Literatur

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Das Streben nach Wissen – Umfrageergebnisse

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Seit Beginn des Jahres hatten wir hier eine Umfrage zu Euren Lesegewohnheiten online gestellt, die nun beendet wurde.
Ich danke den 14 Frauen und 8 Männern, die sich die Zeit für die Beantwortung der Fragen genommen haben. Aufgrund der im Ganzen doch geringen Teilnahme stellte es sich nun aber als schwierig heraus, die Ergebnisse sinnvoll auszuwerten.
Aus diesem Grund möchte ich Euch wenigstens folgende Beschäftigungstipps für unerwartet langweilige Vorlesungen nennen, die sich aus den Antworten ergaben. Diese stören weder den Vortrag, noch fallen sie sonderlich auf: Rätseln, träumen, schlafen, Briefe schreiben, stricken, chatten, auf andere Vorlesungen vorbereiten, zeichnen, andere Dinge planen, Musik hören, Schiffe versenken spielen oder auch Papierschiffchen basteln.
Damit ihr jedoch nicht andauernd auf diese Tätigkeiten zurückgreifen müsst, wünsche ich Euch viele interessante Vorlesungen/Seminare im kommenden Semester!
von Jenniffer Malenz

Die Leipziger Buchmesse 2010
Hören, sehen, lesen und fühlen

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Foto: Jenniffer Malenz
Dank meiner Tätigkeit in der uniVista-Redaktion, war es mir möglich dieses Jahr – erstmalig – zur Leipziger Buchmesse zu reisen. In der sächsischen Stadt findet jährlich das bekannte Lesefestival Leipzig liest statt, das viele Leute von nah und fern anzieht. Sie besuchen Veranstaltungen in der ganzen Stadt, die sich rundum mit Literatur beschäftigen, und natürlich auch die Buchmesse selbst, auf der ich mich hingegen ausschließlich befand. Viele Eindrücke habe ich dort gewonnen und das ein oder andere aus diesen Tagen gezogen, was ich Euch natürlich nicht vorenthalten möchte.
In einer Welt, in der die Neuen Medien immer angesagter sind, nehmen die Besucherzahlen der Buchmesse nicht etwa ab, wie man daraus hervorgehend vermuten könnte. Nein, im Gegenteil. Wie die regionale Tageszeitung in Leipzig berichtete, steigt die Zahl der Buchinteressierten von Jahr zu Jahr an. Deshalb sei es sinnvoll frühzeitig Fahrt und Unterkunft zu buchen und sich somit ohne Stress auf die 4 Tage des Ausnahmezustands Leipzigs zu freuen.
Außerdem bietet sich die Bahnfahrt schon allein deswegen an, weil man mit der Messeeintrittskarte kostenlos den Nahverkehr in Leipzig und Umgebung (bis nach Halle) am Besuchstag nutzen kann. Auch das Messegelände ist wohl am besten mit der Bahn zu erreichen.
Das Gelände selbst besteht aus mehreren großen Hallen sowie einer gewölbten Haupthalle aus Glas. Das ist sehr schön anzusehen und macht einen ungemein freundlichen und hellen Eindruck. Allerdings wird es dort auch im recht kühlen März extrem warm, was sicherlich auch mit den Scheinwerfern, Kameras und der hohen Besucheranzahl zusammenhängt.
Falls es einem zu warm wird und man zusätzlich zu viel Ballast zu tragen hat, kann man für einen geringen Preis die Garderobe in Anspruch nehmen oder aber ergattert sich bei diversen TV- und Verlagsständen Papptüten, in denen man alles verstauen
kann.
Cosplayer in Action
Foto: Jenniffer Malenz
Die gewölbte Glashalle ist hauptsächlich mit Ständen von TV-Sendern belegt, während die Halle 2 befüllt ist mit Kinderbuchverlagen, der Kinderbuchhandlung sowie Fantasy, Anime usw. Außerdem befindet sich dort die sog. Cosplay-Halle, in der sich jährlich die Cosplayer (Personen, die einem japanischen Verkleidungstrend folgen) zusammenfinden, um dort am Fotowettbewerb teilzunehmen und somit evtl. für das beste Kostüm prämiert zu werden. In Halle 3 befindet sich die Buchhandlung für Erwachsene. Außerdem ist diese hauptsächlich mit Verlagen anderen europäischer Länder gefüllt, was beim Durchqueren dieser äußerst interessant ist, da man von allen Seiten Lesungen und Interviews hört, teilweise mit Übersetzung. In den Hallen 4 und 5 befinden sich wiederum eher deutsche Verlage, die Autoren-Arena der Leipziger Volkszeitung, die Autorenbuchhandlung sowie die Signierstände.
Des Weiteren sind vor und hinter der Messe kleine Wasserflächen, die ebenfalls dazu einladen, sich gemütlich hinzusetzen und zu verschnaufen. Insgesamt also eine wirklich sehr schöne Atmosphäre.
Donnerstag, der 18. März
Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2010
Direkt nach der Ankunft in Leipzig fuhr ich zur Messe, um die diesjährige Verleihung mitzuerleben. Da bis dahin noch etwas Zeit war, entschloss ich mich währenddessen einem Interview von Michael Mittermeier zu lauschen, der sein Buch Achtung Baby vorstellte und Anekdoten daraus erzählte. Ein sympathischer Mensch, der im Anschluss an das Interview noch für all seine Fans, die auf ihn warteten, signierte.
Der Preis der Leipziger Buchmesse wurde bis dahin schon fünfmal vergeben und zeichnet Autoren für ihre Bücher in den Kategorien Sachbuch und Belletristik sowie den Autor einer besonders gelungenen Übersetzung aus, die von der Jury am ersten Tag der Buchmesse veröffentlicht werden. Viele waren für diesen Preis nominiert, einige Autoren schon Wochen zuvor in den Medien vertreten. Und so fieberte man jenem Moment entgegen, in dem die Sieger bekannt gegeben werden würden.
Die Hallen waren ca. zur Hälfte mit Presse gefüllt, die sich gegen 16 Uhr in der großen Glashalle sammelte. Auch ich fand mich dort ein, um nun das folgende Ergebnis zu erfahren:
Der Preis in der Kategorie Belletristik ging an Georg Klein mit seinem Buch Roman unserer Kindheit, zu dem Ihr weitere Informationen innerhalb unserer Rubrik Perlen der Bibo entnehmen könnt. Des Weiteren gewann Ulrich Raulff mit Kreis ohne Meister in der Kategorie Sachbuch. Ulrich Blumenbach erhielt für die Übersetzung des Buches Unendlicher Spaß von David Foster Wallace den Preis in der gleichnamigen Kategorie.
Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich nun zum einen weiß, wie viele Orte ich kostenlos mit der NWB erreichen kann, wie es in Niedersachsen aussieht und wo ich ungestört Zugfahren kann. Zum anderen habe ich meine beiden Mitredakteure besser kennengelernt sowie umgekehrt, was doch immer eine tolle Sache ist und zum Zugfahren einfach dazugehört! Thank you for travelling! .
Jury des Preises der Leipziger Buchmesse 2010
Foto: Jenniffer Malenz
Freitag, der 19. März
Da nun die Gewinner des Leipziger Buchpreises bekannt waren, wurden sie hier und dort natürlich zu Interviews geladen. So auch Georg Klein am Freitagvormittag bei 3sat. Dort beantwortete er bereitwillig einige Fragen bezüglich seines Preises und las noch einige Minuten aus dem Anfang seines Buches vor, was die Menschen um ihn herum ganz aufmerksam werden lies.
Nachdem ich nun etwas mehr Überblick auf dem Gelände hatte, besuchte ich im Anschluss diverse Veranstaltungen.
Aus meinem Programmheft entnahm ich, dass in der „Textbox“ poetische Texte vorgetragen werden. Und so begab ich mich zum Stand in der Glashalle, in der die Sprecher in einer kleinen Box vor einem Mikrofon standen. Allerdings konnte man ihre Stimmen nur hören, wenn man sich einen der davor hängenden Kopfhörer nahm und ihren Worten lauschte, die kritisch und poetisch zugleich waren.
Der Tag endete für mich schließlich mit einer Recherche über die Eulenspiegel Verlagsgruppe, die mir während der Messe auffiel. Die von ihr vorgestellten Bücher greifen häufig Themen der ehemaligen DDR auf. Teilweise auch aus persönlichem Interesse stöberte ich in diesem Sortiment herum und empfehle Euch, euch ebenso die Zeit dafür zu nehmen, nach Büchern zu stöbern und sich darin zu verlieren.
Katy Karrenbauer
Foto: Jenniffer Malenz
Samstag, der 20. März
Ganz verloren fühlte ich mich am Samstagmorgen, als ich schon auf der Fahrt zum Hauptbahnhof kaum in die Züge kam, weil es überall von verkleideter Menschen wimmelte. Der gesamte Hauptbahnhof war gefüllt mit Cosplayern, die ein Gefühl einer anderen Welt vermittelten, und somit natürlich auch die Messe selbst.
Da an diesem Tag jedoch viele Prominente vor Ort waren, lies ich mich von dem Getümmel nicht abschrecken und fuhr auch wieder zur Messe. Günter Grass, der Autor von Die Blechtrommel, signierte Bücher und fand vor sich eine lange Schlange, die bis in die nächste Halle hineinreichte. Jostein Gaarder, der das philosophische Buch Sophies Welt schrieb, sollte ebenfalls zum Signieren kommen, fiel aber leider wegen Krankheit aus. Dies nahm mich wirklich mit, da ich ein begeisterter Fan von diesem Buch bin. Wenigstens weiß ich nun, welchen Geschlechts Jostein Gaarder angehört. Mir war es bislang aufgrund des undeutlichen Namens nicht ganz einleuchtend gewesen, dass er männlich ist.
Weitere Freude bereitete mir Katy Karrenbauer, die zunächst in der LVZ-Autoren-Arena für ein Interview zur Verfügung stand, das sie äußerst sympathisch erscheinen lies, und anschließend zum Signieren bei der Eulenspiegel Verlagsgruppe war. Auch ich konnte glücklicherweise ein Autogramm erhalten. Lustigerweise sollte man erwähnen, dass auf ihrem Tisch ein Stapel mit Autogrammkarten bereitstand, der nach einigen Minuten und dem Kommentar von Karrenbauer „Was? Wie sehe ich denn darauf aus? Das geht nicht mit dem Doppelkinn“ plötzlich nicht mehr bereitlag. Auch Thomas M. Stein war zum Signieren anwesend und schenkte mir für ein Foto ein Grinsen.
Doch damit nicht genug. Paul Maar, Erfinder der Kinderbuchfigur Das Sams, war freudestrahlend und sympathisch am Signiertisch für seine jungen Leser bereit, ihnen mit einem Autogramm und einer kleinen und hübschen Zeichnung das Buch zu signieren. Und wie bereits erwähnt, war auch Michael Mittermeier einer der anwesenden Prominenten.
Nach der Autogrammstunde von Frau Karrenbauer besichtigte ich noch eine sehr interessante Fotoausstellung, die Bilder aus dem Jahr 1989 zeigte. Dies macht deutlich, wie vielseitig die Buchmesse verschiedenst interessierte Leute anspricht. So auch die in Unmengen verkleideten Leute, die leider auch einen großen Haufen Müll in der Cosplay-Halle hinterließen. Ein wohl rundum buntes Treiben, wie man sagt.
Sonntag, der 21. März
Auch der Sonntag war ein sehr gut besuchter Tag, an dem es sich dennoch gelohnt hat auf der Messe anwesend zu sein und die Bücher, die man am Donnerstag oder Freitag besichtigt hat, nun günstiger und direkt an den Verlagsständen zu ergattern.
Diese Gelegenheit habe auch ich genutzt, bis ich dann wieder in Richtung Vechta aufbrach.
Zusammenfassend kann ich für das nächste Jahr nun raten, den Donnerstag dafür zu nutzen, um in Ruhe nach Büchern zu stöbern, da man aufgrund der hohen Presseanzahl genügend Plätze erhält, um in diese hineinzulesen. Des weiteren ist es, aufgrund der allgemein geringeren Besucherzahlen im Vergleich zu Samstag und Sonntag, sehr gut, sich allgemein erst einmal zu orientieren und umzusehen. Auch der Freitag bietet sich im Allgemeinen dafür an, obwohl sich auch gegen Nachmittag die Hallen mehr und mehr mit Besuchern füllen.
Der Samstag hingegen ist extrem voll und eignet sich wohl eher dazu, die Stadt und Umgebung kostenlos zu erkunden. Der Aufenthalt auf der Messe ist dem nur vorzuziehen, wenn man den Cosplayern oder aber Prominenten unbedingt begegnen möchte.
Sonntag, wie bereits erwähnt, stellt die beste Gelegenheit dar, die Bücher, die man haben möchte, kostengünstiger beim Verlag selbst zu erwerben.
Insgesamt bin ich sehr froh, auf der Leipziger Buchmesse gewesen zu sein und lege es jedem von Euch ans Herz, diese Tage im März 2011 zu erleben.
Weitere Fotos und Informationen zur Buchmesse Leipzig findet Ihr im Bilderalbum und auf www.leipziger-buchmesse.de.
von Jenniffer Malenz
Foto: Jenniffer Malenz

