Titel

Inhaltsverzeichnis:

Offener Brief ans stille Örtchen

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
toilette14
Foto: Johanna Olberding
Liebstes stilles Uni-Örtchen,
ich hörte, Du wärest ziemlich angepisst!? Ich kann Dich da durchaus verstehen. Menschen besuchen Dich Tag für Tag und es ist kein „Sitzen-bleiben“, sondern ein „Stuhl-gang“. Wie soll da eigentlich ein auf gegenseitige Wertschätzung beruhendes Gespräch entstehen? Sie laden ihren Mist bei Dir ab mit der selbstverständlichen Annahme, dass du es einfach runterspülst.
Dies ist nicht der Grund für Dein verstopftes Aggressionsventil!? Das ist Dein Job? O.K., Du fühlst Dich trotzdem beschissen? Du stehst immer da und keinen interessiert es, wie er Dich verlässt? Getreu dem Motto „Lieber ein scheiß Ende, als endlose Scheiße“ ergeht es Dir und der häufige Appell „Verlasse mich so, wie Du mich vorfinden möchtest!“, geht in die Hose.
Ich möchte mich hier für Dich aussprechen. Du bist immer da, wenn man Dich braucht. Manchmal bist Du besetzt, aber sobald Du wieder frei bist, kann jeder kommen. Unter Deinen Hygienekollegen bist Du die am meisten besuchte.
Vergessen werden doch gerne einmal die kleinen, farbigen Mülltrennungseimer. Zwar auf jedem Flur beheimatet jedoch oft unbeachtet klagen sie mir ihre Einsamkeit. Dabei helfen sie doch jeden Mist zu sortieren und sind darin oft präziser als mancher Therapeut.
Sie würden sich also, ebenso wie Du, fürsorglicherer Beachtung erfreuen. Dann geht auch er besser runter, der Uni-Alltag.
von Johanna Olberding

Ganz schön hohl
Von Flat-Earth-Society und Innenweltkosmos

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Gemein aber wahr: Die Globus-Industrie belügt und betrügt uns. Zumindest gibt es Menschen, die das glauben. Auch heute noch…
Die Erde ist ein Tortenboden. Der Nordpol liegt in der Mitte, drum herum die Kontinente und Ozeane. Die Antarktis ist ringförmig und begrenzt das Ganze nach außen. Davon gingen zumindest die Mitglieder der Flat-Earth-Society aus. Ihr Denken ging auf den Erfinder und Schriftsteller Samuel Rowbotham zurück. Dieser veröffentlichte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Streitschrift, in der er – aufbauend auf Bibel-Interpretationen – begründete, warum die Erde flach sein müsse. Bis zur Zeit des ersten Weltkriegs hatten Flat-Earth-Society und ihre Vorgänger-Organisationen einen gewissen Zulauf, danach wurde es ruhig um die Theorie der flachen Erde. Heute gibt es noch ein paar Internet-Seiten, die sich mit dem Thema befassen. Allerdings nicht wirklich ernsthaft.
Aktiver sind hingegen die Anhänger der Hohlwelt-Theorie. Für sie ist die Erde kugelförmig. Das ist aber auch die einzige Parallele zum gängigen Weltbild, denn wir leben nicht außen, sondern innen. Im Zentrum der ca. 12.000 Kilometer messenden hohlen Erde befinden sich Sonne, Sterne und Mond, letzterer hat einen Durchmesser von – nicht 3.476 – sondern etwa 200 Kilometern.  
Warum es bisher niemandem aufgefallen ist? Das Licht, so die Hohl-Denker, verläuft nicht gerade, sondern in kreisförmigen Bahnen. Deswegen sind wir dem Glauben an die Außenwelttheorie verfallen, deswegen können Flugzeuge keine Abkürzungen nehmen, deswegen hat niemand bemerkt, dass die Unendlichkeit unter unseren Füßen liegt. Auch die Lichtgeschwindigkeit ist nicht konstant, sondern verlangsamt sich, umso weiter man dem Erdmittelpunkt kommt.
Und die Raumfahrt? Masse ist relativ, verringert sich, je weiter man sich der Erdmitte nähert. In dem Moment, in dem ein Space-Shuttle den Mond erreicht, hat es die Größe eines ferngesteuerten Autos, die Astronauten wiegen dann ca. 20 Gramm. Dadurch erwächst der Eindruck, der Mond ist 384.000 und nicht 6.000 Kilometer weit entfernt. Außerdem waren die Amis sowieso nicht auf dem Mond, das Ganze war ein Schwindel. Für Verschwörungstheorien haben Hohl-Denker immer ein offenes Ohr.
Das Ganze klingt nach den Fantasien eines Science-Fiction-Autors, der, wenn er Musiker wäre, „Cherry Cherry Lady“ singen würde. Wirft man allerdings einige althergebrachte Annahmen der Physik über Bord, zum Beispiel die Theorien Newtons und Galileis, dass die physikalischen Gesetze in allen Punkten des Raums die gleichen sind, wäre das Gedankengespinst vom Innenweltkosmos sogar möglich. Es ist nicht widerlegbar, aber auch nicht beweisbar. Fans abgedrehter Ideen nennen so was Grenzwissenschaft, für andere ist es pseudowissenschaftlicher Blödsinn. Und so ist es kein Wunder, dass die Theorie vom Innenweltkosmos schon als sie im Jahr 1870 vom Physiker und Alchemisten Cyrus Reed Teed verbreitet wurde (die Gedanken hierzu kamen ihm im Zuge eines Ohnmachtsanfalls), kaum jemanden überzeugt hat.
von Stefan Hirsch

The End is Near!
Über Sex, Brustvergrößerung und was das alles in der Überschrift zu suchen hat

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Ach, meine lieben Freunde, wir wissen es doch alle: Die Welt geht unter! Nichts ist offensichtlicher. Niemand rettet Tibet, niemand rettet das Weltklima, niemand rettet die Babyrobben! Und die Kultur macht da keine Ausnahme.
Besser als Fernsehen!
© I. Friedrich / PIXELIO
Um uns das alles vor Augen zu führen, gab uns Gott ein mächtiges Instrument, welches über jeden Zweifel erhaben ist und dem geschulten Betrachter aufzeigt, warum Nostradamus, Scientology und 100.000 Mayas nicht irren können: das Nachmittagsfernsehen. Nirgendwo sonst wird dem Interessierten so deutlich vorgeführt, warum der Weltenbrandt, zumindest auf kultureller Ebene, gar nicht mehr zu löschen ist.
Wenn Mister Methan bei Oliver Geißen zeigt, wie toll er auf Kommando furzen kann oder das kleine Nachbarsmädchen (14) davon erzählt, dass sie auf jeden Fall eine Brustvergrößerung von Körbchengröße B auf Doppel-D braucht, um den als Leguan ganzkörpertätowierten Sexpartner (46) der Mutter (26) zu verführen – ja, dann hört man die Apokalyptischen Reiter doch praktisch schon mit den Hufen scharren.
Die kulturelle Gosse, in der sich Barbara Salesch mit 9live zusammen auf die alten Zeitungen legen, K11 und Mitten im Leben ein paar Euro erbetteln und sich Lenßen und Partner mit Sturm der Liebe um den billigen Fusel zanken, ist das wahre Orakel vom Armageddon. Ohne irgendwas mit Sex, Titten, Drogen und Gewalt reißt man den abgestumpften 15-jährigen halt nicht mehr vom Hocker. Trash ist Quote.
Aber, lieber Leser, meckern hilft nichts und dem doofen Nachbarskind im Rahmen einer zünftigen Gehirnwäsche zwei Streichhölzer in die Augen zu klemmen und ihn von früh bis spät mit französischen arte-Kunstfilmen aus den frühen 70ern vollzustopfen, erscheint auch nicht sehr fruchtbringend (obwohl ich den Gedanken irgendwie reizvoll finde).
Anmerkungen des Autors: Zwei bei Kalwass erscheint nicht in der Aufzählung, da “ihre Therapiestrategien grundsätzlich nachvollziehbar sind.” (Zitat: Stefanie Bruns, Diplompädagogin)
Desweiteren trauern wir um Lenßen und Partner, von dem keine neuen Folgen produziert werden.
Eine echte Lösung hatte nur einer: Der letzte “vorderste Front”-Kämpfer der Kultur, den wir jemals im Nachmittagsfernsehen bewundern durften, war ironischerweise ein quasi geisteskranker Bauwagenbewohner in Latzhosen.
Peter Lustig‘s prägnant-passendes Postulat lautete: “Abschalten!”
von Thomas Hülsmann

Art-Trash

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Unsere lieben Kunststudenten sind schon ein eigentümliches Völkchen. Meistens sieht man sie mit blauen Müllsäcken, unter denen sich sonderbare Handtuchhalter verbergen, durch die Flure eilen oder sie verstecken sich gleich ganz im Designgebäude. Aber offensichtlich scheinen sie ja auf bestem Wege zu einem Kunstpädagogen zu sein, denn nicht erst seit der Verhüllung des Reichstags ist klar: Künstler lieben Müllsacke! Aber sie machen nicht etwa halt bei der Verpackung, es geht in der Kunst ja auch um Inhalte. So kommt es, dass neben bemalten Klobrillen, auf einem Sockel stehenden Pissoirs und ausgestellten Betten inklusive Präservativ- und Tamponvorrat eben auch Kinderpuppen mit Penisnasen und Anusmündern ausgestellt werden. Kunst ist eben, wenn man trotzdem lacht.
Aber wer ist nun Schuld an dieser Kunstmisere? Was ist aus dem klassischen Begriff der Kunst als eine allgemeine Schönheit oder dem Vollkommenem geworden? Nun mag das Ergebnis einer öffentlichen Masturbation durchaus etwas subjektiv Schönes sein, aber ob derartige Selbstdarstellung nun auch Kunst ist? Fragen, denen es sich zu stellen gilt, wenn man nicht irgendwann das hilflose Opfer eines solchen “Happenings” werden will.
Die Gründerväter und Wegbereiter, welche die modernen Erklärungsengpässe mit gewichtigen Worten wie Surrealismus, Dadaismus oder Objektkunst füllen, mögen zwar durchaus nachvollziehbare Motive haben. Letztlich ist aber auch ein Wasserspiel mit Namen Fontäne – oben erwähntes Pissoir – fernab von Dingen, die den gemeinen Menschen zum Nachdenken bringen oder unsere Gesellschaft weiterentwickeln. Haben es Duchamp, Beuys und die in ihrer Tradition sich verstehenden Künstler übertrieben? Ist die Ignoranz der Menschen noch zu groß gegen anmutige Schlammhaufen und Selbstverstümmelung? Oder ist Kunst heutzutage doch nur noch Müll? Als wäre diese Fragestellung nicht schon schwierig genug, hatten die lieben Künstler noch eine Idee. “Wenn unsere Kunst eh nur noch als Trash angesehen wird, warum nehmen wir dann nicht gleich Abfall dafür?” Dadurch wurden die klassischen Materialien wie Stein, Glas oder Holz durch etwas ersetzt, was diese auf ganz neue Form miteinander kombiniert. Nämlich Müll.
Dass dies durchaus interessant sein kann, beweist Joshua Allen Harris, der in New York Abluftskulpturen aus Mülltüten ausstellte. Harris brachte an den Gittern der Luftschächte über den U-Bahn-Gleisen Mülltüten so an, dass diese sich durch den Luftzug der vorbeifahrenden Bahnen aufrichteten und so Giraffen, Eisbären oder gleich einen ganzen Zoo bildeten. Geht man anfangs an diesen kurzlebigen Luftgestalten vorbei, wirken sie wie Abfall. Doch durch das Leben in der U-Bahn erhalten sie eine ganz neue Form und werden vom bloßen Müll zu etwas Spektakulärem in den Straßen der Weltmetropole.
Ein anderes Beispiel, dass vor allem ältere Menschen als bloße Verschandelung ansehen, stellt das Graffiti dar. Ob nun jedes “Fuck you” auf einer Straßenbahn oder die Toiletten jeder Großstadt demnächst ins Museum gehören, sei dahingestellt. Doch auch dieses Gekritzel kann eine Form der Kunst darstellen. Darum wird es heute sogar als offizielle Auftragsarbeit ausgeführt oder als Street-Art zur Kunst gerechnet. Sogar die Sprachwissenschaft oder die Meinungsforschung sehen heute dieses “schreckliche Geschmiere” als interessantes Forschungsobjekt an. Eines ist klar, die New Yorker Lufttiere und die Graffitis in aller Welt haben große Zustimmung gefunden. Ob nun auf YouTube oder gar als Ausdruck ganzer Bevölkerungsgruppen auf den Mauern unserer Gesellschaft. Aus Müll kann tatsächlich Kunst werden.
Ein Künstler, der sich ganz in dieser Tradition versteht, ist Dieter Roth. Der 1998 verstorbene Universalkünstler hat Zeit seines Schaffens versucht vor allem sein eigenes Leben abzubilden. So verstand er sich sehr gut darauf, ein gut gewürztes Buch zu einer Literaturwurst zu verarbeiten oder alltägliche Dinge wie Schokolade, Käse oder auch Hasenkot als Teil seiner Kunst zu archivieren. Der markante Satz “Die Gegenstände, welche aus Schokolade oder Ähnlichem sind, dürfen (oder sollen) zergehen, vergehen, zerfallen, abgefressen, abgebrochen, zerschnitten, verkratzt werden – und das tut ihnen gut!” beschreibt seine Sicht auf die Kunst sehr genau.
Aber worin liegt der künstlerische Wert aus dem Kot und dem Stroh eines Hasens einen Hasen zu formen und es als Multiple zu bezeichnen? Roth stellt das Kaputte, das Vergängliche oder eben das Verschimmelte in den Mittelpunkt seiner Kunst und formte aus dieser “Scheiße” sein Lebenswerk. Den Höhepunkt fand dieser Recyclingwahn in seinem Schimmelmuseum in Hamburg, in dem Kunst weit über das Verfallsdatum aufbewahrt, zum Unglück der Nasen der Besucher jedoch nicht konserviert wurde. Aber vielleicht hat der Ekelkünstler doch etwas geschafft, was einen Wert hat. Das Thema Sterblichkeit ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Vielen fällt es schon schwer offen darüber mit anderen Menschen zu sprechen. Es ist eben etwas, dass man am liebsten von sich fernhält. Nun aber – wenn auch aus lauter Ärger darüber, dass so ein Mensch Kunstpreise erhält – setzt sich der ein oder andere vielleicht doch mit diesem Thema auseinander und vielleicht wird das im Moment noch heikle Thema doch irgendwann in der breiten Öffentlichkeit diskutierbar. Immerhin hat Dieter Roth sein ganzes Leben akribisch dem gewidmet, was andere Leute achtlos wegwerfen. Folglich sollten wir seine Arbeit auch nicht unaufmerksam auf dem Haufen des Kunstmülls entsorgen.
Nach allem Ausblick in die Welt, wie ist es eigentlich in Vechta mit der Kunst bestellt? Alles Müll? Oder Müll mit Aussage? Sind die 3 Säulen hinter dem Infopoint nur ein nett gemeinter Versuch die Kunst hineinzulassen oder stellen sie wirklich etwas dar?
Denn auch das perfekteste Gemälde kann ohne Bedeutung nicht mehr wert sein als eine Zeichnung auf einem Bierdeckel oder die Karikatur über den Lieblingsdozenten. Ein Selbstversuch soll Klarheit über die Verhältnisse an unserer Uni bringen. Also ab ins Designgebäude zu einer zufälligen Vorlesung, eine große Thermoskanne Kaffee mit im Gepäck. Los geht‘s!
Nach anstrengden 1 ½ Stunden verlasse ich den kleinen Raum indem die vielleicht 12 Plätze nur zur Hälfte genutzt werden. Eines ist mir jetzt jedoch klar: Ob o.b.-Tampons, Teebeutel oder Tetrapacks, all das verdient unsere Aufmerksamkeit. Denn die Designer von Morgen haben neben Glitzi-Elchen und Go-Go-Tänzern stets ihre knallharte Recherche im Blick, mit der sie gängige Produktverpackungen weiterentwickeln und verbessern wollen. Jedenfalls ist dies die Theorie.
Allerdings ist auch hier das Denken wirtschaftlich geprägt und die zuvor unermüdlich betriebenen Nachforschungen wurden gerade zu dieser Vorlesung dummerweise vergessen. Schade, dabei hatte man sich laut eigener Aussage doch gerade dieses Mal sehr viel Mühe gegeben. Design ist eben nicht gleich Kunst. Aber natürlich geht es hier ansonsten sehr professionell zu, denn es werden auch Materialeigenschaften besprochen und mögliche Zugänge zum Schaffensprozess thematisiert. Wie ernst es den angehenden Kunst- und Designpädagogen ist, wird spätestens beim Maschinenschein klar. Neben dem Riskieren einiger Extremitäten, wird vor allem die Geduld der zukünftigen Gestalter herausgefordert. Trotz der Abhärtung durch fachinterne Nicht-Absprache bei der Konzeption des Studienangebotes und der Fehlkalkulation von Studienplätzen in diesem Wintersemester ist das Warten auf zehn andere Kommilitonen vor der großen Kreissäge anstrengend. Glücklicherweise haben die Planungsschwierigkeiten, die manchen “zu Tränen rührten”, mittlerweile ein Ende gefunden. Die in Winterschlussverkauf-Manier durchgeführten Einschreibungen auf ausgehängten Listen in die Kurse am Grabbeltisch können also ruhigen Gewissens als Propädeutika angesehen werden. Alles natürlich, damit das Stud.IP nicht unter dem Ansturm der neuen Studenten zusammenbricht. Außerdem schadet ein wenig Nostalgie nie, früher war ja eh alles besser. Nach all diesen Strapazen kann das Studium nun also endlich beginnen. Endlich!
Aber wie geht man nun am besten mit der Kunst um? Auch wenn es einige gibt, die lediglich Aufmerksamkeit erregen wollen, damit die Kasse stimmt, Kunst ist etwas, dass man nicht einfach abtun sollte. Sie ist allemal eine Herausforderung und die in diesem Querschnitt gegebenen Beispiele zeigen, dass man nicht jeden Hundehaufen, nicht jeden Schimmelkäse, aber auch nicht jeden Studiengang gleich als Trash bezeichnen sollte. Manchmal muss man eben ganz unten anfangen, um etwas wirklich Großes zu schaffen.
von Matthias Christ

Erbarmungslos schlecht und irgendwie auch traurig

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Verleihung der Goldenen Himbeere
Eine unauslöschliche Lichtgestalt des internationalen Filmbusiness ist ohne Zweifel: Uwe Boll. Nach Ed Wood als schlechtester Regisseur aller Zeiten verschrien, dreht und produziert dieser gleichwohl stur und eigenwillig einen Film des Grauens nach dem anderen. Viele kennen sicher Bruchstücke aus seiner tragischen, filmischen Laufbahn. Hinter trashigen Meisterwerken mit schauspielerischen Minimaltalenten wie Far Cry (Til Schweiger), Alone in the Dark (Christian Slater) oder Dungeon Siege (Jason Statham) steht sein Name.
Der Gebürtige Wermelskirchener erblickte am 22. Juni 1965 das Licht der Welt, um sie Jahre später mit seiner Kunst zu bestrafen. Zunächst jedoch studierte er Filmregie sowie Literatur, Film- und Betriebswirtschaft, um anschließend Mitte der Neunziger zum Doktor der Philosophie zu promovieren.
Wenn auch unbegabt im Filme drehen, hat Boll ein gutes Händchen als Geschäftsmann. Als Mitgründer und Geschäftsführer der Boll-KG (BOLU – Filmproduktions- und Verleih GmbH) ist es ihm erlaubt, seine Filme aus daraus entstehendenden Gewinnen und zusätzlich aus deutschen Medienfonds zu finanzieren. Des einen Freud (Boll), des anderen Leid (Publikum), staatliche Filmförderung für die Machwerke kam logischerweise bisher noch nie zu Stande, weshalb sich Boll überwiegend darauf “spezialisiert”, einschlägig bekannte Computerspiele mit hohem Gewaltfaktor zu verfilmen, in der Hoffnung die spielwütige Playstation-Generation würde die Kinos stürmen und damit kostendeckendes Geld einspielen.
Trotz eines gewissen Charmes, welcher von seinen dilitantischen Filmen zeitweilig ausgeht, muss man im Endeffekt zugeben: Uwe Bolls Machwerke sind für den kultivierten Filmliebhaber purer Schmerz. Nach ersten Erfahrungen mit Kurzfilmen auf Super 8 und Video stieg Boll 1991 mit seinen ersten Langspielfilmen in das Geschehen deutscher Filmproduktionen ein. Bis 2003, bevor er sich an die erste Verfilmung eines Computerspieles wagte (House of the Dead), versuchte Boll mit provokanten Themen das Publikum auf seine Werke aufmerksam zu machen. Unter anderem inszenierte er 1993 eine fingierte Dokumentation über den Tod des ehemaligen Politikers Uwe Barschel (Barschel – Mord in Genf). Das brisante Thema über Verschwörung und Machenschaften, welche dem realen Sterbetag Barschels vorangingen, setzt Boll unbedarft in den Sand. Weiterhin setzt sich der talentfreie Regisseur mit dem sensiblen Thema des Amoklaufes auseinander (Amoklauf, 1994). Allerdings wurde mehr Wert auf die Gewaltveranschaulichung und pornographischen Sequenzen gelegt als den psychologischen Werdegang des Protagonisten. Was bleibt, ist ein sinnfreies Filmwerk unterster Klasse.
Im Jahre 2006 schien Uwe Boll die ständigen (jedoch meist berechtigten) Einwände gegenüber seinem filmischen Schaffen nicht mehr zu verkraften und organisierte mit viel Promotion einen Boxkampf gegen seine fünf größten Kritiker: “Wenn ihr immer schreibt, ihr wollt mich umhauen, foltern, kreuzigen, erschießen, dann kommt nach Vancouver und wir boxen.” Gesagt und getan: Boll, welcher selbst über Boxerfahrung verfügt, gewann alle fünf Kämpfe. Der symbolisch amüsante Akt gegen sämtliche Kritiker hielt 2008 Computerspiele-Qualitätstester Robert Harvey nicht davon ab, eine Petition im Internet gegen Boll zu veröffentlichen. Virtuelle Unterschriften von ca. 330.000 Menschen forderten den Regisseur auf, seine verheerenden Aktivitäten im Filmgeschäft aufzugeben. Eine Million Namen wären laut Boll jedoch nötig gewesen um seine Tätigkeiten einzustellen. Die daraufhin von ihm selbst ins Leben gerufene Pro-Boll-Petition erreichte nicht einmal annähernd 10.000 Unterschriften. Die Kaugummimarke Stride bot dafür jedem Teilnehmer einen Warengutschein an, welcher sich für die Anti-Boll-Petition engagieren würde, bis das Ziel der Unterschriften von einer Million erreicht würde. Das ganze Unterfangen blieb jedoch folgenlos und so dreht Boll heute noch Filme.
Im Jahre 2009 kam der lang ersehnte Durchbruch auf der Karriereleiter des Schrottfilmers. Er erhielt gleich zweimal die Goldene Himbeere. Er wurde als schlechtester Regisseur geehrt. Daneben erhielt er die Auszeichnung für das “schlechteste, bisherige Lebenswerk”.
Zurzeit verhunzt Boll sicherlich die Biographie über Max Schmeling, welche noch dieses Jahr in unsere Kinos kommen soll. Henry Maske verkörpert übrigens die Boxlegende. Der Trailer lässt schon jetzt das nächste typische Boll-Werk vermuten: Erbarmungslos schlecht und irgendwie auch traurig.
von Tobias Kunz

