Damals, als im Winter noch richtig Schnee lag, unter jedem Bett ein Nachttopf stand, vierzig noch nicht das neue Dreißig und sowieso alles besser war, war es völlig normal, wenn jemand den selben Job hatte wie sein Vater. Heute gilt das als einfältig und einfallslos, mitunter sogar als fiese Vorteilsnahme. Wahrscheinlich hat Joe Hill, der eigentlich Joseph Hillstrom King heißt, deswegen niemandem erzählt, dass bereits sein Vater Horror-Romane schreibt.
Ja, richtig, Joe Hill ist der Sohn von Mister Horror-Roman persönlich, sein Vater ist Stephen King. Der 35-jährige hat diesen Umstand verschwiegen, er wollte „nicht auf dem Ticket des Vaters“ reisen, wollte verhindern, dass sich Verleger nur wegen seines Nachnamens für ihn interessieren. Nach dem Erscheinen seines Debüt-Romans Blind – der im Original nach dem Nirvana-Song Heart-Shaped Box benannt wurde, den MTV spielte, als sich Kurt Cobain 1994 in den Kopf schoss – deckte die Zeitschrift Varietes auf, wessen Sohn Hill ist. Keine detektivische Meisterleistung, mit seinem buschigen Bart und dem befremdeten Blick sieht Hill fast genauso aus, wie sein Vater in seinem Alter.
Nein, das ist nicht Stephen
King. Es ist Joe Hill.
Der Roman handelt von dem in die Jahre gekommenen Rockstar Judas Croyne, der mit seiner Freundin Georgia und seinen nach AC/DC-Migliedern benannten Hunden Angus und Bon gelangweilt in den Tag hinein lebt und seine Millionen verprasst. Als der Sammler makaberer Artefakte – er nennt unter anderem ein Kochbuch für Kannibalen, ein Snuff-Video und einen gebrauchten Henkers-Strick sein eigen – von einer Online-Auktion erfährt, in der ein Anzug angeboten wird, an den der Geist eines kürzlich Verstorbenen gebunden sein soll, greift er kurzerhand zu, und ersteigert ihn zum Sofort-Kaufen-Preis von 1000,-$. Anders als von Croyne angenommen ist die Auktion jedoch nicht bloß ein Scherz, der Geist ist echt und will Rache für seine Stieftochter, die wegen Croyne Selbstmord begangen hat. Ein blutiger Horrortrip beginnt, bei dem der alte Rocker sich seiner Vergangenheit stellen muss.
Blind ist ein solider, gut gemachter Horror-Roman. Er kommt schnell in Fahrt, ist temporeich und spannend, reißt den Leser mit. Stellenweise wirkt er aber splatterhaft und trieft vor Blut.
Den Texten von Stephen King ist er stilistisch nicht unähnlich, Joe Hill erzählt genauso gnadenlos, allerdings knapper, verzichtet auf das Beschreiben jedes noch so winzigen Details, das für seinen Vater so typisch ist, von manchen Nein, das ist nicht Stephen King. Es ist Joe Hill. Lesern aber als lästig empfunden wird. Und selbstverständlich spielt die Geschichte nicht in dem nordöstlichen US-Bundesstaat Maine, wo nahezu alle Stephen-King-Romane angesiedelt sind.Sein, von dem 1915 hingerichteten Gewerkschaftsaktivisten und Liedermacher Joel Emmanuel Hägglund ausgeliehenes, Pseudonym hat sich Hill bereits vor über zehn Jahren zugelegt. Vor seinem Erfolg mit Blind hat er bereits vier Romane geschrieben, die aber niemand verlegen wollte. Hill sagt selber, dass er damals erst lernen musste, wie man eine Geschichte so aufbaut, dass sie von Beginn an interessant ist. Lediglich die Kurzgeschichten- Anthologie 20th Century Ghosts wurde 2005 veröffentlicht, und mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet, sie ist 2007 mit dem Titel Black Box in Deutschland erschienen. Blind ist sehr erfolgreich, dass Buch ist in 20 Ländern erhältlich, die Firma Warner Bros. hat sich bereits die Filmrechte an dem Stoff gesichert.
Auch Hills jüngerer Bruder Owen ist Schriftsteller. Er schreibt aber keine Horror- Romane, sondern wendet sich mit politischen Texten aktuellen Problemen zu.
Das Verhältnis zu seinem Vater bezeichnet Hill als großartig, auch die Widmung des Romans lautet „für meinen Vater, er ist einer von den Guten“. Die in Interviews immer wieder auftauchenden Fragen nach seiner prominenten Familie, seiner Kindheit mit dem Horror-Genie, Ex-Alkoholiker und Ex-Kokser Stephen King und dem Umgang mit dem Erfolgsdruck, dem er als Sohn eines Autors, der in seinem Genre alles erreicht hat, ausgesetzt ist, beantwortet der meist als schüchtern aber sympathisch beschriebene Horror- Schriftsteller geduldig.
Im Internet wird Hill als Bereicherung, ja sogar als die Zukunft des Horror-Genres bejubelt und hat, obwohl bis vor kurzem noch relativ unbekannt, einen festen Kreis von Fans. Er selber sieht in seinem Roman kein Meisterwerk, aber einen, wie er sagt, guten Trip.
Eine faire Selbsteinschätzung eines interessanten Nachwuchsautors, von dem man gerne noch mehr lesen möchte.
von Stefan Hirsch