Bilderalbum
uniVista No. 15: Leipziger Buchmesse 2010

Das Streben nach Wissen

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Foto: Jenniffer Malenz
Der Raum ist heute viel dunkler als sonst, doch fällt es mir kaum auf, da ich gebückt über meinem Block hänge und verzweifelt überlege, wie ich mir weitere Informationen über die Lesegewohnheiten meiner Mitstudenten aneignen kann. Das ist das Thema, was mich interessiert. Wie um Himmels Willen übersteht man diese Vorlesung ohne sich nicht nebenbei auch auf andere Dinge zu konzentrieren. Natürlich nur zur Überbrückung. Wir wollen ja etwas lernen und das nicht zu wenig.
Und just in diesem Moment bemerke ich, dass der Raum so dunkel ist, weil die Rollläden aus unerfindlichen Gründen unten sind und der Winter langsam aber sicher ins Land gezogen ist. Das Wetter ist grau und kein Mensch kommt auf die Idee das Licht einzuschalten. Vielleicht ist man von diesen ganzen sonnenfreien Stunden so sehr neben sich, dass es keinen mehr stört. Während mein Blick also im Raum umherschweift und ich überlege, ob ich es riskieren soll uns zu erleuchten, nehme ich eine junge Frau wahr, die es schafft in dieser einbrechenden Dämmerung unter ihrem Pult zu lesen. Wahrhaftig und freudig kann ich schon auf den ersten Blick erkennen, dass es sich weder um Luhmann noch um eine sonstige Lektüre der Sozialen Arbeit handelt. Obwohl es hier sicherlich definitionsabhängig ist. Fakt ist, dass sie liest. Sie findet die Zeit, sich mit Wissen voll zu stopfen, egal in welchem Sinne. Und ich erinnere mich an die Sätze, die uns zig Dozenten in der Einführungswoche sagten und die sich in mein Gehirn einbrannten, wie wohl kaum ein anderer Satz. “Studieren heißt Lesen.” oder auch “Eine eigene Meinung kann man sich nur durch Lesen aneignen.” Meine Kommilitonin steckt mittendrin in diesem Versuch eine gute Studentin zu sein, oder eben eine vorzeigbare.
Wie dem auch sei. Meine Frage dreht sich nun darum, was sie liest. Also nehme ich mir vor dies herauszufinden. Was lesen die Studenten? Diese Frage werde ich allerdings nicht in dieser Vorlesung im heute düsteren B1-Saal stellen. Nein, ich befrage im R-Gebäude meine Mitstudenten der Sozialen Arbeit nach ihren Lesegewohnheiten und stelle tatsächlich fest, dass diese ebenso bestrebt sind sich ihr Wissen lieber anzulesen. Angeblich lesen sie neben ihren privaten Wälzern tatsächlich Literatur, die sie durchs Studium bringen soll. Ohne Zwang, sondern rein aus Interesse. Kann das stimmen?
So lasse ich meinen Blick weiter schweifen und entdecke hier und dort den ein oder anderen mit seiner Lektüre. So lügt man mit Statistik bis hin zu diversen Romanen. Von Diekmann bis Rowling. Ich entdecke sogar das Vörlesbook för Wiehnachten von Heinrich Höpken in den Händen eines Kommilitonen. Alle streben sie nach Wissen. Oder wenigstens ein Teil davon.
Jedenfalls beschließe ich dem nachzugehen, obwohl die Antwort doch auf der Hand liegt. Es ist nicht von Nachteil sich zu belesen. Das weiß jeder. Doch wählen wir dabei das Richtige? Und was ist schon richtig? Was falsch? Reicht es nicht, überhaupt zu lesen? Hilft das allein nicht schon dabei, sich beispielsweise besser ausdrücken zu können?
Doch was lesen meine Mitstudenten? Was bewegt sie? Was interessiert sie? Was hilft ihnen weiter? Was bringt ihnen wiederum nichts? Und wann finden sie überhaupt die Zeit dafür? Diesbezüglich habe ich schon einiges herausfinden können. So bevorzugen die Zugfahrer unter uns das Lesen während der Fahrt, was durchaus naheliegend scheint. Andere wiederum entdecke ich lesend während der Vorlesungen bzw. des Seminars. Und so sitzen sie zusammengekauert und wissbegierig über ihren Büchern und tauchen ein in ihre, von ihnen ausgewählte, verschriftlichte Welt, ohne auch nur ein Wort vom Dozenten wahrzunehmen, der ihnen möglicherweise gerade in diesem Moment erzählt, wie wichtig das Lesen für ihre weitere Entwicklung und welches Buch dafür besonders geeignet sei. Doch wir stecken schon mittendrin. Noch bevor diese Sätze fielen, wie mir scheint, waren wir bestrebt zu lesen. Liegt es an den Worten der Lehrenden oder an uns selbst?
Ein Blick in die Bibliothek spricht ebenso Bände. Hier wird gesucht, gelesen, recherchiert und kopiert, als hinge ihr Leben davon ab. Ist es wahr? Macht nur das Lesen Euch groß und gebildet? Eröffnet es Euch abkürzende Wege zum angestrebten Ziel?
Um diese Fragen zu klären und mehr über Eure Lese- und Bildungsgewohnheiten herauszufinden, haben wir für Euch eine Umfrage vorbereitet, dessen Auswertung Ihr in der uniVista No. 15 lesen könnt. Anregungen und Wünsche hierzu nehmen wir gerne entgegen und versuchen es in unsere weitere Planung zu integrieren. Auch sonstige Rückmeldungen sind gerne gesehen.
Außerdem sei angemerkt, dass Ihr vom 18 bis 21. März 2010 die Möglichkeit habt, auf der Leipziger Buchmesse nach weiteren wissenswerten Büchern Ausschau zu halten.
Ich wünsche Euch viel Erfolg!
von Jenniffer Malenz