Smells Like Musikrubrik

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
So. Ein Musikartikel zum Thema “Trash” muss her. Gute Idee, eigentlich. Der erste Gedanke: Rezensiere eine Platte, die du total trashig findest. Doch dann kommt dir der Gedanke, es könnte viele Menschen geben, die diese toll finden und dir aufs Dach steigen.
Unwillkürlich frage ich mich, ob es nicht etwas gibt, das musikalisch ist und trotzdem harmloserweise mit “Trash” verbunden werden kann. Natürlich! Wer erinnert sich nicht daran? Die MitschülerInnen, die schwarze T-Shirts mit kreuzäugigen Smileys trugen, über denen der knallgelbe Schriftzug Nirvana prangte. Zumeist jüngeren Alters. Und möglicherweise hatte man selbst ein T-Shirt dieser Art. Stimmt, da war ja mal was. Aber was war das überhaupt?
Der Begriff “Grunge” bedeutet zwar nicht gerade trashig, dafür schmutzig oder dreckig. Ursprünglich bezeichnete er keine Jugendkultur und wurde auch nicht in den Neunzigern erfunden. Denn in den späten Sechzigern kamen einige Bands mit einem raueren und dreckigeren Klang als die Bands im restlichen Rockgenre daher, darunter The Stooges und The Velvet Underground. Mit rohen Akkorden und verzerrten Soli ließen sie ihre Songs kaum im Studio bearbeiten. Sie wurden als “grungy” bezeichnet und beeinflussten mit ihrem ungewöhnlichen Sound nicht nur die aufkommende Punkmusik. Jahre später, in den späten Achtzigern, beriefen sich einige Bands im Nordwesten der Vereinigten Staaten, in Seattle, auf diese Grundlagen.
Die Anfänge der Szene werden von Quelle zu Quelle unterschiedlich beschrieben. Eine einheitliche Aussage ist jedoch, dass die Bands, die später die Aufmerksamkeit der Musikwelt erlangen sollten, zunächst im “Untergrund” experimentierten. Sie wurden von diversen College-Rundfunksendern gespielt, was bald die Aufmerksamkeit kleiner Labels auf die Bands zog. So wurde 1988 in Seattle das Label Sub Pop gegründet, das eng mit dem Produzenten Jack Endino zusammen arbeitete. Es vertrat Bands wie Green River, Soundgarden und eben auch das Aushängeschild der Szene, Nirvana. Ein Label, ein Produzent, ein Klang, ein Genre. Die Bands des Labels ähnelten sich nicht nur im Klang, auch in den Texten ging es zumeist um die gleichen Dinge. Depression und Außenseitertum konnten hier ausgemacht werden, allerdings waren natürlich Ausnahmen möglich. Der “Seattle-Sound” war geboren.
Die Öffentlichkeit außerhalb von Seattle reagierte verhalten, doch in der Stadt selbst war man begeistert. Schließlich erschien 1991 Nirvanas “Nevermind” samt dazugehöriger Single “Smells Like Teen Spirit” und führte den Grunge-Hype herbei. MTV spielte das Video rauf und runter und die Augen und Ohren der Welt, auch die der Major-Labels, richteten sich auf Stadt und Sound. Nirvana hatte bereits vor Erscheinen des Albums einen Vertrag mit einem Major unterschrieben, andere Bands folgten diesem Beispiel in der kommenden Zeit, so auch Soundgarden.
Doch zum Begriff der Jugendkultur gehört nicht nur die Musik, sondern auch ein einheitliches Auftreten. In Seattle war das Flanellhemd ein Kleidungsstück für jedermann. Mit dem Aufkommen des Grunge-Hypes wurde es zum Dresscode der Szene; ein Stück Corporate Identity. Ob das im Sinne der Bands war, lässt sich bestreiten.
Die Vermarktung war im vollen Gange, der Druck von außen stieg an, die Medien brauchten immer neues Futter. Infolgedessen herrschten in vielen Bands Differenzen und einige Künstler äußerten, sie könnten mit dem Druck nicht umgehen. Kurt Cobain, Sänger Nirvanas, äußerte sich wie folgt: “Famous is the last thing I wanted to be.”
Und so wurde er zu einer der tragischsten Personen in der Geschichte der Musik. Seit den Neunzigern heroinabhängig versuchte er damit ein Magenproblem in den Griff zu bekommen, an dem er schon lange Jahre litt. 1994 fand die Grunge-Szene mit Cobains Tod dann ihr jähes Ende. Am 8. April wurde er tot in seinem Haus in Seattle aufgefunden. Die Umstände seines Todes sind noch immer umstritten; abseits der Verschwörungstheorien lautet die offizielle Todesursache: Selbstmord.
Nach Cobains Tod trennten sich viele Bands und der Hype um Grunge legte sich. Die bekannteste Seattle-Band, die noch heute performt, ist Pearl Jam. Andere Künstler haben neue Bands gegründet, beispielsweise Dave Grohl, ehemaliger Nirvana-Schlagzeuger und jetzt Sänger der Foo Fighters, oder Chris Cornell, ehemaliger Soundgarden-Sänger und danach bei Audioslave.
Apropos tragische Figuren des Musikbusiness: “Nevermind” löste im Januar 1992 Michael Jacksons “Dangerous” von der Nummer Eins der Billboard-Charts ab.
von Pia Klein

Traumtrash – Recyceln ist sinnvoll!

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Virtuelles Kino. Eintritt frei, beste Sitzplätze. Jede Nacht in Deinem eigenen Kopf. Welche Programmsparte Dich erwartet? Nun, das liegt ganz in Deinem eigenen Empfinden. Träume sind ja, wie man so schön sagt: Der Spiegel unserer Seele. Alles, was in unserem Bewusstsein unformuliert ruht, macht sich in unserer Traumwelt bemerkbar und soll uns somit den Schlüssel zur Erklärung unserer alltäglichen Probleme und Aufgaben überreichen.
Ob man daran nun glaubt oder nicht, was Nacht für Nacht in unserem Kopf projiziert wird, insofern man sich nach dem Aufwachen noch daran erinnern kann, ist eine unsägliche Flut an Bildern und kreativen Auswüchsen, die nur ein benebelter Verstand zu Tage fördern vermag. Bevor man sich jedoch nach bloßem Gefühl in eigenen Erklärungen zur Deutung seiner Träume verirrt, sollte man eventuell doch einmal ein Medium zur Traumdeutung aufsuchen. Es könnte ja sein, dass falsche Interpretationen bzgl. unseres derzeitigen Empfindens uns schlicht an den Rand des Wahnsinns führen.
Angenommen Du liegst in einer lauen Sommernacht unter dem prächtigsten Sternenhimmel, für den sich die Natur gar wirklich sehr aufgeopfert hat. Du schwelgst in Gedanken, die sich alle um Dein wunderbares Leben drehen und dann schläfst Du ein, bevor Du auch nur einmal versucht hast, den großen Wagen über Dir zu entdecken. Stattdessen siehst Du Dich selbst. Einfach so, in einem schwarz gepuderten, unverzierten, leeren Raum. Das ist nichts Ungewöhnliches, könnte man denken, wenn deinem Selbst gegenüber nicht schlicht anfangen würde, das Gesicht wegzufaulen. Da stehst Du also und Du schimmelst. Du kannst den üblen Prozess der Verwesung nicht aufhalten und so siehst Du Dir selbst und den vergammelnden Tatsachen ins Auge. Bis Du aufwachst und Dir stockstarr über Dein doch so angenehm unangetastetes Gesicht streichelst. “Was jetzt?”, denkt sich Dein Verstand. “Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Steht mir Krankheit bevor, Hautkrebs oder Akne?” Nun, schauen wir im TraumWiki nach: “Vor einem Neubeginn steht oft Auflösung, etwa die Beendigung einer Beziehung. In ihnen ist keine Energie mehr vorhanden, sie weiter zu führen. Die Angst davor kann sich in Fäulnis ausdrücken.” Statt des eigenen Leides und Todes zu fürchten, muss man sich nun also Gedanken darüber machen, welche Person man ermüdet aus seinem Leben kickt. Danke, Traumdeutung.
© Marvin Siefke / PIXELIO
Zweiter Fall: Es ist späte Nacht. Du kommst erschöpft von der Arbeit und wirfst Dich direkt mit Anlauf in Dein Bett, um in ein sorgenfreies Schlummerland zu entgleiten. Denkste so. Denn anstatt unbehelligt in ein unaufgeregtes Dunkel zu starren, wird Dir in der eigens erschaffenen Traumwelt ein Päckchen Crack in die Hand gedrückt. Dummerweise befindet sich die Stadt, in der Du Dich aufhältst, soeben in einem Ausnahmezustand. Blaulicht streift durch dunkle Gassen und Polizeikontrollen versperren den Horizont. Du versuchst den Weg zu finden, um mit dem Crack an ein unbekanntes Ziel zu kommen. Auch wenn Du nicht drogensüchtig bist, solch einen Wert schmeißt man nicht weg. Zu spät. Ein liebäugelnder Dackel leckt über Deine Tasche mit erweiterten Pupillen und ein Polizist an seiner Leine packt Dich direkt in den Streifenwagen. “Was jetzt?”, denkt sich Dein Verstand. “Was will mir mein Unterbewusstsein damit sagen? Werde ich für meine bisherigen illegalen Aktivitäten bestraft? Konflikt mit Polizei oder GEZ? Juckt nach all den Jahren wieder das Pudernäschen?” Nochmals der Blick ins TraumWiki: “Drogen auf illegalem Weg zu erwerben, lässt auf eine überhöhte Risikobereitschaft schließen. Ein unangenehmes Drogenerlebnis im Traum kann auf die Angst, den Verstand zu verlieren, zurückgeführt werden. Von der Polizei abgeführt werden kann Schuldgefühle wegen tatsächlich oder vermeintlich unmoralischer Handlungen anzeigen.” Ja dann, danke Traumdeutung. Du hast wieder einmal den Tag gerettet.
Wusstet Du, dass sämtliche Personen, welche in Deinen Träumen vorkommen und die Du nicht aus Deinem realen Leben kennst, Du selbst bist? Eine Tatsache, wie ich finde, welche sehr interessant ist, wenn man überlegt, was man in seinen Träumen aus dieser Perspektive so alles mit sich selbst anstellt. Dinge, über die Du Dir am Besten selbst Gedanken machst, falls Du mal wieder Deinen Traumtrash recyceln willst.
von Tobias Kunz

Dreck – Ein Hoch auf die Putzlappen

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Dreck wächst mit seinen Aufgaben. Dreck verweist auf Leben. Ja, Dreck reinigt sogar den Magen. Wieso also ein solch wunderbares Produkt unserer großzügigen Umwelt bekämpfen? Obwohl er alle Eigenschaften besitzt, der sich im Normalfall die Gesamtheit aller menschlichen Sinne entziehen möchte, bindet er vortrefflich die Charakterzüge eines Menschen zu einem Ganzen. Man möchte wissen mit welcher Person man es zu tun hat? Das Ausmaß der Verwüstung individueller Umfelde gibt darauf die Antwort. Nach dem Motto: Zeig mir deine Behausung und ich sage dir, wer du bist. Das Spektrum ist groß. Von psychisch gestörten Messies bis hin zu psychisch gestörten Ordnungswahnsinnigen. Oder unbrachial betrachtet: Von Menschen geregelter Verhältnisse bis hin zu Typen getriebener Planlosigkeit. Vielleicht sind solcherlei Betrachtungen wissenschaftlich relevant, vielleicht aber auch einfach nur: Müll.
Im Rahmen fortlaufender Emanzipation in allen sozialen Bereichen möchte ich auch sogleich das ausgelutschte Thema über die Unterschiede der Haushaltsführung zwischen den Geschlechtern verwerfen, entsorgen und pfandfrei niemals wiederverarbeiten.
Solange man angekündigten Besuch nicht als Gelegenheit auffasst, das vorläufig geplante Saubermachen tatsächlich umzusetzen, so bleibt zu sagen, das ein ungepflegtes Territorium eine Gelegenheit darstellt, um die Ernsthaftigkeit einer Beziehung zu Freund/Freundin oder Anderes auf die Probe zu stellen: Du willst mich? Du bekommst mich nur mit diesem und meinem Zimmer!
© Gisela Peter / PIXELIO
Es ist doch auch so, dass ein monatelanges, dahinsiechendes räumliches Umfeld einen Bezug zu der persönlichen Vergangenheit darstellt. Überwindet man sich wirklich einmal, den Frühjahrsputz durchzuziehen, könnte man unter dem eigenen Bett Dinge entdecken, die einem in schöne frühere Tage zurückversetzen. Eine Budweiserflasche vielleicht? – Ach ja, die verrückte Tschechin auf der WG-Party von `97. Das waren noch Zeiten. Das eigene unordentliche Zimmer dient also auch leidlich als eine Art Tagebuch.
Im Endeffekt bleibt zu erwähnen: Ob ordentlich oder unordentlich. Solange der Teppich nicht anfängt zu leben, ist doch alles in recht geordneten Verhältnissen.
von Tobias Kunz
So! Ich bin dann vor ein paar Monaten umgezogen. Im alten Zimmer hatte ich Laminat… also keinen Teppich. Ich hatte mich gut auf meinen Umzug vorbereitet, aber eine stille Gefahr habe ich nicht gesehen. Als mir meine Freunde geholfen haben mein Bett auseinander zu bauen, da sprangen sie mir fast ins Gesicht. Sie haben mich ausgelacht und streckten mir ihre grauen Zungen entgegen. Staubhasen oder wahlweise auch Staubmäuse genannt. Sie sammelten sich gesellig auf dem Boden und lachten uns mit ihrem Staub an. Zugleich mussten wir alle bei diesem Anblick keuchen vor Entsetzen… Naja, eigentlich eher wegen dem Staub, aber so klingt es dramatischer. Frisch umgezogen habe ich mir geschworen mehr für mein Zimmer zu sorgen. Daraus wurde leider noch nicht so viel, aber jetzt putze ich wenigstens. Mein Zimmer aufräumen? Ja, schon, aber… seien wir doch mal ehrlich! Wie viele von Euch räumen ihr Zimmer auf, wenn sich nicht gerade die Eltern oder anderer Besuch angemeldet hat? Also, ich gestehe hiermit, dass ich mein Zimmer nur aufräume, wenn Besuch kommt. Das ist in meinen Augen aber auch völlig in Ordnung, denn ich muss schließlich darin schlafen und nicht mein Besuch (naja, im Regelfall ist das so). Zu meiner Verteidigung darf ich sagen, dass ich aber wenigstens einen Grund habe mal richtig aufzuräumen und Besuch ist doch immer schön, also räume ich dann auch gerne auf, um meine Gäste gut zu empfangen. Und da ja Ausnahmen immer die Regel bestätigen, muss ich hier noch hinzufügen, dass auch sehr gerne während der Klausurenzeit geputzt wird. Hand aufs Herz, das ist doch bei Euch auch so.
Also hoch mit Euch Studenten und an die Putzlappen. Versucht auch, ohne dass Besuch kommt, Eure Staubhasen zu fangen und bringt sie zum Stillschweigen, denn sie haben kein Recht auf Leben! Mögen die Putzmittel und -lappen mit Euch sein!
von Sarah Kotten

Garantiert 100% wahr – Gerüchte an der Hochschule Vechta

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Vom Dolce-Vita-Leben eines Redakteurs über ausgelebte Träume wahrer Feuerwehrmänner und -frauen bis hin zur alles könnenden Chipkarte.
Biete 30qm möbliertes Zimmer im Laborstil mit zwei (Not-) Duschen, einem Waschbecken, zwei PCs inkl. Flachbildschirme und Drucker mit integriertem Scanner und Kopierer. Abgerundet wird das ganze Paket mit einem traumhaften Ausblick auf die Stadt (Vechta). Das Ganze erhältst du – und jetzt kommt’s – für umsonst! Nun gut, nicht ganz, denn du solltest schon ein wenig am Redaktionsleben interessiert sein, sprich den einen oder anderen Artikel schreiben können und wollen und was sonst noch so anfällt. Die eben geschilderte Ausstattung darf jeder in Anspruch nehmen, der bei uniVista mitarbeitet. Rechne also am besten nur etwa 3qm, denn neben dir arbeiten hier noch etwa 9 weitere Redakteure. Dass der Arbeitsraum umsonst ist, ist allerdings nicht zuletzt deshalb ganz sinnvoll, da diese Arbeit absolut ehrenamtlich ist. Ja, selbst die Werbeeinnahmen werden aufgelistet und kommen der Büroausstattung zugute. Immerhin bekommst du Tankgeld, wenn du Fahrten für Artikel auf dich nehmen musst. Manchmal ist sogar ein wenig Verzehr drin! Versprochen. Denke aber an die Quittungen.
geruecht13a
Bildquelle: Ein Teil der Grafik entstammt der Bildersammlung
des Bistumsarchivs Münster, der Urheber ist Gustav Albers.
Der Eintritt in die Redaktion erspart die leider ebenso wenig wie den Diplomern die Studiengebühren – sie alle müssen zahlen! Halten wir also fest: Für die Redaktionsarbeit gibt es kein Geld, keine (bis wenig) Vergünstigungen, und vor allem eines: jede Menge Arbeit. Das alles gibt es an der Hochschule Vechta oder sollte man besser sagen: An der Van Galen-Universität? Ja, genau, diesen Titel sollte die Hochschule einst tragen, nach dem Fürstbischof von Münster im 17. Jahrhundert benannt. Nun wird es dann doch „nur“ die Universität Vechta, also mutmaßlich. Aber allein dieser Umstand ist schon hoch zu schätzen, denn eigentlich gibt es diese Hochschule ja schon längst nicht mehr, sollte sie durch die Vorgängerregierung schon etliche Male geschlossen werden. Und wäre das eingetreten, dann hätte es in den vergangenen Semesterferien auch kein Angebot von Matthias Reim geben können. Ja, ihr hört richtig. Als Gastdozent hätte der Sänger des Gassenhauers „Verdammt ich lieb dich“ die Lücken im Wissen um die Schlagerfabrik schließen können. Tja, Pech gehabt. Bleibt immerhin noch die Möglichkeit des Selbststudiums an Mittwochabenden auf den Unipartys, allerdings nicht mehr vor B1. Wer auch immer sich nun angesprochen fühlt, möge ein wirklich schlechtes Gewissen haben. Die Entwendung von Feuerlöschern auf der wohl letzten B1-Party und deren unzweckmäßige Benutzung, einhergehend mit Beschädigungen am Uni-Inventar und an Kraftfahrzeugen, die sich in der Nähe des Campus befanden, hat dazu geführt, dass ab sofort keine Partys mehr in der Uni stattfinden. Die Außerhauspartys werden außerdem mit einer Extra-Aufwandsgebühr von 5 € pro Partygast belegt, so dass nunmehr ein Gesamteintrittspreis von stolzen 7 € zu zahlen ist, nicht zuletzt, um Jungenträume von Feuerwehrmännern weiterhin Träume sein zu lassen. Hierzu lest ihr natürlich keinerlei Presseberichte, wohl zu peinlich. Oder doch nur ein Gerücht?
Auf private Zwistigkeiten, Liebesgeplänkel und sonstigen Soap-Stoff im Dozentenkreise soll an dieser Stelle verzichtet werden. Und ganz ehrlich: Solche Gärtner- und Wer-mit-wem-und-wie-gut-oder-schlecht-Geschichten ändern sich ja doch täglich, so dass man Gefahr läuft, nicht nur längst Gewesenes zu veröffentlichen, sondern dafür auch noch eine Verleumdungsklage zu kassieren. Unschön!
Was sonst noch ganz interessant sein, mit der gut gefüllten Hochschulkasse finanziert werden und euch zu Gute kommen könnte, wären folgende Vorhaben: So wird die Hochschule Vechta ganz bald einen neuen Bühnenboden in der Aula erhalten, die Unibibliothek völlig neu konzipiert und ein (richtiger) Hörsaal nebst weiteren Seminarräumen gebaut. Ach ja, dann wird die Mensa erweitert, wofür allerdings der wirklich schöne Innenhof weichen muss; hinzu kommt eine weitere Essensausgabe, die nur Alternatives anbietet – versprochen! Und als wäre das nicht genug, wird der Campus wetterfest gemacht, d.h. ihr könnt bald im Trockenen über den Campus flanieren, unterirdisch und/oder über die überdachte Fußgängerbrücke. Ein Traum, nicht?
Und an eben dieser Traum-Uni könnt ihr bald mit nur einer Karte, die gleichsam euer Studentenausweis ist, kopieren, Bücher ausleihen und das Essen bezahlen und natürlich Bahn fahren bis nach Meppen und noch weiter. Das einzige Manko: Das alles hat seinen Preis. Für stolze 800 € ist das Studienpaket in Vechta dann zwar ein wenig teurer, aber es lässt auch keine Wünsche mehr übrig. Und nicht vergessen: den Gutschein für einen Tee in der Sprechstunde eines Dozenten eurer Wahl einlösen! In diesem Sinne immer schön weiter studieren an der baldigen Universität Vechta.
von René Kohn

Klar (ver)strahlt memon®

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
memon13
Wie schädlich ist
elektromagnetische Strahlung?
© Gerd Altmann (geralt) / ThreeDee (filter forge) / PIXELIO
“Die neue Quelle der Macht ist nicht mehr Geld in der Hand von wenigen, sondern Information in den Händen von vielen.” (John Naisbitt *1930, amerik. Prognostiker)
Gut gesprochen, klingt auch gut, doch mit der Realität gebrochen. Denn die Information in diesem Fall kostet. Die Information, die per „destruktiver Interferenz“ die elektrosmogerfüllte Umgebung von pathogenen Informationen „befreit“, auch Reharmonisierung genannt.
Kurios mag dieser Gedanke allein deshalb anmuten, weil wissenschaftlich eindeutige Beweise für die schädigende Wirkung elektromagnetischer Strahlungen auf unseren Organismus fehlen. Zugleich erklären einige Menschen die sie umgebenden elektrischen Geräte (genau: die elektromagnetische Strahlung dieser) zum Auslöser von Krankheiten (bis hin zu Krebserkrankungen) und diesen versucht memon® durch eben das Prinzip der „destruktiven Interferenz“ zu helfen.
„Destruktive Interferenz“ obliegt nicht unserem allgemeinen Sprachgebrauch, so versuche ich eine Metapher: Dieses Blatt Papier sei der Träger der Information (so wie ein Handy, eine Stereoanlage oder ein Laptop). Ebenfalls Träger der Information wären die aneinandergereihten schwarzen Lettern. Information entledigt sich nun des materiellen Bereiches und ist immateriell (wie die elektromagnetischen Schwingungen des Handys, der Stereoanlage oder des Laptops). Das wäre dann meine inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser Kuriosität. Durch diese beeinflusse ich den Leser oder die Leserin nun entweder negativ, positiv oder gar nicht (neutral). Voraussetzung ist natürlich, dass der Empfänger der Information die Fertigkeit besitzt, bezogen auf diesen Fall, deutsch zu lesen und durch entsprechende organische Ausstattung (die Augen) befähigt ist zu sehen.
Ausgehend davon, dass mein Einfluss (wie es der der elektromagnetischen Strahlung hier tun soll) negativ auf Dich wirkt, tritt memon® dem damit entgegen, einen anderen Träger mit Informationen zu besetzen, die die negativen aufheben und somit unschädlich für den Organismus machen. Anschließend werden salutogene Informationen „aufgespielt“, die den Informationen des Körpers entsprechen sollen. Der Homöopathie entstammt der Satz „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“. Die memon®-Technologie heilt Gleiches mit Gleichem, da sie die Frequenzen der negativen Informationen genau ermitteln kann, um entsprechend reharmonisierende Frequenzen entgegenzusetzen. Hier hinkt meine Metapher, denn meine Informationen würden durch einen Gegenbeitrag nicht komplett aufgehoben werden. Dies soll jedoch bei der Technologie in Bezug auf die elektromagnetischen Strahlungen der Fall sein, sodass diese keinen negativen Einfluss mehr auf den Empfänger hätten (wie – um die Metapher wieder aufzugreifen – ein unbeschriebenes Blatt weißen Papiers).
Anm. der Autorin: Dies ist ein Laienartikel. Studierende der Hochschule Vechta sowie jeder, der sich berufen fühlt, sind herzlich eingeladen etwaige Logikfehler per Kommentar zu korrigieren.
Um nun auf das eingangs Zitierte zurückzukommen: Informationen bezüglich des Preises gibt es auf der Homepage leider nicht zu finden. Die Größe des 4-Systeme-Transformers, welcher eins der Produkte darstellt, variiert mit den Bedingungen des Hauses (Größe, Leitungen etc.) Der Handy-Transformer liegt in dem Bereich von ca. 100 Euro.
Ein Wunsch, der sich bezüglich dieser Kuriosität in mir entwickelt hat, ist, dass es sehr bald fundierte Belege für die Wirkung elektromagnetischer Strahlungen auf unseren Organismus gibt. Dann könnten Elektrounternehmen beginnen, ihre Geräte mit entsprechenden Entstörgeräten zu versehen, um damit auch jene Nachfrager zu erreichen, die sich aufgrund ihrer Skepsis noch scheuen. Denn: wir bräuchten dann nicht auf den Standard verzichten, der mit diesen Geräten einhergeht und unser Organismus müsste nicht auf seine Gesundheit verzichten – wenn es stimmt, das mit den krankmachenden Strahlungen.
Um sich näher zu informieren und der Wahrheit des Kuriosen auf den Zahn zu fühlen: siehe www.memon.eu
von Johanna Olberding

