Gesellschaft

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Nachbarn
Nett, listig, krank

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© Klaus-Peter Wolf / PIXELIO
In schlechten Hollywoodfilmen sind sie die Frau oder der Mann von nebenan, der sich beim Salz ausleihen schon bald als Traumpartner entpuppt. Sie sind hilfsbereit, liebenswürdig, füttern unsere Tiere und gießen die Blumen während wir auf den Kanaren in der Sonne braten. Sie achten auf unsere Kinder, backen Kuchen und laden uns auf gemütliche Gartenpartys ein. Eier, Mehl und Zucker scheinen immer für uns vorrätig, die Ohren für unsere Sorgen stets geöffnet.
Vechta zählt für die meisten wohl eher zur Kategorie “Dorf” und das nicht ohne Grund. In der Studentenstadt gibt es wohl insgesamt mehr Einfamilienhäuser als Tretminen. Die Kinder der Nachbarn gehen in die gleiche Klasse, besuchen den gleichen Verein, oder teilen andere Interessen. Man kennt sich schon lange und weiß um den Klatsch der ganzen Straße.
“Der Jonas geht nicht auf´s Gymnasium, hast du das schon gehört?”, ertönt es über den Gartenzaun und erzeugt eine wildentbrannte Diskussion darüber, warum die Eltern dagegen nichts unternehmen. Denn sie wissen doch, was besser ist. Warum in aller Welt wird hierbei nicht um ihre Meinung gefragt?
Integrierter als integriert könnte man vermuten, ist man, wenn man in Vechta lebt. Man winkt dir fröhlich zu und du fühlst dich verstanden und akzeptiert. Man weiß mehr über dich, als du über dich selbst. Spätestens, wenn du ausgegrenzt wirst, weil du grob gegen die “Nachbarschaftsregeln” verstoßen hast, weil du vergessen hast, die “1. Nachbarn” zu einer Party einzuladen, merkst du, wie diese überfreundliche Spezies wirklich von dir denkt. Gartenpartys werden ohne dich geplant, deine Kinder verlieren plötzlich ihre Sachen in der Schule, deinem Hund hat man die Beine rasiert und jemand ganz lustiges hat Goldfische in deinen Pool gesetzt.
Doch bekanntlich sind nicht alle gleich. Neben den überinteressierten Nachbarn, kann man in Vechta auch durchaus dem desinteressierten Nachbarn begegnen. Jeder macht das, was er will. Wann er will, wo er will, wie laut er will. Ohne Rücksicht auf Verluste. Schreiende Plagen, knallende Türen, brüllende Mütter. Zigarettenstümmel in deinem Blumenkasten, zerklopfte Flaschen auf dem Gehweg und mit Kondomen überzogene Gartenzwerge. Die Polizei guckt gerne mal vorbei und sorgt regelmäßig dafür, dass du alle paar Monate andere Leute kennenlernst, da die alten Mieter ausgezogen sind. Die Paparazzi lauern hinter deinem Auto, um die Razzia bei den Leuten nebenan zu fotografieren und dich selbst hat noch nie einer gesehen. Kurzum: Anonym und asozial.
Was für eine Welt. Kaum zu glauben, dass es Nachbarn jenseits dieser beiden Extreme gibt. Verständige Menschen, die es schaffen die Balance zwischen Freundlichkeit und Akzeptanz zu halten. Nachbarn, die weder Furcht noch Abscheu auslösen. Ich habe sie selten getroffen.
von Jenniffer Malenz
© D/G / PIXELIO

“Eine unendliche Geschichte!”
Wie Filme, dank H&M und Primark, zum wahren Leben werden

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Bild: Johanna-Maria Jaromin
Gedrängel der Menschenmassen, ich mittendrin. Der Boden unter meinen Füßen vibriert sanft, der “Schlachtduft”, in Form eines übersüßen Hello Kitty – Bodysprays, bohrt sich hartnäckig in meine Nase. Leicht, ganz leicht – nur mit scharfen Sinnen spürbar. Plötzlich stürzen sie sich von allen Richtungen auf mich: Die Einkäufer mit weißen Tüten! Hier stationiert: H&M und Primark. Mein Atem stockt. Diskret will ich als neutrale Einheit für die Rebellion ergründen, was an folgendem Klischee dran ist: “Junge Leute sehen alle gleich aus – Primark/H&M sind Honig, den hauptsächlich Schüler/Studenten umschwärmen.” Ist etwas Wahres dran? Was spricht dafür und was dagegen?
Zugegebenermaßen fällt auf, dass auf den Straßen gewisse Trends wirklich verstärkt anzufinden sind. Schmunzelnd muss man eingestehen, dass auch im eigenen Schrank Vertreter gewisser Fashionüberflieger hängen. Rückblickend darauf, wo ich meine Herzensstücke ergattert habe, komme ich zu der Erkenntnis, dass ich den Gründern von H&M einen Fanbrief schuldig bin. Lieber Herr H., lieber Herr M., mir gefällt ihre Mode wirklich sehr. Besonders finde ich es genial, dass Sie das Ganze auch noch in guter Qualität und zu erschwinglichen Preisen anbieten, außerdem auch mal Top-Designer für uns “Normalos” an Land ziehen. Die “Klamotten” sind außerdem echt tragbar. Man hat nie das Gefühl, wie eine Alltags-Lady Gaga auszusehen, selbst wenn man den flippigsten Fummel aus Ihrer Kollektion kauft. Beste Grüße, Studentin.”
Diamanten schimmern jedoch nicht aus allen Winkeln. Möchte man beispielsweise bei H&M das Gerücht “Männerbekleidung”, ergründen, muss man sich erst einmal durch die ewigen Weiten des Stoff-Labyrinths, namens “Damenbekleidung”, schlagen. Hat man das Ziel erreicht, ist man wahrscheinlich enttäuscht, da man vermehrt auf immer wiederkehrende Kollektions-Mumien stößt, die hartnäckig jeder Mode-Witterung standhalten und nicht viel Platz für Individualität lassen. Benommen stolpere ich zurück in die Damenabteilung, dem Unterdrücker aller anderen Abteilungen und entdecke auch hier vermehrt dieses Phänomen. Die allgemeine “Schlachttaktik” ist schnell durchschaut. Es scheint also Buch geführt zu werden, über die beliebtesten Produkte der vergangenen Zeit, besonders bei Frauen. Da der Angebotsmarkt mittlerweile “Weltallgröße” angenommen hat, wird den geblendeten Einkäuferinnen ein Placeboeffekt verkauft. Es wird geglaubt, dass man neues “Modeland” erkundet hat. Dabei wird nur selten realisiert, dass alle Jahre wieder ein und dasselbe Kleidungsstück, je Shop und Kollektion, wiederholt in anderen Variationen aufgerollt wird und lediglich die neue Kombination dieser Stücke jeweils den neuen Trend setzen und bestimmen. Designer, die auf Bestellung und für Massenproduktion arbeiten, entwaffnen, indem sie zu bereits Bekanntem ein neues Detail hinzufügen, was wieder extravagant und somit interessant aussehen lässt. Letzten Endes ist es meistens in der Umkleidekabine um jeden geschehen. Mächte, die dem schmeichelnden Charme schlankmachender Spiegel entgegenwirken könnten, müssen in diesem Leben erst noch erfunden werden.
Gruppen von Menschen eilen glücklich mit funkelnden Augen und “Klonware” an mir vorbei. Der dabei entstandene Luftzug weht mir um die Haare. Ein kalter Schauder läuft mir den Rücken herunter. Ich nehme an meinem Ohr ein leises Flüstern wahr. Erschrocken blicke ich hektisch zu meiner Rechten und entdecke sie. Traurig dreinblickende Rabatte. Zumeist unbeachtet, durchwühlt, beschädigt. Bedrückt von dem Anblick, wird mir auf einmal klar, wo die Individualität geblieben ist. Aufgrund der schillernden Farben, der seltsamen Form – aussortiert und gebrandmarkt. Wachgerüttelt adoptiere ich aus Protest einen grünen, hässlichen, für meine Größe viel zu langen Männerschal.
Bild: Ahmad A.
Wieder im Freien und völlig erschöpft vom Tauschhandel, schließe ich meine Augen und atme tief durch.
Als ich sie wieder öffne, stehe ich plötzlich an einem anderen Ort, vor einer anderen einschüchternden Präsenz. Meine linke Hand hält einen Zettel fest umschlossen. Verwirrt beginne ich zu lesen: “Name: Primark. Beliebtheitsgrad: Laut privater Befragung, vier von fünf Sternen. Das Objekt darf nicht unterschätzt werden. Viel Erfolg!” Seufzend durchforste ich all meine Taschen nach brauchbaren Mitteln, im Falle des Gefechts. Fünf Euro. Bei H&M ein “Huteinwurf”, bei Primark dagegen beinahe unbegrenzte Auswahlmöglichkeiten, wie ich in dem großen Waren-Meer feststelle. Begeistert von der Erkenntnis, dass die Kollektion, bis auf die Qualität, ihrer Konkurrenz in nichts nachsteht, motiviert mich dazu, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Das Gefühl, alles nachgeworfen zu bekommen, hat eine überwältigende Auswirkung – ein wahres Studentenparadies. Alles, was das Herz begehrt, so einfach erschwinglich und bei Verlusten leichter zu entbehren. Ein Gefühl, dass man sich leider, nichts desto trotz, mit unzähligen Gleichgesinnten teilen muss, denn die “berauschende” Einkaufszone gleicht einem Schlachtfeld. Auch hier bleibt der Individualitätsverlust nicht fern. Trotz dem für unsere Geschmäcker eher exotischen Angebot, das dem Herkunftsland England angepasst ist, sind auch hier die Beliebtheitsnoten klar verteilt. Wie in einem Trainingslager wird man im Waten geschult, durch unzählige Stoffmassen, die über den Boden verteilt vor sich hin lechzen. Auslagetische, die stolz die beliebtesten Prachtstücke der Kollektion ehren, können einen in Schrecken versetzen. Zerpflückt und durchgewühlt bis zur Unkenntlichkeit. Zu prickelnd ist die Ware, zu stark der Reiz, den ganzen Laden zu erforschen.
Sind die ganzen Eindrücke vom “ersten Mal” bei Primark jedoch erst einmal verebbt, dürfte sich die Suche dort nach dem perfekten “kleinen Schwarzen” und generell größeren Anschaffungen immer schwerer gestalten.
Die Neuheiten verblassen, der Alltag kehrt ein, bloß der Jahreszeitenwechsel schafft Veränderung. Die preisreduzierten Stücke sind aufgrund der schlechten Qualität, trotz Individualität, ein Kleiderfriedhof – nicht zu retten.
Ich schleiche mich seitlich an einen gut verdeckten Ort, von dem aus ich alles überschauen kann. Ich sichte einen weiteren Anti-Sympathen, dessen Name allzu bekannt ist: Warteschlange.
Ein weiterer Dorn im Auge ist, dass es für mich ein ewiges Mysterium bleiben wird, wie Primark’s Umkleidekabinen von innen aussehen. Wie sagt man so schön? “Ein guter Gegner kennt die Schwächen seiner Feinde” – meine Ungeduld wurde entlarvt, in Deckung! Ich stürme etliche Gänge entlang, ohne zu wissen, wohin. Der Boden unter den Füßen bebt heftig. Der Hello-Kitty-Schlachtduft verfolgt mich und drängt sich gewaltsam in meine Nase. Mittlerweile sehe ich sie überall – Einkäufer mit weißen Tüten! Hier stationiert: H&M und Primark. Mich plagt ein elender Durst, ich werde langsamer und bleibe anschließend ganz stehen. Entkräftet sinke ich zu Boden, mir wird übel. Ich setze mich hin und schließe die Augen. In meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen. Ich öffne meine Augen und sehe es …
Bild: Lukas J.
von Johanna-Maria Jaromin

“Gefällt mir” – “gefällt mir – nicht mehr”
Facebook im Kreuzverhör

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© Alexander Klaus / PIXELIO
Mit 16 Jahren habe ich das erste Mal durch eine Freundin, die einen Schüleraustausch in Amerika gemacht hat, von Facebook erfahren. Zwei Jahre später war es um mich geschehen, ich war ein offizielles Mitglied bei Facebook, doch mein Profil blieb meistens unbearbeitet, da ich mich höchstens einmal in der Woche einloggte. 2010 wendete sich das Blatt. Ein regelrechter “Facebook-Boom” ließen mich viele Freundschaftseinladungen bestätigen. Ich erfuhr einige Geheimnisse, die auf die Pinnwand gepostet wurden, über Menschen, die schon längst meiner Vergangenheit angehörten.
Facebook, die Website zur Unterhaltung, die im Februar 2004 erstmals zugänglich war und heute allein in Deutschland mittlerweile von nahezu 16 Millionen Menschen genutzt wird, entstand an der Harvard University und war ursprünglich nur für die dortigen Studenten vorgesehen, schreibt die Internetseite Wikipedia. Heute hat Facebook nach eigenen Angaben 600 Millionen aktive Mitglieder weltweit.
Trotz den Vorzügen, die solch ein weltweites Internetportal mit sich bringt, z.B. den schnellen und unkomplizierten Kontakt zu Menschen weltweit herzustellen, überzeugt mich Facebook dennoch in einigen Punkten nicht.
Fragt man einen Jugendlichen, was er macht, wenn er Hunger hat, so müsste neben seiner Antwort, die lauten würde, etwas zu essen, auch noch der Satz folgen, dass er es bei Facebook postet. Es folgen zehn angeklickte “Gefällt mir” und einige unbedeutende Kommentare. Nicht alles, was bei Facebook geschrieben wird “gefällt mir nicht”. Doch die öffentliche Selbstdarstellung hat meiner Meinung nach oft den Beigeschmack einer narzisstischen Selbstvermarktung.
Die am 31.05.2010 erschienene Tageszeitung (taz) schrieb, dass ein stetig gewachsener Unmut der Facebook-Nutzer zu bemerken sei. Zu wenig Mitspracherecht, zu wenig Privatsphäre, zu viele Datenpannen.
Selbst das Löschen seines Facebook-Accounts ist bereits so kompliziert, dass es spezielle Internetseiten mit Anleitungen dafür gibt. Die Suchphrase “How Delete Facebook” gehört mittlerweile zu den zehn meistgesuchten Begriffen bei Google. Dennoch ist der Zuwachs des sozialen Netzwerkes Facebookzuwachs auf der Überholspur. Facebook wurde in den USA im vergangenen Jahr sogar öfters besucht als Google.com.
Zu diesem Ergebnis kam eine Analyse des Marktforschungsunternehmens Experian Hitwise, die im Internet veröffentlicht wurde. Außerdem war Facebook wie schon im Jahr 2010 zuvor der meistgesuchte Begriff.
Ein weiterer Kritikpunkt ist meiner Meinung nach die ständige Sucht nach Ablenkung, die wir zulassen, sie sogar einladen. Wir funken permanent E-Mails, Anrufe, Postings, sodass man Zeit für sich ohne Unterbrechungen nur noch selten einhält. Da kann es auch schon einmal vorkommen, dass man lieber Zeit über das Internet mit Menschen verbringt, als sie tatsächlich zu treffen.
In dem Film “The Social Network” aus dem Jahre 2010, wird die Entstehungsgeschichte des Internetportals Facebook teilweise kritisch beleuchtet, da neben der eigentlichen Entwicklung des Internetnetzwerkes, Verrat, Gier und das Streben nach Macht und Geld mitunter im Vordergrund stehen.
Ein Leben ohne Facebook ist für die meisten Nutzer dennoch undenkbar geworden. Und ja ich gebe auch zu, dass der schnelle Kontakt zu Menschen über die ganze Welt verteilt, oder nur zu Freunden in nächster Umgebung, von unglaublichem Vorteil ist. Dennoch sollte jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er von sich preisgibt, denn das Internet hat ein unendliches “Gedächtnis”! Es ist die Frage, wie man seine Lebenszeit nutzt, ob man unmittelbar einen Abend unter Freunden genießt oder über Facebook mittelbare Erlebnisse austauscht!
von Ina Bushuven