Ironie und Skurrilität – Wladimir Kaminer in Vechta

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“Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.”
Diesen Satz kann ich dem Kultautoren Wladimir Kaminer nur zu gut glauben, wenn jemand ein so abenteuerliches Leben wie das seinige bestreiten müsste.
Er schafft es mit Hilfe seiner Sprachgewandtheit aus der alltäglichsten Situation eine Ode an das Leben zu entwerfen. So empfinde ich den von ihm geprägten Begriff der „Alltagsbewältigungsprosa“ als sehr passend, falls das Bedürfnis besteht, ihn irgendwo einordnen zu müssen.
Seine Bücher bestehen hauptsächlich aus Kurzprosa und Essays, die in den verschiedensten Längen aneinandergereiht werden und so ein Werk komplettieren.
Kaminer betont immer wieder, dass in seinen Büchern weder die Charaktere noch die Erzählungen fiktiv sind. Das Dazuerfinden bezeichnet er als eine „kopflästige Angelegenheit“. Aus diesem Grund erhalten wir authentische Einblicke in das Leben des Literaten, vornehmlich aus seiner Zeit in Berlin, und der Menschen in seiner Umgebung.
Im Mai beehrte Wladimir Kaminer die Universität Vechta, um aus seinen Büchern vorzulesen.
Hier überraschte er mit seiner starken Publikumsbezogenheit. So zog er das Stehen bei der Menge dem Wasserglas und Mikro auf der Bühne vor.
Einen festen Ablaufplan hatte die Lesung nicht. Er selbst war überrascht, dass er aufgrund seines Debütbuches Russendisko geladen worden war, da dieses bereits 2000 erschien und er seitdem fast jährlich ein neues Buch veröffentlichte. Lieber fragte er sein Publikum, was dieses gerne hören würde oder ob es Fragen zu seinen Werken hätte. Durch allerlei Anekdoten über sein momentanes Lieblingsthema „Familie“ gewann er sofort das Publikum für sich. Mit seiner lockeren Art flocht er Hintergrundinformationen zwischen die Texte ein, die aufgeschrieben ein neues weiteres Werk ergeben könnten. Diese Unbekümmertheit, die er ausstrahlte, und sein noch deutlich vernehmbarer Akzent unterstrichen einmal mehr seine Authentizität.
Auf Happy Ends innerhalb der Geschichten wird kein Wert gelegt, da Kaminer selbst sie nur als Zwischenstationen des Lebens ansieht.
Er sagt über seine eigene Person, dass er im Gegensatz zu vielen Popliteraten von heute nicht durch eine Wohlstandskindheit verdorben worden sei.
kaminer13
Foto: Pia Sabine Klein
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er machte eine Ausbildung zum Toningenieur, absolvierte anschließend ein Dramaturgiestudium am Moskauer Theaterinstitut. 1990 bekam er durch seine jüdischen Wurzeln die Möglichkeit in die DDR einzureisen. Spontan entschied er sich, diese wahrzunehmen. Die Fahrkarte kostete nur 96 Rubel und für Ostberlin benötigte er nicht einmal ein Visum. Das größte Problem bestand darin, dass Kaminer bei seiner Ankunft kein einziges Wort deutsch sprechen konnte, sodass er sich die Sprache innerhalb kürzester Zeit selbst aneignete.
Nach einigen Umwegen, bei denen er unter anderem Limonade verkaufte oder als Filmstatist mitspielte, ist er nun wirklich in Berlin angekommen und lebt dort mit seinen zwei Kindern und seiner Frau Olga, deren Werke auch sehr gut zum Verschlingen geeignet sind.
Auch wenn seine Texte zumeist durch Ironie und Skurrilität große Belustigung erzeugen mögen, sollte er nicht als witziger Geschichtenerzähler gesehen werden. Kaminer ist ein proletarisch erzogener Autor, der versucht, sozial benachteiligte Menschen in die Bewusstseins-perspektive des Lesers zu bringen. Seine Kritik geschieht jedoch nie auf bissige Art und Weise.
Mit einem scheinbar kindlich naiven Blick beobachtet er den Alltagswahnsinn und die Lebenslügen um ihn herum.
Die Absurdität wurde vor allem bewusst, als er von seinem Künstlerfreund Sergej berichtete, dessen Plastik als Entwurf für das Holocaust-Mahnmal gedacht war und welche Kaminer einige Zeit später auf einem Berliner Abenteuerspielplatz wiederfand. „Das muschelförmige Werk sollte den Schmerz der Menschheit symbolisieren, einen aus Beton gegossenen Schrei.“ Aber auch „als Schnecke auf dem Spielplatz sah sie herrlich aus.“ (Russendisko, 2000) Er empört sich nicht, sondern stellt nur fest. Der Leser darf selbst entscheiden, ob er lachen oder verstehen möchte.
von Franziska Kliefoth

“A man’s gotta read, what a man’s gotta read!”