Herrentag – Ein Prost auf die Männlichkeit

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Es scheint die Sonne. Blauer Himmel weit und breit. Perfekter kann ein Tag nicht starten, welcher unsere vollkommene Männlichkeit krönt.
Stets am Vierzigsten Tage nach Ostern ziehen wir dahin, in unsere Wälder, an unsere Seen, bepackt mit Bollerwagen und Schubkarren, mit Alkohol bis an die Zähne bewaffnet.
Heute wird ein langjähriges, traditionelles Fest gefeiert. In den neuen Bundesländern vielmehr als „Männertag“ bekannt und hier auch weitaus beliebter in der Durchführung, wird jedes kirchliche Palaver anlässlich „Christi Himmelfahrt“ im gegärten Keim erstickt und sich auf das spezialisierteste Können der Männer konzentriert: Saufen.
Kaum jemand, welcher heute grölend unterwegs ist, kann verraten, aus welchem Anlass diese gewaltige Zeremonie durchgeführt wird, wie und wodurch sie entstanden ist, allgemein bekannt ist jedoch: Wenn Männer ihres Geschlechtes frönen, erreicht die Anzahl der Verkehrsunfälle und Schlägereien den totalen Jahreshöhepunkt.
In den brechend vollen Zügen liegt schon kurz nach neun am herrlichen Morgen der aufdringliche Duft von Alkohol in der Luft. Doch stören sollte es keinen, denn wer an diesem Tage nüchtern auf den Spuren aller stolzen Männer wandelt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Ausdünstungen jeglicher Art die hartnäckigsten Begleiter sind.
Was früher absolut tabu gewesen ist, schleicht sich seit dem Mauerfall allmählich mit in das Geschehen: Frauen. Im Rahmen der Emanzipation und annähernder Gleichberechtigung beider Geschlechter, konnte sich auch der konventionelle Herrentag nicht gegen diese Entwicklung erwehren. Unter den Älteren erzählt man sich augenzwinkernd, dass zu Zeiten der DDR plötzlich auftauchende Schaffnerinnen gnadenlos aus dem Zug geschmissen wurden. Heute haben sich die Ansichten geändert, die Anzahl weiblicher Mitwanderer hat sich enorm vergrößert, auch wenn diese sich fortwährend unbedacht perverse Kommentare von sabbernd geilen Männerscharen anhören müssen. Das wohl letzte Recht, was den Männern an diesem Tage verblieben ist, zugegeben: meist nur von der minderbemittelten Sorte in Anspruch genommen.
Auch Kinderbeine rennen häufiger neben einem her. Historisch betrachte war zu einem Herrentag jedoch der jüngste Wanderer der heranwachsende Bub, welcher in die fröhliche Sauferei eingeweiht wurde. (Heute lernen Jungs so etwas eher bei Flaschendrehen und Flat-Rate-Partys. Ohne Papi aber dafür mit Mädels.) Es ist also klar erkenntlich geworden: Der Herrentag hat sich teilweise zu einem beherzten Volksfest entwickelt.
Bildquelle: aboutpixel.de / mexcian drunken [3] © Christoph Ruhland
“Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar”
Herbert Grönemeyer, Männer
Dennoch: Es tauchen unentwegt alte verbissene Narren auf, welche den Zahn der Zeit nicht erkannt haben und noch immer auf ihr abgelaufenes Anrecht pochen, an genau diesem Tag keinem Weib ins Antlitz schauen zu müssen. Und so werde auch ich, trotz Bart und tiefer Stimme, auf eine schwer verdauliche Art und Weise beschimpft, indem ich mich in Begleitung einer Frau wiederfinde. Zwei Minuten später beginnt der alte Kerl aus Enttäuschung zu weinen. Obwohl man dazu geneigt ist, dem hohen Alter Respekt darzubieten, weiß ich just in dem Moment nicht, ob ich mitfühlen oder lachen soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Ein Prost auf die Männlichkeit.
Der Rest ist schnell erzählt: Es wird den ganzen Tag getrunken, viel gesungen, getanzt und gelacht. Später wird vermehrt gegrölt, geschlagen und demoliert. Man ergibt sich dem anschleichenden Nebel geistiger Unzurechnungsfähigkeit und am Ende passiert das, was stets durch zu viel Alkohol und Testosteron geschieht: Es artet aus.
von Tobias Kunz

Auf den (Akupunktur-) Punkt ohnmächtig

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Als eigentlich ablehnende Person fernöstlicher Medizin verlasse ich als Redakteurin meine private Einstellungs- und Glaubenszone und so war ich während der Suche nach Kuriositäten fast allem offen zugewandt. So auch der Akupunktur. Eine Krankenschwester des Familienkreises hatte sich in diesem Bereich weitergebildet und trägt ihr Material zur Behandlung meist dabei. Es schien alles vorbereitet: eine kurz bevorstehende Familienfeier, meine Kopfschmerzen (und die Unlust, mit Kopfschmerzen auf einer Feier zu sein), sowie das uniVista-Titelthema.
Nach kurzem Zögern entschied ich mich für „Mein erstes Mal Akupunktur“. Bis vor einiger Zeit waren Spritzen und Nadeln für mich kein Grund zur Aufregung. Doch seit einiger Zeit… Also: Ängste schnell in die Verdrängungszone geschoben, machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich. „Wo sind denn die Kopfschmerzen?“„Von der Schläfe nach hinten ausgehend“, antwortete ich. Zunächst platzierte sie eine Nadel direkt zwischen meinen Augen, dann zwei in meinem Nacken – bis dahin alles in Ordnung – dann eine in der Nähe meiner linken Schläfe, dann an der rechten. „So, fertig. Alles gut?“ Ich nickte. „Ich geh jetzt rüber. Wenn was ist, meld dich.“ „O.K.“ Dabei spürte ich schon ab dem Moment, an dem sie die letzte Nadel platzierte, dass sie mit dieser Nadel eine sensible Stelle getroffen hatte. Eine Spannung zog sich von rechts bis in die Mitte meines Gesichts. „Mmmhh“, dachte ich, „auf jeden Fall passiert etwas mit mir, soviel Zauber kann es dann ja auch nicht sein…“
akupunktur13
Es gibt rund 400 Akupunkturpunkte.
© Sabine Weiße / PIXELIO
Seit einigen Jahren mit einem leichten Tinitus lebend, der einem stetigen hohen Ton gleicht und durch Umweltgeräusche gut gedeckt kein Störenfried ist, begann dieser auf einmal, seinen Sound in meinem Ohr in ein schrilles Klingeln zu verändern. Das Gespräch zwei weiterer anwesender Personen wurde übertönt, denn der Tinitus war lauter denn je und lauter als jene piependen Töne im Ohr, die nach dreistündiger Beatboxbeschallung noch im Bett nachklingen. Während sich vor meinem geistigen Auge eine psychisch gefolterte Zukunft mit dieser Art von Tinitus abzeichnete, wurde mir übel und kurz darauf schwarz vor Augen und ich wusste, gleich werde ich ohnmächtig… „Ähm“, rief ich, „kann man eigentlich auch davon ohnmächtig werden?“ „Nö, eigentlich nicht. Wieso?“ (Gott sei Dank, war sie noch da und nicht schon rüber gegangen!) „Weil ich gleich ohnmächtig werde…“ Mit ziemlich flinken Fingern und Geschick zog sie mir die Nadeln wieder aus dem Kopf. Der drohenden Ohnmacht war zunächst abgeholfen. Ich legte mich nun auf‘s Sofa und begann zu beten: „Oh Gott! Oh Gott, bitte nimm dieses Klingeln aus meinen Ohren, damit kann ich nicht leben.“ Und: „Es tut mir Leid. Ich kenne doch die Spekulationen darüber, dass fernöstliche Medizin okkulte Hintergründe haben soll. Es ist doch nur ein Experiment im Rahmen der uniVista. Aaahhhh! Hilfe!“
Ein Foto als Beweis wäre natürlich toll! Aber dafür hatten wir leider keine Zeit und ich auch nicht den Kopf. Aber: Da ich unbedingt wissen will, was sie bei mir „erwischt“ hat und ob das Gleiche noch mal passiert, wird es vielleicht noch ein zweites erstes Mal* geben! Vielleicht…
von Johanna Olberding
* Ein auf Heraklit zurückgeführter Aphorismus sagt: „panta rhei: Alles fließt.“ Man kann den gleichen Fluss nicht zweimal durchqueren. Beim zweiten Mal ist der Fluss ein anderer, und man ist auch ein anderer, nachdem man den Fluss einmal durchquert hat.

“Wo man singt, da lass’ dich nieder…

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
singt1
Klein fängt man an.
Foto: Lea Weber
…böse Menschen haben keine Lieder.” Das wusste schon Oma. Wenn ich mir die vier Jungs, die gerade vor mir stehen, so ansehe, glaube ich: Oma hatte recht. Es ist Dienstag nachmittag. Wir sitzen im Musikraum unter der Aula. Ich bin eingeladen zu einer Probe von Safet, Benjamin, Boris und Florian, den Jungs von d’Accord. Nachdem sie mit dem Comedian-Harmonists-Klassiker Mein kleiner grüner Kaktus bereits zur Einstimmung meine vollste Begeisterung ernten, darf ich einen kleinen Einblick in die Entstehung des d’Accord-Programms erhaschen.
Für den Sommer ist das große Konzert angekündigt, eine hoffentlich ausverkaufte Aula und, so sagen die Jungs, vielleicht die Zündung für die musikalische Karriere von d’Accord. Dafür werden nun nicht nur die älteren Barbershop-Klassiker aufpoliert, sondern auch neue Songs geschrieben, einstudiert, an ihnen herumgefeilt und weiter geprobt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.
Safet Fotiou
Studiengang: Germanistik, Sport.
Ich bin in Vechta seit: 2002.
Eigentlich komme ich aus: Rotenburg a.d. Wümme.
Wenn ich gerade nicht studiere oder singe, dann: schreibe ich die Songs für d’Accord, verbring die Zeit mit meinen Lieben und mit FIFA-Spielen mit Benni und Daniel.
Ich kann dieses Instrument spielen: Klavier.
Mein größtes Musikalisches Vorbild: Da gibt es einige.
Mein momentaner Lieblingssong: Wire to Wire von Razorlight.
Das letzte, das ich gekauft habe: Monte.
Mein Lieblingskuscheltier ist: Pandabär.
Ich könnte nicht leben ohne: Musik, meine lieben Mitmenschen, Sport, d’Accord.
Besonders stolz bin ich auf: Barack Obama.
Vechta ist für mich: ein sehr wichtiger Lebensabschnitt.
Der schönste Platz auf der Welt ist: Das erzähle ich euch lieber nicht. ;-)
Dabei sind wir genau an dem Ort, an dem alles begann. Flo und Safet trafen sich 2004 hier im Musiktrakt. Zusammen mit Safets Bruder Edin und André, einem weiteren Freund, fand sich zunächst die Gruppe Capella-A zusammen. Sie sangen Stücke von Boys II Men, NeYo und anderen bekannteren R&B-Größen.
Über den Hochschulchor ergab es sich, dass sich Safet und Flo mit Boris, dem Musikdozenten Klaus Werner und Daniel, einem weiteren Musikkommilitonen, als Barbershop-Quintett mit We will rest a while innerhalb eines größeren Musikprojekts zusammenfanden.
Klaus Werner, Safet, Flo und Daniel beschlossen nach diesem Projekt, das Barbershop- (nun) Quartett aufrecht zu erhalten und übten weitere Barbershop-Klassiker ein. Als Daniel Vechta verließ, trat Boris dafür an dessen Stelle und brachte Benni, den er aus der Studentenbühne kannte, gleich mit.
singt2
Proben vor dem großen Auftritt
Flo, Safet, Boris und Benni
Foto: Lea Weber
Nach einigen Auftritten mit dem Fach Musik und dem Hochschulchor kam 2008 die Anfrage unserer Hochschulpräsidentin, ob die Jungs nicht bei der Hochzeit ihrer Tochter für die musikalische Abwechslung sorgen könnten. Diese Anfrage setzte dann den Startschuss für d’Accord. Mit dem Gedanken, Auftritte zu machen, dabei ein bisschen Geld für die weitere Finanzierung des Projekts “A Capella Band” zu verdienen und damit das Programm noch weiter auszubauen, musste zunächst ein passender Name her. Irgendwer von den Jungs habe die Idee einfach mal so in den Raum geworfen. “Ja, und dann dachten wir: in d’Accord, da hört man das Wort ‘Chor’ raus und man liest das Wort ‘Accord’, also Dreiklang und es heißt ‘Einverstanden’. Und damit waren wir dann alle… einverstanden!”, erzählt Safet.
Florian Voigt
Studiengang: Master Ed (Musik / Gestaltendes Werken).
Ich bin in Vechta seit: dem WS 2004.
Eigentlich komme ich aus: Cloppenburg.
Wenn ich gerade nicht studiere oder singe, dann:lache ich viel.
Ich kann dieses Instrument spielen: Schlagzeug, Percussion, Klavier, Blockflöte, E-Bass, Mundharmonika.
Mein größtes Musikalisches Vorbild: Frank Sinatra, Herbert Grönemeyer.
Mein momentaner Lieblingssong: A Capella auf dem Teller (Anm. d. Red.: von d’Accord).
Das letzte, das ich gekauft habe: nen Kaffee bei Jörg.
Mein Lieblingskuscheltier ist… : Waldbär.
…und heißt: Waldbär.
Ich könnte nicht leben ohne: Mensa! Grüße an Karin, Rudi, Inge, Melanie, Matze und Renate und natürlich alle, die ich vergessen habe!
Besonders stolz bin ich auf: meine Jungs!
Vechta ist für mich: ein großes Rätsel!
Der schönste Platz auf der Welt ist: auf der Bühne.
Neben neu einstudierten Songs von den Comedian Harmonists und den Beatles, kamen nach und nach die ersten selbst komponierten Lieder dazu. Safet steuert hierfür die Ideen, Texte und Melodien bei, die die Jungs dann gemeinsam zur Perfektion bringen. Die Songs spielen mit der Sprache. Die Schwierigkeit beim Einstudieren ist allerdings, dass Safet nie gelernt hat, Noten zu lesen oder zu schreiben. Die Harmonien entstehen daher alle nach Gehör – sicherlich keine Selbstverständlichkeit für eine A-Capella-Gruppe.
Ortswechsel: Rasta-Dome Vechta. Es ist Samstagabend, die Basketballer des SC Rasta Vechta spielen gegen den Oldenburger TB. d’Accord sind als Pausenact für das Spiel geladen. Noch ist die erste Halbzeit mitten im Gange.
Ein festes Ritual vor Auftritten haben die Jungs nicht. Der Ablauf wird noch ein paar Mal abgesprochen, “Tourbusfahrer” und seelische Unterstützung Daniel wird zum wiederholten Male erklärt, welchen Schalter er für die Boxen gleich betätigen soll und ständig huscht ein Blick zur Anzeigetafel, wie lang es noch bis zur Pause ist. Auch wenn alle vier bereits einige Bühnenerfahrung sammeln konnten, ist das Lampenfieber nicht zu leugnen. “Ach, ich glaub, das geht nie ganz weg. Aber ohne geht’s auch eigentlich gar nicht.”, sagt Benni.
singt3
Safet, Flo, Benni und Boris
im „Studio“
Foto: Lea Weber
Die erste Halbzeit ist vorbei, die Jungs werden vom Hallensprecher angekündigt und starten ihre Perfomance mit dem eigens komponierten Rasta-Vechta-Jingle: “…. Ich sing’ Rasta, ihr singt Vechta: Rasta..” “Vechta!”, grölt das Publikum zurück. Auch der Applaus auf Die Kugel fliegt wieder, ein Basketball-Rasta-Song, der aus dem ebenfalls von d’Accord stammenden Die Pille rollt wieder umgeschrieben wurde, zeugt von der Begeisterung des Publikums. Die Jungs kommen an.
“Hat sich eigentlich etwas geändert, seitdem d’Accord öfters öffentlich auftritt?”, will ich wissen. “Na ja, man wird schon öfters gegrüßt auf der Straße oder an der Uni – auch mal von Leuten, die man gar nicht kennt. Und Ulla spricht uns jetzt alle mit Namen an.”, erzählt Flo.
Wir sind zurück bei den Proben im Musiktrakt der Uni. Klaus Werner ist heute dazu gekommen, um die Jungs zu unterstützen. Dabei ist die Atmosphäre wie unter Freunden, nicht wie unter Studenten und deren Professor. Dabei merkt man allen an, wie viel Spaß sie an der Sache haben und dass selbst die zehnte Wiederholung eines Liedes an diesem Tag bei der Pointe immer noch ein Grinsen auf die Gesichter der Sänger setzt. Das Strahlen in den Augen lässt vermuten: Da kommt noch Größeres auf die vier jungen Herren zu.
Benjamin Grabbe
Wie ist dein zweiter Vorname? Nils.
Studiengang: Bachelor (Sport, Deutsch).
Ich bin in Vechta seit: 2005.
Eigentlich komme ich aus: Osnabrück.
Wenn ich gerade nicht studiere oder singe, dann: spiele ich Xbox 360 oder mache Sport oder gehe ins Kino.
Ich kann dieses Instrument spielen: Ich konnte mal Klavier spielen, hab es aber lange nicht mehr gemacht.
Mein größtes Musikalisches Vorbild: hab keins.
Mein momentaner Lieblingssong: Die Welt zu Gast bei Freunden von Basta.
Das letzte, das ich gekauft habe: Fladenbrot und Käse beim Türken.
Mein Lieblingskuscheltier ist… : ein kleiner Affe.
…und heißt: Mary II.
Ich könnte nicht leben ohne: meine Fans. ;-)
Besonders stolz bin ich auf: mein Laminat und den Tisch in der Wohnung.
Vechta ist für mich: ein stark überdurchschnittlich reiches Dorf mit einer schicken Uni. *schleim*
Der schönste Platz auf der Welt ist: dort, wo ich mich gerade befinde. (Anm. d. Red.: in der Küche der Autorin???)
Zunächst ist als großes Event das Konzert am 24. Juni in der Aula angesetzt. “Das Größte wäre es natürlich, vor einer ausverkauften Aula zu singen.” , sagt Boris und fügt hinzu: “Wir hoffen ja doch so ein bisschen, dass das so ein Durchbruch für unsere musikalische Karriere werden könnte.”
Freuen können sich die Zuhörer bei diesem Konzert auf einen sehr unterhaltsamen und kurzweiligen Abend. Alte Comedian-Harmonists-Klassiker, so wie weitere Highlights der Musikgeschichte wechseln sich ab mit den eigenen Songs von d’Accord.
Ich durfte die vier Jungs ja in den letzten Wochen ein Stück weit begleiten und bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das große Ereignis erfahren… und Oma hatte wirklich recht, wo diese vier Jungs singen, kann man sich beruhigt niederlassen und sich auf sehr gute Unterhaltung freuen!
Für die weitere Zukunft kann ich nur raten: Wise Guys, Basta und Konsorten: Hört euch die Jungs gut an: Ihr seid dabei Konkurrenz zu bekommen….
Sekt oder Selters
singt4
Flo, Benni, Boris und Safet
bei ihrem Auftritt im Rasta-Drome
Foto: Lea Weber
Bohlen oder Beethoven?
Benni: Bohlen.
Boris: Beethoven, als Musikstudent muss ich das sagen…
Safet: Beethoven.
Flo:: äh…. Bohlenhoven.
Tagträumer oder Tatendränger?
Safet: Tagträumer, auf jeden Fall.
Flo: Äh… Tagträumer.
Benni: Joa, auch Tagträumer.
Boris: Ja, nehm ich auch.
Flo: Da sind wir alle d’Accord.
Lästerschwestern oder Schweigen der Männer?
Safet: Schweigen der Männer.
Flo: Lästerschwestern.
Benni: Lästerschwestern.
Boris: Ich nehm das Schweigen
Boris Blömer
Wie ist dein zweiter Vorname? Maria.
Studiengang: Master Ed (Anglistik/ Musik).
Ich bin in Vechta seit: langem.
Eigentlich komme ich aus: Vechta.
Wenn ich gerade nicht studiere oder singe, dann: im Moment, nichts.
Ich kann diese Instrumente spielen: Klavier, Marimbaphon.
Mein größtes Musikalisches Vorbild: Basta.
Mein momentaner Lieblingssong: Denkblockade (Anm. d. Red.: von d’Accord).
Das letzte, das ich gekauft habe: Monte.
Mein Lieblingskuscheltier ist: Kissen.
Ich könnte nicht leben ohne: die Musik.
Besonders stolz bin ich auf: das, was ich bisher geschafft habe.
Vechta ist für mich: die Heimat.
Der schönste Platz auf der Welt ist: einer, bei dem Freunde sind und wo Musik gemacht wird.
Freund der Sonne oder Fürst der Finsternis?
Flo: Ich bin Freund der Sonne.
Boris: Joa…
Benni: Finst der Fürsternis.
Safet: Jo, Freund der Sonne.
Tresenlehner oder Tanzflächenfeger?
Flo: Tanzflächenfeger.
Benni: Tresenlehner.
Safet: Tresenfeger.
Boris: Tresen…fe..leger…was? (alle lachen).
Benni: Tresenpfleger is auch schön!
Schlagsahne oder Schokosoße?
(längeres Schweigen)
Boris: Was? Schlagsahne?
Benni: Schokosoße.
Flo: Keins von beidem.
uniVista Sondern?
Flo: Bier!
Boris: Ich glaub, auch Schokosoße.
von Lea Weber