2051
Das Jahr der begrenzten Möglichkeiten schon heute?

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Wenn man das Studium beginnt, so hört man meist dies: “Kind, das ist für deine Zukunft!” Mama, Papa, Oma, Opa und wer sonst noch das Beste für einen will, alle sagen, wie wichtig Ausbildung für das spätere Leben sei. Aber was denken die Studenten eigentlich, wo es hingehen soll? Wo stehe ich in 20, 30 oder 40 Jahren? Was habe ich für Aufgaben, wie sieht mein Alltag aus im Jahr 2051? Viele gehen ins Studium ohne klares Ziel. Einige haben zumindest eine Richtung, andere lassen alles auf sich zukommen. Nicht selten werden diese Pläne jedoch während des Studiums komplett umgeworfen. Der Studiengang, das Praktikum und das Thema der Abschlussarbeit sind Wegweiser, aber keine Sicherheiten, sollten aber dennoch gut bedacht werden. Wie die Zukunft aussieht ist jedoch völlig offen.
© Gerd Altmann / PIXELIO
Verantwortung
Die kleinen Verspätungen von 30 Minuten in der Vorlesung sind nicht mehr möglich. Zehn Minuten nach Beginn klingelt der Chef das erste Mal durch: “Frau/Herr zukünftige/r Arbeitnehmer/In, wo stecken Sie?” Beim zweiten Mal kommt dann schon kein Anruf mehr, sondern gleich das Kündigungsschreiben indem man sehr bedauert, dass die Kooperation nicht weiter fortgesetzt werden kann. Der ein oder andere mag sich in dieser Zeit gerne an die schönen Zeiten der Anwesenheitspflicht erinnern.
Mutti und Vati sind auch mittlerweile tot und man muss sich um seinen Kram selber kümmern. Die eigene Wohnung, die man nahe an seinem neuen, mittlerweile sechsten, Arbeitsplatz bewohnt, will auch ab und an gereinigt werden. Die Mensa ist auch schon lange vergessen, aber die Küche mit den neusten Fertigprodukten von Maggi lädt zum Verweilen ein und nicht selten wird in kochkünstlerischer Manier das Wasser im neuen Mikro-Wasserkocher erhitzt. Alles alleine, natürlich! Das alles auch noch neben der mittlerweile üblichen 50-Stunden-Woche, in der man täglich mit dem Schicksal anderer Menschen jongliert.
Hoffnung
Wenigstens hat man seine Liebe von damals noch. Zumindest das Gefühl, da sie/er leider doch mehr Freiraum braucht und sich noch nicht binden will. Bestimmt ändert sich das nach der Amerika-Tour. Aber es gibt ja auch genug neue Optionen! Ob es die nette Inderin oder der ansprechende Puerto Ricaner ist, beide wären ein guter Fang als ausländische Fachkräfte, die zu gutverdienenden Zugpferden der deutschen Wirtschaft geworden sind.
Alternativ könnte man mal wieder ein Blinddate auf dem allgegenwärtigen Facebook machen. Online – versteht sich – per Videokonferenz. So schlimm ist es ja auch gar nicht, immerhin hat man so genug Zeit all den Dingen nachzugehen, die man schon immer machen wollte. Obwohl die auch nicht günstig sind und die Miete ist auch schon wieder im Rückstand …
Begrenztheit
Doch nicht alles ist schlecht! Der Freigeist von damals ist man immer noch. Nur feiern ist eher was für die jungen Leute. Man kann ja nicht jeden Monat rausgehen! Vor allem das Aufstehen ist nicht mehr so einfach wie früher, also lieber mal einen Abend ruhig verbringen. Die Technik ist leider im Gegensatz zu früher auch viel weniger anwenderfreundlich. Häufig benutzt man daher noch sein altes Smartphone, anstelle der Bildschnittstelle des weltweiten Datennetzes oder genießt einen faulen Fernsehabend. Ah, Entspannung!
Wenn man später einmal Kinder hat, wird man ihnen auf jeden Fall raten zu studieren. Sonst wird nichts aus ihnen und ihr Leben wird trist und grau. So haben sie alle Möglichkeiten der Welt, ihr Leben lebenswert zu gestalten.
von Matthias Christ

Sexismus, Rassismus und Toleranz
Arbeitskreis Antidiskriminierung gründet sich

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Grafik: tipoyock (flickr), Lizenz: CC (BY 2.0)
„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Talmud
Sexismus, Rassismus, Aufklärung und Toleranz. Diese Wörter, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, sind in einen Zusammenhang zu dem Spruch zu stellen. Doch muss das wirklich sein, dass wir zu einem Homosexuellen auf einmal „Schwuchtel“ sagen? Ist es denn gerechtfertigt, die Menschen herabzusetzen, nur weil wir Angst haben oder uns irgendwer einmal etwas Negatives über sie gesagt hat? Ist es gerechtfertigt, dass wir uns über sie stellen? Nein, hören wir auf mit der Diskriminierung und das lieber gestern als heute, denn wie in diesem Zitat schon geschrieben, werden die anfänglichen Gedanken am Ende unser Schicksal werden.
Wer sind wir und was haben wir vor?
Wir, der Arbeitskreis Antidiskriminierung, haben uns im Oktober 2010 unabhängig von jeglichen Gremien der Universität Vechta gegründet.
Es soll ein Forum von Universitätsmitgliedern_innen für Universitätsmitgliedern_innen sein. Auch jede_r Interessierte oder Betroffene von außerhalb ist herzlich eingeladen, sich an der Gruppe zu beteiligen. Eines unserer Ziele ist es, mit zahlreichen Aktionen auf verschiedene Formen von Diskriminierung aufmerksam zu machen. Wir wollen über bestimmte Arten der Diskriminierung aufzuklären und auch eine höhere Toleranz für marginalisierte Menschen in unserer Gesellschaft zu vermitteln. Wir haben es uns weiterhin zum Ziel gemacht, mit anderen Gruppen, die ähnliche Ziele verfolgen, zusammenzuarbeiten, wie beispielsweise dem Gleichstellungsbüro an der Universität Vechta.
Doch was heißt eigentlich Diskriminierung?
Laut Duden bedeuteten die Begriffe “Diskriminierung”/”diskriminieren” die unterschiedliche Behandlung oder Herabsetzung einzelner Menschen oder Menschengruppen. Dabei muss aber jeder Mensch selbst entscheiden können, in welcher Art und Weise er sich diskriminiert fühlt, da wir nicht pauschal sagen dürfen, was jeder Mensch individuell als diskriminierend empfindet. Dies wäre wieder ein Eingriff in seine individuelle Sichtweise und er bekäme wiederum etwas über gestülpt. Doch welche Arten von Diskriminierung gibt es? Dazu zählen zum Beispiel offensichtliche Diskriminierung wie der Rassismus oder Antisemitismus. Diese werden besonders im Alltag durch bestimmte Symbole dargestellt. Auch werden Diskriminierungen im Zusammenhang mit dem Geschlecht, wie Sexismus, Gleichstellung der Geschlechter oder LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) thematisiert. Natürlich werden wir auch einen besonderen Fokus auf die alltäglichen Diskriminierungen legen, die wiederum Unterformen einer Diskriminierung sind. Von indirekter Diskriminierung, über Pauschalierungen bis zum Mobbing, wird jedes Thema dargestellt. Wir freuen uns, wenn wir mit Euch in diesem Jahr in einen regen Austausch treten können.
Gehabt Euch wohl – Euer Arbeitskreis Antidiskriminierung.
von Mathias Dobbeck & Karolin Hartmann

Erst die Anderen, dann Ich?!
Gedanken über das Phänomen „Altruismus“

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Was gibt es Schöneres, als jeden Tag nicht nur ein “Hallo” zu bekommen? Wenn dann auch noch die Sonne scheint und die eigene Laune gut ist, dann gibt es wirklich nichts Schöneres … Wäre da nicht diese eine Angewohnheit, die einem das Leben manchmal stressig machen kann. Das ist eine Angewohnheit, die man nicht abstellen kann. Man kann lernen, sie zu bekämpfen und zu unterdrücken, aber die Wahrscheinlichkeit, sie für immer auszulöschen, besteht nicht. Das ist so. Schicksal. Sie kann ganz verschieden auftreten. Sie kann bei Tieren auftauchen, aber meistens eher bei Menschen. Es muss sich dabei gar nicht um Freunde, Familie oder Bekannte handeln. Sie tritt auch bei völlig Fremden in Kraft, aber lange nicht so stark wie bei Menschen, mit denen man eine bestimmte Beziehung hat. Eine Regel dazu: je stärker die Bindung zu diesem Menschen, desto stärker diese Angewohnheit in Bezug auf diese Person. Die Ursache? Eine sehr gute Frage. Es ist sicherlich eine Frage der Erziehung, aber auch ganz klar eine Frage der Einstellung. Das Problem: seelische Belastung. Eine weitere Regel: Die Probleme aller Anderen sind wichtiger als Deine Eigenen! Und dann gibt es zu allem Überfluss ein Wort, was diese Angewohnheit perfekt beschreibt: Altruismus.
Was ist also dieser Altruismus? Banal gesagt: Man kümmert sich erst um die Angelegenheiten und Probleme Anderer und dann, wenn es keine Probleme bei Anderen mehr gibt, kommen die eigenen Probleme auf den Plan. Darüber hinaus bewirkt der Altruismus ein kontinuierliches Ja-Sagen. Wird man nach Hilfe gefragt, dann stimmt man natürlich zu, denn schließlich hat jemand ein Problem und ich muss es lösen. So ist das eben. Dass aber mehrere Leute viele Probleme haben können und alles zur selben Zeit, macht den Altruismus so gefährlich. Ein notorischer Ja-Sager wird schnell ausgenutzt und hat keine Zeit für sich, um sich auszuruhen und sich um seinen eigenen Kram zu kümmern. Aber so sind die Regeln. Es gibt einen Ausweg: Nein sagen! Aber sag als Altruist einmal “Nein!” … das ist bei Weitem nicht so einfach, wie ein Ja. Du weißt, dass Du mit einem Nein eine große Enttäuschung ertragen musst, die an Dir nagen wird und Dein Gewissen belastet. Also liegt die Entscheidung zwischen einem schlechten Gewissen und dem körperlichen, aber besonders psychischen Druck, den sie sich durch ein Ja aufladen. Dann doch lieber die Zerstörung des eigenen Körpers, um den des Bittenden zu schonen und ihn glücklich zu machen. Das macht alles einfacher und das Gewissen leichter. Warum einen gesunden Körper und Geist, wenn man ein leichtes Gewissen haben kann?
Hierzu passt ein weiterer Fachbegriff: Burn-out. Was ist das also? Na ja, Burn-out heißt übersetzt “ausgebrannt”. Und das erlebt der Körper, wenn er nur “Ja und Amen” sagt. Manchmal ist es einfach gesund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Für Körper und Seele. Ja-Sager sind ausgebrannt. Ihr ständiges Problemlösen wirft ihnen mehr und mehr Probleme bei ihnen selbst auf. Neben ihren alltäglichen Problemen tauchen Schwächeanfälle auf und sie werden zunehmend gestresst und sind einfach nervlich am Ende.
Nun denken sich alle: “Ich bin altruistisch und falle also irgendwann einmal in ein tiefes schwarzes Loch, weil ich den Leuten ihr Leben leichter machen möchte. Wo ist denn da die Gerechtigkeit?” Die Gerechtigkeit findet sich in Freunden und Vertrauten. Besonders für Altruisten ist es wichtig, dass sie jemanden haben, dem sie etwas anvertrauen können, ihre Probleme abladen können. Denn sonst staut sich bei ihnen eine Art Damm, der schnell brechen kann. Oft auch ohne Vorwarnung. Schließlich gibt es sogar einen Begriff für eine solche Angewohnheit und deswegen gibt es auch mehrere Menschen, die dasselbe Problem haben. Du bist nicht der einzige Altruist!
Dann gibt es die Leute, die einem Ratschläge geben. Man solle egoistischer sein. Denn nur als Arschloch würde man sein Ziel erreichen. Doch warum erst ein Arschloch werden? Was hat man davon immer egoistisch zu sein? Damit macht man sich nur Feinde. Völlig nutzlos. Neben diesem Effekt bringt der Ratschlag für echte Altruisten auch nichts, denn sie werden es nicht schaffen, so egoistisch zu sein. Sie können kein Arschloch sein. Zwar können sie lernen Nein zu sagen und kein allzu schlechtes Gewissen zu haben, aber ein Arschloch sein, klappt einfach nicht. Ihnen werden die Probleme Anderer nie egal sein. Auch wenn diejenigen sie nicht in diese Sache einbeziehen möchten, die Gedanken der Altruisten können sie nicht kontrollieren. Und diese handeln mit Sicherheit von jenen Problemen. Das ist einfach so.
Altruisten haben meist viele “Freunde”; Leute, mit denen sie sich gut verstehen, aber natürlich nur einige gute Freunde. Dann passiert es oft, dass diese guten Freunde, denen man alles erzählen kann, ebenfalls Altruisten sind. Sie ziehen sich quasi magisch an. Denn nur ein Altruist weiß, wie sich ein Altruist fühlt. Und nur diesem anderen Altruisten kann man seine Probleme erzählen, um nicht den Kopf zu verlieren. Auch ein Gesetz.
von Sarah Kotten
Als Altruist hat man immer eine offene Hand
© Kim Czuma / aboutpixel.de

uniVista im Knast
Wir recherchieren für Euch überall. Auch hinter Eisengittern und baumhohen Mauern.