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Und genau das Gegenteil habe ich für diesen Artikel getan.
Wie ist es als Mann ein Frauenbuch zu lesen?
Diese Frage war das Leitmotiv für eine kleine Expedition in das ureigenste Territorium der holden Weiblichkeit. Eine hochhackige Safari zum Zentrum der femininen Gedankenwelt. Eine Cosmopolitan schlürfende Reise zum heiligen Gral der Emanzipation.
Kurz: Ich las ein Buch über eine Londoner Yuppi-Mittdreißigerin, die denkt, ihr Hintern sei zu dick.
Nachdem ich die Bis(s)-zum-Morgengrauen-Trilogie von Stefanie Meyer gelesen hatte, dachte ich (naiv wie ich war), mir in Sachen weiblicher Literatur schon eine gewisse Erfahrung und Schmerzfreiheit angeeignet zu haben. Dass ich den emotionalen Overkill, den Meyer nach fast jedem Absatz über mich ergossen hatte, locker überstand, stimmte mich optimistisch, dass auch die kommende Aufgabe für mich ein Klacks wäre.
Also lieh ich mir von einer Freundin ein Buch, was nun wirklich die Bezeichnung Frauenliteratur verdiente
Arabella Weir: „Ist mein Hintern wirklich zu dick? – Tagebuch einer empfindsamen Frau“
Was habe ich mich durch die läppischen 237 Seiten durchgequält!
Schon nach den ersten Seiten erwischte mich dieser literarische Östrogenvorschlaghammer frontal im Gesicht. Nach den ersten 30 Seiten geht Jacqueline M. Pane en détail auf ihre Periode ein, schildert ihre Bindenstärke und erläutert jede Kleinigkeit ihrer prämenstruellen Störungen, welche im Buch später wegen häufiger Verwendung(!) als PMS abgekürzt werden.
Aber über allem steht natürlich die titelspendende Frage nach den allesentscheidenden Dimensionen des werten Gesäßes.
„Hilfe, mir passt mein Rock in 38 nicht mehr, ich müsste jetzt eigentlich 40 tragen – deshalb kaufe ich einen neuen in 36 um mich reinzuhungern!“
manread12
Männer und Frauenlektüre: eine gute Kombi?
© khv24 / PIXELIO
Die paranoiden Gedankenschnipsel der Protagonistin gehen später so weit, dass sie sich Taktiken ausdenkt, um beim Sex nicht zu unvorteilhaft auszusehen, was natürlich in allen Einzelheiten ausgekocht werden muss – Sex sells.
„Wenn ich mich entscheiden müsste: Ich würde eher meinen Po, als meine Muschi bedecken!“
Eine richtige Geschichte wird übrigens nicht erzählt (man möge mich korrigieren, ich habe jedenfalls weder Spannungsbogen noch Ziel ausmachen können).
Vielmehr soll das Buch auf „lustige Weise“ einen Einblick in ein Jahr der Protagonistin liefern.
Da geht es um die wahren Probleme der modernen Frau:
Wie man PNLs (Abk. potenzielle neue Liebhaber) gewinnt und Cellulitis sowie Körpergewicht los wird oder warum die Freundin des Nachbarn beim Sex zu laut ist und die „Makrobio-Fastenkur“ nicht anschlägt.
„Die Blackouts, die ich bei meiner Arbeit wegen des Hungerns bekomme, zeigen mir, dass ich abnehme.“
Als Füllmaterial zwischen den neurotischen 1.-Weltproblemen wird eine halbgare Beziehung zu ANA (Abk. Attraktiver neuer Andy) gereicht, die sich endlos hinschleppt und erst auf den letzten paar Seiten plötzlich zum Happy End gehetzt wird.
Fazit: Obwohl ich im gleichem Maße zu der Zielgruppe gehöre wie meine Omi auf ein Slipknotkonzert, hatte ich zum Teil, das sei zugegeben, schon ein Schmunzeln auf den Lippen. Lichte Momente, in denen ich den grundweiblichen Humor verstand, waren zwar selten, aber um so interessanter.
Die wirren Gedankenströme um alle möglichen Ecken, die ständige Panik, wie frau bei andern ankommt und das niedliche Hin-und-her-Gezicke wegen Frisur, Kleiderkombinationen und gut aussehenden Männern, hatten manchmal schon einen unerklärlichen Reiz, dem selbst ich mich nicht entziehen konnte.
Am Ende bleibt jedoch ein ungutes Gefühl zurück, ein nagendes Unwohlsein, welches die Freude überschattet, diese Aufgabe hinter sich gebracht zu haben…
Ich geh mir die Füße lackieren.
von Thomas Hülsmann

Poetry Slam

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poetry11
Klapprige Knie kurz vor dem Auftritt
gehören dazu beim Poetry Slam im Gulfhaus.
© Pegas / PIXELIO
Showtime! Ein Haufen begabter Amateurschreiberlinge tritt gegeneinander an, um mit selbst geschriebenen Texten vor applaudierender Menge zu punkten.
Um zu vermeiden, dass ein rasender Puls einen völlig um den Verstand bringt, ist es immer ratsam, mit dem Rotwein schon am Nachmittag zu beginnen. Ich stehe daher an einem tristen Novembertag, dem Vierten, um genau zu sein, auf dem Balkon und versuche meine Aufregung zu lindern. Meine Aufregung vor einer zu großen Bühne, vor zu vielen unbekannten Gesichtern und der grausamen Vorstellung, schlicht und einfach zu versagen.
Eine selbst erdachte Geschichte vor anderen zum Besten gegeben, das habe ich schon des Öfteren getan, doch was wusste ich schon von einem Poetry Slam? Das Prinzip hatte ich zwar verstanden, jedoch noch nie einen miterlebt. Immerhin stand ich ja nur auf der Teilnehmerliste, weil Uniparty-Nächte zuvor meine betrunkene, schlechtere Hälfte in Anwesenheit des Vechtaer Poetry Slam Masters zu viel Zuversicht, Mut und Phrasen wie „klar, mach ich da mit“, „kein Ding“ oder „…war schon immer mein Traum da mitzumachen“ rausposaunte.
Nun tickte also die Uhr, um 18 Uhr noch eine Vorlesung und direkt danach zum Gulfhaus, dem Ort des Geschehens. Aus einem Glas Wein waren inzwischen vier geworden, doch meine Zuversicht stieg mit jedem Schluck. Von der Vorlesung bekam ich im Endeffekt so gut wie nichts mit, ich verließ sie auch so schnell wie möglich und ging sehr zeitig meinem ungewissen Schicksal entgegen. Mit einem ausgedruckten Zettel, worauf mein Text geschrieben stand, den ich zum Besten geben würde, zitterte ich mich schließlich zum Gulfhaus.
Dort angekommen, befand ich nach so viel Rotwein meinen Puls für zu niedrig, meine Aufregung jedoch noch immer für zu hoch, und ging zu Becks über. Wohlbehütet aufgenommen in der Slammerrunde ließ der Startgong nicht lange auf sich warten. Als Neunter sollte ich an die Reihe kommen. Viel Zeit, um sich vorher kranke Geschehnisse, die mir auf der Bühne widerfahren könnten, auszumalen: Ohnmachtsanfälle oder Übelkeitssymptome zu Lasten des Publikums
Schon der erste Slammer ließ mich mit seiner Souveränität blass werden. Auch folgende Texte zeugten von Witz und Anspruch. Selbsteinschätzung liegt mir fern, weshalb die Ungewissheit, wie ich ankommen würde, stieg. Als es dann schließlich so weit war, wankte ich auf die Bühne, geleitet von Adern, prall gefüllt mit Alkohol.
Nach nur sechs Minuten war alles geschafft. Und dann soviel Aufregung? Ich muss verrückt gewesen sein. Angst wich nun dem Stolz und wie sich der Stein von meinem Herzen löste, schoss mir auch der restliche zuvor erstarrte Alkohol zu Kopf. Ich war noch nie in meinem Leben so schlagartig besoffen. Im Endeffekt hatte ich mit meinem Text, so wie ich denke und mir auch habe berichten lassen, die Menschen erfreut, zum Lachen gebracht, angeekelt oder angeödet. Alles Dinge, mit denen ich leben kann. Alles Dinge, die ich nur weiterempfehlen kann! Ein Platz irgendwo im Mittelfeld. Was will man mehr? Das nächste Mal, wenn es ein nächstes Mal geben wird, werde ich jedoch nüchtern sein.
von Tobias Kunz