Bilderalbum
uniVista No. 12: d’Accord

Kuschelpädagogik und Wuthöhle

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
titel11a
Mehr Anonymität für TV-Familien!
© Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO
Mittlerweile ist die Fernsehlandschaft nicht mehr ohne die zahlreichen Sendungen mit scheinbar pädagogischem Format vorstellbar. Quote und Nachfolgeproduktionen geben zu erkennen: Die Nachfrage beim Zuschauer ist vorhanden, danach etwa, wie man sich zu verhalten hat, wenn etwas schief läuft in der Familie, eingedenk des Haustieres. Im multimedialen Rahmen erhalten die Bedürftigen Hilfe von Experten, oftmals Diplompädagogen, welche mit Rede und Tat und manchmal auch fragwürdigen Konzepten zur Seite stehen. Disziplin, Regeln, Prinzipien sind dabei immer wieder Schlagwörter, die fallen. Greift das Verständnis von Pädagogik durch und in den Medien zu kurz? Diese und weitere Fragen sollen im Folgenden geklärt werden. Als Gesprächspartner stand uns Dipl.-Päd. Andreas Hoenig zur Verfügung.
Greift das Verständnis von und durch die Medien zu kurz?
Also wenn ich mir die Medienformate, dir mir bekannt sind, betrachte, dann wird da ein Verständnis von Pädagogik kolportiert, das techniklastig ist und eine Heilsbringung in Extremsituationen verspricht, die ich für nicht machbar halte. Ich schließe mich damit Kritiken, zum Beispiel des DJI (Anm. d. Red.: Deutsches Jugendinstitut) an, die deutlich sagen, dass etwa die Frage der Nachhaltigkeit überhaupt nicht nachgewiesen ist. Ich bin aber auch nicht ausschließlich negativ-kritisch eingestellt gegenüber medialer Aufbereitung solcher Formate. Nur die Art und Weise, wie es gegenwärtig geschieht, finde ich mindestens fragwürdig.
„Interessant finde ich dann auch das Phänomen, umso rigider die Kollegin Saalfrank vorgeht, umso höher ist die Quote.“
Einmal etwas überspitzt formuliert: Jura-Studium bei Salesch (wahlweise auch bei anderen Gerichtsshows) und Pädagogikstudium bei Super Nanny? Verwirklicht sich hierin ein Bildungsauftrag der Medien?
Mit Sicherheit nicht. Vielmehr sind die Quoten von 15% und mehr ein Hinweis darauf, dass es einen absolut hohen Bedarf gibt. An der Stelle bin ich ein Befürworter medialer Bearbeitung solcher Fragen und ein Befürworter dessen, dass wir uns des Mediums Fernsehen bedienen, weil das nun einmal das Medium Nummer 1 Deutschlands ist. Aber natürlich sehe ich die mediale Aufbereitung, wie sie vor allem durch die Privatsender passiert, kritisch. In Videoclipform werden dramatische Lebenssituationen festgehalten und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt – da kann ich mich nur dagegen verwehren. Das kann so nicht sein. Was nicht heißt, dass das nicht grundsätzlich so sein kann.
Kommen wir doch einmal zu dem Auftrag von RTL. Laut RTL.de ist nämlich das Ziel der Super Nanny „eine fundierte Analyse, Besprechung der Erziehungssituation und eine individuelle pädagogische Beratung für die Eltern zu leisten“. RTL will nach eigener Aussage „mit diesem Format einerseits den betroffenen Familien eine Hilfestellung bieten, andererseits aber auch dem Zuschauer anhand von unterschiedlichen Fällen Lösungsansätze für Probleme in der eigenen Familie aufzeigen.“
Glauben Sie, dass dies mit diesem Format geschieht?
Das bezweifel ich. Ich bezweifle sogar den Ansatz. Natürlich versucht sich RTL in der Öffentlichkeit darzustellen, sozusagen, dass es kein Format sei, das auf Quote angelegt ist. Diese Darstellung halte ich für schlichtweg falsch. Natürlich agiert vor allem die Frau Saalfrank – und das ist im Grunde auch überhaupt die einzige, worüber ich mir ein Urteil erlauben kann – pädagogisch. Aber das Heilsversprechen, das da gebracht wird, ist, du hältst dich an einen gewissen Regelkatalog, Familienregeln – vom „Stillen Stuhl“ hat sie Gott sei Dank Abstand genommen – und dann ist das machbar. Die Krise ist anhand von ein, zwei, drei Interventionsmöglichkeiten, die sie zur Verfügung stellt, gelöst. Das ist vor dem Hintergrund der Sozialen Arbeit und der Arbeit mit Familien so nicht richtig. Es geht halt nicht so einfach. Und es werden wesentliche Aspekte, die wir als Vertreter der Sozialen Arbeit für wesentlich halten, außer Acht gelassen. Die Darstellung der Betroffenen, auf Seiten der Eltern vor allem die betroffenen Mütter, im Sinne von erzieherischer Inkompetenz, die Kinder als Monster, was sie de facto nun mal nicht sind, und die Väter finden weitestgehend überhaupt nicht statt – da wird ein Familienbild kolportiert, das nicht der Realität entspricht. Dramatische Verkürzung.
titel11b
Oft der einzige Ansprechpartner
© Rosel Eckstein / PIXELIO
Glauben sie, dass eine öffentliche Preisgabe des Privatlebens vor der Fernsehnation eine langfristig wirksame Stigmatisierung für die zur Schau gestellten Kinder, die Eltern, die übrigen Familienmitglieder und das weitere familiäre Umfeld zur Folge haben kann oder ist diese laut gewordene Kritik ebenfalls zu sehr in den Medien dramatisiert worden?
Also die Stigmatisierungseffekte, die da stattfinden, haben ihren dramatischen Höhepunkt erreicht bei dieser Folge mit dem 13-jährigen Mädchen. Und das war für mich genau der Punkt, an dem RTL sich mit seinem hehren Anspruch widerspricht. Nach meinem Kenntnisstand haben eine Mutter und ihre Tochter per einstweiliger Verfügung versucht, die Ausstrahlung des Formats zu verhindern, was nicht gelungen ist aufgrund vertraglicher Verbindungen, so dass es zur Ausstrahlung der Sendung kam. Mit der Folge, dass dieses Mädchen zumindest einen kurzfristigen psychiatrischen Aufenthalt und einen Zusammenbruch hatte. Und das konterkariert das, was RTL auf seinen Internetseiten als pädagogisches Format verkauft. Damit wird deutlich, worum es geht. Interessant finde ich dann auch das Phänomen, umso rigider die Kollegin Saalfrank – und wir haben beide die gleiche Ausbildung genossen – vorgeht, umso höher die Quote. Das gipfelt dann darin, dass ein 3-jähriges Kind auf dem Stillen Stuhl sitzen muss. Ein 3-jähriges Kind! Und da mache ich auch eine deutliche Kritik fest an Frau Saalfrank, die sich hier sozusagen vor den Karren des Senders spannt. Aber sie handelt nicht durchgängig unpädagogisch.
„Mich erinnert Frau Saalfrank in ihrer Methodik eher an so einen pädagogischen Wirbelsturm. Und ich befürchte, dass der, wenn er sich gelegt hat, eine ganze Menge Chaos hinterlässt.“
Wobei man sagen muss, dass gerade dieses Element ja aus der Sendung verschwunden ist. Es gibt keine stillen Orte mehr, weder Stuhl noch Treppe. Dieser Kritikpunkt, der auch laut geworden ist in den Medien, wurde also berücksichtigt. Haben Sie noch eklatant andere Puntke, die für Sie negativ auffallen?
Ein ganz wesentliches Moment, das für Schwierigkeiten bei diesem Format sorgt, ist diese Zeitschiene. Frau Saalfrank ist im Grunde genommen gezwungen sofort zu agieren, und das in ausgesuchten, höchst eskalativen Familien, die kein repräsentativer Querschnitt durch die Erziehungsrealität auch schwieriger Familien sind. Jetzt wissen wir, dass diese schnellen Reaktionen ein hohes Fehlerrisikio in sich birgt. Ich habe diese Sequenz vor Augen, wie sie über Funk coacht. Jetzt dies, jetzt das, jetzt jenes. Da stellt sich für mich die Frage: Was lernt ein Mensch an Erziehungskompetenz, wenn er so eine aus dem Psychodrama abgeleitete Methode des Alter Ego machen soll, also ferngesteuert agiert? Die Erziehungskompetenz wird hierdurch nicht erhöht. Der Kritikpunkt ist ganz klar die Reduzierung auf eine sehr technisch ausgerichtete Soziale Arbeit. Techniken sind die Lösung. Das alleine kann so nicht stimmen.
Es gibt natürlich auch eine umfassende Kritik der Deutschen Gesellschaft für Systemische Beratung, die sich absolut distanziert. Und natürlich distanzieren sie sich, weil es zuwider läuft gegen Grundsätze Sozialer Arbeit. Ich habe in Familien mit schwierigen Kindern gearbeitet. Und ich weiß, dass sich die Arbeit anders darstellt. Es gibt eben nicht den schnellen Erfolg. Und das, was das Format Super Nanny hier vorgibt, deckt sich eben hierin nicht mit meinen Erfahrungen. Außerdem muss ich sagen, dass ich es keiner Familie, mit der ich zusammengearbeitet habe, zugemutet hätte, diese Extremsituationen medial zur Schau zu stellen. Das ist mehr als grenzwertig. Das ist ethisch verwerflich.
titel11c
Kindern fehlen oft die Worte
© erysipel / PIXELIO
Dann würde uns doch einmal interessieren, was Sie der Super Nanny unter vier Augen sagen würden?
Ich glaube, ich würde ihr tatsächlich sogar zu ihrem Mut gratulieren. Ich meine, sich in die Öffentlichkeit zu stellen und zu agieren, da ist es vollkommen klar, dass sie dann auch Projektionsfläche wird. Sie stellt sich sozusagen zur Verfügung in ihrem beruflichen Handeln. Da gehört Mut zu, vor allem, wenn man sich einmal anguckt, dass viele Agierende der Sozialen Arbeit große Angst davor haben, dass man in ihre Karten guckt – diese Angst scheint sie überwunden zu haben. Sie stellt sich selbst ja auch öffentlich dar. Und sie hat ja auch gerade zu Anfang große Schwierigkeiten gehabt. Was ich gut finde ist, dass sie versucht, Einfluss zu nehmen auf eine weitere Pädagogisierung. Und das mache ich fest an der letzten Folge, die gelaufen ist, die dann medial aufgearbeitet wurde als ihre erste Niederlage. Frau Saalfrank gibt auf. Die Inobhutnahme. Da finde ich, dass sie absolut richtig reagiert hat. Sie hat nicht die schnelle Lösung geliefert, sondern ganz klar gesagt, da sei eine Grenze für sie, das könne sie nicht. Das war keine Niederlage, das war ein Sieg. Ich würde ihr den Mut auch hausintern wünschen, dass sie weiter versucht, das Format pädagogischer zu gestalten. Das ist zurückzuführen auf die Person Saalfrank, nicht auf den Sender, mein Eindruck. Und ich würde sie natürlich versuchen zu motivieren, das Format dahingehend zu verändern, dass erstens dieses Heilsversprechen ein bisschen relativiert wird und dass sie zweitens eine höhere Aufmerksamkeit auf den Schutz der Klienten legt. Andere Sender, insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen, nehmen sich auch den Erziehungsfragen an, aber die tun das anders.
„Es macht wenig Sinn, hier wieder in der Ecke zu sitzen und mit dem Moralfinger zu drohen, dass das alles nicht geht. Wir sollten das als fachliche Herausforderung für die Zukunft verstehen.“
Nun, aber gerade was den Schnitt und die Schnitttechnik angeht, kann man ja auch nachlesen, dass Frau Saalfrank selbst hierauf keinen Einfluss hat.
Nun, ich gebe jetzt auch ein Interview und weiß gar nicht, was nachher in der uniVista steht und wie das dann dargestellt wird.
Richtig. Das wird mediengerecht aufbereitet.
Weiter im Programm: Sie hatten gerade schon den hohen Marktanteil angesprochen und meinten, das sei Ausdruck von Bedarf. Meinen Sie nicht auch, dass sich dahinter ein Ausdruck von Sensationslust gleichsam verbirgt?
Ich glaube, es ist beides. Wesentlicher für mich ist jedoch ganz klar die Message, dass es Bedarf gibt. Vielleicht müssen wir uns fragen: Wie können wir diesen Bedarf auch verantwortlich befriedigen? Wie kann sich die Soziale Arbeit oder auch die Familienarbeit in der Öffentlichkeit anders darstellen? Oder auch die Arbeit mit Ausreißern oder ähnlichem. Es sind ja verschiedenste Formate. Natürlich geht‘s dabei auch um die Befriedung einer Sensationsgier, eines gewissen Voyeurismus. Und diese ganzen Sendungen, auch diese Ausreißer-Formate, zeichnen sich dadurch aus, dass ein Bild von Kindern und Jugendlichen gezeigt wird, das sie an den Symptomen misst. Wir gucken nur auf die Person und nicht auf das Symptom. Das ist das, was wir predigen. Du bist gut, dein Verhalten ist schlecht. Und so werden Menschen über ihr Verhalten oder über Verhaltensspitzen, wenn man so will, stigmatisiert. Also es ist nicht der Sven, sondern der jugendliche Ausreißer.
Wie realitätsgetreu ist das Format?
In der Realität stellen sich familienunterstützende Maßnahmen im Sinne von SPFH (Anm. d. Red.: Sozialpädagogische Familienhilfe) oder auch Familientherapien als langfristig angelegte Hilfsmaßnahmen dar. Die durchschnittliche Behandlungsdauer einer SPFH ist auf zwei Jahre angelegt und nicht auf einige wenige Wochen. Also erinnert mich Frau Saalfrank in ihrer Methodik eher an so einen pädagogischen Wirbelsturm. Und ich befürchte, dass der, wenn er sich gelegt hat, eine ganze Menge Chaos hinterlässt.
titel11d
Einsames Warten auf muntere Gäste
© Martin Müller / PIXELIO
Ein aktuelles Format, das für Sie derzeit einen pädagogischen Auftrag erfüllt?
In den Dritten des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens finden sich solche Sendeformate durchaus, aber auch die Sendereihe 37° im ZDF kann hier genannt werden. Auch hier gab es schon solche Folgen. Da sollten die Leute von RTL mal reinschauen, wenn sie das, was sie im Internet veröffentlichen, ernst meinen. Aber es ist natürlich klar, dass hier unterschiedliche Zielgruppen bedient werden sollen.
Es wird jedoch auch klar: Das Fernsehen bleibt das Bildungsmedium Nummer 1. Und wir nehmen es nicht wirklich wahr. Also es könnte ja auch von Seiten der Sozialen Arbeit versucht werden, aktiv solche Formate zu bilden, die dann wissenschaftlich abgesichert sind. Aber ich sehe diese Initiative nicht, das heißt aber auch, dass es wenig Sinn macht, hier wieder in der Ecke zu sitzen und mit dem Moralfinger zu drohen, dass das alles nicht geht. Wir sollten das als fachliche Herausforderung für die Zukunft zu verstehen.
Haben Sie denn eine Idee, wie eine Sendung aussehen könnte, die einen pädagogischen Inhalt hat und eine Hilfestellung für den „kleinen Mann“ sein kann?
Das ist eine gescheite Frage. Also ich hab das Konzept nicht im Schreibtisch. Mir ist im Augenblick auch keins bekannt. Aber ich glaube, dass deutlich geworden ist: Es gibt den Bedarf, und das vielleicht nicht nur aus Sensationsgier. Die Verzweiflung der Menschen in dieser Situation, und zwar aller Menschen, der kleinen und der großen, die da drin sind, ist immens. Stellen Sie sich mal den Alltag vor. Sie haben ja kein Alternativleben, selbst wenn sie sagen: Ich hab jetzt hier die Nase voll und geh in das nächste. Das können sie nicht.
„Ich werde mich auch in Zukunft nicht abends vor die Röhre quetschen, um eine pädagogische Fortbildung zu nehmen.“
Sie haben darauf hingewiesen, dass man das Bildungsmedium Fernsehen auch als eine Herausforderung für die Soziale Arbeit begreifen kann. Medienerziehung an der Hochschule Vechta. Findet das statt oder eher nicht?
Es gibt innerhalb der Studiengänge die Möglichkeit, medial zu arbeiten. Wir nutzen, ich kann das zumindest für unseren Fachbereich sagen, durchaus auch Medien. Wir tun das aber meiner Meinung nach noch nicht in der Form, wie wir das sollten. Ich halte das für ausbaubar.
Gibt es da Wunschvorstellungen?
Natürlich wäre eine bessere technische Ausstattung, welche die Arbeit mit neuen Medien möglich macht, gut. Also ich bin in meinen Veranstaltungen, ich kann das ja nur für meine sagen, ein recht techniklastiger Dozent. Ich würde das aber noch ausbauen wollen.
Ich halte das auch für ein geeignetes Medium. Nicht, um den Studierenden 90 Minuten einen Film zu zeigen, und das war dann meine Veranstaltung. Aber eine gezielte Anwendung medialer Formate, um Theorie durch Praxis zu unterfüttern, halte ich für sinnvoll.
titel11e
Kinder wollen wahrgenommen werden!
© Christine Becker / PIXELIO
Kommen wir zu einer Frage, die wir uns im Rahmen eines Streitgespräches in dieser Ausgabe stellen: Sind Lehrer Pädagogen?
Ja. Natürlich sind Lehrer Pädagogen.
Warum? Der pädagogische Anteil ist doch sehr gering im Studium.
Wie würden Sie das bezeichnen, wenn erwachsene Menschen sechs Stunden täglich mit Kindern arbeiten im Sinne von Bildung und Erziehung? Ich nenne das Pädagogik. Also natürlich sind Lehrer Pädagogen. Sozusagen Bildungspädagogen. Ich kann kein unpädagogischer Lehrer sein. Ich bin vielleicht ein schlechter oder guter Pädagoge, wie immer man das auch festmachen will. Aber ich bin einer als Lehrer. Man könnte die Frage ja erweitern: Sind Hochschullehrer Pädagogen? Ja.
(Es wird gezweifelt.)
Jetzt sehe ich ganz kritische Mienen. Aber natürlich sind wir das.
„Sind Hochschullehrer Pädagogen? Ja.“
Nun, aber der größte Anteil der Dozierenden, gerade auch in der Professorenschaft, sind sich ihrer Stühle doch sehr sicher und nehmen einen pädagogischen Auftrag nicht wirklich wahr. Da werden die Veranstaltungen 08/15 runter gerissen, welche Motivation da auch immer hinter steckt.
Da werde ich mich jetzt nicht zu äußern. Ich würde ganz gerne noch einmal zu den Lehrern zurückkommen. Ich kenne eine ganze Menge Lehrer. Ich weiß, dass in dieser Berufsgruppe ganze viele Leute ganz engagiert arbeiten. Ich lebe mit einer Lehrerin zusammen, und ich sehe und ich weiß, wie sie ihren Job macht. Und ich bin mit Lehrern befreundet, von denen ich weiß, dass sie sich einen Kopf um „ihre“ Kinder machen. Ich erlebe an Schulen eine zunehmende Bereitschaft, sich pädagogischen Fragestellungen zu öffnen, und zwar durch alle Schulformen hinweg, bis zum Gymnasium. Und ich habe in meiner kurzen Zeit, in der ich hier als Lehrender tätig bin, und in der Zeit, in der ich an Schulen tätig bin, um Konflikte zu lösen und Leute fortzubilden, festgestellt, dass die sich sehr stark öffnen. Also ich bin auf jeden Fall bereit, eine Lanze für Lehrer zu brechen. Für mich ist ein Lehrer ganz klar ein Pädagoge und er hat für mich den Anspruch darauf, dass ich ihn a) ernst nehme und dass ich ihm b) gute Motive unterstelle. Und wie in jeder Berufsgruppe mag es vereinzelt Leute geben, wo man sagt, naja, vielleicht hast du die falsche Berufsentscheidung getroffen. Aber das passiert auch bei Dachdeckern. Aber sagen Sie mir, waren Sie schon einmal in der sechsten Klasse, Hauptschule? Dann erzählen Sie mir mal, wie Sie das unpädagogisch lösen, wenn man rein versucht, Bildung zu vermitteln. Aber vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob man den Bereich Pädagogik – pädagogische Ziele bieten wir an im Lehramtsstudium – ein wenig mehr betont in diesem Studium. Ich glaube nämlich sehr wohl, dass die pädagogischen Herausforderungen nicht geringer werden.
titel11f
Bis hierhin und nicht weiter!
© Christine Becker / PIXELIO
Eben das wäre auch eine Frage: Inwiefern spiegelt sich dieses pädagogische Mehrbedürfnis, welches Sie gerade attestiert haben, im Lehramtsstudium überhaupt wider?
Also die genuine Aufgabe von Lehrern ist Bildungsvermittlung. Aber nichtsdestotrotz ist der pädagogische Auftrag vorhanden. Und ich glaube auch immer noch, dass wir Nachbesserungsbedarf haben. An einer Hochschule, die so aufgestellt ist wie unsere, ist es natürlich möglich, genau an der Stelle sozusagen nachzubessern. Ich halte heute Abend zum Beispiel ein Seminar, wo ich Studierende – allerdings der Sozialen Arbeit – dahingehend befähige, Sozialkompetenztraining an Schulen zu geben. Die werden das in der Praxis durchführen.
Da kann man als Lehramtskandidat direkt neidisch werden. Unser pädagogisches Studium ist praxisfrei. Das, was Sie schildern, wäre wünschenswert. Also auch einmal in die Praxis zu gehen und unter diesem Aspekt Erfahrungen zu sammeln.
Da bin ich natürlich mit dem Curriculum zu wenig vertraut. Aber noch einmal: Auch die Öffnung der Schulen hin zu mehr Sozialpädagogik findet statt. Das von der Bundesregierung initiierte Projekt „Jugendhilfe und Schule“, das sich zunächst der Vermittlung von Neunt- und Zehntklässlern in den Arbeitsmarkt beschäftigte, das fruchtet ja. Also ist Soziale Arbeit in den Schulen angekommen. Sie finden kaum noch eine Hauptschule, die nicht mit Sozialen Arbeitern ausgestattet ist, wenngleich es davon auch noch zu wenige gibt. Meistens ist das dann eine halbe Stelle für eine Schüleranzahl von 300 bis 600. Also die Kollegen, die da arbeiten, könnten noch eine ganze Menge Support gebrauchen. Aber Tatsache ist, da findet etwas statt.
Nun, es ging jetzt auch nicht darum, dass angehende Lehrer die gleiche Ausbildung erfahren wie angehende Soziale Arbeiter, aber darum, dass man Einblicke gewinnt. Dass die Kommunikation, auch für späterhin, besser klappt und die Konkurrenz zwischen Pädagogen und Lehrern herausgenommen wird, gerade im Bereich Schule.
Andreas Hoenig wurde
am 1. Februar 1963
geboren. Er ist
Diplompädagoge und
seit WS 2007/08 als
Lehrkraft für besondere
Aufgaben an der
Hochschule Vechta
beschäftigt. Er ist
Sozialtherapeut in
der Jugendhilfe und
AAT/CTT-Trainer.
titel11_hoenig
Foto: Andreas Hoenig
Ja, ich glaube allerdings, dass wir schon länger dabei sind, diese Grenzen zu überschreiten. Haben Sie die neueste Ausgabe des Fokus gelesen? Dort wird ein Projekt vorgestellt in Duisburg. „Duisburg schlägt keiner“ heißt das. Das ist ein Freund und Kollege von mir, der dort ein ganzes Kollegium fit macht und schult im Bereich sozialer Kompetenzen und Konflikttrainings an einer Schule für Erziehungshilfen. Dort findet sozusagen eine Pädagogisierung der ganzen Schule statt, aber immer vor dem Hintergrund, dass es hier um Bildungsvermittlung geht.
Die Tendenz geht ja auch dahin, dieses dreigliedrige Schulsystem aufzugeben. Ich halt das für den richtigen Weg, weiter Sozialarbeit in die Schulen zu integrieren, aber auch Lehrer auf der anderen Seite für sozialpädagogische Methoden zu öffnen und auch selber zu befähigen.
„Ich muss Bock haben auf das, was ich
tue und ansonsten sollte ich es sein lassen.
Ganz einfach.“
Was macht einen Superpädagogen aus?
Zunächst mal, dass er sich nicht für super hält. Also dieses Wort „super“ mag ich nicht. Was macht einen guten Pädagogen aus? (denkt nach) Ich könnte jetzt anfangen, hier irgendwie zwanzig Adjektive runterzumurmeln. Ich könnte auch die großen drei von Rogers benennen: Authentizität, Empathie, Wertschätzung.
Ich könnte mich auf Waldner berufen: 80 Prozent Empathie und 20 Prozent Biss. Er muss Lust an seiner Arbeit haben. Der muss Spaß haben an der Arbeit mit Menschen und muss sozusagen auch daran glauben, was er da macht und an die Menschen, mit denen er arbeitet. Der muss auch an die Fähigkeit des Menschen glauben, sich selbst zu helfen. Wesentlich ist: Ich muss das, was ich tue, mit Leidenschaft und gerne tun. Wenn ich das tue, habe ich ein gutes Zeug, um ein guter Pädagoge zu sein. Dann kommen noch ein paar Techniken dazu, man kann an seiner Haltung arbeiten. Aber ich muss Bock haben auf das, was ich tue und ansonsten sollte ich es sein lassen. Ganz einfach.
Wir bedanken uns für das Interview.
Das Interview führten René Kohn und Stefanie Bruns