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Du wärst jetzt lieber auf einer sonnigen Südsee-Insel als im sprühregendurchwirkten Vechta? Ein paar hundert Meter hinter der Uni sitzen ein paar Jungs, denen es da ganz ähnlich geht. Nur sind Strand und Palmen für sie noch schwerer zu erreichen als für Dich.
Wir waren in der Justizvollzugsanstalt Vechta (Hauptanstalt) und haben uns mit Personal und Insassen unterhalten.
Foto: Alexander Dressler
“Die Kamera dürfen sie nicht mitnehmen. Es ist nicht erlaubt, hier Fotos zu machen.” Der Ton ist freundlich, aber mehr als bloß bestimmt. Widerrede zwecklos. Na toll, zehn Minuten ehe ich losfahren wollte, habe ich gemerkt, dass mein Fotoapparat nicht zu finden ist, hab gesucht, geflucht und mir den von meiner Nachbarin geliehen.
Dann halt nicht. Außerdem bleiben Handy und Personalausweis beim Pförtner. Wir gehen über den Hof, zu dem roten Backsteingebäude. Frau Fritsch, die mich bei meinem Besuch begleitet, zieht einen Schlüssel aus der Tasche, 15 cm lang und aus glänzendem Stahl. Er könnte gut eine wichtige Rolle in einem Fantasie- oder Abenteuerfilm spielen.
Das Hauptgebäude ist kreuzförmig. Von einem runden Raum in der Mitte gehen vier Flügel ab. In drei von ihnen sind die Gefangenen untergebracht, in einem befinden sich Büro- und Verwaltungszimmer. Die Böden sind durchbrochen, so dass man alles überblicken kann.
Es ist hell, nicht so finster wie in Prison Break oder Die Verurteilten. Doch dank der massiven Gitter, die die einzelnen Stationen voneinander trennen, entsteht eine eigenartige, beklemmende Atmosphäre.
Die JVA wurde 1904 gebaut, damals hat man Gefängnisse so gestaltet, um mit möglichst wenig Personal alles überblicken zu können. Andere Anstalten aus dieser Zeit – auch in anderen Ländern – sehen ganz ähnlich aus. Diese typische Knast-Optik ist bei Filmemachern beliebt, unter anderem wurden Geisel und Kanak Attack in Vechta gedreht.
Zwei Vollzugsbeamte zeigen mir eine Zelle. “Schreiben sie bloß nicht ‘Schließer’!”, werde ich eindringlichst gebeten. Wer im Vollzugsdienst tätig ist, hasst es, wenn seine Arbeit aufs Betätigen von Schlössern reduziert wird.
Die meisten der in Vechta Inhaftierten sind alleine untergebracht. Schreibtisch, Bett, Fernseher, an den Wänden Poster. Ein bisschen kleiner als ein Zimmer im Studentenwohnheim, ansonsten nicht viel anders. Wenn das Fenster nicht vergittert wäre.
Vergitterte Fenster gibt es auch in Frau Fritschs Büro. Die Sozialpädagogin erzählt über ihren Arbeitsplatz, draußen verbringen Inhaftierte ihre Freistunde. Jeder Gefangene hat das Recht, sich 60 Minuten pro Tag auf dem Hof aufzuhalten.
Sie spielen Basketball, unterhalten sich, sitzen mit freiem Oberkörper in der Sonne. Die Männer sind jung, könnten auch Studenten sein.
Jungtätervollzug
Nach Vechta kommt, wer in Niedersachsen verurteilt wurde und zu alt fürs Jugendgefängnis, aber bei Strafantritt jünger als 25 ist. Das ist in Deutschland einmalig, gilt aber als erfolgreich, in Bayern und Nordrhein-Westfalen wird derzeit erwogen, ähnliche Regelungen einzuführen.
Der Vorteil hierbei ist, dass die Gefangenen mit Gleichaltrigen untergebracht sind und dass besonders auf die Bedürfnisse junger Menschen eingegangen werden kann. Die Inhaftierten haben die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen, können bei ausreichender Haftdauer sogar eine Ausbildung machen.
Allerdings können die Männer nicht heimatnah untergebracht werden, wie dies bei älteren Tätern praktiziert wird. Die JVA Vechta ist das einzige Gefängnis für Jungtäter in Niedersachsen.
Das kann vor allem für die Angehörigen der Häftlinge problematisch sein. Zweimal im Monat darf ein Inhaftierter Besuch empfangen. Stammen die Eingeladenen aus sozial schwachen Milieus, was nicht selten der Fall ist, werden die mitunter weiten Fahrten zur finanziellen Belastung.
347 Männer
Derzeit sitzen 347 Männer ihre Haftstrafen in der Hauptanstalt der JVA ab. Die Taten, die sie begangen haben, reichen von Fahren ohne Fahrerlaubnis, über Körperverletzung und Diebstahl bis hin zu vorsätzlichen Tötungsdelikten. Innerhalb der Anstalt sind sie verschiedenen Abteilungen zugeordnet. Klar, wer hier bloß für eine kurze Ersatzfreiheitsstrafe einfährt, weil er seine Geldbuße nicht bezahlt hat, soll nicht mit Mördern und Vergewaltigern untergebracht werden. In einer sogenannten Schutzgruppe leben Unterdrückungsopfer getrennt von den anderen.
Überhaupt gibt es innerhalb der gut gesicherten Mauern eine starke Differenzierung. Nach Haftantritt wird jeder Gefangene psychologischen Befragungen unterzogen und macht einen Intelligenztest. Danach entscheidet sich, wie es mit ihm weitergeht. Täter mit hohem Aggressionspotential haben die Möglichkeit einer Sozialtherapie, Suchtmittelabhängige können einen Entzug machen.
Außerdem wird bestimmt, welche Jobs für den Inhaftierten in Frage kommen. Von den Insassen der Haftanstalt wird erwartet, dass sie arbeiten. Das ist wichtig, damit sie einen normalen Tagesablauf beibehalten, sich nicht zu sehr von dem Leben “draußen” entfremden. Von dem Verdienst können sie sich kleine Annehmlichkeiten bestellen, so zum Beispiel Schokolade, Tabak oder Obst. Diese Einkäufe werden über Guthabenskonten verrechnet, Bargeld ist im Gefängnis verboten, um Erpressungsfälle oder Probleme wegen Schulden bei Mithäftlingen zu vermeiden. Der größte Teil des Einkommens wird aber erst nach der Entlassung ausgezahlt, um den Start in die Freiheit zu erleichtern.
Die Kosten, die ein Gefangener verursacht, liegen in der JVA übrigens bei ca. 80 Euro pro Tag. Eine Ausgabe, die wohl jeder der 347 Insassen dem Staat gerne ersparen würde.
“Haben sie noch Fragen?”, ermuntert Frau Fritsch mich. Ich schüttele den Kopf. Für heute habe ich genug Antworten erhalten. Es ist ein seltsames Gefühl, in so kurzer Zeit so viele Eindrücke aus dieser absurden, bedrückenden und dennoch irgendwie faszinierenden kleinen Welt zu bekommen.
Ich werde nach draußen begleitet. An einer Wand hängt ein Bild, das ein Gefangener gemalt hat. Es zeigt eine Uhr, die zwischen Gitterstäben zerfließt.
© Peter Reinäcker / PIXELIO
Dennis
Dennis ist 23 Jahre alt. Er hat verschiedene Betrugsdelikte begangen und wurde zu zwei Bewährungsstrafen von acht Monaten und eineinhalb Jahren verurteilt. Die Bewährung der kürzeren Strafe wurde widerrufen, so dass er ins Gefängnis musste. Ob er die eineinhalbjährige Strafe ebenfalls absitzen muss, entscheidet sich in den nächsten Monaten.
Vor seinem Bewährungswiderruf hatte Dennis als Animateur in Griechenland gearbeitet. Er hat eine Freundin und eine eineinhalbjährige Tochter aus einer alten Beziehung.
Schön, dass du dich von uns interviewen lässt.
Ich habe kein Problem damit, über diese Sachen zu reden. Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe, aber ich will es auch nicht verheimlichen.
Wie kommt es, dass du hier bist?
Ich hatte immer auf eine Karriere als Fußballprofi gehofft. Ich war in der A-Jugend von Werder Bremen, dann habe ich mich dem Sportförderprogramm der Bundeswehr angeschlossen. Dort hatte ich einen schweren Unfall, ich habe mich an der Wirbelsäule verletzt. Zeitweise hieß es, ich könnte nie wieder Sport machen. Danach habe ich mich ziemlich hängen lassen. Ich war in einer Drückerkolonne, später habe ich zusammen mit anderen bei eBay Sachen verkauft, die ich nicht besessen habe.
Wie haben deine Eltern darauf reagiert, dass du ins Gefängnis musstest?
Meine Eltern waren natürlich enttäuscht. Aber sie halten zu mir, besuchen mich regelmäßig. Auch meine Freundin hat sich nicht von mir getrennt, obwohl wir erst seit zehn Monaten zusammen sind. Wir sind seit zehn Monaten ein Paar und seit fünf Monaten bin ich im Gefängnis.
Hat sie von deiner Vergangenheit gewusst?
Ja, ich habe von Anfang an mit offenen Karten gespielt.
Wie ist es, im Knast zu sein?
Eigentlich ist das Leben hier nicht so schlimm. Man hat seine Aufgaben, irgendwas ist immer. Nur wenn abends die Zellentüren abgeschlossen werden, das ist übel. Trotzdem, manchmal glaube ich, die draußen haben es noch schwerer.
Was meinst du damit?
Ich denke dabei zum Beispiel an meine Freundin. Sie ist 19 Jahre alt und hat gerade Abi gemacht. Viele von ihren Bekannten können absolut nicht verstehen, warum sie mit mir zusammen geblieben ist. Ihre Geschwister haben ein Problem mit mir, wahrscheinlich, weil sie sich Sorgen um sie machen. Das ist nicht einfach für sie.
Mal was anderes: Konntest du die Fußball-WM mitverfolgen?
Ja, klar. Wir haben Fernsehen auf unseren Zellen. Wir dürfen übrigens auch Spielkonsolen benutzen, aber nur alte Modelle, die nicht internetfähig sind, also Gamecube, Playstation 1 usw. Es ist nur schwer, an Spiele zu kommen. Besucher dürfen uns keine mitbringen und es ist verboten, sich gegenseitig etwas auszuleihen.
Justizvollzugsanstalten in Vechta
   Hauptanstalt (Willohstraße 13)
     Geschlossener Jungtätervollzug
     Sozialtherapie für Jungtäter
     Untersuchungshaft für männliche Jugendliche
   Haus II (Zitadelle 10)
     Offener Jungtätervollzug
     Jugendarrest
   Hauptanstalt (An der Propstei 10)
     Geschlossener Vollzug
     Untersuchungshaft
   Abteilung Falkenrott (Zitadelle 17)
     Mutter-Kind-Haus
     Offener Vollzug
     Freigang
     Sozialtherapeutische Abteilung
Was machst du hier so?
Ich bin Hausarbeiter, das heißt, ich wische und fege, teile Frühstück, Mittag- und Abendessen aus. Außerdem mache ich Sport, spiele Fußball, Badminton und Volleyball. Eine Zeitung haben wir hier auch, den Kaktus, da mache ich ebenfalls mit.
Gibt es so etwas wie eine Knast-Hierachie?
Nein, eigentlich ist es recht ruhig. Klar, man kommt nicht mit jedem zurecht. Aber die meisten sind nicht auf Streit aus. Es sind vor allem die Jüngeren, die Ärger suchen. Die stressen rum, und behaupten, sie wären hier, weil sie jemanden umgebracht hätten. Man kann nicht alles glauben, was einem erzählt wird.
Glaubst du, dass dir die Zeit im Gefängnis auch etwas Positives bringt?
Ich denke, man lernt das Leben draußen, die Freiheit, mehr zu schätzen. Hier ist alles reguliert, selbst wann und wie oft man duschen darf. Alles, was man braucht, muss man beantragen.
Wie geht es bei dir weiter, wenn du draußen bist?
Es ist schwierig, das zu planen. Ich weiß ja nicht, wann ich raus komme. Ich möchte auf jeden Fall mein Abi nachholen, ich habe mich an einer Fernschule angemeldet. Was ich danach mache, weiß ich nicht. Vielleicht werde ich studieren.
Vielen Dank für das Gespräch.
von Stefan Hirsch
Foto: Alexander Dressler

Ist Toleranz intolerant gegenüber Intoleranten?

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Toleranz, Akzeptanz und Engstirnigkeit. Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf? Die meisten Menschen stellen sich diese Frage nur selten und meist entdeckt man auch gar nicht, wie einige Menschen in der Richtung denken. Sind es anerkannte Wissenschaftler, die fordern man solle sozial-schwachen Familien doch endlich die Fähigkeit zur Fortpflanzung nehmen, da sich sonst das soziale Elend karnickelartig ausbreiten würde oder aber ob in vielen Ländern gerade uns Deutschen immer noch viele Ressentiments der nationalsozialistischen Gräueltaten nachhängen. Wer schon mal von einem aufgebrachten Holländer mit seinem Hund von seiner Einfahrt weggejagt wurde mit den Worten “f[..] german n[..]“ (vgl. aufgebrachter Holländer 2005), weiß, wovon ich spreche.
Aber ist es ok, wenn Türken Türkenwitze machen oder Judenwitze von Deutschen erzählt werden? Wo hört es auf, wo sind die Grenzen des Geschmackes? Sollte es Grenzen geben oder sind gerade diese Tabuisierungen schädlich? Fragen über Fragen und wie immer keine Antworten. Daran sind gewiss die da oben Schuld, die sich unser Geld in die Tasche stecken (vgl. Bild immer).
Nachdem so viel über Vorurteile geredet wurde, sind wir eigentlich frei davon? Vorurteile dienen uns gewiss die Realität zu vereinfachen. Das als große Entschuldigung und Neuentdeckung regelmäßig gefeierte Konzept der Vereinfachung, soll hier jedoch nicht gewürdigt werden. Denn es ist schlichtweg einfach eine Ausrede. Jeder kann die Welt herunterbrechen, aber es muss möglich sein, davon auch wieder wegzukommen und jeden Menschen als Individuum zu sehen. Alle fordern es, aber nur wenige gestehen es auch anderen zu, indem sie sie nicht in Schubladen stecken. Nicht umsonst heißt es regelmäßig: Da kommt die Tussi oder da der Streber. Fast immer dienen sie der eigenen Überhöhung. Man ist eben nicht die oberflächliche Tussi oder der „freakige“ Streber. Dummerweise ist man immer irgendetwas und sobald man etwas ist, kann man von anderen darauf reduziert werden und in einer weiteren fiesen Schublade feststecken. Es könnte also langsam Zeit werden für eine etwas komplexe Sicht auf die Menschen, die die eigene Wertigkeit relativiert, aber nicht verneint. Eine beliebte Diskussion in diesem Feld ist das Verbot der NPD. Natürlich ist es fraglich, ob wir zulassen sollten, dass „Feinde der Demokratie“ Mitspracherecht in unserem Land haben und die Vorzüge einer Partei genießen dürfen. Aber, dass wir ihnen die Gründe dafür liefern, wird oft nicht mitbedacht. Menschen wenden sich von ethischen und moralischen Vorstellungen ab und folgen populistischen Strömungen, die kurzfristig Aussicht auf Besserung garantieren, nicht ohne Grund.
Die Tendenz Dinge herabzuwürdigen ist dabei Bestandteil der menschlichen Geschichte seit jeher schon. Angefangen bei Sklaven über Massentierhaltung bis Gen-Mais. Woher nehmen Menschen das Recht zu sagen ihre Art der Homosapiens sapiens wäre mehr wert, als eine andere? Die meisten Begründungen zur Unantastbarkeit des Lebens beruhen auf normativen Setzungen, die sich nur auf Menschen beziehen. Konsequente logische Überlegungen scheitern meist daran zu begründen wo die Unterschiede sind von Mensch zu Tier ohne den Randbereichen (bsp. Kleinkinder oder behinderten Menschen) die Existenzgrundlage zu entziehen. So ein Mist, wir können nicht begründen, warum wir Organismen halten um sie zu töten, bei uns selbst jedoch strikt dagegen sind. Wir bevorzugen uns offensichtlich nur auf Grund unserer Rasse. Diese gewagte These, die u. a. Peter Singer vertritt, zeigt auf, wie labil unsere Sicht auf die Dinge und die in ihr vorhandenen angeblichen Wahrheiten ist. Bevor Menschen sich also anmaßen Dinge zu kategorisieren und zu beurteilen, sollten sie vielleicht erst einmal ihr eigenes Weltbild auf die Probe stellen.
Die alten Vorstellungen von Gut und Böse sind lange hinfällig und spiegeln nicht die komplexen Folgen einer realistischen Denkweise dar. Kausalität kann fast beliebig ausgedehnt werden und gute Dinge können zu schlechten Dingen führen und umgekehrt. Nicht einmal die Sichtweise ob gut oder böse muss immer gleich sein. Während die betrogene Ehefrau den nichts-ahnenden Ehemann als Schwein bezeichnet und ermordet, hat die Geliebte ihr Glück verloren. Aber wie soll der Mensch dann mit der Realität umgehen? Wenn der Müllmann nicht als Ziel des Spottes gelten darf und „Fette“ vielleicht sogar wertvollere Menschen sind als die schlanke Beautyqueen. Und welche Rolle spielt Schönheit überhaupt? Kann der Versuch anderen zu gefallen überhaupt als Schönheit gewertet werden oder ist er nur Ausdruck der eigenen selbstsüchtigen Wünsche nach Akzeptanz? Aber zum Glück haben wir ja noch strikte Anti-Haltungen. Atheismus, Punks, Einzelgänger, sie alle wollen sich von der Masse auf ihre Weise abheben und machen leider häufig eine eigene Sparte der Intoleranz auf. Argumentieren die einen, der Glaube wäre massenhafter Infantilismus und würde die Menschen blenden zum Zweck der Selbstbereicherung und Kontrolle, greifen die anderen die Angepasstheit des normalen Menschen an oder ziehen sich gleich ganz aus der Gesellschaft zurück. Der Schlüssel scheint ein Konzept zu sein, was nicht ohne weiteres einleuchtet.
Entgegen der Prämisse des Selbstbewusstseins, ist es vielleicht ab und an gut zu realisieren, dass Menschen gar nicht so viel wert sind. Sie sind auch nur Organismen, die aufgrund chemischer und elektrischer Prozesse mehr oder minder ihre Aufgaben erfüllen. Trotz allem ist damit nicht Mördern und Unsicherheit Tür und Tor geöffnet. Vielmehr sollte man ihn relativieren und nicht so übertreiben, wie es einige Anhängerin der Emanzipation tun und hinter allem und jedem eine Diskriminierung der Frauen sehen und darüber vergessen, dass Frauen gerade weil sie anders sind als Männer und andere Ansprüche haben, sich zwar nicht im Wert von ihnen unterscheiden (alle sind ja gleich unbedeutend), aber dennoch anders behandelt werden sollten. Eine übertriebene Homogenisierung von Dingen kann also auch schädlich sein.
Unterschiede sind also gar nicht so schlimm und sollten von uns eher als Chance begriffen werden Neues zu entdecken und seine alten Denkmuster verlassen zu können.
Angemerkt sei noch, dass die vorgestellten Denkströmungen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder mir darstellen, sondern lediglich herausfordernde und aggressive Ansätze sind das Denken der Leute einmal andersherum zu interpretieren.
von Matthias Christ

Umweltfreundliche Ernährung?!
Leidenschaftliche Tipps für eine faire, ökologische und nachhaltige Nahrungsbeschaffung