Vampire, Drachen und Magie

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Tintenherz, Eragon, Bis(s) zum Morgengrauen – Fantasy-Geschichten stehen z.Z. ganz oben in den Bestsellerlisten. Und nicht nur dort: Fanseiten im Internet widmen sich einzelnen Romanen bzw. Filmen, Foren und Blogs beschäftigen sich mit dem gesamten Genre. Fantasy-Fans wurden nicht nur als Leser, sondern auch als Merchandising begeisterte Konsumenten entdeckt: Wer es mit einem Roman wie Tintenherz ernst meint, bekommt vom Brettspiel, einer Tintenherz-Schreibfeder, bis hin zum Taschenbuch, in dem die für den Film verkürzte Geschichte wiedergegeben wird, mehr, als er wollen könnte: Man kann von einem regelrechten Fantasy-Boom sprechen.
Begonnen hat es Anfang der 2000er Jahre mit dem Medienrummel um Harry Potter. Dem 1995 vollendeten ersten Teil der Heptalogie, Harry Potter und der Stein der Weisen, wurde zunächst kein großes Erfolgspotential unterstellt. Er erschien in einer Auflage von lediglich 500 Exemplaren (nein, ich habe keine Null vergessen) bei Bloomsbury Publishing, einem englischen Verlagshaus. Später nahm sich der Hamburger Carlsen Verlag der Romanreihe an. Rowlings Erfolg begann 1999 mit dem dritten Teil, Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Mittlerweile ist die 43jährige Rowling die kommerziell erfolgreichste Schriftstellerin der Welt, die Finanz-Zeitschrift Forbes schätzt ihr Vermögen auf eine Milliarde US-Dollar.
Der Erfolg von Rowlings Romanen sorgte nicht nur für dreiste Plagiate wie Harry Potter and Leopard-Walk-Up-to-Dragon oder Harry Potter in Calcutta. Es kamen zahlreiche Romanreihen für Kinder- und Jugendliche heraus, die gerne mit den Geschichten um Rowlings Nachwuchs-Zauberer verglichen werden, sich zum Teil aber deutlich von ihnen unterscheiden. So zum Beispiel Artemis Fowl von Eoin Colfer.
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© Marco Barnebeck / PIXELIO
Insgesamt wurden mehr Leser für das Genre gewonnen, was dazu führte, dass mittlerweile mehr Fantasy-Romane verlegt werden. Viele von ihnen sind gut geschrieben, spannend, angenehm zu lesen und kommen ohne peinliche Parallelen zu den Geschichten um den Zauber-Schüler aus.
Ein anderer Grund für den Fantasy-Boom ist der Erfolg der dreiteiligen Herr-der-Ringe-Verfilmung, die zwischen 2001 und 2003 in den Kinos zu sehen war. Hier gelang es Regisseur Peter Jackson (von ihm übrigens auch die Splatterfilm-Parodie Braindead stammt, in der der Protagonist mit einem Rasenmäher das wohl größte Zombie-Massaker der Filmgeschichte anrichtet), den bis dahin als nicht verfilmbar geltenden Fantasy-Klassiker auf die Leinwand zu bringen. Er schaffte es nicht nur, die argwöhnischen Herr-der-Ringe-Fans zu überzeugen (es gibt Websites, auf denen man bis ins letzte Detail nachvollziehen kann, wo der Film von der Romanvorlage abweicht), sondern machte das über 1300 Seiten starke Werk auch für neue Leser interessant.
Viele der Fantasy-Romane, die in den letzten Jahren erschienen sind, haben gemeinsam, dass sie alte literarische Motive aufgreifen, und diese mit Themen verbinden, die für Jugendbücher typisch sind. So begegnet man immer wieder Drachen, Vampiren und Zauberern. Figuren, die schon vor Jahrhunderten in Märchen, Mythen oder Heldenepen ihren Platz hatten. Handlungsmotive sind hingegen oft Freundschaft, Liebe oder das Erwachsen werden. So zum Beispiel in den Bis(s)-Romanen von Stephenie Meyer. Hier geht es um die erste Liebe der High-School-Schülerin Bella. Ziel ihrer Schwärmereien ist ihr geheimnisvoller Mitschüler Edward – ein Vampir.
In der Tinten-Trilogie steht mit Meggie eine sehr junge Protagonistin im Vordergrund. Im zweiten und dritten Teil der Romanreihe müssen sie und ihre Gefährten sich in einer mittelalterlich anmutenden Parallelwelt gegen bösartige Herrscher behaupten, auch das ist typisch Fantasy.
Jene archaischen fiktiven Welten, die zum Teil recht einfach aufgebaut sind, sind es auch, die der Fantasy den Vorwurf der Realitätsferne – manche reden sogar von Wirklichkeitsflucht oder Eskapismus – eingebracht haben. Klar, wo (wie zum Beispiel in Eragon) auf Drachen reitend gegen machtgierige Könige gekämpft wird, bleibt kein Platz für die Schwierigkeiten des Alltags. Und der – zugegeben seltsam glatt geföhnt wirkende – Vampir Edward Cullen lässt nicht gerade Rückschlüsse auf den Alltag amerikanischer Teenager zu.
Aber so etwas wird wohl kaum ein Fantasy-Autor ernsthaft versuchen. Hier geht es darum, den Leser für einige Stunden in eine fremde Welt zu entführen. Und das ist doch auch okay, oder?
von Stefan Hirsch