Alle Jubeljahre – Jubiläen: It all started with a mouse…

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Jeder von uns hat ja so seine eigenen Helden der Kindheit. Um einen „Held“ ist aber wahrscheinlich ausnahmslos niemand von uns herumgekommen: Mickey Mouse. Auf Bleistiften, Bettwäsche und Zahnbürsten oder als Kuscheltier hat diese Maus uns alle ein Stück weit begleitet (oder tut es auch heute noch) und verkörperte dabei irgendwie immer einen guten Freund, der genau so ist wie man selbst sein möchte – jemand, der immer gute Laune hat, für jeden Blödsinn zu haben ist und der jeden Tag zu einem Abenteuer macht. Dass dieser Jemand in Gestalt einer Maus vom Alter her locker unser Großvater, vielleicht sogar Urgroßvater sein könnte, bemerkt dabei niemand…
Mickey Mouse in Asien
Am 18. November 1928 strahlte das New Yorker Colony-Theatre im Vorprogramm erstmals den Zeichentrickfilm Steamboat Willie (auf YouTube) aus – die Geburtsstunde von Mickey Mouse. Walt Disney selbst lieh Mickey, seiner Freundin Minnie und dem ewigen Bösewicht Kater Karlo (im Original: Peg Leg Pete) seine Stimme und steckte jeden eigenen Cent in die Produktion des ersten bekannteren Zeichentrickfilms mit Ton. Gezeichnet hat die Figuren allerdings Up Iwerk. Disney selbst brachte lediglich die Ideen zu sämtlichen Charakteren.
Nach dem Erfolg des Leinwanddebüts konnten die heiteren Geschichten um die kleine schwarze Maus und ihre Freunde ab Januar 1930 auch als Comic-Strips in amerikanischen Tageszeitungen verfolgt werden. Zur gleichen Zeit kamen die ersten Schulmappen mit Mickey Mouse Motiv auf den Markt – der Startschuss für eine inzwischen kaum vorstellbare Vermarktung von Lizenzprodukten aus dem Hause Disney. Durch die zahlreichen Themenparks, Produktionsfirmen, Fernsehsendern und Merchandise rund um die Maus und ihre Freunde ist der Disney-Konzern inzwischen das zweitgrößte Medienunternehmen der Welt (137 000 Mitarbeiter bei 35,51 Mrd. USD jährlich, Stand 07/08).
Über die Jahre wuchs die Anzahl der gezeichneten Disneyfamilie und auch Mickey selbst wurde einigen äußeren Veränderungen unterzogen: Die einst punktförmigen Augen wurden umrandet und waren so zu einer größeren Mimik fähig, Handschuhe prägten bereits ab 1929 das Auftreten der stilbewussten Maus mit der roten Hose, die Ohren wurden größer, die Hüften breiter und das Gesamtbild runder.
Seit den 1960er Jahren überließ Mickey die Kinoleinwand allerdings überwiegend den anderen Disney-Charakteren. Schade eigentlich. So mit 80 ist doch die Zeit reif für ein pompöses Kino-Comeback, finden wir. Denk doch bei einem Stück Geburtstagstorte mal darüber nach, Mickey!
von Lea Weber

Alle Jubeljahre – Jubiläen: Die Geschichte von B. und M.

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Boris Antonio und seine Schwester Maria Esclarmonde (im Folgenden B.A. und M.Ed.) hatten es von Anfang an nicht leicht. Mit ihrer Geburtsstadt hatten sie noch verhältnismäßig Glück. Im schönen Italien lag die Stadt, die ein wenig klingt wie eine berühmte Speise aus dem selben Land: Bologna. Und selbst mit der Familie war es gar nicht so schlecht um sie bestellt: Sie war riesengroß, und die Verwandten kamen aus fast allen europäischen Ländern. So weit so gut. Oder auch nicht? Der Schein trog, denn so toll es war, eine solch große Familie zu haben, sie alle, ob Tante Amelié aus Frankreich oder Onkel Karl Heinz aus Deutschland, sie alle hatten immer irgendwas auszusetzen und wussten natürlich immer alles besser. Egal, wohin sie reisten, und sie reisten viel und gern, immer war da jemand, der es besser wusste und auf den sie sich neu einzustellen hatten.
© magicpen / PIXELIO
Da kamen die beiden eines Tages auf die glorreiche Idee, die kurze Zeit, die sie ja immer nur zur Verfügung hatten, so gut wie nur möglich auszunutzen und stellten gemeine Dinge an. Ihr Lieblingsziel war zumeist die Universität der Stadt – merkwürdigerweise gab es in jeder Stadt, in der ihre Verwandten lebten, eine Universität. Hier stürmten sie die Büros, gingen an die Schränke und Schreibtische, tauschten Zettel aus, spielten mit dem Kopierer, fertigten Kollagen an… Schließlich zogen sie weiter und hinterließen, wie Kinder das nun mal gerne tun, ein gewaltiges Chaos, das Tante Amelié schon erleben durfte, was sie aber für sich behielt und ihrem Bruder Karl Heinz in Deutschland verschwieg. Hier nun wüteten die beiden in den vergangenen Jahren kreuz und quer durch die Republik und besuchten viele ihrer Verwandten.
Erst einmal ins schulfähige Alter gekommen, galt es natürlich, nebenbei einen Schulabschluss zu machen, und hier kommen wir nun wieder zum Anfang zurück, denn leicht, so haben wir festgestellt, hatten es die beiden nun wahrlich nicht. Die ständigen Wechsel und Veränderungen in ihrem Leben, kein wirkliches Zuhause, das fehlende stabile Umfeld – kein Wunder, dass die beiden Kinder ganz verunsichert sein mussten. Ihr chaotisches, zuweilen zerstörerisches Verhalten mag ein Ventil hierfür sein, dass niemand sie wirklich und für längere Zeit in ihr Herz geschlossen hat. Nur schwer fanden sie Anschluss, wenn sie wieder einmal neu irgendwo ankamen; sie waren oftmals sehr eigen, zuweilen sehr auf sich selbst bedacht, ohne wirkliches Interesse am Mitmenschen. Und was ihre Leistungen anging, nun, die wurden so unterschiedlich bewertet, so unterschiedlich Tante Amelié aus Frankreich und Onkel Karl Heinz aus Deutschland sprechen, der wiederum seinen schwäbelnden Bruder, den Peter, kaum verstand. Mal waren sie die Besten, mal Mittelfeld, mal die die Schlechtesten; manchmal kam es sogar vor, dass man gar nichts mit ihnen anzufangen wusste. Was habt ihr da gemacht? Und warum?, hieß es dann etwa, und B.A. und seine Schwester M.Ed. schüttelten die Köpfe. Keine Ahnung, wir haben das einfach so gemacht, sagten sie dann. Aber einmal abgesehen von dem mangelnden Sozialverhalten und den unterschiedlich bewerteten Voraussetzungen, wer ihnen vorwarf, sie lernten zu langsam oder seien immer nur abgelenkt, nun, denen kann gesagt werden, dass sie sehr tüchtig waren. Schnell holten sie Stoff auf und nach, erzielten gute bis sehr gute Ergebnisse und wurden schließlich in die Klasse 4 versetzt – Abschlussklasse Primarschule. Das ist jetzt.
© Thomas Kölsch / PIXELIO
Es geht um nichts weniger als um die Empfehlung für die weiterführende Schule. Es geht also um Weichenstellung für die Zukunft. Dass Züge, besonders schnellere, hierbei schon entgleist sind, ist kein Geheimnis, und ein wenig Angst können B.A. und seine Schwester M.Ed. auch haben: Eifrig dabei sind etwa 23.000 Kollegen von Karl Heinz und Peter, die Gleise zu demontieren. Sie, Professoren, Dozenten, Wissenschaftler, sprechen sich nämlich für eine neue Strecke aus. Der Weg des Geschwisterpärchens, wir konnten ihn ein wenig begleiten, habe nämlich alles andere als Erfolge gebracht: Viel zu viele wollen viel zu viele Interessen durchsetzen und vergessen darüber das, worum es einst ging, damals in Bologna: B.A. und MEd – das sollten Symbole, Garanten, Statusfiguren für Internationalisierung und Vergleichbarkeit werden. Und was noch? Kürzere Studienzeiten. Na gut, geschenkt. Letzteres kann man aber auch verdrehen: Quantität vor Qualität. Stichwort Scheuklappenstudium. Und was stellen wir hierzulande bei Karl Heinz und Peter noch fest? Es studieren nicht mehr StudentInnen – der Geschwisterboom um B.A. und M.Ed. blieb aus. Die Abbrecherquoten steigen. Stichworte: Gleiche Stofffülle bei kürzerer Studiendauer. Und bis man eine Person gefunden hat, die einem eine Prüfungsordnung erklären kann, nun, das war wohlmöglich auch früher schon nicht so einfach. Aber damals hatten sich die meisten an die alte Prüfungsordnung mittlerweile gewöhnt und wussten, was drin stand.
Hintergrund:
Im nächsten Jahr wird der Bologna-Beschluss 10 Jahre alt. Kein Grund zu feiern, sagen sich 23.000 Professoren und Wissenschaftler. Sie haben ihre Unterschrift dafür gegeben, dass sofortige drastische Gegenmaßnahmen bzgl. des Bachelor-Studienganges eingeleitet werden.
Abgesehen davon lässt die europäische Geschichte in Hinblick auf den Bachelarius-Abschluss keinen Optimiusmus für diesen versprühen: Immer wieder wurde er eingeführt, um einige Jahre später wieder zu verschwinden.
Welche Empfehlung also geben wir unseren künftigen Zehnjährigen im nächsten Jahr? Trotz tüchtigen Arbeitsverhaltens, trotz guter bis sehr guter Noten? Sollte man sie noch einmal wiederholen lassen, um Zeit zu gewinnen für die richtige Entscheidung und den hoffentlich richtigen Weg? Oder im Gegenteil: Schicken wir sie auf eine Schule für Hochbegabte und schauen, was passiert. Hier findet doch Förderung statt, wenn es auch nur für die Wenigsten ist (vgl. Studierendenzahlen). Oder sollten wir ein einfaches Ticket ohne Rückfahrt nach Bologna kaufen, und sie erst dann wieder in die weite Welt schicken, bis dort all die Zettel sortiert worden sind, die die beiden – man verzeihe es ihnen – durcheinander gebracht haben. Ich meine, mein Gott, waren wir nicht alle einmal neun Jahre alt und haben uns so benommen?
Wichtig bleibt, was schon immer wichtig gewesen ist für unsere Kleinen in der Gesellschaft, also auch für Boris Antonio und Maria Esclarmonde: Klare und nachvollziehbare Strukturen zu schaffen, ohne dabei die freie Entfaltung, die Kreativität und die Phantasie vollkommen zu verwerfen, denn das alles werden wir brauchen, um Lösungen zu finden, die dem Wirrwarr der derzeitigen Hochschullandschaft Europas Konstruktives entgegensetzen.
von René Kohn

Alle Jubeljahre – Jubiläen: Google dich mal!

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Google: Helfer bei der Suche
nach der Nadel im Heuhaufen
© Rose / PIXELIO
Ja, kein Witz. “Googeln” ist seit 2004 offiziell ein vom Duden akzeptiertes Verb. Für unsere Generation steht diese Tatsache vielleicht weniger zur Diskussion. Im Gegenteil, es gehört zum festen Wortschatz eines jeden von uns. Aber war das schon immer so? Wir blenden einmal zurück…
Die Lovestory Larry Pages und Sergey Brins begann am 7. September 1998 in einer kleinen Garage in Mountain View, Kalifornien. Wie auch bei anderen großen Liebespaaren der Geschichte, konnten sich Larry und Sergey zunächst einmal gar nicht leiden, bis sie die Idee einer Hypertext-Web-Suchmaschine namens Google zusammenschweißte und bis heute nicht losließ. Ihre Idee bestand darin, die Menge der Hyperlinks zu analysieren, die auf eine Webseite verweisen, um herauszufinden, welche Seite am beliebtesten ist. Die Idee dieser Suchmaschine wurde in die Tat umgesetzt und wird heute von mehr als 90% aller Deutschen als erste Wahl genutzt. Studenten nutzen Google bei jeder Gelegenheit, um zum Beispiel an Infos zu gelangen, eine geeignete Lokalität zum Essen zu finden oder das Abendprogramm auszukundschaften. Für die Macher gilt die Devise: Was man dort nicht findet, ist schlichtweg nicht existent.
Durch Kleinanzeigen nach Suchbegriffen wird das Unternehmen finanziert und bietet heute eine Vielzahl von Diensten, wie Bilder- und Videosuche, E-Mail, Kalender, Text- und Tabellenbearbeitung. Doch Google bietet nicht nur Onlinedienste, sondern auch zahlreiche Produkte, wie ein eigenes Handybetriebssystem oder das gut bewährte Medium, das Buch “Die Google-Ökonomie”.
All diese Dinge wurden jedoch nicht an einem Tag geschaffen. Die Lovestory der beiden Computergenies jährte sich in diesem Jahr zum 10. Mal. Und auch nach 10 Jahren lässt Google nicht nach. In den ersten acht Monaten des Jahres 2008 wurden eine kollaborative Wissensplattform (Knol), eine 3D-Chat Anwendung (Lively), Straßenansichten für noch mehr Großstädte und ein eigener Google-Browser (Chrome) gestartet.
Also kann ich nur noch sagen: Alles Gute zum 10-Jährigen und weiter so. Wir Studis brauchen euch!!!!
von Jessica Barbato

Alle Jubeljahre – Jubiläen: HIV

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Der HI-Virus reiht sich in unsere Jubiläumsserie ein. Vor nunmehr 25 Jahren wurde das Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) erstmalig von französischen und amerikanischen Forschern fast zeitgleich als solches benannt. Sie waren es, die herausfanden, dass das Virus über Blut, Sperma, Vaginalsekret, Liquor und Muttermilch übertragen werden konnte. In der heutigen Zeit ist HIV ein immer wichtiger werdendes Thema, denn die Anzahl der Infizierten steigt von Jahr zu Jahr, und das nicht nur in den sog. Drittweltländern, sondern auch in den Industriestatten!!!
Schaut man zurück in die Geschichte, so trat die Krankheit zunächst einmal nur bei homosexuellen Männern auf, später aber auch bei Drogenabhängigen oder Empfängern von Blutkonserven. Das Virus zeigte sich in Form von Hauttumoren, die Kaposi-Sarkomen genannt werden und endete tödliche. Heutzutage existieren Medikamente auf dem Markt, die das Virus eine Zeit lang eindämmen können, aber nicht vollständig ausrotten. Ebenfalls ist es nicht 100% sicher, dass das Virus bei einer infizierten Person ausbricht. Es gibt HIV positive Menschen, bei denen das Virus still im Körper verharrt und keine weiteren Schäden anrichtet. Leider betrifft das nur wenige. Es wird immer wieder empfohlen sich regelmäßig testen zu lassen, um eine unbewusste Übertragung zu vermeiden.
Die Rote Schleife (“Red Ribbon”) symbolisiert die Solidarität der Menschen mit den Infizierten. Sie trat erstmals von Prominenten getragen auf, die diese im Gedenken an verstorbene Kollegen trugen.
Obwohl die Forschung schon Großes geleistet hat, steht die Entwicklung eines Medikamentes, das den HI-Virus erfolgreich bekämpft, nach wie vor aus.
von Jessica Barbato

Sommerloch? – Nicht mit uns: Grillen

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Kulinarischer Genuss ???
Ich glaube, nach den Amis und Aussies sind wir Deutschen ziemlich groß im Grillen. (Damit meine ich jetzt das Herstellen kulinarischer Genüsse mit Hilfe von Glut und Flammen und nicht das Sonnenbanken.) Und vor allem wir Studierende. Sobald die ersten Sonnenstrahlen so etwas wie Sommer ankündigen (oder auch einfach den Aufenthalt unter freiem Himmel erträglich machen), wird in meinem Wohnheim, auf etlichen Balkons und Terrassen, gegrillt. Und das zumeist auf 10- 19 € Grills aus dem Supermarkt. Der ein oder die andere hat vielleicht noch einen Säulen-, Schwenk- oder Kugelgrill. Auch Einmalgrills sind durch Festivals oder Grillen im Park und am See bekannt.
Es ist auch nicht mehr nur die Wurst, die gegrillt wird. Längst haben alle möglichen Teile von allen möglichen Tieren den Rost erobert, darunter Geflügel, Fisch und ganze Ferkel. Aber auch vegetarisch grillen ist nicht mehr ganz so unnormal, gibt es doch in jedem Discounter neuerdings Grillkäse.
Also, was noch über des Studierenden liebste Essenszubereitung schreiben, wenn doch eh jede und jeder ständig grillt? Wir wollten es genau wissen: was man alles und auf welche Arten man es grillen kann?
von Julia Stock
Grillen ohne Rost
Es soll Situationen geben, in denen man einen Grill, Kohle, Anzünder und auch Grillgut dabei hat…aber keinen Rost! Kein Problem für den einfallsreichen Hungrigen: irgendwelche Stäbe schnappen, Wurst, Käse oder Fleisch aufspießen und über die Glut halten. Ist ein bisschen mühsam, wird auch mal warm an der Hand und zaubert keine Delikatessen, reicht aber fürs Sättigungsgefühl. Beim Käse ist zu beachten, dass der die Eigenschaft hat, zu schmelzen!
Mir wurde mal erzählt, man könnte in der Glut vom Grill eine Pizza – Calzone backen. Stimmt vielleicht auch. Aber erst, wenn die Glut schon ziemlich weg gebrannt ist!
So geht’s: Pizzateig vom Discounter kaufen, mit der mitgelieferten Tomatensauce bestreichen, die Hälfte mit Belag nach Wahl und Raspelkäse belegen, zusammenklappen und in Alufolie wickeln. Dann 5 Minuten von jeder Seite in die Glut. Aber wie gesagt: erst ganz am Ende! Zuvor könnt ihr einen normalen Durchgang grillen. Denn sonst wird die Calzone zu einer „außen schwarz und innen roh mit Brandaroma-Überraschung“. Grillbanane: Schön als Nachtisch oder fürs gute „Ich habe auch was Gesundes gegessen“-Gefühl: Bananen grillen. Dafür einfach die Banane ziemlich früh mit auf den Grill legen, ruhig an den Rand. Und dann schwarz werden lassen, zwischendurch mal wenden. Wenn die Banane innen weich ist (per Druck testen), runter nehmen, aufschneiden, mit Honig (oder Honig plus Cognac) beträufeln und auslöffeln.
von Julia Stock
Erd – Loch – Grill
Da standen wir nun. In dem Garten meiner Eltern. Was wir brauchten war eine uneinsehbare Ecke, in der wir ein Loch graben konnten – Erdlochgrill: Das war der Auftrag. Wir legten geschickte Hand an den Spaten, der im Laufe des Abends unter gleicher zu Bruch ging. Das Erdloch: ca. 20 cm tief, 30 cm lang und 20 cm breit. Mit einer Schicht Grill- und Holzkohle den Boden bedeckt, war der einzig effektiv und schnelle Weg zum Erreichen der Grilltemeperatur Brennspiritus. (Oh, wie das brannte… für Möchte-gern-Pyros ein höllisch heißer Himmel auf Erden…) Zurück zum Auftrag. Wir versuchten die Zartweizenbratlinge des Studentendinnerangebots und Eierkuchen (hierzulande Pfannkuchen) á la Oma Christa. Grillrost entnahmen wir einem üblichen Grill und eine Teflonbeschichtete Pfanne. Die Zartweizenbratlinge hatten leider nicht einmal die Möglichkeit, zu garen. Sie fielen auseinander und zwar bei jedem Wendeversuch. Ob Ei fehlte war die Frage aber wir konnten es nicht herausfinden. Nachdem der Frust die Bratlinge vom Grill vertrieb, versuchten wir uns an den Eierkuchen. Eine Geduldsprobe für alle Hungernden. Es dauerte, dauerte, dauerte, dauerte, dauerte….aber: Er schmeckte! Noch ein bisschen teigig – so mochte ich ihn.
Doch die Anderen wollten gare Eierkuchen, so versuchten wir per Höhenverstellungen durch weitere Grabung die Temperatur zu erhöhen. Ohne Erfolg und deswegen dauerte es dann auch leider nicht mehr lange, bis wir uns entschieden mit dem verbliebenen Teig an den Herd zu gehen.
Es funktioniert aber es dauert. Ganz im Gegensatz zum Löschen: Loch mit Sand füllen: Fertig! Nicht satt aber hoher Spaßfaktor!
von Johanna Olberding