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Rette die Welt!
“Na klar, mach ich mit, aber wie?”, fragt sich so mancher jetzt bestimmt. Ein guter Anfang wäre, wenn sich jeder beim täglichen Gang in den Supermarkt die Werbejingles aus dem Kopf schlägt und andere Kriterien für die Auswahl seiner Lebensmittel zurate zieht.
Jeder kann mit kleinen Veränderungen, die auch bezahlbar sind, Entscheidendes zur Rettung des Planeten Erde beitragen.
Der folgende Text ist eine Anleitung, wie auch Du in vier Schritten zum Weltretter werden kannst
© espana-elke / PIXELIO
Fisch – eine gefährdete Spezies?
Fisch ist eines der gesündesten Lebensmittel überhaupt, mit vielen wichtigen Nährstoffen, wie die Omega-3-Fettsäuren. Leider ist es erschreckend zu sehen, wie viele Menschen Fisch essen, ohne zu wissen, was sie tun. Viele Fischarten sind vom Aussterben bedroht, und zwar nicht irgendwelche exotischen Korallenriffbewohner. Nein, es sind die gebräuchlichsten Fischarten unserer Zeit, wie Rotbarsch oder Thunfisch. Ist es nicht bemerkenswert, dass der Thunfisch – eine sehr gefährdete Spezies – auf der Pizza sogar billiger ist als nur Käse?
Ein anderes Phänomen sind die Garnelen. Bis vor ein paar Jahren waren sie kaum irgendwo günstig zu bekommen. Nun gibt es sie in jeglichen Variationen bei beliebten Fast-Food-Ketten oder Discount-Supermärkten. Das geht nicht spurenlos an den Beständen der Ozeane vorbei.
Dabei gibt es so einfache Mittel, den Fisch, den man noch essen darf, ohne das Artensterben voranzutreiben, zu erkennen. Ein bekanntes und in fast jedem Supermarkt vertretenes Siegel gibt Aufschluss: MSC – Marine Stewardship Council.
Dieses Siegel ist zertifiziert und garantiert Fisch und Meeresfrüchte aus nachhaltiger Fischerei. Deutschlandweit beliefern sie Discounter, Feinkostgeschäfte und andere Firmen mit gesundem, leckeren Fisch.
Und auf Thunfisch braucht man auch nicht zu verzichten. Der weiße Thunfisch, natürlich mit dem MSC-Siegel, ist ohne Bedenken zu verspeisen.
Hier eine Liste der gefährdeten Fischarten:
Aal, Alaska-Seelachs, Hai, Tintenfisch, Garnele, Heilbutt, Kabeljau, Lachs, Rotbarsch, Sardine aus dem Mittelmeer, Scholle, Seehecht, Seeteufel, Seezunge, Steinbeißer, Thunfisch, Viktoriabarsch, Wolfsbarsch, Zander aus Osteuropa.
Grundsätzlich gilt: am besten Bio und mit MSC-Siegel.
© Margot Kessler / PIXELIO
Billig Fleisch vs. Bio-Fleisch
Kein besseres Beispiel als Fisch ist Fleisch.
Der Fleischkonsum steigt über die Jahre weiter an. Was früher etwas Besonderes war, wie zum Beispiel der Sonntagsbraten, ist für viele Menschen mittlerweile alltäglich geworden und nicht mehr wegzudenken. Schlimm, wenn man bedenkt wie die Tiere, die sie jeden Tag verzehren, ihr Leben lang gelitten haben. Zusammengepfercht in kleinen Gehegen, Käfigen und muffigen Ställen, die so überfüllt sind, dass einige ihrer Artgenossen sterben müssen wegen Krankheiten oder einzig und allein, weil es keinen Platz für sie gibt. Zu allem Überfluss stehen diese leckeren Steaks und Hähnchennuggets die meiste Zeit ihres Lebens in ihrem Kot.
Eine sehr bekannte Firma wirbt neuerdings damit, dass die Eier für ihre Mayo aus Bodentierhaltung stammen! Das ist nicht die ganz niedrigste Hühnerhaltungsstufe. Die Hühner sind nicht in Käfigen, können sich also bewegen, beziehungsweise etwas kuscheln, zwischen Kot und ihren toten Artgenossen.
“Alles muss billiger werden!” und “Geiz ist geil!”, so lauten die Devisen hierzulande. Wobei hier in Deutschland die Lebensmittel unglaublich günstig sind. So bezahlt man für 200g Mortadella aus dem Kühlregal gerade mal 0,69€. Aber natürlich auch auf Kosten der Tiere, sind ja auch nur Nutztiere …
Wenn jeder seinen Fleischkonsum auch nur ein bisschen einschränkt und ausschließlich das gesunde Fleisch aus artgerechter Tierhaltung mit dem Bio-Siegel kauft, wäre die Welt schon ein kleines bisschen besser. Wir sagen: zurück zum Sonntagsbraten!
Fazit: Fleisch und Eier mit Bio-Siegel kaufen.
Wer sagt, er kaufe kein Bio, weil das Siegel bestimmt gefälscht wäre, ist einfach nicht ausreichend informiert und kann sich auf den angegebenen Internetseiten schlaumachen.
Wenn auch Du was gegen die Massentierhaltung unternehmen willst, werde jetzt zum Retter der Welt und befolge unsere Ratschläge. Beim Einkaufen Kopf – und Gewissen – einschalten und mit einfachen Tipps die Welt retten.
von Inga Wulfke
© Martin Müller / PIXELIO
Käffchen?
Wie ich mit gutem Gewissen durch den (Kaffee-)Alltag komme
Man kennt das: Man sitzt mal wieder in einer dieser Vorlesungen und klammert sich mit zitternden, geschundenen Studentenhänden verzweifelt an das Einzige, was einen an so einem Morgen noch davon abhält, ungehindert in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu versinken: das kleine, flüssige Bisschen Energie in Form von Koffein … einen Kaffee.
Den hat man vermutlich gerade von der netten, charismatischen Person hinter dem Tresen erstanden und man weiß, er kommt aus der Kaffeemaschine … aber halt! War da nicht das Schild Fairtrade-Kaffee? Nun, der ist ein bisschen teurer und der studiengebührengeplagte Student muss sparen, wo er kann. Heute jedoch wollen wir dem höheren Preis und den Folgen davon mal genauer auf den Grund gehen und herausfinden, ob sich ein paar Cent mehr nicht vielleicht doch lohnen können.
Beginnen wir mit ein wenig Geschichte
In einem kleinen Dorf im südmexikanischen Oaxaca gehen die Dorfbewohner ihrer alltäglichen Beschäftigung nach. Sie Bauen Café Sano an, und das seit über 100 Jahren. Die indianischen Kleinbauern dort wussten schon vor den Umweltorganisationen, wie man Kaffee anbaut, ohne dem Boden sämtliche Nährstoffe zu entziehen und gesundheits- und umweltschädliche Gifte zu verwenden. Das machen sie mittels des sogenannten Fruchtwechsels, bei dem jedes Jahr eine andere Feldfrucht angebaut wird, um dem Boden Gelegenheit zu geben, sich zu regenerieren.
Die Erzeugungskosten für so einen ökologisch angebauten Kaffee sind etwas höher, aber dafür bekommen die Bauern für den Café Sano auch mehr Geld, weswegen mittlerweile immer mehr Kleinbauern auf die ökologische Kaffeewirtschaft umstellen. So wird der ökologische mit dem sozialen Aspekt verbunden. 
Um den Preis nachvollziehen zu können, hat die Uni Amsterdam eine Studie über Fairtrade-Kaffee herausgebracht in der genau abgelesen werden kann welche Vorgänge welche Kosten entstehen lassen:
  • 3% für Kaffeepflanzen
  • 23% für Dünger
  • 22% für Pflege der Pflanzen
  • 32% für Erntearbeiten
  • 8% Finanzierungskosten
  • 4% Transport
  • ~ 8% Sonstiges
Der höhere Preis für ökologisch angebauten Kaffee entsteht dadurch, dass statt der Pestizide organische Dünger verwendet werden und sich hierdurch der Arbeitsaufwand und somit die Lohnkosten erhöhen, da auch die Arbeiter fair bezahlt werden sollen. Die Gesamtkosten sind somit etwa zehn Prozent höher als bei herkömmlichem Kaffee.
Wie komme ich an Fairtrade-Kaffee?
Um den Bauern ein regelmäßiges Einkommen zu sichern und einen beständigen Grundpreis zu gewährleisten gibt es heute Kaffeeabonnements. Diese sind im Internet unter dem Stichwort „My Fair Coffee“ zu finden. Auf der Seite kann sich der geneigte Kaffeekonsument unter verschiedenen Kaffeesorten eine auswählen und entscheiden, in welcher Menge pro Quartal der Kaffee geliefert werden soll. Von 3-24kg ist alles möglich. Geliefert wird der Kaffee zum Beispiel in ebenfalls regional entworfenen und hergestellten Säckchen, die gut wiederverwendet werden können und den Kleinbauern einen weiteren Industriezweig verschaffen. Der Kaffee würde im Schnitt etwa 1,3 Cent pro Tasse kosten, was gut zu verschmerzen ist. Deshalb wird pro Kilo ein geringer Betrag aufgeschlagen, um regionale Projekte zu fördern und den Ausbau von ökologischem Kaffeeanbau zu unterstützen. Und das ist uns ein paar Cent mehr dann doch wert, oder?
Öko? Logisch!
Öko muss nicht immer Bio sein
Guten Morgen! Ich stehe auf, mach mir meinen Kaffee, tingele mit dem Auto zur Uni, weil ich später noch einkaufen gehen möchte und sitze dann neben meiner besten Freundin in einer Vorlesung. Ich packe meinen glänzenden Bio-Apfel aus und beiße, guten Gewissens, herzhaft hinein.
Doch dann kommt der Augenblick, der mein Leben auf den Kopf stellt, durcheinander wirft und meinen geplanten Einkauf zu einer scheinbar unlösbaren Herausforderung werden lässt: “Sag mal, Bio-Äpfel aus Neuseeland, is´ das nicht irgendwie unlogisch?!”
Peng! Das sitzt! Der kleine Sticker hat den Apfel überführt.
Die Vorlesung ist vergessen und wir verlieren uns in einer Laptopdiskussion über Biolebensmittel, wo eigentlich der Unterschied zu ökologischen Lebensmitteln ist und wie man an sie kommt, ohne dabei seine Lebensgrundlage in Form von BAföG zu verpulvern, sofern man überhaupt welches bekommt.
Natürlich geht es dabei wieder um den möglichen Etikettenschwindel bei Bioprodukten und dass die Bio-Bauern ihre Prüfungsinstitute selbst bezahlen müssen kommt dabei auch zur Sprache.
Doch das eigentliche Ergebnis ist u. a. die Recherche zu diesem Artikel. Nach Rücksprache mit einigen Leuten, denn zu dem Thema hat ja beinahe jeder etwas zu sagen, höre ich die Worte „saisonal“ und „regional“. Ich recherchiere ein wenig und bin erleichtert, eine Lösung präsentieren zu dürfen, die es einem jeden Studenten möglich macht, fernab von Pizza und Ravioli bezahlbares Gemüse und Obst zu konsumieren, ohne dabei das halbe Repertoire an verfügbaren Insektiziden zu sich zu nehmen.
Anstatt Bio-Obst und -Gemüse aus Übersee zu kaufen, welches im Flugzeug transportiert und gereift ist, ist es wesentlich sinnvoller, dieses vom Bauernhof seines Vertrauens aus der Umgebung zu erwerben. Das ist dann nicht durch die halbe Welt gefahren worden, sondern unter der gleißenden Sonne Norddeutschlands gereift und somit tatsächlich zu Geschmack gekommen.
Nun werden einige sagen: “Das ist ja schön und gut Madame aber beim Bauern ist das ja auch meist teurer als beim netten Discounter um die Ecke und ich muss noch zwei Kilometer mit dem Fahrrad fahren.”
Nein, meine Lieben, das muss nicht sein. Es gibt eine Abhilfe namens Saisonkalender. Alles Grünzeug hat seine Saison, ist reichlich verfügbar und somit auch günstig zu erwerben.
von Freya Kuhn
Obst Gemüse u.a. verfügbar in/ab
Äpfel, Birnen, eingelegtes Obst Möhren, Rote Beete, Grünkohl, Chicorée, Wirsingkohl Januar – März
Rhabarber, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren Rucola, Rettich, Mangold, Kohlrabi, Gurke, Blattsalate, Spargel April – Juni
Nektarine, Pfirsich, Mirabelle, Brombeeren, Preiselbeeren Sellerie, Radicchio, (Paprika), Fenchel, Dicke Bohnen, Erbsen, Brechbohnen, Blumenkohl Juli – August
Holunderbeeren, Quitten, Pflaumen Steckrübe, Spinat, Zuckermais September – Oktober
Äpfel, Birnen, eingelegtes Obst Rotkohl, Rosenkohl, Schwarzwurzel, Porree November – Dezember
Das ganze Jahr über verfügbar sind Gemüsesorten wie Zwiebeln, Champignons oder Kartoffeln. Äpfel und Birnen sind bei den Obstsorten immer regional verfügbar. Die oben angeführten Sorten sind zum Teil auch noch in anderen Monaten verfügbar und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ganz schön hohl
Von Flat-Earth-Society und Innenweltkosmos

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Gemein aber wahr: Die Globus-Industrie belügt und betrügt uns. Zumindest gibt es Menschen, die das glauben. Auch heute noch…
Die Erde ist ein Tortenboden. Der Nordpol liegt in der Mitte, drum herum die Kontinente und Ozeane. Die Antarktis ist ringförmig und begrenzt das Ganze nach außen. Davon gingen zumindest die Mitglieder der Flat-Earth-Society aus. Ihr Denken ging auf den Erfinder und Schriftsteller Samuel Rowbotham zurück. Dieser veröffentlichte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Streitschrift, in der er – aufbauend auf Bibel-Interpretationen – begründete, warum die Erde flach sein müsse. Bis zur Zeit des ersten Weltkriegs hatten Flat-Earth-Society und ihre Vorgänger-Organisationen einen gewissen Zulauf, danach wurde es ruhig um die Theorie der flachen Erde. Heute gibt es noch ein paar Internet-Seiten, die sich mit dem Thema befassen. Allerdings nicht wirklich ernsthaft.
Aktiver sind hingegen die Anhänger der Hohlwelt-Theorie. Für sie ist die Erde kugelförmig. Das ist aber auch die einzige Parallele zum gängigen Weltbild, denn wir leben nicht außen, sondern innen. Im Zentrum der ca. 12.000 Kilometer messenden hohlen Erde befinden sich Sonne, Sterne und Mond, letzterer hat einen Durchmesser von – nicht 3.476 – sondern etwa 200 Kilometern.  
Warum es bisher niemandem aufgefallen ist? Das Licht, so die Hohl-Denker, verläuft nicht gerade, sondern in kreisförmigen Bahnen. Deswegen sind wir dem Glauben an die Außenwelttheorie verfallen, deswegen können Flugzeuge keine Abkürzungen nehmen, deswegen hat niemand bemerkt, dass die Unendlichkeit unter unseren Füßen liegt. Auch die Lichtgeschwindigkeit ist nicht konstant, sondern verlangsamt sich, umso weiter man dem Erdmittelpunkt kommt.
Und die Raumfahrt? Masse ist relativ, verringert sich, je weiter man sich der Erdmitte nähert. In dem Moment, in dem ein Space-Shuttle den Mond erreicht, hat es die Größe eines ferngesteuerten Autos, die Astronauten wiegen dann ca. 20 Gramm. Dadurch erwächst der Eindruck, der Mond ist 384.000 und nicht 6.000 Kilometer weit entfernt. Außerdem waren die Amis sowieso nicht auf dem Mond, das Ganze war ein Schwindel. Für Verschwörungstheorien haben Hohl-Denker immer ein offenes Ohr.
Das Ganze klingt nach den Fantasien eines Science-Fiction-Autors, der, wenn er Musiker wäre, „Cherry Cherry Lady“ singen würde. Wirft man allerdings einige althergebrachte Annahmen der Physik über Bord, zum Beispiel die Theorien Newtons und Galileis, dass die physikalischen Gesetze in allen Punkten des Raums die gleichen sind, wäre das Gedankengespinst vom Innenweltkosmos sogar möglich. Es ist nicht widerlegbar, aber auch nicht beweisbar. Fans abgedrehter Ideen nennen so was Grenzwissenschaft, für andere ist es pseudowissenschaftlicher Blödsinn. Und so ist es kein Wunder, dass die Theorie vom Innenweltkosmos schon als sie im Jahr 1870 vom Physiker und Alchemisten Cyrus Reed Teed verbreitet wurde (die Gedanken hierzu kamen ihm im Zuge eines Ohnmachtsanfalls), kaum jemanden überzeugt hat.
von Stefan Hirsch

Schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak

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tabak12
Dagegen sein kann jeder, daher zur
Abwechslung einmal ein Lob für
die Stummel voller Verheißungen.
© Günter Havlena / PIXELIO
Blauer Dunst, Du feine Kraft. Schlängelst Dir den Weg so majestätisch durch den Raum. Umtänzelst all die hübschen Gesichter und schmiegst Dich zärtlich an alles, was Dir im Wege steht. Liebevoll saugst Du Dich in sämtliche Hautporen, Haare, Kleidung und beglückst allesamt Plauzen mit deinem einzigartigen Geschmack. Leider hat man Dir die Freiheit eingeschränkt. Denn auch ich muss gestehen, wo Du doch deine Sonnenseite mir fortwährend in allen Bereichen meines Lebens präsentierst, so weiß ich, dass Du Deine Schattenseiten auf meine Lungen hetzt.
Aber Du scheinst mir beharrlich zu sein und wie auch Gras sich durch Beton frisst, kann man auch Dich nicht einfach vernichten. Deshalb, nach allen Schandtaten, die Dir angetan wurden, eine kleine Hommage an Dich, mein liebster Wegbegleiter, mein süffisanter Freund in Not, feuriger Helfer sozialer Bedrängnisse, schleichender Virus, hässlicher Todbringer, liebster Tabak:
Du hast Dich so sehr in mein Herz gefressen, dass selbst mein erster Gedanke nach bedrückendem Erwachen des Geistes in frühster Morgenminute nur Dir gewidmet ist. Indem ich deine hinterlassenen Spuren des vergangenen Tages aus meinem Rachenraum huste, schreit sogleich ein schwacher Pulsschlag nach Deiner belebenden Wirkung. Zusammen mit unserem besten Freund, dem Koffein, lächeln wir später der Sonne entgegen und betören ihre feinen Strahlen mit liebevollen Rauchzeichen. Ohne Dich an meiner Seite würde mir ein gelungener Tagesbeginn nie in den Sinn kommen.
Trete ich vor die Tür, so fühle ich mich schlicht und einfach nackt, wenn ich Dich nicht mit auf den Weg nehmen würde. Gucci, Levi‘s, Adidas … nein, meine Mode bist Du, mein ästhetischer Stängel und eingeklemmt zwischen Zeige- und Stinkefinger zeige ich Dich wie ein Neugeborenes gern in der Gegend rum. Manch einer scheint von Dir so beeindruckt zu sein, dass ich auch fremde Münder an Dir ziehen lasse.
Während viele Menschen geschmacklos in der Ecke stehen, um auf bestimmte Ereignisse zu warten, sich nicht vor Unwohlsein zu helfen wissen, ihre Finger nicht still halten können, sinnlos mit dem Handy spielen, ja da hol ich Dich raus, anmutiges Kippchen und kose Dich im Munde.
In jeder gut besuchten Location führst Du mich genau in die Ecken, in der auch ich gebraucht werden könnte und schielst einer blauen Gallierin entgegen. Denn Rauchen verbindet und wie auch Du Dich mit fremden Dunst umwirbelst, so halt ich bald gelbe Nikotinfinger in meiner Hand, betrachte wunderlich schwarze Zähne, staune über ausgetrocknete Haut und lausche dem zarten Krächzen des Raucherhustens.
Zu Unrecht, liebster Tabak, was man Dir angetan. Rauchverbot, Altersbeschränkung oder Beschuldigung als jegliche Krankheitsursache. Du bist der freundliche Virus, welcher die Süchtigen und exzessiven Selbstzerstörer verbindet. Du bist einfach da und doch so wunderbar!
In ewiger Liebe,
Dein Raucher.
von Tobias Kunz

Offener Brief an die Kinder von morgen

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offenerbrief11a
© Jessi / PIXELIO
Liebe Kinder von morgen,
ihr seid unsere Zukunft!
An euch liegt es, das deutsche Kulturgut weiterzuführen. Knüpft also an Goethe, Kant und Schiller an! Dass euch dafür Ausdrucksmöglichkeiten und die nötige Rechtschreibung fehlen… nun gut, das macht ihr doch mit eurem dafür um so größeren Kommunikationstalent (sprich Internet) wieder wett, nicht wahr?
Da ihr aber nicht nur für unseren Freigeist, sondern auch für unsere Altersvorsorge aufkommen müsst, wäre es nett von euch, einen gewinnbringenden Job zu finden. Da die meisten Berufe, die früher mit Hauptschulabschluss erlernt werden konnten, nun mindestens Mittlere Reife erfordern, ihr aber schon Probleme beim Erlangen vom ersteren habt und es eh nicht genug Ausbildungsplätze für euch alle gibt… bleibt euch wohl nur das Studium. Gut, erstmal heißt es natürlich, Arschbacken zusammenkneifen und das Abi machen. In 12 Jahren müsst ihr das schaffen, wofür wir noch 13 Jahre Zeit hatten. Und dann einen Platz an der Uni ergattern (aber vielleicht habt ihr ja Glück und es ist wieder zufällig irgendein Studiengang zulassungsfrei hier in Vechta!). Wenn ihr denn das nötige Großgeld habt (denn von Kleingeld ist bei einem Studium, wo allein die Studienbeiträge schon mindestens 4000 Euro betragen, wohl nicht mehr zu sprechen).
Möglich ist das alles, wenn überhaupt, nur deutschen Kindern ohne Migrationshintergrund. Denn da es nicht für jeden von euch einen Kindergartenplatz gibt und in eurer Familie mit Migrationshintergrund zumeist nicht (gut) deutsch gesprochen wird oder ihr in ghettogleiche Wohngebiete abgeschoben werdet, wo ihr auch sonst kaum Kontakt zu deutschen Muttersprachlern habt, ist eure Chance selbst auf einen Hauptschulabschluss… siehe oben.
Aber dann gibt es ja noch uns, die Lehrer und Pädagogen (ein Sorry an alle in Vechta, die was anderes studieren/werden. Ich weiß, ihr werdet auch schon in den Lehrveranstaltungen diskriminiert). Wir sollen all das ersetzen, was euch fehlt und all das möglich machen, was unmöglich scheint. Und das auf Stellen, die gestrichen oder gekürzt werden. Hm…
Liebe Kinder von morgen, wenn ihr also gar nicht erst auf die Welt kommen wollt, könnten wir das zwar verstehen, aber es würde uns arbeitslos und arm im Alter machen. Deswegen eure Devise: Opfert euch auf!
Viele Grüße,
eure Lehrer und Pädagogen von morgen
von Julia Stock
offenerbrief11b
© Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO

Lehrer vs. Pädagogen

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lehrpaeda11
Lehrer und Pädagogen – ein ungleiches Paar?
© Klaus-Uwe Gerhardt / PIXELIO
Was Lehrer und Lehrerinnen nicht alles sind oder besser sein sollen…
Als eine Art berufliches Sammelbecken vereinigt sich gleich ein ganzes Sammelsurium an möglichen Berufsbezeichnungen in ihren Spiegelbildern, die man nur zu gerne sieht, blickt man in eben dieses Becken. Verzerrungen werden scheinbar übersehen. Allein das bemühte Bild gibt bereits zu bedenken. Lehrer, das ist „ein“ Beruf. Soviel vorweg. Steigen wir dennoch ein in dieses Sammelbecken möglicher Berufszuschreibungen. Wer kennt sie nicht, diese Kinder aus Pädagogen-Familien? Und welche Berufe verbergen sich dahinter? Natürlich, ein Lehrer-Ehepaar. Lehrer sind also Pädagogen. Hierfür gibt es zwar einen eigenen Studiengang, aber gehen wir diesem Bild nach. Anteile des Lehrerstudiums beschäftigen sich klar mit Fragen aus der Erziehungswissenschaft. Jeder Lehramtskandidat hat denn auch zu lernen, was unter „Pädagogik“ zu verstehen ist. Aber heißt das späterhin auch, dass man Pädagoge ist? Wohl nicht. Es ist eine Zuschreibung. Der Lehrer mutiert damit, wie so oft, zu einer Art Projektionsscheibe einer kränkelnden Gesellschaft. Diagnose: Verdrängung, etwa von Aufgaben, die primär in der Familie zu leisten sind und meinetwegen auch von ausgebildeteten Pädagogen. Diesen Ansprüchen kommen Lehramtskandidaten dann mit Idealismus entgegen, der schnell bröckelt. Lehramtskandidaten tun sich dann auch besser, wenn sie sich selbst weniger als angehende Pädagogen als vielmehr eben als angehende Lehrer sehen. Dieser handelt zwar späterhin in bestimmten Situationen und Institutionen, in denen es auch auch um Persönlichkeitsentwicklung geht; das ist bereits dem simplen Umstand bei aller geachteten Komplexität zu verdanken, dass Menschen immer aufeinander einwirken und sich entsprechend beeinflussen, prägen etc. Es ist aber vorrangig nicht das Ziel des Lehrers, erzieherisch und damit pädagogisch zu handeln, sondern es ist seine Aufgabe, Wissen vermitteln zu können. Oder er schafft Situationen, in denen Wissen aufgebaut werden kann. Diese Tätigkeit ist weniger eine pädagogische als vielmehr eine didaktische. Dahinter stehen neben grundlegenden Techniken und Methoden der Vermittlung gleichsam ein fachwissenschaftliches Studium von zwei Fächern. Ohne eine solche Ausbildung kann ein Lehrer, selbst wenn er noch so pädagogisch handeln und wirken will, kein adäquater Berater oder Begleiter sein. Dass Kinder und Jugendliche in dieser Zeit und auch in Lernprozessen neue Erkenntnisse hinzugewinnen, zu lernen lernen und sich nicht zuletzt weiter entwickeln oder eben auch manchmal verharren, stehen bleiben und erst einmal zurückrudern müssen, das alles mag zu der verqueren Aussage führen, Lehrer seien Pädagogen. Nein, sie sind Lehrer, wenngleich sie das Studiensystem derweil als Meister der Erziehung entlässt.
von René Kohn
Lehrer sind keine Pädagogen, sollten es aber werden!
Lehrer sind in meinen Augen keine Pädagogen, aber sie sollten es sein. In der Schule ging es noch nie nur um bloße Wissensvermittlung, dennoch liegt der Schwerpunkt der Lehrerausbildung auf den Fachwissenschaften und die Pädagogik findet nur am Rande statt und meist in Form der alten Klassiker. In Zeiten, in denen Lehrer reihenweise das Handtuch schmeißen (Bsp. Rütli- Schule), in der Verarmung (wirtschaftlich und seelisch) in der Gesellschaft zunimmt, sind Lehrer mehr denn je mit verhaltensauffälligen und vernachlässigten Kindern konfrontiert. Die Schule ist in einem Land mit Schulpflicht für jeden eine wichtige und prägende Institution.
Es sind also vielfältige Aufgaben und Problematiken, welche ein Lehrer zu bewältigen hat, wohlgemerkt neben dem Anspruch, dem Lehrplan gerecht zu werden. Dennoch wird an den Universitäten nicht auf diese Herausforderungen reagiert. Es fehlen Angebote für die Studierenden, welche sie befähigen, im Klassenzimmer zu agieren und angemessen zu reagieren. Es fehlt pädagogisches Handwerkszeug, welches die Lehrer auch die Selbstsorge lehrt. Steigende Burnout-Zahlen bei Lehrern zeigen die Notwendigkeit von Strategien zur Psychohygiene, welche durch eine umfassende pädagogische Ausbildung erlernt werden können.
Didaktik und Pädagogik sind keine Gegensätze und sollten Hand in Hand gehen.
Noch sind Lehrer keine Pädagogen, aber sie sollten es werden!
von Stefanie Bruns

Pädagogik – eine unterschätzte Profession?

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Gemeinsam statt gegeneinander
© Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO
Wenn ich in meiner Verwandtschaft erzähle, dass ich Pädagogik studiere, ist die erste Reaktion: „Ach, du wirst Lehrerin?“ Wenn ich das dann genervt verneine und erkläre, dass ich den Schwerpunkt auf Sozialpädagogik gelegt habe, blicke ich meist in fragende Gesichter und muss erklären, was man denn damit überhaupt machen kann. Diese alltägliche „Aufklärungsarbeit“ spiegelt das Bild dieser Profession in unserer Gesellschaft gut wider. Sie wird nicht wahrgenommen oder unterschätzt.
Dies hat viele Ursachen: In unserer Gesellschaft, welche auf einen gesunden, in den Normen funktionierenden Menschen ausgelegt ist, ist es nicht schick, sich einzugestehen, dass man ohne professionelle Hilfe nicht weiter kommt. Dies wird dann als „Versagen“ angesehen und nicht als da, was es ist, nämlich Kompetenz (siehe Diskussion über die Super Nanny, als sie veranlasst hat, dass ein Kind in Obhut genommen wurde und die Medien es so darstellten, als sei sie gescheitert). Diese Einstellung macht es dann Hilfebedürftigen natürlich schwer, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Hemmschwelle ist also mitunter sehr hoch. Es ist allerdings wichtig, die eigenen Grenzen zu erkennen und es ist richtig, sich dann geeignete Hilfe zu holen.
Mittlerweile ist bekannt, wie komplex die menschliche Psyche ist, wie differenziert die menschliche Entwicklung (Erziehung, Sozialisation) verläuft und wie groß die Zahl der Faktoren für diese ist. Gleichwohl werden
Professionen, welche sich damit beschäftigen und versuchen, darauf positiv Einfluss zu nehmen, eher belächelt.
Die Notwendigkeit wird nicht gesehen. Bei Zahnweh wird jeder einen Zahnarzt aufsuchen, wenn auch mit Zähne knirschen. Doch wenn ich mein Leben nicht auf die Reihe kriege, gehe ich nicht automatisch in eine Beratung oder zum Psychologen…
Der Bedarf wird also so lange nicht wahrgenommen oder ignoriert, dass Pädagogen u. a. oft erst zum Einsatz kommen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. In der Eskalationssituation sollen diese professionellen Helfer das Eisen aus dem Feuer holen. Wenn sie daran scheitern (siehe zum Beispiel den Fall „Kevin“ in Bremen), gibt es nicht nur eine empörte öffentliche Diskussion, sondern die Helfer müssen sich auch noch vor Gericht verantworten.
Pädagogische Maßnahmen sind, gerade im öffentlichen Bereich (Jugendämter etc.), oft nicht viel mehr als ein lästiger Kostenfaktor, welcher minimiert wird, bis
es wirklich nicht mehr geht. Dann sitzt ein Case Manager im Jugendamt und muss 70 und mehr Fälle allein(!) bearbeiten.
Bei der Frage, warum das alles so ist, habe ich zwei Hypothesen:
Zum einen sind pädagogische Interventionen (in welchem Bereich auch immer) in ihrem Nutzen für einen Außenstehenden nicht sofort erkennbar. Es gibt kein fertiges Produkt, nichts was zählbar oder messbar wäre. Wenn ich also nicht weiß, was bei so einer Intervention entsteht, fällt es mir schwer, erstmal für diese zu bezahlen, in der Hoffnung, dass es sich rentiert.
Zum anderen sind wir Pädagogen nicht gut darin, Berufspolitik zu betreiben. Die Profession spaltet sich auf in einzelne Fachbereiche, in denen dann jeder sein Ding macht, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Es fehlt öffentliche Präsenz und Aufklärungsarbeit. Es fehlt die Botschaft „Was wir können, ist wichtig. Unsere Kompetenzen haben einen großen Nutzen für die Gesellschaft.“
Es fehlt ein selbstbewusstes Auftreten nach dem Motto: Ich kann das, das und das und damit kann ich so, so und so handeln. Weg von dieser „Ich kann alles, aber eigentlich nichts“-Mentalität und die, meines Erachtens, falsche sozial aufopfernde Einstellung. Wer neun Semester studiert hat, der sollte sich nicht mit Erziehergehalt abspeisen lassen.
von Stefanie Bruns

Alle Jubeljahre – Jubiläen: HIV

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Der HI-Virus reiht sich in unsere Jubiläumsserie ein. Vor nunmehr 25 Jahren wurde das Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) erstmalig von französischen und amerikanischen Forschern fast zeitgleich als solches benannt. Sie waren es, die herausfanden, dass das Virus über Blut, Sperma, Vaginalsekret, Liquor und Muttermilch übertragen werden konnte. In der heutigen Zeit ist HIV ein immer wichtiger werdendes Thema, denn die Anzahl der Infizierten steigt von Jahr zu Jahr, und das nicht nur in den sog. Drittweltländern, sondern auch in den Industriestatten!!!
Schaut man zurück in die Geschichte, so trat die Krankheit zunächst einmal nur bei homosexuellen Männern auf, später aber auch bei Drogenabhängigen oder Empfängern von Blutkonserven. Das Virus zeigte sich in Form von Hauttumoren, die Kaposi-Sarkomen genannt werden und endete tödliche. Heutzutage existieren Medikamente auf dem Markt, die das Virus eine Zeit lang eindämmen können, aber nicht vollständig ausrotten. Ebenfalls ist es nicht 100% sicher, dass das Virus bei einer infizierten Person ausbricht. Es gibt HIV positive Menschen, bei denen das Virus still im Körper verharrt und keine weiteren Schäden anrichtet. Leider betrifft das nur wenige. Es wird immer wieder empfohlen sich regelmäßig testen zu lassen, um eine unbewusste Übertragung zu vermeiden.
Die Rote Schleife (“Red Ribbon”) symbolisiert die Solidarität der Menschen mit den Infizierten. Sie trat erstmals von Prominenten getragen auf, die diese im Gedenken an verstorbene Kollegen trugen.
Obwohl die Forschung schon Großes geleistet hat, steht die Entwicklung eines Medikamentes, das den HI-Virus erfolgreich bekämpft, nach wie vor aus.
von Jessica Barbato