Blut, Horror und ein berühmter Vater

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Damals, als im Winter noch richtig Schnee lag, unter jedem Bett ein Nachttopf stand, vierzig noch nicht das neue Dreißig und sowieso alles besser war, war es völlig normal, wenn jemand den selben Job hatte wie sein Vater. Heute gilt das als einfältig und einfallslos, mitunter sogar als fiese Vorteilsnahme. Wahrscheinlich hat Joe Hill, der eigentlich Joseph Hillstrom King heißt, deswegen niemandem erzählt, dass bereits sein Vater Horror-Romane schreibt.
Ja, richtig, Joe Hill ist der Sohn von Mister Horror-Roman persönlich, sein Vater ist Stephen King. Der 35-jährige hat diesen Umstand verschwiegen, er wollte „nicht auf dem Ticket des Vaters“ reisen, wollte verhindern, dass sich Verleger nur wegen seines Nachnamens für ihn interessieren. Nach dem Erscheinen seines Debüt-Romans Blind – der im Original nach dem Nirvana-Song Heart-Shaped Box benannt wurde, den MTV spielte, als sich Kurt Cobain 1994 in den Kopf schoss – deckte die Zeitschrift Varietes auf, wessen Sohn Hill ist. Keine detektivische Meisterleistung, mit seinem buschigen Bart und dem befremdeten Blick sieht Hill fast genauso aus, wie sein Vater in seinem Alter.
Bildnachweis: wikimedia commons
Nein, das ist nicht Stephen
King. Es ist Joe Hill.
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Der Roman handelt von dem in die Jahre gekommenen Rockstar Judas Croyne, der mit seiner Freundin Georgia und seinen nach AC/DC-Migliedern benannten Hunden Angus und Bon gelangweilt in den Tag hinein lebt und seine Millionen verprasst. Als der Sammler makaberer Artefakte – er nennt unter anderem ein Kochbuch für Kannibalen, ein Snuff-Video und einen gebrauchten Henkers-Strick sein eigen – von einer Online-Auktion erfährt, in der ein Anzug angeboten wird, an den der Geist eines kürzlich Verstorbenen gebunden sein soll, greift er kurzerhand zu, und ersteigert ihn zum Sofort-Kaufen-Preis von 1000,-$. Anders als von Croyne angenommen ist die Auktion jedoch nicht bloß ein Scherz, der Geist ist echt und will Rache für seine Stieftochter, die wegen Croyne Selbstmord begangen hat. Ein blutiger Horrortrip beginnt, bei dem der alte Rocker sich seiner Vergangenheit stellen muss.
Blind ist ein solider, gut gemachter Horror-Roman. Er kommt schnell in Fahrt, ist temporeich und spannend, reißt den Leser mit. Stellenweise wirkt er aber splatterhaft und trieft vor Blut.
Den Texten von Stephen King ist er stilistisch nicht unähnlich, Joe Hill erzählt genauso gnadenlos, allerdings knapper, verzichtet auf das Beschreiben jedes noch so winzigen Details, das für seinen Vater so typisch ist, von manchen Nein, das ist nicht Stephen King. Es ist Joe Hill. Lesern aber als lästig empfunden wird. Und selbstverständlich spielt die Geschichte nicht in dem nordöstlichen US-Bundesstaat Maine, wo nahezu alle Stephen-King-Romane angesiedelt sind.Sein, von dem 1915 hingerichteten Gewerkschaftsaktivisten und Liedermacher Joel Emmanuel Hägglund ausgeliehenes, Pseudonym hat sich Hill bereits vor über zehn Jahren zugelegt. Vor seinem Erfolg mit Blind hat er bereits vier Romane geschrieben, die aber niemand verlegen wollte. Hill sagt selber, dass er damals erst lernen musste, wie man eine Geschichte so aufbaut, dass sie von Beginn an interessant ist. Lediglich die Kurzgeschichten- Anthologie 20th Century Ghosts wurde 2005 veröffentlicht, und mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet, sie ist 2007 mit dem Titel Black Box in Deutschland erschienen. Blind ist sehr erfolgreich, dass Buch ist in 20 Ländern erhältlich, die Firma Warner Bros. hat sich bereits die Filmrechte an dem Stoff gesichert.
Auch Hills jüngerer Bruder Owen ist Schriftsteller. Er schreibt aber keine Horror- Romane, sondern wendet sich mit politischen Texten aktuellen Problemen zu.
Das Verhältnis zu seinem Vater bezeichnet Hill als großartig, auch die Widmung des Romans lautet „für meinen Vater, er ist einer von den Guten“. Die in Interviews immer wieder auftauchenden Fragen nach seiner prominenten Familie, seiner Kindheit mit dem Horror-Genie, Ex-Alkoholiker und Ex-Kokser Stephen King und dem Umgang mit dem Erfolgsdruck, dem er als Sohn eines Autors, der in seinem Genre alles erreicht hat, ausgesetzt ist, beantwortet der meist als schüchtern aber sympathisch beschriebene Horror- Schriftsteller geduldig.
Im Internet wird Hill als Bereicherung, ja sogar als die Zukunft des Horror-Genres bejubelt und hat, obwohl bis vor kurzem noch relativ unbekannt, einen festen Kreis von Fans. Er selber sieht in seinem Roman kein Meisterwerk, aber einen, wie er sagt, guten Trip.
Eine faire Selbsteinschätzung eines interessanten Nachwuchsautors, von dem man gerne noch mehr lesen möchte.
Offizielle Homepage: www.joehillfiction.com
von Stefan Hirsch

Mord als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen…
Über den schwedischen Schriftsteller und Theaterregisseur Henning Mankell