Bilderalbum
uniVista No. 09: Grillen

Fleisch: gut durch – Studium: gut durch

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Was wir brauchen können
Zur Erinnerung: 1999 einigten sich in Bologna 29 europäische Länder auf ein gemeinsames Studiensystem, das den Bachelor- und Masterabschluss vorsieht. Mittlerweile sind es 46 Teilnehmerländer. Mit dem Bologna-Prozess sollten die bisherigen Hochschul-Abschlüsse Diplom, Staatsexamen und Magister abgelöst und ein erster Abschluss schon nach sechs Semestern möglich werden. An deutschen Universitäten sind derzeit mehr als die Hälfte der Studienprogramme auf die Bachelor- und Masterstruktur umgestellt. An den Fachhochschulen sind es fast 90 Prozent.
Exkurs 1:
Was den Geschmack des Fleisches betrifft sind wir uns einig. Viele Einflussfaktoren spielen hier eine Rolle. Das Fleisch selbst natürlich, das Wetter, der Grill, das Bier, womit wir dem Fleisch eine besondere Note verleihen, …, die Kohle. Ohne die Entdeckung des Feuers wären wir nicht, wo wir heute sind und auch das „Erster-Sonnenstrahl-Grill-täglich-raus“ im Studium wäre uns verwehrt gewesen.
© m.mieske / PIXELIO
Die brennende Kohle macht es uns möglich, dass uns während des Grillens schon das Wasser im Mund zusammenläuft. Der leicht rauchige Geruch, das Brutzeln … . Wie sieht es mit unserem Studium aus? Schon bei dem Gedanken daran verzieht es vielen das Gesicht, als hätten sie in eine saure Zitrone, anstelle eines saftigen Steaks gebissen.
Der Appetit vergeht?
Exkurs 1 Ende.
Besinnen wir uns kurz zurück auf das Ziel der, durch den Bologna Prozess eingeleiteten, Umstellung auf Bachelor/ Master. Ein kürzeres Studium, weniger Abbrecher, sowie bessere Qualität und Praxisbezug.
Ein kürzeres Studium ist es mit sechs Semestern durchaus. Ist es dadurch etwa weniger wert? Der Bachelor ist ein akademischer Abschluss. Und es steht außer Frage, dies einfordern zu müssen. Zur Frage steht aber, wie wir uns selbst hinter unseren eigenen Abschluss stellen… ?
Mehr Hochschulabsolventen sollten es werden, so hieß es. Derzeitige Zahlen sprechen jedoch von einer ansteigenden Zahl an Studierenden, die vor erreichen des Abschlusses das Studium beenden. Resultiert der Abbruch wirklich aus den veränderten Strukturen durch das Bachelor/ Master System oder liegt ein beachtlicher Teil vielleicht auch in der Korrelation Bachelor/ Master und Studiengebühren?
Bessere Qualität und Praxisbezug sind prägnante Ziele für einen Abschluss. Wodurch äußern sich jene?
Die Anstrengungen, die diese Umstellung mit sich bringen, dürfen nicht ungeachtet bleiben. Und das Engagement an der Optimierung des Bachelor/ Master Systems nicht vergessen werden. Es ist unvermeidbar, dass wir mit dieser Veränderung noch einige Jahre gemeinsamen Weges vor uns haben, aber:
In einer Umbruchphase steht noch kein Gerüst fest.
Selbst selbstständiges Denken bleibt nicht ganz außen vor, denn diese Zeit des Umbruchs erfordert viele klare Köpfe (Zum Beispiel bei der Erstellung des Stundenplans). Es mag vielleicht noch nicht den Studieninhalt direkt betreffen aber wenigstens schon in die Studienzeit selbst integriert sein.
Exkurs 2:
Welchen Einflussfaktor wir für den Garheitsgrad unseres Fleisches wählen entscheiden wir mit. Aber ich werde nicht das Fleisch sein und mich einfach grillen lassen. Manche Faktoren, wie den Wind oder die Kohlebeschaffenheit können wir nicht auf der Stelle ändern, wir können aber das Feuer anfachen, das Fleisch wenden … Griller oder Fleisch sein?
Und bevor ich` s vergesse: Wenn mindestens Kohle, Feuer, Grill und Griller zusammenarbeiten – kann das Fleisch nur „gut durch“ sein.
von Johanna Olberding

Sonnenkamp-Party 2008

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Beach-Party, Cocktail-Party, Kostüm- und Mottoparty, ob klassisch im B1, moshend im Lohner Circus Musicus oder mit Stehkragen in der WuBa. Sie alle haben ihr eigenes Flair und sind alle irgendwie ganz nett – aber nett ist immer noch die kleine Schwester von scheiße. Sie alle können einpacken, denn am letzten Mittwoch des Semesters steigt DIE, jawohl, DIE Party auf die man die ganze Vorlesungszeit gewartet hat. Für alle, die erst im letzten Wintersemester in die Stadt gekommen sind:
Am Mittwoch, den 16.07.2008, veranstaltet der Heimrat des Studentenwohnheims „Sonnenkamp“ im Innenhof des selbigen die traditionelle Open-Air-Semesterabschlussfete. Dort können auch endlich alle Fachrats- und Asta-Mitglieder, die sonst die Feten organisieren, beherzt das Tanzbein schwingen und kühles Blondes genießen. Der Getränkepreis wird, dem allgemeinen Trend zum trotz, nicht erhöht. Er bleibt weiterhin bei einem Euro pro Flasche, so dass man den Abend mit der gewohnten Rechnung fünf Euro gleich fünf Bier bequem kalkulieren kann. Der Heimrat hofft, den Preis auch weiterhin so niedrig halten zu können, solange dieses Bemühen nicht durch unsoziale Zeitgenossen torpediert wird. Nach diversen Einbrüchen in den letzten Jahren mit einer zerstörten Wohnungstür, geklautem Laptop und Bargeldkassen, diversen Vandalismusdelikten und anderen Sachen, die „einfach nicht sein müssen“, sollte man dieses Jahr auf eine fröhliche, runde und friedliche Feier hoffen. Auch wenn der Termin bei dem ein oder anderen in die Klausurenphase fällt, gilt: Prüfungen kann man wiederholen – die Sonnenkampparty ist nur einmal im Jahr! Einlass ist ab 20 Uhr, der Eintritt kostet 3€, Studentenausweis ist, wie immer, Pflicht.
von Christopher Vielhaber

Mobilität & Umwelt

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Foto: Lea Weber
Aufpassen, Spaßbremse! Als Student ist man auch in einer ständigen Zwickmühle: Wir würden gerne neue Autos kaufen, die so wenig CO² ausspucken wie möglich. Wenn es anders ginge, würden wir uns nicht in den Billigflieger setzen, um nach Spanien zu kommen. Denn wir wissen ja, das das Angebot (und die Nachfrage) an günstigen Flügen bedeutet, dass auch immer mehr Flieger am Himmel sind, die immer mehr die Luft verpesten. Und ja, auch wir haben die Biosprit-Verordnung zum Schutze der Umwelt unterstützt. Und wir hätten auch lächelnd hingenommen, dass der Liter Benzin um mehrere Cent teurer geworden ist. Hauptsache der Umwelt geht es gut. Wir würden, wir könnten, wir hätten. Irgendwie kommt es einem als Student vor, dass das Spiel an einem vorbeirauscht. Wir würden gerne mehr für die Umwelt tun, aber die meisten Studenten können kaum auf noch mehr verzichten, als sie es bisher tun. Und Umweltschutz ist nun einmal teuer. Auf das bisschen Spaß, was wir uns leisten können, wollen wir auch eigentlich nicht verzichten. Ein größeres Umweltbewusstsein erreicht man nur, wenn man auch aktiv am Prozess teilnehmen kann. Nun könnte man damit argumentieren, dass es schon aktiv genug ist, den Mitbewohner davon zu überzeugen, zum Lieblingsnachbarn namens Aldi mit dem Rad statt dem Auto zu fahren. Ein Tropfen auf den heißen Stein zwar, aber immerhin ein Anfang. Und selbst wenn uns nicht die Chance gegeben wird ein 3 Liter Auto zu kaufen und damit die Umwelt zu entlasten, so ist das Gewissen doch schon etwas beruhigt aufgrund dieser Großtat. Am besten denkt man darüber nach, wenn man im Flieger nach Barcelona sitzt. Auf dem Weg ins Shopping-Wochenende.
von Sebastian Dargel

Rasten ohne Hasten?

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Fotos: Björn Franke
370 gibt es in Deutschland. Mal architektonisch reizvoll, mal im Charme der vergangenen Jahrzehnte. Im Grunde nimmt man sie nicht wahr, sie ziehen vorüber an den Fenstern der Automobilisten, es sei denn, man verspürt Hunger bzw. Durst, den Bedarf des Besuches von sanitären Anlagen oder das Auto braucht neuen Betriebsstoff.
Ein Ort des Rastens, nur für einen Moment, für vielleicht eine halbe Stunde.
Man wird Teil der Umgebung, die sonst an einem vorbeizieht, und doch gefangen in einer abgezäunten Welt der Autobahn, Landkarten, Kinderbespassungsutensilien. Mittlerweile haben die üblichen Vertreter der Junkfood – Industrie Einzug erhalten, so kann die burgeraffine Familie ebenso speisen wie ältere Damen und Herren, die zwischendurch einen Kaffee trinken wollen.
Biografien laufen nebeneinander her. Jeder verhaftet in sich selbst, das Ziel vor Augen, keine Zeit verlieren und schnell ankommen. Getrieben von Bedürfnissen, die den Menschen zum Halten zwingen. Die Herkunft, ob sozial oder geografisch, scheint egal.
Der fernfahrende Osteuropäer neben der aus dem Urlaub heimkehrenden Familie des Münsterlandes.
Der Regisseur Christian Petzold setzte sich bei dem stilistisch der Berliner Schule zuzurechnenden Film „Wolfsburg“ mit der Veränderung der Psyche des Menschen durch das Automobil auseinander: „Autofahren ist eine Massentätigkeit – es wird aber als etwas Individuelles verkauft. Es ist dein Auto, du bist in deinem Auto, du und die Welt. Dieser vereinzelte Mensch, der da sitzt, umgeben von Navigationssystemen, Geruchsfiltern, Verkehrsfunk, ist in seinem eigenen Film…“ (fluter, bpb, 31.08.2005)
Jeder in seinem eigenen Film, der selbst in der Raststätte nicht unterbrochen wird, oder gar endet. Das Smalltalk- Gespräch an der Kasse im Vergleich zur symbolhaften Interaktion aus Lichthupe, Bremslicht und Gestik auf den Fahrbahnen: Ein Hauch persönlicher?
Der Ort bleibt institutionalisiert – „Wann geht’s weiter?“.
Am Fenster Platz nehmend und nach draußen blickend gönnen wir uns einen Moment des Stopps in der Brückenraststätte Dammer Berger. Unter uns nimmt das Wort „Mobilität“ in ansehbarer Weise weiterhin Gestalt an. Auf der A1 kriechen, schlängeln, fahren, drängeln, jagen – manchmal ganz getreu dem Motto „Ich geb’ Gas, ich will Spaß“ -Autos, Wohnwagen, wie auch Laster auf zwei Richtungsfahrbahnen unter der Brücke durch.
Wir scheinen uns dem mobilen Treiben entzogen zu haben und zugleich bleiben wir mobil, denn an diesem Ort verweilt keiner länger als ein paar Stunden. Und doch:
Fotos: Björn Franke
Dieser Ort soll ein Ort der Rast sein. Der Ruhe nach dem Sturm eines Staus, stehendes Ventil für den durch Anspannung geladenen Ärger eines knapp entkommenen Unfalls, der Möglichkeit zum stillen Örtchen, dem „Sind wir jetzt da?“ ein kurzes Ende zu setzen. Aber auch ohne einen dieser Gründe ist allein die Aussicht der Raststätte einen kurzen Besuch wert.
Über der ständigen Bewegung einer fahrenden Bevölkerung fragen wir uns, ob sich Menschen hier begegnen. Doch nach einem Austausch über die Art einer Begegnung kommen wir zu dem vorläufigen Schluss, dass sich die Wege verschiedenster Menschen an diesem Ort nicht mehr als nur kreuzen.
Die Vielen, die hier zusammenkommen, rasten aber rosten nicht. Jeder in der Gruppe der Kraftwagen fahrenden bleibt sich seinem Ziel bewusst. Das Besondere an diesem Ort: Er scheint weitestgehend frei zu sein von sonstigen Scheidewegen menschlicher Unterschiede. Eine gewisse Neutralität politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Machenschaften. Das Augenmerk liegt auf den Grundbedürfnissen des Menschen, nicht mehr und nicht weniger.
Fastfood, Fastfoot. Ich muss weiter!
Mobilitätsgetrieben stehen wir auf und gehen Richtung Parkplatz …
von Björn Franke und Johanna Olberding
Raststätte “Dammer Berge”
“Dammer Berge” liegt an der A1 und erstreckt sich als eine von zwei Raststätten in Deutschland brückenförmig über die Autobahn. 2005 wurde die Anlage komplett renoviert. Seitdem gibt es dort Restaurants der Fastfood-Ketten Burger-King, Nordsee und Gustico, sowie zwei Coffee-Shops. In zwei Kiosk-ähnlichen Einkaufsbereichen bekommt man Tierfutter, Zeitschriften, Krawatten, Chips, CDs, Kinderspielzeug und vieles mehr, was man auf einer Autofahrt irgendwie brauchen könnte.
Wer die kostenpflichtige Toilette benutzt, erhält einen 50-Cent-Einkaufsgutschein, ansonsten sind die Preise – typisch Raststätte – heftig. Auch wer geistige Ablenkung vom Autofahren sucht, wird bedient: Eine Kinderecke lädt die lieben Kleinen, Geldspielgeräte die Zocker zum Spielen ein. Draußen wartet eine Kapelle auf durchreisende Christen, Eintrag im Gästebuch: „Bitte Herr, lass Bayern gegen Schalke gewinnen“. Und man kann natürlich auch tanken.
von Stefan Hirsch