Offener Brief an die Verursacher der Finanzkrise

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Auswirkungen für die Studentenschaft:
Die Auswirkungen für die Studierenden werden von eher indirekter Natur sein, da sie selten Aktieneigentümer sind. Die großen Geldmassen, welche jetzt auf den Markt geworfen werden, können eine Inflation zur Folge haben. Das heißt, unser Geld wir immer weniger wert und die Güter des täglichen Bedarfs immer teurer.
Die anhaltende Verunsicherung auf dem Kreditmarkt sorgt dafür, dass Unternehmen keine Kredite mehr für ihre Investitionen bekommen. Dies hat zur Folge, dass Arbeitsplätze in Gefahr sind. Dies macht natürlich auch einem Absolventen der Hochschule den Einstieg ins Berufsleben nicht unbedingt leichter.
Der Staatshaushalt gerät unter Druck und erforderliche Mehrausgaben (Rettungspakete für die Banken, Konjunkturprogramm für bestimmte Wirtschaftszweige) müssen irgendwie kompensiert werden. Es wird also Kürzungen geben. Diese werden traditionell zuerst in Bildung und sozialen Projekten angesetzt. Es werden also weniger Lehrer eingestellt, und die Gelder für Projekte für Straßenkinder, Drogenberatungsstellen etc. werden stark gekürzt oder gestrichen, so dass auch hier Arbeitsplätze wegfallen.
© Hans Peter Dehn / PIXELIO
Liebe Manager,
es ist schlimm, was zurzeit in ihrer Welt passiert. Ihr Posten ist nicht mehr sicher, und Sie bekommen statt 20 Millionen Dollar Abfindung nur noch die Hälfte und das, obwohl Ihr Jahresgehalt doch nur läppische 10 Millionen betragen hat. Mal abgesehen von den Aktien- und Gewinnbeteiligungen. Aber das ist ja eh nur Kleingeld. Schließlich haben Sie gute Arbeit geleistet, und es ist nicht Ihre Schuld, dass die Kreditnehmer in den USA nicht mehr zahlen konnten. Das tut mir wirklich Leid für Sie.
Doch nach all diesen bitteren Erkenntnissen freue ich mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass es Ihnen trotz allem gar nicht so schlecht geht. Denn 1,5 Millionen Häuser werden in diesem Jahr in den USA zwangsversteigert. Das sind 65 Prozent mehr als in den Vorjahren. Können Sie sich das überhaupt vorstellen, wie es wäre, wenn Sie Ihre geliebte Villa und das Penthouse-Appartement nicht mehr hätten? Schrecklich, oder?
Auch mit Ihrem Schicksal des Arbeitsverlustes sind Sie nicht allein. Denn nach Schätzungen werden bis zu
100.000 Arbeitsplätze in der Finanzindustrie im Zuge dieser Krise verloren gehen, und wer weiß, wie viele noch, wenn die Finanzkrise sich auf die Wirtschaft ausweitet.
Aber es kommt noch besser: Stellen Sie sich vor, die Steuerzahler der USA und der EU wollen Ihnen helfen, das kleine Missgeschick wieder auszubügeln und Ihr Unternehmen zu retten. Sie geben Ihnen allein in Deutschland 500 Milliarden Euro! Sie müssen nur noch über ihren Schatten springen und zugreifen.
Das ist doch toll, oder?
Gruß,
uniVista
Die Finanzkrise – ein Abriss der Entwicklung:
Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 senkt die US Notenbank den Leitzins immer wieder (von 2001-2003 von 6,5 auf 1 Prozent) um die Märkte zu stabilisieren.
Eine Senkung des Leitzinses macht Kredite und damit Geld billig. Dies nutzen viele amerikanische Bürger um sich ein Eigenheim zu bauen, finanziert ohne einen Cent Eigenkapital. Die einzige Sicherheit für die Banken ist die Immobilie selbst. Durch die hohe Nachfrage steigen auch die Preise am Immobilienmarkt
Um das Risiko dieser Kredite zu minimieren entwickeln US Banken eine Anlageform, indem Sie die Kredite verkaufen. Kredite werden gestückelt, vermischt. Undurchsichtige Finanzpakete entstehen
Ab 2004 werden die Zinsen wieder angehoben. Da die amerikanischen Kredite an den Leitzins gebunden sind, bringt das die Kreditnehmer in Schwierigkeiten, so dass sie ihre Raten nicht mehr bezahlen können.
2006: Das Angebot an Häusern ist nun größer al die Nachfrage, was die Preise rapide sinken lässt. Damit wird die einzige Sicherheit, welche die Banken haben, quasi wertlos.
Im Sommer 2007 wird das Ausmaß der Krise deutlich. Die riskanten US-Hypothekenkredite liegen nun direkt oder indirekt in vielen Portfolios und bringen damit Banken und Großanleger ins Schleudern. Durch die undurchsichtige Vorgehensweise beim Schnüren dieser Finanzpakete schwindet das Vertrauen der Banken untereinander. Niemand weiß wie weit die Banken involviert sind. Deshalb leihen sich die Banken kein Geld mehr untereinander. Die Zentralbank springt ein und pumpt 300 Milliarden Dollar in den Kreditmarkt.
Im letzten Quartal 2007 müssen die Finanzriesen Farbe bekennen und geben Abschreibungen in Milliarden Höhe an. Die Finanzkrise weitet sich inzwischen global aus, weil auch europäische Banken beim Geschäft mit den US- Hypothekenkrediten mitgemischt haben.
Januar 2008 fallen die Börsenkurse rapide, da Investoren befürchten, dass sich in den Bilanzen weitere Abschreibungen verbergen.
Liebe Politiker,
Sie sind im Moment nicht zu beneiden. Da hatten Ihnen die Manager und Wirtschaftsexperten soviel versprochen und Sie hatten sich die Zukunft schon so rosig ausgemalt. Ein ausgeglichener Haushalt war Ihr Ziel. Doch nun müssen Sie die Banken vor dem Bankrott retten und zusehen, wie ein Wirtschaftszweig nach dem anderen drastische Umsatzrückgänge vermeldet und Arbeitnehmer entlassen will. Jetzt bleibt Ihnen nur noch die Schadensregulierung. Eilig schnüren Sie und Ihre Kollegen nun Rettungspakete, bezahlt vom Steuerzahler. Der ist zwar Ihr Wähler und findet das gar nicht gut. Aber letztlich sitzen Sie dann am längeren Hebel und bis zur nächsten Wahl ist das ganze Debakel sicher wieder vergessen. Das heißt, nur wenn diese Milliarden, welche Sie auf den Markt werfen, nicht zur Inflation führen und somit wieder der kleine Bürger, welcher um seinen Arbeitsplatz bangt, noch weniger Geld zur Verfügung hat. Nein, Sie sind wirklich nicht um Ihren Job zu beneiden.
Dennoch würde ich gern mal mit Ihnen tauschen, um zu verstehen, warum Sie das Geschehen auf dem Geldmarkt nicht stärker regulieren. Selbst in den Landesbanken, in denen Sie Vorstandsmitglieder zur Kontrolle sitzen haben, wurde in die riskanten Papiere investiert. Wie kann das sein?
Gruß,
uniVista
Anmerkung:
Die im vorlegenden Text benannten Statusgruppen sind selbstverständlich nicht die alleigen Verantwortlichen der Finanzkrise. Diese hat vielfältige Ursachen und damit auch viele Beteiligte. Zum Beispiel die Börsianer und auch die Kreditnehmer in den USA, welche über ihre Verhältnisse gelebt haben. Wir haben diese zwei Statusgruppen ausgewählt, weil jene am meisten in der Öffentlichkeit stehen und aus ihren Positionen heraus den größten Einfluss haben.
von Stefanie Bruns

Offener Brief an die Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse

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Lieber mobilisierter Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse, wie Dir sicherlich nicht entgangen ist, kann man derzeit relativ schonungslos in der Werbung verfolgen, dass jährlich etwa 5000 Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen. In vielen Fällen ist vor allem die hohe Geschwindigkeit eine Ursache hierfür. Opfer dieser Unfälle, wie Du sicherlich weißt, sind selten die, die sie verursacht haben. Eher ist es die ahnungslose Mutter mit zwei Kindern auf der Rückbank, der Ehemann auf dem Heimweg von der Arbeit, der Fahranfänger drei Wochen nach Erhalt des Führerscheins. Die Verursacher hingegen, welche sich in der Regel in gut gepolsterten Gefährten befinden, kommen zumeist mit marginalen Schäden davon. Nun möchte ich Dir, lieber Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse, die Frage stellen, warum es eben immer wieder dieselben Gefährte sind, welche durch zu hohes Tempo, dichtes Auffahren und aggressives Überholverhalten auffallen und somit eine nicht mindere Gefahr für Unfälle darstellen? Sollte es tatsächlich einen charakterlichen Zusammenhang zwischen einer Automarke und seinem Besitzer geben? Und wenn ja, wer beeinflusst in diesem Fall wen?
Nicht selten erlebe ich als treue Kleinwagenfahrerin aufgebrachte Fahrer wie Dich in mobilisierten Einzimmerwohnungen, wie sie, nervös ausscherend, auf einer nassen Landstraße versuchen, selbst die Laserpistole eines Polizisten in Erstaunen zu versetzen. Sicherlich gibt es auch für Dich gute Gründe, warum man an einem gewöhnlichen Wochentag einfach mal die Regeln des Überholens außer Kraft setzt. War es nun der Reihe folgend oder einfach Darwins Gesetz des Stärkeren? Was auch immer, Hauptsache schnell davon. Auch möchte ich gern wissen, was einen vermeintlich harmlosen Autofahrer in einer bayerischen Vorzeigemarke dazu zwingt, wutschnaubend mit Lichthupe das alleinige Recht der linken Spur einzufordern. Wahrscheinlich wirst Du argumentieren, dass man die Tatsache, dass Deutschland eines der wenigen EU Länder mit freier Tempowahl auf Autobahnen ist, doch ausnutzen müsse. Außerdem sei Zeit bekanntlich Geld. Obwohl: Bei einem solchen Auto sollte Dir letzteres wohl kaum Probleme bereiten.
In Anbetracht der zu Beginn genannten Zahl von bis zu 5000 unnötiger Todesopfer jedes Jahr im deutschen Straßenverkehr möchte ich Dir, lieber Verkehrsteilnehmer der gehobenen Mittelklasse, einen Vorschlag unterbreiten: Wie wäre es mit einer Woche Fahren in einem Kleinwagen, durchschnittliche PS-Zahl, geringe Knautschzone. Selbstverständlich für Dich und Deine Familie. Ausflüge, Besuche, die tägliche Fahrt zur Arbeit. Fahren wie genau die Menschen, die du sonst über die Straßen Deutschlands scheuchst. Vielleicht wirst du dann nachvollziehen, welches Gefühl einen durchfährt, wie sich Angst mit Ärger über die Überheblichkeit des Fahres im Rückspiegel paart. Und vielleicht wirst auch Du dann feststellen, dass es letztlich kaum auf die paar Minuten ankommt, die an manchen Orten Familien zerreißen. Denk mal drüber nach.
Herzlichst
Deine uniVista
von Britta Simon
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Fotos: Björn Franke

Mobilität & Umwelt

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Foto: Lea Weber
Aufpassen, Spaßbremse! Als Student ist man auch in einer ständigen Zwickmühle: Wir würden gerne neue Autos kaufen, die so wenig CO² ausspucken wie möglich. Wenn es anders ginge, würden wir uns nicht in den Billigflieger setzen, um nach Spanien zu kommen. Denn wir wissen ja, das das Angebot (und die Nachfrage) an günstigen Flügen bedeutet, dass auch immer mehr Flieger am Himmel sind, die immer mehr die Luft verpesten. Und ja, auch wir haben die Biosprit-Verordnung zum Schutze der Umwelt unterstützt. Und wir hätten auch lächelnd hingenommen, dass der Liter Benzin um mehrere Cent teurer geworden ist. Hauptsache der Umwelt geht es gut. Wir würden, wir könnten, wir hätten. Irgendwie kommt es einem als Student vor, dass das Spiel an einem vorbeirauscht. Wir würden gerne mehr für die Umwelt tun, aber die meisten Studenten können kaum auf noch mehr verzichten, als sie es bisher tun. Und Umweltschutz ist nun einmal teuer. Auf das bisschen Spaß, was wir uns leisten können, wollen wir auch eigentlich nicht verzichten. Ein größeres Umweltbewusstsein erreicht man nur, wenn man auch aktiv am Prozess teilnehmen kann. Nun könnte man damit argumentieren, dass es schon aktiv genug ist, den Mitbewohner davon zu überzeugen, zum Lieblingsnachbarn namens Aldi mit dem Rad statt dem Auto zu fahren. Ein Tropfen auf den heißen Stein zwar, aber immerhin ein Anfang. Und selbst wenn uns nicht die Chance gegeben wird ein 3 Liter Auto zu kaufen und damit die Umwelt zu entlasten, so ist das Gewissen doch schon etwas beruhigt aufgrund dieser Großtat. Am besten denkt man darüber nach, wenn man im Flieger nach Barcelona sitzt. Auf dem Weg ins Shopping-Wochenende.
von Sebastian Dargel

Mobilität & Gesellschaft

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“Wer aufhört zu rudern, der fällt zurück.”
Diese Worte schrieb mir meine Geschichtslehrerin bereits in der fünften Klasse in mein Poesiealbum. Sie sind ein Sinnbild für unsere Zeit, denn mehr denn je ist es wichtig, im Leben voran zu kommen. Sowohl im übertragenem, als auch im wörtlichen Sinn.
Nur der höchstmögliche Bildungsgrad, die bestmöglichen Noten erlauben zumindest die Illusion von einem guten, selbstbestimmten Leben ohne Zukunftsängste.
Denn in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit ist niemand sicher und alle gehen Kompromisse ein, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben.
Flexibilität und Mobilität sind die Stichwörter unserer Zeit. Ein Arbeitnehmer soll genügsam sein. Er soll viel arbeiten für wenig Geld. Gut ausgebildet soll er sein, flexibel einsetzbar. Ein Kind hat er besser nicht, das stört nur bei der Erfüllung der Arbeit und nicht zuletzt sollen ihn Entfernungen nicht schrecken. Entweder, er zieht mit gesamter Familie der Arbeit hinterher, wie es Millionen Menschen in Amerika tun oder er nimmt lange Anfahrtswege in Kauf. So ist heute Pendeln für viele Menschen Alltag. 2004 mußten 30 Millionen Menschen einen langen Weg zur Arbeit, zum Studienplatz, oder zur Schule in Kauf nehmen. Ja, auch unsere Jüngsten bleiben nicht von dieser Entwicklung verschont. In ländlichen Gebieten brauchen Kinder für den Schulweg oftmals 1 Stunde und mehr.
Aber was macht das mit einem Menschen?
Mobilität bringt Wechsel und Veränderung mit sich. Dabei geht Stabilität verloren und damit auch Sicherheit. Soziale Bindungen lösen sich. Die Zufriedenheit in der Partnerschaft nimmt ab, denn die Familie und die Freunde sind nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Viel Zeit wird auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause verbracht. Zeit, die für soziale Kontakte fehlt. Zeit, die jeder Mensch braucht, um sich zu erholen und seinen Interessen nachzugehen. Das lässt das soziale Netz löchrig werden. Die soziale Identität und auch das Gefühl der Zugehörigkeit, Geborgenheit gehen verloren. Dies ist nicht zuletzt mit aufkommenden Ängsten und Depressionen verbunden. Natürlich ist es auch physisch eine große Anstrengung, eine lange Fahrtstrecke zu bewältigen. So treten bei den Betroffenen häufig Kopfschmerzen, Magen- Darm-Beschwerden und Bluthochdruck auf. Auch Pendler, welche die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, bleiben von derlei Auswirkungen nicht verschont. In Bussen und Bahnen kommt außerdem eine, unter Umständen, höchst unangenehme Nähe zu fremden Personen dazu, welche als sehr belastend empfunden wird, und sich auch auf das eigene soziale Verhalten negativ auswirken kann. Kurz um: Pendeln gefährdet die Gesundheit.
Foto: Lea Weber
Klar ist wohl, dass ich mich vom Bild des Studenten, wie es die ´68er Generation geprägt hat, verabschieden muss, will ich halbwegs erfolgreich ins Berufsleben starten. Aber was ist das neue Bild eines Studenten? Wo ist der rote Faden, der einem sagt: „ Hier geht´s lang, das ist dein Weg!“ ? Was will ich vom Leben? Von wessen Meinung und Ansicht lasse ich mich überzeugen? Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm. Nur, wen soll man denn fragen? Meine Dozenten? Meine Kommilitonen? Das Kaffeesatz-Orakel?
Doch der gesellschaftliche Druck ist groß. Wer sich nicht um Arbeit bemüht, und dafür auch Opfer bringt, wird schnell an den Rand der Gesellschaft gedrängt. So bleibt gerade Menschen mit Familie nichts anderes übrig, als lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. Denn die Politik fordert von den Arbeitnehmern zwar Mobilität, doch sie macht es ihren Bürgern nicht einfach. Ein Schulwechsel von Region zu Region ist schon schwierig, aber in einem Land mit 16 verschiedenen Bildungssystemen, ist ein Wechsel zwischen den Bundesländern schlichtweg eine Zumutung für jedes Kind.
Aber der Blick muss gar nicht so weit abschweifen. Die Einführung des Bachelor-Master-Systems sollte den Studierenden ermöglichen, auch innerhalb ihres Studiums sehr mobil zu sein. Ein in Europa einheitlich gestaltetes Schnellstudium, damit unsere Studierenden schneller auf den Arbeitsmarkt kommen und sich während des „Blitzstudiums“ auch schon an das Unterwegssein gewöhnt haben.
Wo soll das noch hinführen?
Das Idealbild der Wirtschaft wäre sicher ein Arbeitnehmer, welcher der Firma überall hin folgt. Ein Mensch, für den Arbeit und Konsum das Wichtigste im Leben sind.
Doch der Mensch ist ein soziales Wesen. Die Auswirkungen, dieses auf Leistungsfähigkeit aufgebautem System, zeigen sich nicht erst heute. Die Geburtenrate sinkt. Die Zahl der Single-Haushalte steigt. Ebenso steigen die Vereinsamung und die damit verbundenen psychischen Probleme.
Ist es nicht längst fünf nach zwölf? Warum passen sich Menschen und Politik an die Wirtschaft an? Die Wirtschaft hat das Geld und damit Macht. Doch ohne den Konsumenten gäbe es die Wirtschaft nicht. Jeder Einzelne hat die Wahl, ob er einen derartigen Anspruch unterstützt. Er hat die Wahl, sein Leben anders zu führen und Zeichen zu setzen. Ein Beispiel hierfür ist die „Slowfood“ Bewegung. Sie entstand aus Protest gegen das erste Fastfood-Restaurant und tritt für bewusstes Leben und vor allem bewusstes Essen ein. Es geht also auch anders.
von Stefanie Bruns

