter lange Skelett eines gestrandeten Wals präsentiert. Die derzeitige Sonderausstellung Auf zwei Rädern ins Wirtschaftswunder – Räder, Roller und Mopeds der Achilles-Werke Wilhelmshaven ist für Nostalgiker unbedingt zu empfehlen.
www.kuestenmuseum.de
Oceanis
Auf das Oceanis haben wir uns gefreut. Ja, wir dachten, es könne wirklich ein großes Highlight auf unserer Tour werden – doch leider entpuppte es sich recht schnell zu einer Art Wissenserlebnispark für engagierte Jungeltern, die ihren Kindern mal was richtig Tolles bieten wollen.
Im Wesentlichen besteht das Museum aus einer virtuellen Fahrstuhlfahrt „in die Tiefe des Meeres“, mit der man eingestimmt werden soll auf das Unterwasserstationsfeeling. Unten erwarten den Besucher dann einige röhrenartige Gänge, in denen Maschinen, Gegenstände oder Situationen aus der maritimen Umwelt, z.B. Reusen, Unterwasserroboter, Riesenkrakenangriffe etc. ausgestellt sind.
Zu jedem Exponat kann man sich dann aus den dargereichten Kopfhörern lehrreich beschallen lassen. Die Sprecher sind eine Meeresbiologin, interessierte Kinder, ein schrulliger alter Seebär und – man höre und staune –
ein Fisch.
Meist erklärt die Wissenschaftlerin die nüchternen Tatsachen, der Seebär jammert, dass früher alles besser war und wird dann von den Kindern zur Vernunft gerufen. Die Aufgabe des Fisches besteht, glaub ich, hauptsächlich darin, lustig zu sein (was kann man auch anderes von sprechenden Fischen erwarten).
Obwohl – und das muss man deutlich eingestehen – die Gespräche meistens durchaus informativ waren und leichter verdaulich sind als das für normale Museen übliche Textbombardement, so hätte ich stellenweise gerne auf den Klamauk verzichtet.
Im Zentrum der „gigantischen Unterwasserstation“ kann man dann noch an drei riesigen Monitoren ein lustiges Fische-Such-Spiel genießen und in bester Eye-Toy-Manier wild hüpfend Sternchen sammeln sowie vor Raubfischen fliehen. Der krönende Abschluss des Aufenthalts ist dann ein kurzer 4D-Kino-Trip, der einen dann wieder zur Oberfläche bringt.
Fazit: Die Zielgruppe sind eindeutig Kinder und Jugendliche. Wenn du nicht gerade engagiertes Jungelternteil bist, leg dir die 7 Euro lieber unter die Matratze.
www.oceanis.de
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Außenbereich des Marinemuseums
Foto: Sarah Kotten
Deutsches Marinemuseum
Das Marinemuseum handelt von Marine… ja, klar. Die Theorie im Gebäude ist nicht gerade das Spannendste,
aber der Außenbereich macht das alles wieder wett. Dort gibt es ein altes U-Boot, welches man sich auch von innen ansehen kann und ein paar Schiffe der Marine, die eigentlich zeigen, wie es heute noch auf solchen Marineschiffen aussieht. Man erfährt, wie eng das in diesen Dingern ist und dass die äußere Größe manchmal über das Innere hinwegtäuschen kann. Einfach mal ausprobieren. Aber Vorsicht beim Einstieg in diese Schiffe, denn das ist nichts für Ängstliche… besonders Leute mit Platzangst sollten besser nur die Außenhülle genießen und lesen, wer sich alles auf dem U-Boot die ewige Liebe geschworen hat.
Noch ein Tipp: Kauft euch die Kombikarte, denn dann habt ihr im Preis den Eintritt für das Wattenmeerhaus mit drin.
www.marinemuseum.de
Wattenmeerhaus
Mit dem Slogan „Verborgene Welten entdecken“ wirbt das Wattenmeerhaus für seine 2000qm große Ausstellung. Es ist wirklich ein Erlebnis, wie vielfältig das Wattenmeer sein kein. Begrüßt wird man mit einem
Tasterlebnis, bei dem man verschiedene Dinge aus dem Watt ertasten kann. Weiter geht es im Erdgeschoss mit dem obligatorischen Geschenkeshop und grundsätzlichen Informationen zum Wattenmeer. Im nächsten Geschoss gibt es meistens Sonderausstellungen, die nicht unbedingt das Thema des Hauses vertreten. Zu der Zeit, als wir dort waren, gab es die Foto-Ausstellung „Eye to Eye“,
die mit eindrucksvollen Tierbildern des Wildlife-Fotografen Frans Lanting faszinierte. Im zweiten Geschoss geht es dann richtig los mit dem Erlebnis Wattenmeer. So gibt es nicht nur Ausstellungsstücke zum Anschauen, sondern auch zum Anfassen und Mitmachen. Ein Sturmraum, ein original Krabbenkutter, Eindrücke und Erlebnisse von Fischern und Wattenmeerbewohnern und Konstruktionen wie brütende Vögel auf die Anwesenheit von Menschen reagieren, sind nur einige Beispiele. Ganz oben angekommen kann man mit dem Ausblick von der Panoramaterrasse den Tag ausklingen lassen.
www.wattenmeerhaus.de
In Wilhelmshaven gibt es einiges zu sehen und zu erleben. Am empfehlenswertesten ist wohl ein Kurzurlaub, um alles sehen und genießen zu können, was Wilhelmshaven so zu bieten hat. Ein Tag ist dafür auf jeden Fall zu kurz, schon allein weil die meisten Einrichtungen pünktlich um 17 Uhr schließen.
von Alexander Dressler, Sarah Kotten, Tobias Kunz und Thomas Hülsmann
unterwegs1b
Fotos: Sarah Kotten und Alexander Dressler