Bilderalbum
uniVista No. 08: Rasten ohne Hasten

Das erste Mal…

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Wer erinnert sich nicht an seinen ersten Besuch bei Ikea, die ersten komischen Dinge, die man so in den Mund genommen hat, die ersten Panikattacken, die ersten körperlichen und geistigen Unfälle? Die Liste könnte ewig so weiter gehen, und manches davon möchte man gar nicht erlebt haben oder aber ganz schnell wieder vergessen. Wir haben uns gedacht: Verdrängen hilft nicht. Also setzten wir uns auseinander mit unserer Vergangenheit und schrieben sie auf, all die ersten Male, die uns geprägt haben. Die Titelstory gewährt euch also tiefe Einblicke in das Leben der Redaktion, exemplarisch also für den Rest der Weltbevölkerung, und lässt euch teilhaben an Dingen, die man die ersten zehn Jahre geheim hält, um dann leicht schmunzelnd darüber zu reflektieren. Gleichsam bildet die Titelgeschichte den Auftakt für die gleichnamige Rubrik, welche dann ab der nächsten uniVista im Sommersemester 2008 regelmäßig erscheint.
Natürlich seid auch ihr aufgefordert, uns an euren ersten Malen teilhaben zu lassen. Egal ob Konzertbesuch, Gefrierbrand am eigenen Körper oder Candlelight Dinner, lasst eure Gedanken schweifen, schreibt sie nieder und schickt sie uns.
…oraler Kontakt mit seltsamen Dingen
Bildnachweis: pixelio.de 151877
© A. Flade / PIXELIO
Langsam schließe ich die Lippen um ihn, lasse ihn weiter in den Mund gleiten und betaste ihn vorsichtig und ein wenig scheu mit der Zunge…er fühlt sich glatt an und irgendwie hart…
Verdammt! Ich rede von einem gerösteten Mehlwurm, den ich gerade in den Mund genommen habe!! Ihr erinnert euch noch an diese witzigen Lutscher mit den Insekten drin? Ich musste unbedingt einen haben und zum ersten Mal ein Insekt essen…man, fühlte ich mich beim Kauf cool!! Nun, ich hab’s getan…und ihn gegessen…schmeckte ein wenig wie zu Brikett getoastetes Weißbrot. Also nicht so lecker. Aber der mehlwurmumhüllende Lutscher war gut.
…Kontakt zu den (gelben) Engel
Ich höre eigentlich immer Radio. Nein, eigentlich läuft immer Kassette. Auf jeden Fall Musik. Und diese laut. Wenn ich Auto fahre, brauche ich das. Nur dieses Mal hab ich das aus unerklärlichen Gründen nicht gemacht. Und so hörte ich den Knall. Ich konnte das gar nicht richtig zuordnen. Dann merkte ich, dass das Auto komisch fuhr, dann wieder, dass das Geräusch nicht besser wurde und dann, dass mir ein Reifen fehlte. Hinten links. 120kmh. A 29. Mahlzeit! Hinter mir kein Auto. Durchatmen. Auf den Seitenstreifen fahren. Ruhig bleiben. Keine Panik. Ich sagte mir das immer wieder und tat einfach alles dagegen. Und ich meine: wirklich alles. Das ganze Register. Ich rief bei dem Freund meiner Mutter an, Kfz-Meister. Der muss doch Ahnung haben. Ich machte den Kofferraum auf, suchte nach Ersatzreifen und Wagenheber, fand ersteren, aber den Heber nicht. Ich rief die Polizei an. Römms, Fahrtwind, 200 Sachen. Nein, nicht mein Puls! Wind peitschte mir ins Gesicht.
Bildnachweis: pixelio.de 129311
© adacta / PIXELIO
Die Autobahn kennt keine Geschwindigkeitsgrenzen. Aber mit Highspeed erfasst zu werden, bringts vermutlich schneller zu Ende als mit gemäßigten 120 ins Wachkoma verfrachtet zu werden. Ich rief die Polizei an. Ich stellte meinen Rucksack mit roter Lasche in 100 Meter Entfernung auf. Wo war nur das Warndreieck? Wo blieb nur die Polizei? Ich suchte weiter nach Wagenheber und Warndreieck. Das Radio blieb aus. Die Polizei kam viel zu spät. Grummelig stieg EINER aus. Und WIDERWILLIG rief er den ADAC. Kommunikation lief schleppend. Er auf dem Seitenstreifen. Ich hielt mich hinter einem Zaun auf. Ich sollte doch weg von der Fahrbahn, Muttis Freund sagte das doch. Polizei weg. Gott, was dachte der von mir?! Wo bleibt der ADAC? Ich gehe zum Kofferraum, ein letztes Mal. Ich suche und finde: das Warndreieck. Entscheide, dass der Rucksack seinen Zweck tut. Dann kommt der Wagenheber zum Vorschein. Ich entscheide mich: mutig zu sein. Ich will doch was zu erzählen haben, wenn ich das hier überlebe. Ich wechsele den ersten Reifen meines Lebens. Ich überlebe. Am Seitenstreifen auf der A29. Nur die A1 hätt das noch toppen können!
…Urlaub ohne die Erzeugerfraktion
Wir hatten es geschafft! Die Schlacht war geschlagen, und wir waren die Sieger. Stolz ohne Ende und mit einem Auto voll Gepäck und Proviant brachen wir nun auf zum ersten Urlaub ohne Eltern am Ostseestrand. Hinfahren durften uns die Erziehungsberechtigten noch. Aber dann waren wir endlich allein. Vier pubertierende Mädchen allein im Bungalow.
Bildnachweis: pixelio.de 208790
© tobman / PIXELIO
Die Nächte wurden zu Tagen. Es wurde sich geliebt und gestritten ohne Ende. Die Urlaubskasse wurde voll ausgeschöpft, der Strand in Beschlag genommen und die Freiheit genossen. Nach zwei Wochen, die auch in unserer geliebten Seifenoper nicht turbulenter hätten ablaufen können, fühlten wir uns ein bisschen wie die einzigen Überlebenden eines schrecklichen Unglücks, als das Auto unserer Eltern in Sicht kam und wir wieder nach Hause fuhren. Erschöpft, um eine Erfahrung reicher, aber glücklich.
…mit 40 kmh der Schwerkraft trotzen
Als ich vor so einigen Jahren zum Geburtstag einen dieser tollen Fahrradcomputer geschenkt bekam, war völlig klar, was zuerst gemacht werden muss: Ein Geschwindigkeitsrekord muss her! Und da unsere Straße leicht abschüssig war, musste auch genau diese für den Versuch herhalten. Dass sie außerdem wie ein Hufeisen geformt ist, sollte später noch eine wichtige Rolle spielen. Ich begann also an einem schönen heißen Sommertag mit kurzer Hose und T-Shirt los zu brettern. Der Geschwindigkeitsmesser kletterte in ungeahnte Höhen, ich trat in die Pedale wie ein Verrückter, 34, 35, 36, 37… immer höher stieg der Messer an. Dann endlich 40!!! Juhu!!! Als ich dann aber den Kopf hob, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich zwar genug Straße hatte, um auf 40 km/h zu beschleunigen, aber kein einziger Meter Bremsweg zur Verfügung stand. Tief fliegend schlug ich mit dem Vorderrad am Bürgersteig an und wurde aus meinem Sattel über den Maschendrahtzaun auf die andere Seite des Bürgersteigs katapultiert… gerne wäre ich im Zaun gelandet, denn hinter dem Zaun bremsten ja Gott sei Dank nur dornenbewehrte Rosenbüsche meinen Aufprall. Als ich nach ca. 1 Minute des lauten Stöhnens langsam aufstand, sah ich, dass ich eine regelrechte Schneise durch die Büsche gerissen hatte und gute 3 m geflogen war. Das Rad hatte auch einen guten Teil zur Zerstörung des Vorgartens beigetragen, denn es hat beim Aufschlag den Zaun gewichtig zu Boden gepresst. Glücklicherweise hat mich keiner dabei gesehen… und mir geht’s gut, danke!
…auf Tuchfühlung mit der Kreisstadt
Endlich! Ich hatte das Abitur in der Tasche und war nun offiziell an der Hochschule Vechta eingeschrieben. Wer wollte mich jetzt noch aufhalten?
An einem schönen Tag im Oktober sollte es nun soweit sein. In Vechta wartete ein Schlüssel auf mich. Der Schlüssel zur Freiheit! Aber wo ist Vechta eigentlich? Mit vielen guten Ratschlägen und Landkarten machten wir uns auf den Weg. Schließlich kamen wir an. Aber wo war hier die Stadt? Einzelne Gebäude, kein Supermarkt, keine Bank. Wo war ich gelandet?
Besichtigung der WG. Ganz klar, hier wohnen Studenten. Der Kühlschrank war voll, voll mit Bier. Ich war froh, dass ich an diesem Tag noch nicht bleiben musste. Und Bremen und Osna sind ja auch nicht weit.
…einen Freund haben
Bildnachweis: Karen Ishikawa
Foto: Karen Ishikawa
Mein erster Freund war wiederum ein Freund meiner Cousine. Ein netter Junge mit der Aussicht auf einen eigenen Handwerksbetrieb. Groß, blond und mit Brille (denn das sind die besten Typen). Und besagte Verwandte fand wohl, dass es langsam an der Zeit sei, mich zu liieren. Ich war ja immerhin schon 14! Im besten Clueless-Style berichtete sie uns dann gegenseitig von unserer Großartigkeit – großartige Hobbies, großartiger Musikgeschmack (ich hatte damals noch gar keinen Musikgeschmack, bei und zu Hause lief nur FFN), großartige Nettigkeit – und vereinbarte ein erstes Treffen auf ihrem Geburtstag. Es existieren immer noch Fotos davon, anscheinend hatte ich Spaß, an den ich mich aber dank einer Flasche Blue Curaçao zwecks Aufregungsbekämpfung nicht mehr erinnern kann. Als einziges sind mir seine warmen, treuen Hundeaugen im Gedächtnis geblieben (leider stellte er sich als gar nicht so treu heraus, aber das wäre wohl eher eine Episode für „Mein erstes Mal: sich trennen“). Und so kam es von einem Date zum nächsten und von einem Kuss zur Beziehung. Und wie sehr ich verliebt war! Er war toll… Aber vor allem war ich vergeben. Liiert. Eine Pionierin in der Klasse. Das war sicher genauso ausschlaggebend für mein verklärtes Dauergrinsen. Das erste Mal einen Freund haben ist ein großes Gefühl. Ein Gefühl von Verliebtheit, aber auch von Herzschmerz. Mit den Eltern feilschen, um Fahrdienst betteln, die Pille nehmen, den ersten Sex haben, sich ver- und unverstanden fühlen. Vom Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt. Pubertät pur und das zu zweit.
…blau gelbe Impressionen
Bildnachweis: Björn Franke
Foto: Björn Franke
Ich war 21, hatte grade meine erste WG bezogen und brauchte: Möbel. Woher? IKEA! Ja, als jung-dynamische Landpomeranze klang das nach Abenteuer und großer Welt. Her mit Ektorp, Lunna und Köttbullar. Rein in den Konsum. Oh, es war ein Genuss, erst die Fahrt mit der Straßenbahn, dann die S-Bahn nach Köln-Godorf und schließlich der Bus zum Parkplatz… Auf der Heimfahrt beanspruchte ich vier Sitze und mehrere der großen blauen IKEA-Taschen, um all den Krimskrams (natürlich war ich an GLIMMA, den 100 Teelichtern, auch nicht vorbeigekommen) mit sämtlich verfügbaren Verkehrsmitteln in meine Wohnung zu befördern. Mein erstes Mal IKEA? Teuer!
…ungenügende Leistung bringen
Ich war jung, dynamisch trotz Rauchens oder gerade deswegen, in der neunten Klasse, die längste Zeit Streber gewesen. Ich war nun rebellisch (siehe Rauchen), aufmüpfig schon immer, ansonsten jeglichem Unterrichtsgeschehen gegenüber desinteressiert. Ich sagte natürlich nur dann was, wenn ich schweigen sollte und umgekehrt. Und dann war es soweit, ich arbeitete da wirklich drauf hin. Ich wollte es so: Nach Jahren der Zweier, manchmal Einser und der nur wenig befriedigenden Dreier und völlig inakzeptablen Vierer und sinnlosen Fünfer: Endlich die Sechs! Das Fach: Physik. Lichtbrechungswinkel, Fallgeschwindigkeiten, Wellen,… Ich hatte einfach keine Antworten parat auf Optik, Mechanik und wie das alles hieß. Auf die wirklich wichtigen Fragen, etwa wie die Relativitätstheorie denn funktioniere, hatte mein Lehrer entweder keine Antwort für mich, der ja eh nichts verstand oder schlichtweg auch keine Ahnung, was er natürlich nicht zugab. Egal. Denn endlich war sie da, die Sechs! Wie cool man damit war!
Bildnachweis: pixelio.de 178429
© Hans-Peter Reichartz / PIXELIO
…Selbstfolter für die Schönheit
„Aua…aaaaah…uuuuuh…oh Mensch…tut das weeeeh!!! Ach, ich stell mich nur an, andere machen das doch auch… OH MEIN GOTT!!!! Werden diese Schmerzen jemals enden??“ Ich schaue auf die Anleitung. „WAAAAS? Die Achseln soll man sich damit machen können? Die BINKINIZONE? Sind die wahnsinnig??“ Ich weiß nicht, ob ein Mann sich vorstellen kann, wie das ist, wenn man sich jedes Haar einzeln ausreißt, wenn die fiesen kleinen Metallscheiben ein Haar zu packen bekommen und es samt Wurzel von seinem von Natur aus angestammten Platz gewaltsam entfernen. Jedes Haar, ein neuer individueller Schmerz. Schön! Mein erstes Mal epilieren, war auch mein letztes Mal, bin ich eben ein Schattenparker und greife lieber das erste…zweite…zweihundertste Mal zum Rasierer.
…Selbstbezacherln mit Instantsuppe
…irgendwann muss man es ja mal machen und Erfahrungen mit Herrn Knorr sammeln. Sich zum Bespiel selbst bekochen und eine ganz ganz tolle „KNORR Gemüse satt Instantsuppe“ kredenzen. 80% Gemüse, Olivenöl und Kräuter – vegetarisch, cholesterinfrei und fettarm – für 2 Teller…irre, dacht ich mir…dummerweise weiß ich nicht, was die gute Suppe gekostet hat, naja. Das Kochen stellte kein großes Problem dar…500ml Wasser warm machen, einrühren…ziehen lassen. Sieht aus wie Babybrei. Suppe? Hmm, eher wie Püree, nur flüssiger. Gemüse? War bestimmt drin, irgendwo. Ach, kommt schon…war halt einfach zu kochen und mein erstes Mal „Gemüse satt Suppe“!
…Synapsenstreik
Bildnachweis: pixelio.de 111676
© www.jenpix.de / PIXELIO
Es ist Nacht…ich sitze vor meinem PC und starre auf den Bildschirm. Vor mir: ein leeres Worddokument. Der Cursor, der markiert, wo ich mich gerade im nicht vorhandenen Satz befinde, scheint mich zu verhöhnen…sein Aufblinken gleicht mechanischem, rhythmischem Gelächter: Ha-ha-ha. Meine Augen brennen und meine Finger liegen eiskalt auf den Plastiktasten. Schreiben, schreiben: JA! Nur was denn?? Ich schaue zur Seite und sehe eine Motte, die immer und immer wieder mit dem Kopf gegen meine Fensterscheibe fliegt, ich betrachte sie eine Weile, vielleicht würde mir diese Art der Kopfarbeit auch mehr zusagen? Der Blick auf den Bildschirm, wieder die Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit. Ich mache den Versuch, einige unbeholfene Buchstaben in eine Reihe zu bringen. Faszinierend, wie lange man dafür brauchen kann und das nur, um sie dann in einem Anfall enttäuschter Wut innerhalb von zwei Sekunden wieder auszulöschen. Ich lasse den Kopf leicht mit der Schreibtischplatte kollidieren: „Denk nach…denk nach…denk…aua.“ Schmerz- auch nicht hilfreich. Jede Formulierung gleicht dem Erklimmen des Mount Everest. Die deutsche Sprache in all ihren Facetten erscheint mir feindlich gesinnt, mein Kopf- eine dumpfe pochende Kugel. Ich raufe meine Haare und blicke auf die Uhr: 3.47 Uhr. Mehr als Zeit um die persönliche Escape-Taste zu drücken und ins Bett zu gehen, abspeichern muss ich ja nichts. Morgen wird mein PC wieder in der Ecke auf mich warten, wie eine dicke, fiese, hässliche Spinne. Mein erstes Mal Schreibblockade? Ja und mit Sicherheit nicht die letzte. Aber wahrscheinlich wird mein nächstes erstes Mal die Überwindung derselben sein…
…die Alternative zum Automobil nutzen
Wenn Benzinpreise Höhen erreichen, die selbst Krösus für inakzeptabel halten würde, überlegt sich auch ein eingefleischter Autofahrer, auf alternative Verkehrsmittel umzusteigen. So geschah es, dass ich mich an einem ganz gewöhnlichen Freitagnachmittag, auf einem ganz gewöhnlichen Bahnhof in Niedersachsen zur einer ganz gewöhnlichen Zugfahrt einfand. Zumindest dachte ich dies. Stutzig machte mich bereits im Vorfeld die Planung der Fahrt. Noch gut gelaunt, stellte ich bei einem Blick auf den Fahrplan im Internet fest, dass eine sonst eineinhalbstündige Autofahrt per Bahn 3,5 Stunden dauern sollte. Zweimal Umsteigen mit eingeschlossen. Nun gut, Lesen soll bilden, her mit der Unterhaltungsliteratur. Die erste Etappe betrug 40 Minuten und brachte neue Einblicke in die Jamba Klingelton Welt. Auch wurde mein, so dachte ich, bisher reichhaltiges Vokabular an Flüchen und Beschimpfungen durch modernere Kreationen erweitert, die dem einen oder anderen hätten die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen. Froh, diesen Zug nach 40 Minuten verlassen zu können, stieg ich aus, um in den nächsten Zug zu wechseln. Bei einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass mir kaum noch zwei Minuten für den Umstieg blieben. Jetzt war nicht vorhandenes, sportliches Talent gefragt. Die Reistasche in der einen, den Tragebeutel in der anderen Hand und den Rucksack auf dem Rücken, spurtete ich hastig über die Brücke und kam, wenn auch mit Schweißperlen auf der Stirn, auf der anderen Gleisseite an. Pünktlich zum Einstieg in die nächste Bahn.
Bildnachweis: bf
Foto: Björn Franke
Gute zweieinhalb Stunden sollten nun noch vor mir liegen. Ganz schön lange Zeit, dachte ich so bei mir. Doch hatte ich die Rechnung ohne eine junge Dame gemacht, die mich bereits nach kurzer Zeit mehr oder weniger unfreiwillig in ihr Talk Show-taugliches Privatleben einweihte. So war ich mir nach drei viertel Fahrzeit nicht mehr wirklich sicher, ob nun der der erste oder zweite Freund Vater des Kindes sei oder die beste Freundin doch eine Verräterin und ob der kleine Sohn mit englischem Vornamen jemals die deutsche Sprache ohne Sch-Laute erlernen würde, war ebenfalls fragwürdig. Ich hoffte, sie einmal auf einer meiner 10 nächsten Fahrten wieder zu treffen, um etwaige Verständnisprobleme klären zu können. Bei meinem nächsten und gleichzeitig letzten Umstieg war ich dennoch froh, mein Ziel fast erreicht zu haben. Es war inzwischen dunkel geworden und laut meiner Berechnung durfte ich an diesem Bahnhof tatsächlich etwas verschnaufen, bevor die nächste Bahn kommen sollte. Doch etwas war an diesem Ort seltsam. Wer in seinem Leben schon einmal die Verfilmung Langoliers von Stephen King gesehen haben sollte, würde nun meiner Beschreibung folgen können. Es war seltsam still an diesem Bahnhof, fast beängstigend. Ein junger Mann kam auf mich zu und fragte, ob ich in dieselbe Richtung wolle wie er. Als ich dies bejahte, zeigte er auf eine große Uhr am Gebäude und erklärte, dass der Zug bereits vor 15 Minuten abgefahren sei. 15 Minuten? Mein Zug hatte 15 Minuten Verspätung gehabt? Wieso hatte das niemand den Fahrgästen erklärt? War es ihnen etwa egal, dass man im Nichts landen würde? Nun gut, der nächste würde garantiert bald kommen, versuchte ich mich zu beruhigen. Doch auch hier war der Wunsch der Vater des Gedanken, denn drei Stunden sollte ich schon noch auf den Nachfolger warten. So blieb mir nichts anderes übrig, als per Telefon Jemanden zu bitten, mich von diesem trostlosen Ort abzuholen. Gut zweieinhalb Stunden später saß ich mit einem Tee in der Hand in einem warmen Zimmer. Fazit meiner ersten längeren Reise in der Nordwestbahn: durch Fahrtkostenbeteiligung und Handygesprächen hatte ich mein durch Zugfahren Erspartes zu einem Großteil wieder verloren, von verschwendeter Lebenszeit und eventueller Gefährdung wichtiger Gehirnzellen durch Jamba Monatspakete und ungeklärter Vaterschaften ganz zu schweigen. Dafür habe ich mir allerdings geschworen, beim nächsten Tankstopp mein Auto auch nur ein ganz kleines bisschen zu verfluchen.
…Verschönerung der Eigen-Fassade
Bildnachweis: pixelio.de 166217
© Jeanne / PIXELIO
Damals, also schon länger her, so mit 15, war ich bei einer Freundin zu Besuch. Ich weiß nicht warum, aber wir färbten uns die Haare. Das machte ich, seit ich so alt war, regelmäßig, also mir die Haare färben. Von Braun auf Bronze, Kupfer, irgendwie blond. Also auf jeden Fall heller. Und da geschah es, als ich mir die Haare danach wusch, dass noch ein wenig Schaum in den Haaren war. Schauma! Und da ging ich mit meinen Händen durch die Haare. Und auf einmal waren sie so James Dean bis Elvis-mäßig zu einer Tolle hochgestylt. Ohne Schaum wäre das völlig undenkbar gewesen, und ich war so stolz auf mich, dass ich das fortan immer machen sollte, zunehmend mit sämtlichen Gelsorten. Und zwar, wenn auch in Variationen, bis heute. Und da fällt mir ein, es gibt es ein Bild von mir aus ungestylten Zeiten. Natürlich gibt’s mehrere, aber auf dem geh ich gar nicht. Das Schlimme: Es ist auf meiner eigenen Konfirmation. Und nun weiß ich, auf wen man hören sollte, wenn es um Stylingtipps geht. Gott ist es scheinbar nicht, denn morgens, also am Tag meiner Konfirmation, sagte meine Mutter zu mir: Willst du nicht ein wenig was in die Haare machen. Mein Gott, musste sie mich lieben, dass sie mich ohne Gel außer Haus lies.
…Konsum illegaler Substanzen
pixelio 166962
© alt_f4 / PIXELIO
Ich bin ein wenig im Zwiespalt. Kann ich im Hochschulmagazin über Drogen schreiben? Und zwar nicht als sozialwissenschaftlich motivierte Abhandlung, sondern als Erfahrungsbericht? Welcher noch nicht einmal abschreckend als Junkie in der Gasse endet? Aber wenn nicht in einem Unimagazin, wo dann? Ich meine, wem wird gewöhnlich Drogenkonsum zugetraut? Und wer müsste selber über Pro und Contra an einer Hochschule mit pädagogischem Schwerpunkt Bescheid wissen? Eben.
Mein erstes Mal illegale Drogen nehmen war gänzlich unspektakulär. Das einzige, was mir irgendwo hinstieg -und leider nicht in den Kopf, sondern in den Magen- war das Nikotin. Mir als Nichtraucher war speiübel. Das war‘s. Aber ein junger Mensch lässt sich nicht so schnell abschrecken und somit testete ich beim nächsten Versuch das Peace nicht in einem Joint, sondern in einer Bong (selbstgebaut aus einer Wasserflasche). Wir wollten auf ein Dorffest, welche bekanntlich ohne zumindest legale Drogen nicht auszuhalten sind: die Zelte stets taghell erleuchtet, die Landelite zu finden in der Jungschützenecke und der DJ ergießt nicht nur schlechte Musik in die biergeschwängerte Luft, er kann auch miese Ansagen. Nachdem ich mir die Lunge aus dem Hals und das THC in den Kopf gehustet hatte, schien der unterdurchschnittliche Radiotechno blau, alle Menschen nett und zu Hause erwartete mich nur Fressflash statt Kater.
…Kongressiale Eindrücke
pixelio 148435
© S. Hofschlaeger / PIXELIO
Ich war beim internationalen Kongress des Psychodramainstituts für Europa (Pife) in Berlin, als Studentin, ohne Abschluss und ohne besondere Vorkenntnisse. Ich muss verrückt gewesen sein. Tausend Szenarien schwirrten mir durch den Kopf, was alles schief gehen kann und auf wie viele verschiedene Arten ich mich blamieren könnte. Ich war drauf und dran, alles abzusagen.
Trotzdem stürzte ich mich ins Getümmel. Ich deckte mich mit Literatur ein und knüpfte erste zarte Kontakte und schon war ich mitten drin. 190 Leute aus 17 Nationen! Ich hab noch nie so viele Sprachen auf einem Haufen gehört.
Der nächste Kongresstag nahm mich voll in Anspruch. Vorträge und Workshops ließen keine Langeweile aufkommen und boten mir viel Gelegenheit weitere Kontakte zu knüpfen, welche dann am Abend auf der Party vertieft werden konnten. Mein Zustand nach durchwachter Nacht war am Sonntag grenzwertig. Nichtsdestotrotz habe ich es irgendwie nach Hause geschafft. Mein erstes Mal Kongress- großartig!
…Tupper-Party ab 18
Durch mehrere Zufälle und einige liebenswert-verrückte Freundinnen saß vor einigen Wochen diese Frau bei mir im Zimmer. Die Dildofee. Zwei dieser Körbe der Marke „Mutti geht mal einkaufen“ brachte sie mit und ich war mir nicht so sicher, ob ich wirklich wissen wollte, was es darin zu bestaunen gab. Mit acht Mädels saßen wir im Kreis um Sekt und Wodkabowle zur Hemmschwellensenkung und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
„Ja Hallo, ich bin eure Dildofee, ich sag mal „du“, ne? Und als erstes möchte ich euch die Raupe Nimmersatt vorstellen!“ Zack, fing die Dame an zu plaudern und zauberte als erstes etwas länglich-blaues mit einem freundlichen Gesicht aus ihrer Wunderkiste. Hibbeliges Kichern, rote Wangen und ziemlich viel Neugier war die Reaktion. Ob wir wohl mal anfassen dürften? „Klar, also alles, was ich euch hier heute Abend vorstelle ist absolut jungfräulich und natürlich dürft ihr anfassen, probieren, gucken soviel ihr wollt, darum seid ihr ja hier!“ „Oh, guck mal, wie niedlich, die hat ja sogar `ne Nase…“ Keine Frage, mit niedlichen Gesichtern und weicher Oberfläche kriegt man die Mädels, besonders wenn der Wodka anschlägt.
Nachdem uns die verschiedenen Vorzüge dieses Dildos aufgezählt wurden, unter anderem würden Männer ihn aufgrund des Comicgesichtes nicht als Konkurrenz wahrnehmen, sei das Ding absolut leicht zu reinigen und dank des Saug-Sockels sogar als Klorollenhalter zu verwenden, verschwand die Nervosität und wir wussten auf einmal, warum Dildoparties auch als das Gegenstück zur Tupperparty gelten: acht Weiber lassen sich in aller Ruhe über die Vor- und Nachteile von unkaputtbaren Plastikteilen informieren und tauschen ihre Erfahrungen aus. Besser als bei Dr. Sommer.
Gegen Mitternacht ging eine spannende Veranstaltung zu Ende, die für eine Menge Lacher und Information gesorgt hatte, ohne anrüchig zu sein. Ganz ohne Peinlichkeiten hatten wir einen tollen Abend, der nicht viel gemein hatte mit der Erwachsenen-Ecke aus der Videothek. Und wenn ihr auch mal Lust habt, vor der nächsten Uniparty mal ganz anders vorzuglühen, findet ihr alle Informationen unter: www.dildofee.de
von Britta Simon, Ihna Grensemann, Julia Stock, Melanie Ehlert, René Kohn, Sebastian Dargel und Stefanie Bruns

Das war euer Sommer: Studium

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Fotos: Mürvet Ebcinoglu / René Kohn / Jessica Barbato / Melanie Ehlert
Vamos para o Brasil
Von dem Studium an unserer geliebten Hochschule ins Studium an der Universidade Federal da Paraíba (UFPB). Semesterferien werden eh überbewertet. Aber wer meckert schon, wenn er im Paradies am anderen Ende der Welt studieren darf? So weit weg von der gewohnten Umgebung studiert man nicht nur Kunst, Pädagogik, Geschichte oder Sozialwissenschaften, sondern vor allem das Leben selbst. Kaum angekommen, jagt ein Kulturschock den nächsten.
Während in good old Vechta der Sommer langsam ausklingt, geht er in João Pessoa, Paraíba in Brasilien, erst richtig los. Jeden Tag klettern die Temperaturen ein paar Grad die Leiter hinauf und sind mittlerweile bei gut 30 Grad, was sich nach dem etwas lauen deutschen Sommer richtig gut anfühlt. Doch neben all dem Studieren findet man dennoch die Zeit sich die atemberaubende Seite der Stadt zu vergegenwärtigen. Ganz nach Urlaubsmanier versucht man zumindest am Wochenende an den Strand zu gehen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen.
Es ist schon ein tolles Gefühl morgens vor der Uni, die hier schrecklicherweise schon um 7 Uhr früh beginnt, am Strand zu joggen oder schon vor dem Frühstück die erste Kokusnuss zu trinken. Dann fällt es einem auch viel leichter sich zu solch unchristlichen Zeiten in eine Vorlesung zu setzen und auch noch mit vollem Elan mitzuwirken.
Die Seminare bestehen hier teilweise aus 15 Personen oder weniger, was das Arbeiten an sich erheblich erleichtert, aber zugleich auch erschwert, denn beherrscht man die Sprache nicht fliessend, kann man schnell den Anschluss verlieren oder sehr wichtige Dinge völlig falsch auslegen. Ein Beispiel: Man nickt immer nett, versteht aber leider nur die Hälfte und auf einmal soll man ein Referat über 200 Jahre deutsche Geschichte auf Portugiesisch halten.
Zum Glück sind die Brasilianer sehr freundlich und helfen und erklären gerne alles noch einmal, damit man auch die Möglichkeit bekommt, sich voll einzubringen. Der ganze Aufwand lohnt sich ohne Zweifel. Denn nach einem anstrengenden Tag voller Wissensaufnahme kommt man auf dem Weg nach Hause am Meer vorbei. Auch wenn man es dann meist nur hören und riechen kann, denn um 18 Uhr ist es hier zappenduster und das Nachtleben beginnt. Dieses ist meist auch nicht ganz ungefährlich. Sobald die Sonne verschwindet, ist Brasilien nicht länger ein Paradies. Beinahe jeden Tag bekommt man mit, dass jemand mit vorgehaltener Waffe überfallen wurde.
Man könnte denken, mitten in einem Film zu stecken, doch leider ist dies die Realität, was einige Bekannte schon am eigenen Leib erfahren mussten. Mit dieser Kehrseite muss man allerdings leben, wenn man die wunderschönen Seiten genießen will.
von Jessica Barbato

Das war euer Sommer: Praktika

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
City and Islington College London
Verglichen mit anderen Praktika, war ich am ersten Tag meines Praktikums an der City and Islington College in London sehr aufgeregt. Es sollte nicht das erste Mal sein, dass ich ein Praktikum in London mache und auch nicht das erste Praktikum in einer Schule. Es war die Tatsache, dass ich zum ersten Mal Erwachsene als Schüler in London haben sollte. ERWACHSENE. ERWACHSENENBILDUNG. Die Vorstellung allein hat mich schon drei Nächte lang nicht schlafen lassen. Zumal ich mich doch ganz steif auf das Grundschulleben in meiner Zukunft als Lehrerin fixiert hatte. Ich muss sagen, es stellte sich genau als das Gegenteil meiner Befürchtungen heraus. Die Schüler waren Menschen, die beispielsweise einen bestimmten Abschluss (A-Level = Abitur oder GCSE = Realschulabschluss) nachholen wollten oder Frauen, die vor 20 Jahren die Schule abgebrochen haben, weil sie schwanger wurden oder solche, die geistig oder körperlich behindert sind oder gar Menschen, die noch niemals zuvor in ihrem Leben mit Zahlen konfrontiert wurden. Kurz gesagt, diese Schule ist für Jedermann offen und gebührenfrei, was die meisten Situationen erleichtert.
Ich habe in zwei Matheklassen mit sehr niedrigem Niveau assistiert. Die Lehrer-Schüler-Beziehung in Klassen mit Erwachsenen als Schüler ist, muss ich gestehen, viel angenehmer, als die in einer Grundschule. Würde ich Kinder leider Gottes nicht lieben, hätte ich meine ganze Studienlaufbahn mit einem Schlag verändert. Das Erlernen vom jeweiligen Unterrichtsstoff ist selbstständig und demnach ist die Ebene, auf der sich der Unterricht und die Kommunikation stattfindet, sehr unbeschwert. Also das nächste Mal, bevor ich schlaflose Nächte bekomme, versuche ich mich darauf festzulegen, alles etwas “unbeschwerter“ zu sehen.
von Mürvet Ebcinoglu
Fotos: Mürvet Ebcinoglu / René Kohn / Jessica Barbato / Melanie Ehlert
Berlin Brandenburg International School (BBIS)
“I don´t can it”, sagte die kleine Theresa, als sie den Laptop hochgefahren hatte und anschließend bemüht versuchte, das Lernspielprogramm aufzurufen.
Nun ja, wir befinden uns im Klassenraum der 1C in der Berlin Brandenburg International School (BBIS), wo momentan der IT-Unterricht statt findet. Dies ist eines der wenigen Beispiele, die eine internationale Schule von einer stinknormalen öffentlichen Schule unterscheidet. Das will man aber auch erwarten, wenn man Unmengen von Gebühren im Jahr bezahlt, damit das eigene Kind wohlmöglich die beste Bildung bekommt.
Als Praktikantin dieser Schule habe ich ebenso die beste Betreuung bekommen, von der ich zuvor in gewohnten Praktika nicht einmal zu träumen wagte. Und das, ohne Gebühren zu zahlen, wohlbemerkt. Kaffee holen und Akten oder jegliche Papiere ordnen, gehörten diesmal nicht zu meinem Hauptarbeitsbereich. In dieser ASP-Zeit habe ich feststellen müssen, wie interessant, aber auch eigenartig es ist, zu sehen wie Kinder in jungen Jahren versuchen, eine Fremdsprache zu sprechen, die zugleich ihre Schulsprache ist. An der BBIS gab es nur selten Schüler, dessen Muttersprache Englisch war. Daher kamen sehr schnell Beispiele, wie “I don´t can it” zustande (und nicht I cannot), die aus dem Gedanken einer direkten Übersetzung entstehen. Eine süße Herausforderung, möchte ich meinen.
von Mürvet Ebcinoglu