Briefe gegen das Vergessen

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Amnesty International (ai) ist eine unabhängige Mitgliederorganisation, die sich weltweit für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt. Als größte Menschenrechtsorganisation hat sie mehr als 1,8 Millionen Mitglieder und Unterstützer. In vielen Kampagnen und Aktionen wenden sie sich gegen schwer wiegende Verletzungen der Rechte eines jeden Menschen auf Meinungsfreiheit, auf Freiheit von Diskriminierung, sowie auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Die Organisation ist auf das Engagement, die Unterstützung und Hilfe der Bürger angewiesen. Eine Aktion die sich auf dieses Engagement stützt, ist die weltweite Aktion Briefe gegen das Vergessen, die Teil der Kampagne Wir brauchen Ihren EinSatz ist. Hierbei geht es darum, Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen und die entsprechenden Behörden und Akteure zum Handeln zu bringen. Die Aktion Briefe gegen das Vergessen wirkt durch die enorme Anzahl, die einen öffentlichen Druck auslöst. Je höher die Anzahl der Briefe, umso größer und breiter wird das Interesse an einem Fall. Dazu ist neben des öffentlichen Appells eine schlüssige Beweislage notwendig, die sich an Fakten hält und fragwürdige Vorgehensweisen aufzeigt, und so Menschenrechtsverletzungen aufdeckt. Genau das ist das Schwierige an dieser Aktion, das Sammeln von Fakten und Beweisen, die gerade nicht an die Öffentlichkeit kommen sollen.
Bei dieser Aktion EinSatz zu zeigen ist unkompliziert. Im Internet auf der Homepage von ai oder in einigen Tageszeitungen werden regelmäßig aktuelle Fälle veröffentlicht (jährlich veröffentlichter Bericht von ai). Warum erscheint es nun wichtig, sich an einer solchen Aktion zu beteiligen? Was habe ich damit zu tun, wenn sowas irgendwo passiert? Überall auf der Welt werden Menschenrechte verletzt. Ein Beispiel ist Folter. In vielen Demokratien werden im Zuge des Kampfes gegen den Terrorismus Anhörungspraktiken eingesetzt, die noch vor Jahren als Folterpraktiken angesehen, verboten waren. Ob in den USA das sogenannte Waterboarding oder in Deutschland das Fixieren von Händen und Beinen, das, auf dem Bauch liegend, tödlich enden kann. ai versucht an einzelnen Fällen solche Menschenrechtsverletzungen aufzudecken. Dafür erscheint eine breite, aktive, aufgeklärte Öffentlichkeit wichtig, die auch ein Interesse daran hat, dass vor dem Gesetz wirklich jeder gleich behandelt wird. Der folgende Fall, welcher ebenso aktuell wie exemplarisch ist, spielt im Kosovo.
Mon Balaj und Arben Xheladini wurden am 10. Februar 2007 während einer Demonstration für die Unabhängigkeit des Kosovo in Pristina von nicht identifizierten Angehörigen einer rumänischen Polizeieinheit umgebracht. Die Beamten dienten in der internationalen zivilen Polizei als Teil der Übergangsverwaltungsmission der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK). Die Demonstration wurde von der Nichtregierungsorganisation Vetëvendosje (Selbstbestimmung) organisiert, um gegen einen Vorschlag des UNO-Sondergesandten Martti Ahtisaari über den zukünftigen Status des Kosovo zu protestieren. 78 Demonstrierende wurden bei den gewalttätigen Ausschreitungen verletzt, sieben von ihnen schwer. Man fand nach der Demonstration vier verschiedene Gummigeschosse und mit Plastik überzogene Stahlpatronen auf dem Gelände. Zwei Untersuchungsberichte der UNMIK kamen zu dem Schluss, dass die beiden Männer durch Gummigeschosse getötet wurden, welche die Angehörigen der rumänischen Polizeieinheit gegen die Demonstrierenden verwendet hatten. Mitarbeiter der UNMIK-Rechtsabteilung konnten jedoch die für ihren Tod verantwortlichen Beamten nicht ermitteln. Darüber hinaus zogen die rumänischen Behörden im März 2007 Polizeibeamte aus dem Kosovo ab, obwohl diese entscheidende Informationen über den Vorfall hätten liefern können. Danach hat es keine offizielle Untersuchung zur Aufklärung der Todesfälle und Verletzungen von Demonstrierenden mehr gegeben.
Wenn ihr Amnesty unterstützen wollt, könnt ihr höflich formulierte Briefe an die UNO-Behörden im Kosovo schreiben, in welchen ihr sie auffordert, eine strafrechtliche Untersuchung zum Tod von Mon Balaj und Arben Xheladini anzustrengen. Weiter könnt ihr sie auffordern die Immunität aller Angehörigen der UNMIK-Polizei aufzuheben, welche verdächtigt werden an den beiden Todesfällen beteiligt zu sein, und an die rumänischen Behörden appellieren alle rumänischen Polizeibeamten in den Kosovo zurückzusenden, die bei der Demonstration anwesend waren, sodass eine Befragung dieser erfolgen kann.
von Dennis Horn
Schreibt an:
Joachim Rücker
Special Representative of the
UN Secretary-General
Room 511
UNMIK Headquarters
38000 Pristina
Kosovo
Telefax: 001 – 212 – 963 98 77
E-Mail: ehailu@un.org
(Standardbrief Luftpost bis 20g: € 0,70)
Und sendet bitte eine Kopie eures Schreibens an:
Botschaft von Rumänien
S.E. Herrn Bogdan Mazuru
Dorotheenstr. 62–66
10117 Berlin
Telefax: 030 – 21 23 93 99

Terre des hommes – Hilfe für Kinder in Not
Eine Vechtaer Arbeitsgruppe stellt sich vor

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Foto: Hans-Martin Grosse-Oetringhaus / terre des hommes
Die gemeinnützige Organisation terre des hommes wurde 1966 in der Schweiz gegründet. Ziele der Arbeit waren zu Beginn in erster Linie die Versorgung von Kindern in Kriegsgebieten. Im Laufe der Zeit erweiterte sich das Arbeitsgebiet jedoch stetig. Heute steht der Name terre des hommes für zahlreiche rechtlich unabhängige und selbstständige Organisationen, welche unter dem Dachverband International Federation terre des hommes zusammenwirken. Die Organsitation sieht sich selbst als entwicklungspolitisches Kinderhilfswerk, das sich bei seiner Arbeit streng an den Kinderrechten orientiert. Finanziert wird die Arbeit von terre des hommes in erster Linie durch Spenden, hinzu kommt ein geringer Anteil öffentlicher Zuschüsse. Daneben sind es vor allem auch ehrenamtliche Arbeitsgruppen, welche die Arbeit von terre des hommes maßgeblich unterstützen. Inzwischen existieren in 129 deutschen Städten Gruppen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben. Menschen über Projekte zu informieren, Spendenaufrufe zu organisieren, sowie auf Probleme aufmerksam zu machen.
Seit Ende 2007 existiert eine solche Arbeitsgruppe nun auch an der Hochschule Vechta, die von Studierenden ins Leben gerufen wurde. Neben Informationsveranstaltungen sind vor allem Filmabende, Ausstellungen und regelmäßige Treffen der Gruppe geplant, zu denen Interessierte jederzeit eingeladen sind. Schwerpunktthemen der Arbeitsgruppe stellen unter anderem Kinderarbeit, Kindersoldaten, sowie mangelnde Bildungsmöglichkeiten in Entwicklungsländern dar. Darüber hinaus werden auch regionale Aspekte in die Projektarbeit der Gruppe miteinbezogen. Trotz der vielen Vorhaben betonen die Studierenden, dass in erster Linie der Spaß an ehrenamtlicher Tätigkeit und der Kontakt mit Gleichgesinnten im Vordergrund stehen sollen. Weitere Informationen über die Arbeit von terre des hommes können der Homepage www.terredeshommes.de entnommen werden. Herzlich seid ihr auch zu der studiVZ-Gruppe terre des hommes eingeladen, in der ihr über alles auf dem Laufenden gehalten werdet. Wer Interesse an einer Teilnahme in der Arbeitsgruppe hat oder sich generell über die Projekte der Vechtaer Studierenden informieren möchte, kann dies über die neue Kontaktadresse terre-des-hommes-vechta[at]gmx.de.
von Britta Simon, Stefanie Bruns und Johanna Olberding

terre des hommes

Unter Affen

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Letzte Woche im Extra-Markt: Eine alte Frau kommt auf mich zugelaufen, gestützt von einer Kollegin aus dem Markt, mit einer nicht zu übersehenden dicken Beule am Kopf, rechts über dem Auge. Verwirrt und sichtbar neben sich, versucht sie mir zu erklären, wie es zu der Verletzung kam. Ein Radfahrer soll sie von hinten angefahren haben. Sie ist gestürzt und irgendwie in meinen Laden gekommen. Ihr Ohrring ist weg, der liegt wohl noch an der Unglücksstelle. Es ist Samstagnachmittag gegen drei, der Laden ist voll, die Kunden wollen nach Hause, die Schlangen bahnen sich ihren Weg durch den Laden. Ich helfe der alten Frau, hole ihr etwas zu trinken, einen Lappen um die Beule zu kühlen, rede mit ihr, damit sie sich nicht alleingelassen fühlt, frage noch einmal nach dem Hergang des Unfalls und benachrichtige schließlich die Feuerwehr und die Polizei.
Keiner hat der alten Frau auf der Straße geholfen, als sie gelegen hat, alle sind an ihr vorüber gegangen. Eine Kundin, die gerade an der Kasse stand, sagte etwas stumpf, dass sie sie hat fallen sehen, aber auf die Frage meiner Kollegin, ob sie als Zeugin auf die Polizei warten würde, kam ihr nur ein „damit möchte ich nichts zu tun haben“ über die Lippen.
Ich arbeite in diesem Laden seit fast 4 Jahren und habe schon alkoholisierten Philosophen zugehört, Schlauschnackern und Möchtegernpropheten, heruntergefallene Lebensmittel weggewischt und liegen gelassene Ware ins Regal zurückgebracht, kleine Kinder beruhigt, Hunden Wasser in Schüsseln gegeben und alte Frauen zur Damentoilette gebracht. Wenn ich zur Arbeit gehe, lasse ich mein „Uni- Hirn“ für zweimal acht Stunden im Bett. Bringt so und so nichts, mich über die Gleichgültigkeit meiner Mitmenschen zu ärgern. Im Grunde sind sie wie Affen, die sich lausen, sich paaren und keine Scham davor haben, sich anderen gegenüber so zu zeigen, wie sie sind. In dieser Woche erst hat sich mir die Azubine vom Backshop offenbart: Sie ist schwanger – in der 7. Woche -, hat Stress mit der Schwiegermutter, die sie am Telefon gegenüber der eigenen Mutter aufs Übelste beschimpft haben soll, weil sie sich am Wochenende immer irgendwo herum treibt, wie eine Schlampe rumläuft und das Kind so oder so behindert sein wird, weil der eigene Sohn auch behindert ist. Er hatte mal ein Drogenproblem – ist er deswegen gleich behindert?!
“Meinst du, die Affen übernehmen mal die Weltherrschaft?”
Homer Simpson in
“Die Simpsons: Blick zurück ins Eheglück”
© veit kern / PIXELIO
Axel kommt dann betrunken in den Laden, hustet und niest auf das Wechselgeld, das er in der Hand hält. Klasse! „Geh nach Hause und leg dich ins Bett“, sage ich zu ihm, aber er kommt noch ein paar mal wieder und tauscht Hartgeld gegen Dortmunder Bier ein.
Manchmal frage ich mich, warum ich Sozialpädagogik studiere und nicht zur Polizei gegangen oder Lehrer geworden bin. Aber dann erinnere ich mich schnell wieder daran, dass die anderen Berufe auch ihre Schattenseiten haben, auch ihre Affen, unter denen ich dann wäre. Ein Lichtblick ist schließlich da: Irgendwann muss ich nicht mehr hier an der Kasse sitzen und mir die Geschichten der anderen anhören – irgendwann habe ich auch mal Freitag um halb vier Schluss. Bis dahin schiebe ich hier noch Dienst, immer freitags und samstags bis acht Uhr abends…
von Frank Scholz