Bilderalbum
uniVista No. 11: Wilhelmshaven

R-Ziehung in der B-Ziehung
Von Anziehpüppchen und willenlosen Langweilern

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Es ist ja so… Sowohl in dem Wort „Erziehung“ als auch in „Beziehung“ befindet sich ein erheblicher Anteil an „Gezogenem“. Klingt irgendwie schon unschön und stressig. In dieser Kombination ist es das sicherlich auch.
Frauen erziehen meistens aus der Intention heraus, an ihrem Gegenüber etwas (grundlegend) zu ändern. Das fängt bei Gewohnheiten an – „Rauchen? Ach, das gewöhn ich ihm schon noch ab!“ – und geht bis an lebenslange Freundschaften – „Also sein komischer freakiger Kumpel, nee. Der geht gar nicht! Aber wenn er erstmal mit mir zusammen ist, dann…“. Im Stil-Teil der Welt am Sonntag wurde kürzlich sogar lang und breit erklärt, wie Frau ihren Partner zu einem ihr ansprechenderen Klamottenstil umerziehen soll. Es folgte der Nachsatz: „Im schlimmsten Falle machen Sie aus ihm ein hilfloses Anziehpüppchen“ – und das noch im Untertitel!
Männer hingegen wollen selten etwas an der Person ihrer Partnerin ändern. Sie wollen eigentlich hauptsächlich, dass alles so bleibt, wie sie es gewohnt sind. Und sei es „wie bei Mutti“. Dabei „erziehen“ sie gar nicht unbedingt bewusst, sondern erwarten vielmehr. Werden die Erwartungen nicht erfüllt, werden sie bockig: „Ich verstehe gerade nicht, warum ich mein Bett selbst beziehen soll.“ (Dabei handelte es sich dann selbstverständlich um sein Bett in seiner eigenen Wohnung…)
Oft genug passiert es (gerade den Frauen), dass ihnen ihr „Zögling“ nach erfolgreicher Arbeit irgendwie zu langweilig geworden ist, ein hilfloses Anziehpüppchen eben – „Ach, ich weiß auch nicht. Das ist so ein Ja-Sager geworden…“. Dann wird er nicht selten stehen gelassen, um dem nächsten „Projekt“ Platz zu machen.
kolumne11
© Gerd Altmann / PIXELIO
Übrigens, als ich meiner Mutter von dieser Kolumne erzählte, sagte die: „Oh, hab ich auch mal versucht. Ging total daneben. Am Ende bin ich gegangen und dann hab ich deinen Vater geheiratet.“ Die beiden rollen zwar, wie jedes „gesunde“ Paar, gelegentlich übereinander die Augen, aber… 29 Jahre glückliche Ehe und kein Ende in Sicht – denkt mal drüber nach…
von Lea Weber
Wenn man einmal die rosa Brille von der neuen Flamme aufgesetzt bekommen hat, nach der man sich instinktiv lange Zeit gesehnt hat, liegt es nicht an der Flamme selbst, dass man plötzlich wie neugeboren nicht mehr von sämtlichen Freundschaften wiedererkannt wird, viel mehr an der Glut, die in einem selbst entfacht ist. Klar ist dann, dass man nur noch lustlos als deprimierter Saufkumpel fungieren kann, wenn sich mit einem Male die ausgedehnte Schönheit der Menschlichkeit vor einem erströmt. Man wurde nicht schlicht und einfach umerzogen, man wurde entdeckt.
Liegen jedoch die Schmetterlinge im Bauch durch einschleichende Kälte im Sterben, ist es verständlich, dass man nicht mehr enthusiastisch für die Freundin jeden Handgriff erledigt. Wozu sollte dies auch gut sein? Man hat sie doch erobert, sie hat nun fast jede Facette deines Selbst erkannt, man muss sich nicht mehr von der besten Seite präsentieren. Wenn man ein wenig den Pascha in sich zeigt, wird nicht gleich die ganze Beziehung in Frage gestellt.
Immerhin trägt man selbst ja auch den dämlichen H&M-Hut, achtet stets darauf, dass die Kleidung perfekt sitzt und erduldet auf dem Friseurstuhl plärrende Einwände aus dem Hintergrund. Man hütet sich davor, fremden Mädchen hinterher zu schauen und vor dem Essen mit den Schwiegereltern werden noch einmal das Tischgebet studiert und die Essmanieren geprobt.
Mit den besten Saufkumpanen muss man Termine machen und auf Partys weiß die Freundin einfach immer besser, wann man seine Alkoholverträglichkeit ausgeschöpft hat. Irgendwann sieht man sich im Spiegel an und erkennt sich nicht mehr selbst, eher einen gelackten und geschniegelten Snob, den man doch immer so verachtet hat.
Man erinnert sich viel zu oft an den schönen Beginn der Beziehung, wenn man nicht selbst handelt und irgendwann sämtlichen Veränderungsprozessen einen Riegel vor die Tür schiebt, so bleibt zu erwarten, dass man verlassen wird, da man zu einem willenlosen Langweiler mutiert ist. „Du hast dich so verändert“, heißt es dann. Fassungslos kann man in solchen Augenblicken nur noch hoffen, dass man von seinem abgestoßenen Freundeskreis wieder aufgenommen wird und etwas länger Single bleibt.
von Tobias Kunz

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