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Der 1948 in Härjedalen geborene Schriftsteller und Theaterregisseur Henning Mankell ist der erfolgreichste und meistgelesene schwedische Autor der Gegenwart. Allein in Deutschland liegt seine Gesamtauflage bei über 11 Mio. verkauften Büchern, mehr hat bisher nur Harry Potter geschafft. Hier ist Mankell vor allem wegen seiner Kriminalromane um den Kommissar Kurt Wallander bekannt.
Wallander, ein nachdenklicher und schwermütiger Polizist, der so gar nicht dem Typ des aus der Hüfte schießenden Großstadt- Sheriffs entspricht, deckt bei seinen Mordermittlungen in dem schwedischen Nest Ystad (mit ca. 17000 Einwohnern deutlich kleiner als Vechta) immer auch soziale Tragödien und gesellschaftliche Missstände auf, die oft Folge von Rechtsradikalismus oder Einsparungen in Rechtssystem und sozialem Netz sind. Mankell, (dessen Name übrigens auf der zweiten Silbe betont wird) will dadurch zum Nachdenken anregen, Gesellschaftskritik üben, oder wie er selbst in einem Interview formulierte: „…den Spiegel des Verbrechens nutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu beleuchten…“.
Bildnachweis: Ulla Montan / henningmankell.se
Foto: Ulla Montan / henningmankell.se
Dies gelingt dem 59jährigen Schriftsteller, ohne lehrerhaft oder aufdringlich zu wirken. Ganz im Gegenteil: Es macht Spaß, seine Romane zu lesen, sie sind spannend, Wallander wirkt so realistisch, als könnte man ihm in seiner kleinen Stadt tatsächlich begegnen. Die 9-bändige Kurt-Wallander-Reihe, die auch verfilmt wurde, sieht Mankell mittlerweile als beendet an. In seinen neueren Romanen ist Wallanders Tochter Linda die Hauptfigur. Unter seinen weiteren Werken finden sich nicht nur Krimis, sondern auch Kinder- und Jugendbücher, die zum Teil prämiert wurden. Der Junge der im Schnee schlief erhielt er 1996 den Astrid- Lindgren-Preis.
Viele von Mankells Geschichten sind in Afrika angesiedelt. Der Chronist der Winde handelt vom Leben afrikanischer Straßenkinder, Kennedys Hirn vom Umgang mit afrikanischen Aids-Kranken. Afrika bereist Mankell seit 1972 regelmäßig. Inzwischen verbringt er hier die meiste Zeit des Jahres, in Schweden hält er sich nur während der Sommermonate auf. In Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, leitet er das Teatro Avenida, das einzige professionelle Theater des Landes. Die Theatergruppe, an deren Aufbau er seit 1985 beteiligt ist, spielt vorwiegend afrikanische Stücke, um die kulturelle Identität des Landes zu stärken. Zudem engagiert er sich in der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.
von Stefan Hirsch

Eines Tages las ich ein Buch…
Über den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk

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Letztes Jahr wurde mit Orhan Pamuk zum ersten Mal einem Autor aus der Türkei der Literaturnobelpreis verliehen. Der in Istanbul lebende 54-jährige gilt als der bedeutendste türkische Schriftsteller der Gegenwart. Sein Werk wurde in 35 Sprachen übersetzt und ist in über 100 Ländern erhältlich. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er aufgrund seiner schriftstellerischen Tätikeit erhalten hat, zählen unter anderem der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, der Ricarda-Huch-Preis und der International IMPAC Dublin Literary Award, außerdem hat er einen Ehrendoktortitel der Freien Universität Berlin.
Pamuk stammt aus einer wohlhabenden, sowohl politisch als auch kulturell westlich orientierten Großfamilie. Die Entscheidung, Schriftsteller zu werden, fällte er als 23-jähriger. Zunächst schrieb er sich für ein Architektur-Studium ein, das er aber kurze Zeit später abbrach, um Journalismus zu studieren. 1977 schloss er das Studium erfolgreich ab. Die folgenden Jahre widmete sich Pamuk ausschließlich dem Schreiben, darüber hinaus war er nicht berufstätig. Nach eigenen Angaben war er bis zu seinem 32. Lebensjahr auf die finanzielle Unterstützung seiner Eltern angewiesen. 1982 veröffentlichte er seinen ersten Roman Cevdet Bey ve Ogullan (dt. Herr Cevdet und seine Söhne).
Neben der literarischen Qualität seiner Romane wird Pamuk sein politisches Engagement zugute gehalten, vielen gilt er als „Brückenbauer zwischen Orient und Okzident“. Er spricht sich bei zahlreichen Gelegenheiten deutlich für einen EU-Beitritt der Türkei aus, kritisiert aber auch offen die noch immer unterdrückende Kurdenpolitik der türkischen Regierung, und setzt sich – unter anderem – für politisch verfolgte Schriftsteller ein. Durch seine klaren Stellungnahmen hat er schon oft Schwiekeiten bekommen. So wurde ein Strafverfahren gegen ihn wegen Verunglimpfung des Türkentums eröffnet, (eine Straftat, die mit bis zu 5 Jahre Haft geahndet wird), nachdem er sich in einem Fernseh-Interview über den Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich, dem Vorgängerstaat der Türkei, in den 1910er-Jahren äußerte. Das Verfahren wurde zwar nach zwei Monaten wieder eingestellt, die Boulevardpresse überzog ihn allerdings mit einer Negativkampagne und er wurde sogar mit Morddrohungen konfrontiert.
Nach Pamuks eigenen Angaben ist lediglich sein Roman Schnee ein politisches Werk. Die Geschichte spielt in den 90er Jahren in der Grenzstadt Kars, die in einem Schneesturm von der Außenwelt abgeschnitten wird, und thematisiert unter anderem den Islamismus und Nationalismus. Doch auch Pamuks andere Bücher setzen sich mit Politik und gesellschaftlichen Fragen auseinander. Sein 1994 erschienener Roman Das neue Leben handelt von dem 22-jährigen Studenten Osman, der aus Interesse an seiner Komillitonin Canan ein geheimnisvolles Buch liest, und dadurch völlig aus der Bahn geworfen wird. Er fühlt sich in seiner bisherigen Existenz nicht mehr wohl, hat das Gefühl, nicht mehr Teil seines bisherigen Lebens zu sein und macht sich auf eine lange und scheinbar ziellose Reise. Osman begegnet dem Tod und der Liebe, gerät in Situationen, die wie bizarre Alpträume wirken und sucht nach dem neuen Leben, das das Buch für ihn bestimmt hat. Dabei wird der Konflikt der türkischen Gesellschaft beschrieben, die zwischen ihrer orientalischen Tradition und den politischen und wirtschaftlichen Einflüssen der westlichen Welt hin- und hergerissen ist. Man erfährt davon, wie sich die Betroffenen fühlen und sich um einen Verlust ihrer kulturellen Identität sorgen. Das Thema ist auch für Leute verständlich, die sich nicht mit der Türkei auskennen, wer aber über das damalige politische Geschehen informiert ist, wird sicher zahlreiche Anspielungen entdecken. Der ca. 300-seitige Roman verbindet orientalische Erzählkunst mit moderner Literatur und nimmt Anleihen bei klassischen europäischen Autoren wie Heinrich von Ofterdingen und Dante Alighieri. Er ist vielschichtig und komplex aufgebaut, so dass er sich dem Leser nicht immer auf Anhieb erschließt. Die aufwendige, bildhafte Sprache des oft etwas verwirrt erscheinenden Ich-Erzählers ist reizvoll und beeindruckend. Das Buch, das als Pamuks wichtigstes Werk gilt, will aber mit wachen Augen gelesen werden und ist nicht unbedingt als Entspannungslektüre geeignet.
von Stefan Hirsch

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