Das Märchen vom mündigen Bürger

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Es war einmal ein Junge namens Heinrich. Er lebte in einem kleinen Fürstentum. Sein Vater verdiente das Brot für die Familie als Bauer. Eines Abends, während des Essens, erzählte der Vater ihm von einem neuen Erlass des Fürsten. Er polterte und schimpfte, dass die Adeligen nur Unsinn im Kopf hätten. Schon wieder wollte der Fürst ein Fest geben und verlangte für diesen Monat die doppelten Abgaben. Das nannte er dann Politik. „Ich nenne das Verschwendung“, wetterte der Vater, „er sollte lieber die Steuern für seine Untertanen senken oder ihnen mehr zum Leben lassen. Sonst wird es bald Unruhen geben.“
Bildnachweis: bf
Foto: Björn Franke
Als er schon im Bett lag, dachte Heinrich noch lange an diese Worte. Wusste denn der Fürst nicht, wie seine Untertanen dachten? Warum sagte es ihm keiner? Warum entschied er alles allein? Er überlegte und kam zu dem Entschluss, dass doch besser alle bestimmen sollten, was im Land passiert. Aber wie?
Auch am nächsten Tag beschäftigte ihn dieser Gedanke sehr. Er saß auf der Wiese hinter dem Haus an einen Baum gelehnt, als ein Schmetterling sich zu ihm gesellte. Gedankenverloren sah er ihn an und erkannte nur langsam, dass das kleine Geschöpf auf seinem Knie gar kein Schmetterling war. Eine kleine Elfe saß da, und schaute ihn neugierig an. „Warum sitzt du hier so trübselig anstatt zu spielen? Es ist doch ein herrlicher Tag.“ Heinrich erzählte ihr von seinem Vater, dem Fürsten und seiner Idee. Kaum hatte er seine Rede beendet, sprang sie fröhlich auf. „Ich schau mal, was ich tun kann.“ Noch ehe Heinrich fragen konnte, was sie denn überhaupt tun könne, war die kleine Elfe verschwunden. Vorsichtig sah er sich um, aber alles schien wie immer. Auch zu Hause konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Nicht beim Abendessen und auch nicht bevor er schlafen ging. Am nächsten Morgen hatte er die Begegnung mit der Elfe schon wieder vergessen. Doch als ein Bote an die Tür des Bauern klopfte und seinen Vater dazu einlud, zum Fürsten zu kommen, (denn alle mündigen Bürger dürften jetzt über die Geschicke des Landes mitbestimmen), erinnerte sich Heinrich wieder und strahlte. Die Elfe hatte es also wirklich geschafft.
Von nun an gingen der Vater und alle anderen mündigen Bürger des Fürstentums einmal die Woche zum Fürsten, um die anstehenden Entscheidungen zu treffen. Alle waren glücklich und zufrieden. Doch eines Tages trug der Fürst ein heikles Anliegen vor. Er wollte sich mit anderen Fürstentümern verbünden, gemeinsam seien sie stärker. Doch alle Verbündeten verpflichteten sich auch, die anderen in Zollfragen und Geldangelegenheiten einzubeziehen. Der Fürst versicherte, dass bereits alles vorbereitet und der Vertrag aufgesetzt wäre und sie nur Vorteile davon hätten. Genau diese Äußerung jedoch entfachte den Unmut in der Versammlung. Wie konnte alles vorbereitet sein, wenn er sie noch gar nicht gefragt hatte. Nein, das ging nicht, da war man sich einig. Sie zeterten und schrien alle durcheinander. Der Fürst erhob schließlich seine Stimme: „Es muss eine Entscheidung getroffen werden.“ Noch einmal warb der Fürst mit schillernden Worten für sein Vorhaben, doch immer wieder wurden Vorbehalte und Ängste aus der Menge geäußert, die breite Zustimmung fanden. Der Fürst kam dagegen nicht an. So wurde das Bündnis abgelehnt.
Als er den Fürsten des Bündnisses diese Nachricht überbrachte, reagierten sie mit Unverständnis. „Du kannst doch nicht die einfachen Untertanen eine solch gewichtige Entscheidung treffen lassen.“ „Aber bisher hat es doch gut funktioniert.“ „Das mag sein, aber wissen deine Untertanen denn auch, was passiert, wenn ihr Land allein bleibt? Wissen sie, was die anderen Fürsten planen? Haben sie die Geschichte und die Diplomatie studiert? Haben sie den Vertrag gelesen?“ Der Fürst überlegte kurz, und musste diese Nachfragen dann verneinen. „Das sind einfache Leute. Ich bin nicht mal sicher, ob alle lesen können.“ Daraufhin erntete der Fürst nur noch Spott und wurde mit den Worten nach Hause komplimentiert, dass er wiederkommen solle, wenn er die Entscheidungsgewalt hätte. Geknickt fuhr er also zurück in sein Schloss.
Bei der nächsten Versammlung berichtete er von diesem Zusammentreffen und stellte die Frage in den Raum, wer lesen könne. Nur wenige Hände wurden gehoben. Er schloss die Frage an, wer denn lesen lernen wolle. Es hoben sich nicht viel mehr Hände. „Aber ihr müsst lesen können, damit ihr mündige Bürger seid.“ Empörung machte sich unter den Anwesenden breit. „Für sowas habe ich keine Zeit, und ich weiß doch auch so Bescheid.“, schrie Heinrichs Vater.
Resigniert sank der Fürst in seinen Sessel. So ging es nicht weiter. Wenn die Bürger mit entscheiden wollten, mussten sie über alles Bescheid wissen.
Zu Hause erzählte natürlich auch der Vater Heinrich von diesen Vorkommnissen. Dieser zog sich anschließend ganz betrübt in sein Zimmer zurück. Was war schief gelaufen? Warum funktionierte die direkte Abstimmung nun nicht mehr?
Am nächsten Morgen fragte er den Vater, warum er nicht lesen lerne um zu verstehen, was der Fürst sagt. Doch dieser wiegelte nur ab. „Von sowas bekommst du kein Essen auf den Tisch.“ Außerdem habe er sich ja schon entschieden und werde sich auch nicht mehr umstimmen lassen.
Wieder saß Heinrich auf der Wiese, angelehnt an die alte Eiche und schaute angestrengt ins Gras. Wo diese Elfe nur wieder steckte? Gegen Abend schließlich setzte sie sich wieder auf sein Knie und fragte: „Warum sitzt du hier so betrübt?“ Heinrich schilderte ihr, was geschehen war. Die Elfe lauschte. Aber diesmal wusste Heinrich keine Lösung des Problems. So flog die Elfe wieder von dannen, ohne eine Idee, was sie für Heinrich tun könne. So war sie es, die nun wach lag und grübelte. Sollte sie alles wieder rückgängig machen, als ob es die direkte Mitbestimmung nie gegeben hätte? Oder könnte sie wirklich alle Bürger dazu bewegen, lesen zu lernen um die nötigen Kenntnisse zu erwerben?
Bildnachweis: bf
Foto: Björn Franke
Aber wer würde dann die Felder bestellen und die Tiere füttern, wenn alle beschäftigt wären? Sollten die Bürger vielleicht einige aus ihrer Mitte wählen, die sich fortan nur noch mit den Staatsgeschäften auseinander setzen und von den anderen mitversorgt würden? Aber wer würde dann kontrollieren, was diese tun?
Wie sie es auch drehte und wendete, sie konnte keine Lösung finden.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so grübeln Heinrich und die Elfe noch heute…
von Stefanie Bruns

Wir haben die Macht

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© (Fotograf unbekannt) / PIXELIO
Beim Aufräumen meiner Regale bin ich auf ein Büchlein gestoßen, gefüllt mit meinen literarischen Frühwerken. Gegenstand eines Gedichtes ist die Harpunierung des letzten Wales und die danach eintretende Leere im menschlichen Leben. Kein Glanzstück. Aber ausreichend, um mich zum Denken zu bewegen.
Ist das, was ich so mit Leben betitele, gut, richtig, ökologisch korrekt? Ist meine Hautcreme an Tieren getestet? Wurde der Lachs auf meinem Teller nicht ge- sondern überfischt? Mussten für meinen Collegeblock Wälder gerodet werden? Starben Tiere, um Teil meines Burgers zu sein? Wird der Strom, den ich ver(sch)wende, durch erneuerbare Energien erzeugt?
Was kann ich tun, um dem Ideal des ökologisch korrekten Lebens näher zu kommen? Ein Einsiedlerdasein im Steigerwald ist keine Alternative und auch Selbstversorgerin zu werden, ist als geisteswissenschaftliche Studentin wenig erfolgsversprechend.
Aber machtlos bin ich auch nicht, schließlich ist mein größtes Manko auch meine größte Waffe:
Ich bin Kosumentin. Und damit habe ich die Macht. Sehr optimistisch gesehen, aber wurde nicht alles Neue durch die Zuversicht Einzelner geboren?
Kleine Anleitung zum Ökologischsein:
  1. Esse nur solchen Fisch, bei dem Fang und Haltung akzeptabel ist. (www.greenpeace.de/themen/meere)
  2. Benutze Recycling-Papierprodukte.
  3. Kaufe möglichst Bioerzeugnisse. Jedoch ist nicht alles, was sich dafür ausgibt, „bio“. Achte auf die Gütesiegel. (www.allesoeko.net)
  4. Fahre Bahn, Bus, Fahrrad oder in Fahrgemeinschaften.
  5. Trenne deinen Müll.
  6. Freu dich über den Fairtrade-Kaffee im Bistro und fühl dich gut beim Genuss.
  7. Nimm Jute-statt Plastiktüten.
  8. Zieh den Stecker und lass die Geräte nicht auf Standby laufen.
  9. Dreh den Wasserhahn beim Zähneputzen zu.
  10. Benutze Fehldrucke als Schmierblätter
  11. Putze mit Essig.
  12. Kaufe tierversuchfreie Kosmetika. (www.tierschutzbund.de)
  13. Besuche doch mal den Wochenmarkt, jeden Mittwoch und
    Samstag von 7.00 bis 12.00 auf dem Parkplatz vor dem Metropol-
    Kino. Alle dort angebotenen Produkte sind garantiert aus
    dem Umkreis.
von Julia Stock

Kinder oder Karriere?
Ansichten über den Stand der Gleichberechtigung und das Dilemma der Frauen

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Kinder kriegen oder Karriere machen oder beides gleichzeitig? Diese Frage müssen sich junge Frauen heute wahrscheinlich mehr denn je stellen. Einerseits verlangt die Emanzipation und das eigene Selbstwertgefühl natürlich das Streben nach Höherem. Andererseits ist da die von den Medien propagierte „Pflicht“ zum Kinder kriegen. Denn ansonsten würden wir ja aussterben. So die feste Überzeugung mancher einflussreicher Medienmacher.
Doch wenn ich Karriere mache und ein Kind habe, bin ich eine Rabenmutter. Wenn ich Kinder kriege und für deren Erziehung zu Hause bleibe, bin ich „nur“ eine Hausfrau. Ich verdiene kein eigenes Geld mehr und das mit der Karriere kann ich wohl vergessen. Mache ich Karriere und verzichte ich auf Kinder, dann bin ich ein egozentrischer Mensch, der ja nur an sich denkt.
Bildnachweis: Karen Ishikawa
Bild: Karen Ishikawa
Egal, wie ich mich entscheide, es ist doch nie richtig. Denn etwas bleibt dabei immer auf der Strecke. Kulturoptimisten mögen jetzt einwenden, dass die Männer ja auch mithelfen können bei der Kindererziehung und überhaupt sei das ja eine Entscheidung von zwei Menschen. Letzteres ist sicher richtig. Doch gerade bei der Frage, wer den Erziehungsurlaub nimmt, ist unsere Gesellschaft nicht viel weiter gekommen. Männern, die es gern wollen, werden Steine in den Weg gelegt und die Bezeichnung „Hausmann“ findet bei den wenigsten Mitmenschen ein positives Echo. Die gesellschaftliche Realität sieht so aus, dass der Mann in der Regel den besser bezahlten Job hat und sein Ausscheiden aus dem Beruf undenkbar ist, da die Familie von dem Gehalt der Frau allein nicht leben kann. Denn Frauen verdienen auch im 21. Jh. weniger als Männer, selbst wenn sie die gleiche Arbeit verrichten und da hören die Ungerechtigkeiten noch lange nicht auf. Da eine Frau, warum auch immer, natürlich für die Versorgung der Kinder zuständig ist, stellen Arbeitgeber Mütter nur äußerst ungern ein. Bei Vätern haben sie dieses Problem nicht. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sinken also für eine Frau mit Kind rapide. Wenn man nicht gerade Ursula von der Leyen heißt, ist es auch mit der Kinderbetreuung nicht gerade zum Besten bestellt. Kindergartenplätze gibt es viel zu wenig, Tagesmütter kosten viel Geld und ein intaktes Familiennetzwerk, in dem Oma und Opa auf das Kind aufpassen können, ist heute nicht mehr die Regel. Denn ein Arbeitnehmer muss ja mobil und flexibel sein. Diese Schlagwörter wurden uns in den vergangen Jahren von Wirtschaft und Politik nur so um die Ohren gehauen. Die Folge davon ist nicht selten, dass Oma und Opa Hunderte von Kilometern entfernt leben.
In Art. 3,2 GG heißt es: „Frauen und Männer sind gleichberechtigt.“ Doch die gesellschaftliche Wahrheit ist eine andere. Die wiederbelebte Diskussion und die zahlreichen Publikationen zum Thema zeigen, dass es noch viel zu tun gibt, auch für die Generation nach Alice Schwarzer. Denn kaum haben wir uns an unsere Rechte gewöhnt und eine Frau an der Spitze der Regierung, fordert eine andere ihre Geschlechtsgenossinnen auf, wieder zurück an den Herd zu gehen und ihr Leben der Familie und dem Mann zu widmen. Das scheint mir mehr als paradox, zumal besagte Autorin selbst lieber karrierefördernd am Freitagabend eine Talkshow moderiert anstatt sich pflichtbewusst ihren Kindern und ihrem Mann zu widmen.
Sehen wir den Fakten ins Auge: auch wenn wir jetzt Bundeskanzlerin sind, so finden sich doch erschreckend wenig Frauen in führenden Positionen. Dies gilt sowohl für die Wirtschaft (laut DIW waren es im Jahre 2004 gerade mal 30 % weibliche Führungskräfte und gar nur 22% mit umfassenden Führungsaufgaben), als auch für den akademischen Bereich (so promovieren gerade mal 37,9% aller Studentinnen – Bilanz Chancengleichheit der Bundesregierung 2006).
Bezeichnend ist bei den Führungskräften auch, dass weibliche Führungskräfte in der Wirtschaft bis zu 33 % weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.
Im Fernsehen scheint die Welt in Ordnung. Die Frauen moderieren Nachrichtensendungen zur besten Sendezeit, leiten Diskussionsrunden, dürfen Kommissarin spielen und sogar die geheiligte Sportschau moderieren. Doch wer hinter die Kulissen schaut, sieht deutlich, bei wem die Macht liegt. Die Fäden ziehen nach wie vor die Männer. So gibt es selbst in den Öffentlich-Rechtlichen nur eine einzige Intendantin.
Doch damit nicht genug, dass Frauen nur einen geringen Anteil in den Führungspositionen haben. Sie müssen dann auch noch den Ansprüchen von Weiblichkeit genügen. Eine Frau muss also klug und sexy sein und darf in ihrem Führungsstil auf keinem Fall zu maskulin wirken. Es ist doch erschreckend, dass allen Ernstes im deutschen Fernsehen die Frage thematisiert wird, ob Frau Merkels Frisur dem neuesten Trend entspricht oder warum sie nicht wie Magret Thatcher einst eine Handtasche mit sich herum trägt. Diese wirklich lächerliche Diskussion über das Äußere unserer Regierungschefin zeigt doch nur allzu deutlich, dass sie zu dieser Zeit nicht ernst genommen wurde und wahrscheinlich von manchen Wegbegleitern bis heute nicht ernst genommen wird. So mussten wir nach dem Wahlsieg aus allen Mündern hören: Die kann’s doch nicht.
Egal, wo ich hinschaue. Die Frauen scheinen mir noch lange nicht gleichberechtigt gegenüber den Männern und ich denke, dass es noch lange dauern wird und noch viele Schlachten gefochten werden müssen bis es soweit ist. Es gilt, für unsere Rechte und Chancen einzutreten!
von Stefanie Bruns

Die neue Weiblichkeit
Warum ist uns Frauen Feminismus peinlich?

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1976 wird das erste Frauenhaus eröffnet. Den ersten Notruf für Vergewaltigungsopfer gibt es ´78. ´80 wird das Gesetz zur „Gleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz“ verabschiedet. Vergewaltigung in der Ehe ist seit ´97 strafbar. Am 22. November 2005 wurden wir sogar Kanzlerin.
In den letzten Jahren hat nichts so viele Umwälzungen angeregt wie der Feminismus. Wir sind näher an der Gleichberechtigung denn je. Warum also schämen wir uns unserer Vorkämpferinnen? Sind wir des Kämpfens, welches wir nur aus der Geschichte kennen, leid? Oder haben wir etwa das Gefühl, es gäbe nichts mehr zu tun?
Oder liegt es an unserem patriarchalistisch geprägten Bild von Feministinnen: ungepflegt, frustriert, unmodische, unattraktiv und bierernst?
Wenn wirklich das der Grund unserer peinlichen Berührtheit gegenüber ambitionierten Frauen (das Wort „Frauenrechtlerinnen“ wollte ich in diesem Zusammenhang nicht benutzen, ist es doch sicher ähnlich negativ besetzt) ist, bleiben uns nur zwei Handlungsmöglichkeiten: dem Feminismus den Rücken und zurück in die – dann selbstverschuldete – sozialpolitische Unmündigkeit kehren. Oder uns überlegen, wie wir die veralteten Bilder aufbrechen und verändern können.
Lasst uns überlegen, uns bewusstwerden, handeln. Verbinden, was uns gefällt – Musik, Literatur, Kunst, Lifestyle – und selbstbewusst für unsere Rechte eintreten. Werden wir aktiv, in E-Zines, auf Demos, in der (Hochschul-) Politik, im täglichen Leben. Lasst uns sagen, was wir denken, meckern, wenns uns passt, uns benehmen, wie es sich nicht ziemt. Immer mit dem Recht, weiblich sein zu können.
Ich starte den Aufruf zur neuen Weiblichkeit!
von Julia Stock
Bildnachweis: Karen Ishikawa
Bild: Karen Ishikawa

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