Das war euer Sommer: Festivals
Rock am Ring, Serengeti, Hurricane, Fun 'n Crust oder Wacken - findet heraus, welches Festival zu euch passt

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Zwischen Schwenkbier und Wellenbrechern
Rock am Ring 01. – 03. Juni 2007
Mittwoch, 30.05.07, sehr früh morgens. Vor uns liegen fünf Tage Rock am Ring, also viel Spaß, Bier, nette Leute und vor allem gute Musik zum Abrocken… Bis es soweit ist, erstmal mit dem Gepäck Tetris spielen, lange im voll gepackten Auto sitzen und einen Zwischenstopp für den letzten Einkauf einlegen. Grad angekommen, geht’s weiter mit der Zeltplatzsuche, was bei einem ausverkauften Festival mit über 80.000 Besuchern mehr als schwierig ist, wenn man nicht stundenlang zum Parkplatz und zum Festivalgelände laufen will.
Endlich etwas gefunden, die Nachbarn sind akzeptabel und der Waldrand entpuppt sich trotz Trampelpfad und offenem Zaun ausnahmsweise nicht als WC-Ersatz. Die ersten beiden Tage sind zwar etwas verregnet, doch wir lernen schnell Schwenkbier kennen. Ganz einfach ein Band am Pavillon befestigen, Flaschenöffner daran anbinden, Bierflasche an den Flaschenöffner hängen, ein bisschen schwenken lassen, Flasche abziehen und *prost*.
Aber es geht ja um die Bands. Wir starten den Freitag mit BILLY TALENT, müssen dafür zwar auf RAZORLIGHT verzichten, aber den Platz im ersten Wellenbrecher will niemand aufgeben, da noch MUSE kommen und LINKIN PARK dem ersten Abend an der Centerstage einen mehr als würdigen Abschluss verpassen. Von einem Ende ist noch lange nicht die Rede, denn es geht gleich rüber zur Alternastage, wo THE WHITE STRIPES und abschließend EVANESCENCE unsere Nacht noch verlängern.
Der Tag danach verläuft wie immer. Man versucht, ihn irgendwie zu überstehen und man setzt am besten da fort, wo man am Abend aufgehört hat, um den richtigen Einstieg für den zweiten Festival-Tag zu bekommen. Es erwarten uns immerhin die BEATSTEAKS, aber bis die auf der Bühne stehen, vertreiben wir uns die Zeit mit den KAISER CHIEFS, MANDO DIAO und der Suche nach einer Erinnerung in Form eines T-Shirts. Damit kann man nicht früh genug anfangen, wie wir am Sonntag bemerken, da wir uns Samstag nicht entscheiden konnten. Sonntag war dann nur noch ein lächerlicher Rest übrig. Doch was ist schon ein T-Shirt, wenn man die beste Band der Welt sehen kann. Niemand Geringeres als DIE ÄRZTE beenden den letzten Tag, und die will anscheinend niemand verpassen. Deshalb ist es auch schon vier Stunden vorher total überfüllt, was aber bestimmt auch an den Vorgängern GOOD CHARLOTTE, VELVET REVOLVER und KORN liegt. Wem es bei den ÄRZTEN zu voll ist, der kann sich Richtung Alternastage bewegen und dort in einer überschaubaren Menge mit den SCISSOR SISTERS und WIR SIND HELDEN den letzten Abend ausklingen lassen.
Wie der Montag aussieht, weiß jeder, der mal auf einem Festival war, und ich erspare mir daher Ausschweifungen in unsere Aufräumaktionen. Stattdessen gebe ich allen, die vom 6.-8. Juni 2008 noch nichts vorhaben, einen Tipp. Es gibt schon Karten für Rock am Ring 2008.
von Corinna Gritzka
Foto: Melanie Ehlert
Matsche, Musik und Mutti
Du ziehst Gummistiefel an, um die Tanzfläche zu rocken? Der Kräuterschnaps tritt anstelle deiner Mutti? Um viertel nach acht läuft kein Film, sondern deine Lieblingsband und das live direkt vor deinen Augen? Das geordnete Chaos deiner Studentenbutze weicht heillosem Durcheinander von holländischen Bierdosen, Grillgut und Papiertellern, das sich um dich herum auftürmt und bis zu deinen Knien reicht? Umrahmt ist der Schauplatz von Absperrbändern, schmalen Stangen, die so gerade eben die Planen der Pavillonlandschaften zusammenhalten, welche sich vor den blauen und grünen Bühnen dieser Welt befinden. Wo wir sind? Richtig, in Scheeßel. Auf dem Hurricane-Festival. Die elfte Auflage fand in diesem Sommer statt. 55.000 Besucher jubelten den ca. 60 Bands zu und sorgten für ausgelassene Partystimmung. Platzregen und Weltuntergangsstimmung des letzten Jahres gab es dieses Mal (zum Glück) nicht, dafür aber jede Menge gute Musik. Neben den Großen wie zB FANTA 4, INCUBUS, MARILYN MANSON, PLACEBO und PEARL JAM überzeugten aber vor allem auch die kleineren Bands, hier etwa THE SOUNDS, KINGS OF LEON, PERCUPINE TREE oder auch SNOW PATROL. Aber sind wir doch ehrlich: kleine Bands gibt’s doch gar nicht mehr. Fazit: Hurricane 2007 – drei Tage Party mit richtig gutem Sound und absolut hörbaren Tracks.
von René Kohn
Serengeti
Endlich ein Festival für die Region Ostwestfalen-Lippe sollte es sein. Außerdem wild und hungrig. Das Serengeti-Festival in Schloß Holte-Stukenbrock, welches das zweite Jahr in Folge den Sommer bereicherte. Nun gut, dieses Festival ist noch jung und somit lernfähig. Dass Zeltplätze in Nähe zum Gelände toll wären. Dass eine Besuchermeute auch gut mehrere Essensstände plündern kann. Dass quadratmetergroße Matschpfützen mit Stroh trockengelegt werden können. Dass zu hohe Getränkepreise den Umsatz auch nicht fördern.
Trotzdem spürte ich das Herzblut an jeder Ecke. Die Betreiber des Schwimmbades etwa, von mir mit einem imaginären Verdienstkreuz ausgezeichnet. Die Bands, die trotz hektoliterweise Regen gut gelaunt waren. Die Polizisten, die uns einen Parkplatz freihielten.
Seit diesem Festival weiß ich, dass ich schon ganz schön alt bin. Zumindest gefühlt doppelt so alt wie das Gros der Besucher. Aber auch, wie bequem ein Auto sein kann und wie toll jemand ist, der mit einem fühlt und lacht. Und im Schlamm tanzt.
von Julia Stock
Spiderschwein meets Gangstas
Höchstenbach, 80km südlich von Köln. Ein beschaulicher Ort im Westerwald, könnte man meinen. Nicht so vom 9.- 11. August, denn da gabs beim neunten Fun&Crust was auf die Ohren. KORPIKLAANI, DISILLUSION und DOG EAT DOG sowie unbekanntere Bands wie beispielsweise DEATHTERROR und MOTORJESUS sorgten für Stimmung. Bei letzterer mag man sich allersdings fragen, was eine Crossover-HipHop-Band auf einem Metal-Festival zu suchen hat. Die am Samstag Abend zu Dog Eat Dog anreisenden HipHopper stießen dann auf nicht besonders viel Begeisterung bei den überwiegenden Metalfans, ebensowenig wie das Wetter. Es regnete des Öfteren, sodass man auf dem Campinggelände ohne Weiteres ein Schlammcatchen hätte durchführen können. Somit ein kleines Festival mit Staatsforsten Flair und mit 10 Euro Eintritt durchaus erschwinglich. Einziges Manko: Anfahrtskosten.
von Björn Franke
Mehr als das, ein Lebensgefühl
Vor solchen Leuten hat uns unsere Großmutter immer gewarnt: langhaarig, schwarz gekleidet und benietet. Kurz: Metaller. Trotzdem ist es eines der Festivals mit dem wenigsten Krawall und Vandalismus.
Das Wacken Open Air lockt jeden August Tausende von Metalfans (in diesem Jahr offiziell 60.000 zahlende Besucher) aus aller Welt in das beschauliche Dorf Wacken in Schleswig-Holstein. In den drei Festivaltagen, welche gerne auf eine Woche ausgedehnt werden, liegen auch alle Einwohner im Metallfieber: Im Kaufhaus für die Landfrau hängt das Manowarshirt einträchtig neben Kleingeblümten. Beladen mit Bier, Grillkohle und frühstückssaftigem Erdbeerlimes stürmten wir das nasse Gelände, um im Endeffekt einen sonnigen Zeltplatz in Zurückfallentfernung zu den Bühnen zu finden. Und dann fünf Tage Wacken. Was mehr ist als ein Festival. Es ist ein Lebensgefühl mit seinem ganz eigenen Charme „Wer pennt der brennt und waschen ist nicht Heavy Metal!!!“
von Julia Stock

Das war euer Sommer: Der Stoppelmarkt …mal anders
Tagebuchausschnitt einer Cocktailmixerin

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Samstag, 18.08.2007
17:00 Uhr: Hoch vom Sofa und ab in die Arbeitsklamotten. Schwarzes T-Shirt angezogen, Hawaiikette und Blinkis befestigt, Schminke ins Gesicht, das Lächeln nicht vergessen und ab in den Bus zum Stoppelmarkt. Es ist Samstag! Das bedeutet Stress pur und total betrunkene Gäste! Meine Lust schwindet schon als ich den Bus betrete. Alle sind in Feierlaune, nur ich muss arbeiten. Aber es hilft nichts…ans Geld denken, immer nur ans Geld denken, sage ich mir immer wieder.
18:00 Uhr: Los geht’s! Mein Arbeitsbereich ist die Cocktailbar. Jetzt beginnt der langweilige Teil. Die Bar muss aufgefüllt und geputzt werden.
19:00 Uhr: Gääääähnende Leere. An der Cocktailbar ist nichts los. Wir stehen uns die Beine in den Bauch und fangen aus Langeweile an, selbst gemixte Cocktail-Kreationen zu trinken. Man muss sich ja schließlich auf dem gleichen Level wie seine Gäste bewegen. 21:30 Uhr: Erste Gäste… Ich „prügel“ mich mit meiner Kollegin um die Bestellungen. Bitte! Gebt mir Arbeit! Der DJ macht sich langsam warm und wir essen noch schnell ein paar Käsebrote, um für die kommende Hungersnot vorbereitet zu sein.
23:30 Uhr: HILFE!!! Wo kommen auf einmal die ganzen Leute her??? Von der Langeweile in den totalen Stress. Jetzt heißt es nur noch: „Shaken bis der Arzt kommt!“ Die Musik dröhnt in den Ohren, die Erde bebt, die Gläser tanzen. Trotzdem haben wir Spaß an der Arbeit, die Leute sind gut drauf, und wir feiern hinter der Theke mit.
2:30 Uhr: „Wie bitte? Was möchten sie trinken?“ Versteh einer die Leute! Innerhalb von gut zwei Stunden sind die Gäste so betrunken, dass die Bestellungen kaum mehr zu verstehen sind. Da hilft nur noch mittrinken! Unsere Bäuche knurren um die Wette… Huunger! Hoffentlich haben wir bald Zeit für eine neue Ladung Käsebrote.
3:30 Uhr: Spätestens jetzt sind wir hinter der Bar Ansprechpartner für alle psychischen Problemchen von einsamen und gebrochenen Herzen bis hin zu Racheplänen für Exfreunde oder Exfreundinnen.
4:00 Uhr: Die Musik ist aus. ENDLICH!!! Langsam leert sich das Zelt. Nur noch wenige Gäste bestellen etwas. „Bitte!!! Fahrt doch alle nach Hause!“, denke ich und stelle mir mein warmes Bett vor. Ich will endlich liegen und meine Füße hochlegen.
5:00 Uhr: Der harte Kern ist immer noch da und ich fange schon an, mit meiner Kollegin die Cocktailbar wieder sauber zu machen.
6:00 Uhr: FEIERABEND! Das Zelt wird endlich dicht gemacht ,und die letzten Gäste gehen nach Hause.
6:30 Uhr: Endlich im Bett. Ich will nur noch schlafen…bis es morgen um 14:00 Uhr wieder losgeht. Puuuuh! Aber: …“ans Geld denken, immer nur ans Geld denken“, sage ich mir, noch bevor ich einschlafe.
von Sarah Gudenkauf

Wer wir sind und was wir wollen?
Zum heutigen Selbstverständnis des Studenten

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Fotos: Karen Ishikawa
Rollenfindung – Ein Versuch
Was eigentlich ist los? Ganz ehrlich. Ich meine, welche Rolle spielen wir Studenten noch in unserem Studentendasein? Wie definieren wir uns in dieser Rolle? Definieren wir uns überhaupt? Und wenn ja, heißt es dann, heutzutage Student zu sein, das meint, sich von einer Vorlesung zum nächsten Seminar zu bewegen, dazwischen wird noch ein bisschen gelesen, Kaffee getrunken, in die Mensa gegangen und wieder zugehört? Heißt Student zu sein heute, möglichst schnell durchzukommen durch ein vorgefertigtes Studium, in dem kaum noch Möglichkeiten geboten werden, sich zu entscheiden, was man machen möchte, weil das zur Folge haben könnte, dass, ja dass ein Studium tatsächlich länger als Regelstudienzeit dauern könnte? Alles schön diszipliniert, kontrolliert, fremdbestimmt und schnell. Ist das das neue Selbstverständnis des heutigen Studenten? Diese Fragen und Gedankengänge klingen bereits etwas provokativ an, natürlich, denn mindestens zum Thema Bloß-schnell-durch-sein und- immer-schön-gerad-aus-und-nie-nach-rechts-oder-links-gucken muss doch gesagt werden, was haben wir denn am Ende davon, wenn wir alle schnell fertig sind? Gut, mehr Geld im Portemonnaie. Aber haben wir etwas mitgenommen? Einsichten, Ansichten, Perspektiven, Alternativen…? Oder stehen wir, die Durchgehetzten, am Ende einfach nur auf Zehenspitzen herum, auf der Suche nach…ja nach was eigentlich? Nach dem besten Platz, einer guten Aussicht? Man könnte an das Bild denken, in dem sie alle auf Zehenspitzen stehen und letztlich keiner besser sieht. Abgesehen davon mag das auch nicht die angenehmste Position sein. Man muss den Standpunkt auch einmal verlagern. Vielleicht hilft es sogar, sich einmal hinzusetzen, vielleicht auch einmal, alle Viere von sich zu strecken, vielleicht in einem Seminar zur Stimm- und Atemtechnik oder in einem Sportkurs. Möglicherweise muss man auch einmal hochspringen, weitspringen, und vielleicht kann man so was auch als Nicht- Sportstudent angehen. Aufkommen kann man immer falsch. Und zu stolpern mag auch nicht verkehrt sein. Wir alle wissen doch, wie wir gehen gelernt haben: von Fall zu Fall….(letzteres ist geklaut, hat irgend so ein Neuropsychologe letztens in einem Film gebracht…Spitzer oder so…also nicht, dass ich mich mit fremden Federn schmücken will)
Immer wieder höre ich kritische Stimmen, was das heutige Studentendasein angeht, aber nicht etwa von den Studenten selbst, nein. Von meinem Vater bekomme ich regelmäßig zu hören, dass es wohl üblich heutzutage ist, alles hinzunehmen. Damals wäre das natürlich unmöglich gewesen. Ich höre Stichworte wie unpolitische Generation. Und zwischendurch klingt dann wieder das Klischee hindurch, wie wir Studenten leben. Pro Sieben, Taff, 17h: Guten Abend, Deutschland. Guten Morgen, liebe Studenten. Nun, aber wer sich schon nicht für die Probleme unseres Landes interessiert geschweige denn dafür, wie viel wir nun fürs Studium bezahlen müssen und überhaupt scheinbar alles über sich ergehen lässt, naja, dem wird wohl auch das egal sein. Aber trifft dieses Bild überhaupt zu? Als BaMa-Student erkenne ich hierin keine Wirklichkeit, wahrscheinlich habe ich um genannte Uhrzeit nicht einmal Zeit zum Fernsehen, und wenn mir davon jemand erzählt, dann habe ich gerade tausend andere Dinge im Kopf, den ich vielleicht noch schüttel, weil ich denke: Ja nee, ist klar. Ich glaube aber in der Tat, dass es den meisten egal ist, ob ein Bild zutrifft oder nicht und das Wenigste wird noch reflektiert, also kritisch reflektiert. Es geschieht was geschieht. Reflexion, Selbstreflexion, Kritik, alles das scheint fehl am Platze zu sein. Die an anderer Stelle zitierte “Suche nach der Wahrheit” wird ersetzt durch die Suche nach möglichen Klausurfragen. Was ist relevant? Kommt das auch vor? Müssen wir Daten kennen? Personen? Ist der Film von letzter Woche von Bedeutung, dieser Text, der Aufsatz? Nein, heißt es dann vielleicht, aber möglicherweise aufschlussreich. Immerhin reagieren Dozenten nun auch schon darauf und ergänzen ihre Seminare durch entsprechende Kommentare, was denn nun von diesen neunzig Minuten wichtig sein könnte. Danke!
Aber wem soll man einen Vorwurf machen? Vielleicht schlicht und einfach den neuen Strukturen, nämlich, dass die Universität mit den neuen Strukturen immer verschulter wird, aber mein Gott, so schlecht kann das ja auch nicht sein, oder?! Ich meine, letztlich gehen die meisten von uns wieder in die Schule, und ein bisschen mehr Praxis kann so schlecht nicht sein. Das neue Selbstverständnis des Studenten heutzutage? Die Frage stand am Anfang, und mir ist nun klar, dass ich falsch daran gegangen bin. Unsere Rolle ist ja vielmehr die eines Schülers, ohne diese Rolle abwerten zu wollen. Nein, darin liegt eine gewisse Herausforderung, und nächstes Mal wird diese dann einmal näher untersucht.
Übrigens: letztens war ich mit einem Kumpel in Italien. Vor Bologna sind wir abgedreht, Richtung Meer. Versprach mehr Aussicht.
von René Kohn
Ich bin genervt, ich bin frustriert…
Was nicht nur die ersten Zeilen eines Songs von den Ärzten sind, beschreibt meine Gefühle beim Anblick meines Schreibtisches recht treffend. Hier ein Abgabetermin für eine Ausarbeitung, da das Handout für das anstehende Referat, schon zugedeckt von ominösen Readern, unleserlichen Mitschriften, Büchern und dort noch der Kalender mit den dick unterstrichenen Klausurterminen. Nebenbei auch noch Zettel und Flyer mit den nächsten Partyterminen, Freundesadressen aus der ganzen Republik die ich doch schon lange mal wieder besuchen wollte, Festivaltickets, irgendeine Notiz weist noch auf die Arbeitsstelle für die Semesterferien hin und beinahe schon höhnisch grinsend sieht mich eine Postkarte mit dem Spruch „Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag“ an.
Das hatte ich mir anders vorgestellt!
Damals, vor drei- vier Jahren, als ich noch in der Schule saß und vom tollen Studentenleben geträumt habe, war mir eines völlig klar: Das wird eine relaxte Zeit! Mit vielen Parties, nächtelangen Diskussionen über Gott und die Welt, spannenden Vorlesungen von begeisterungsfähigen Professoren, jeden Tag ausschlafen und Semesterferien mit dem Rucksack in Sizilien. An Arbeitsdruck und Modulabschlussklausuren hab ich nicht im Traum gedacht. Jetzt ist es kurz vor Mitternacht und ich bin nicht auf der Party mit meinen Freunden sondern am Rechner und versuche, trockene Fakten in mein Hirn zu speisen. Dabei habe ich im Hinterkopf ständig die Frage, ob ich nicht grade die Party des Jahres verpasse und mein Sozialleben sich auf die einsamen Gespräche mit meiner Yuccapalme beschränken wird.
Klar ist wohl, dass ich mich vom Bild des Studenten, wie es die ´68er Generation geprägt hat, verabschieden muss, will ich halbwegs erfolgreich ins Berufsleben starten. Aber was ist das neue Bild eines Studenten? Wo ist der rote Faden, der einem sagt: „ Hier geht´s lang, das ist dein Weg!“ ? Was will ich vom Leben? Von wessen Meinung und Ansicht lasse ich mich überzeugen? Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm. Nur, wen soll man denn fragen? Meine Dozenten? Meine Kommilitonen? Das Kaffeesatz-Orakel?
Am Besten mich selbst.
Denn wer weiß mehr über meine Wünsche, Träume und Erfahrungen als ich? Und auf wessen Meinung sollte ich mehr Wert legen als auf meine?
Und während mir diese Gedanken so durch die Synapsen kreisen, wird mir bewusst, dass es nicht nur die Freiheiten und Rechte des Studentenlebens, sondern eben auch die Verpflichtungen und Bindungen sind, die es so reich machen. Die für Gesprächsthemen sorgen, die mich beschäftigen und mich zwingen, mich mit mir und meiner Arbeitshaltung auseinander zusetzen.
Und so nach und nach, also wirklich sehr langsam, verliert der Anblick meines Schreibtisches seinen Schrecken und ich mache mich an die Arbeit- in dem sicheren Wissen, dass der nächste Mittwoch, die nächste Party, kommen wird und ich Yucca dann doch noch eine Topfblume als Gesellschaft beistellen werde.
von Ihna Grensemann
“Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 kein Kapitalist ist, hat keinen Verstand.”
Eine Freundin aus der Schweiz fragte mich vor paar Wochen, wo man in Osnabrück in besetzten Häusern übernachten kann. In einem der beiden Vechtaer Kinos gab es eine Veranstaltung der Contra AG zum Abschiebelager in Bramsche-Hesepe. Die Zuschauer: weitgehend Jugendliche. Die 68er von morgen?
Auch wenn man im Laufe der Zeit – oder sollte ich schreiben, im Laufe des Erwachsenwerdens? – immer mehr revolutionäre Gedanken gegen die eines geplanten Lebensentwurfs eintauscht, man mag sich doch fragen, ob das politische Interesse der Studierendenschaft abnimmt – sofern überhaupt vorhanden, jedenfalls in unserer beschaulichen Kleinstadt. Gewiss ist Vechta keine klassische Universitätsstadt, die Studenten identifizieren sich wahrscheinlich weniger mit ihrer Hochschule als Studierende anderer Unis.
Immerhin, ein kleiner Teil der Studierenden engagiert sich, im AStA, StuPA, beim Linken Vechta, oder bei uns in der Redaktion…, auch wenn die Motivation, sich außerhalb des eigentlichen Studiums zu betätigen, wohl aufgrund der Straffheit des BA/MA-Studiums wohl immer geringer ausfallen wird.
Prof. von Laer sagte im Rahmen der Informationsveranstaltung zum Studiengebührenboykott, es sei nicht der Sinn der Universität, ein wirtschaftliches Unternehmen zu sein, sondern nach der Wahrheit zu forschen. Forschen wir, die Studierenden, nach der Wahrheit?
Haben wir, die Studierenden, eine gesellschaftliche Verantwortung, gegen eingefahrene Strukturen anzugehen und frischen Wind in die alltägliche Welt der Praxis zu bringen?
In einem Artikel in der taz über eines der Camps in Rostock während des G8-Gipfels wurde unter anderem über eine Studentin berichtet, Mitte 20, aus Berlin, studiert Sozialpädagogik und will die Welt verändern. So etwas meine ich aber gar nicht zwangsläufig, dass jeder Student nach Heiligendamm hätte fahren sollen oder ähnliches.
Ich meine vielmehr, dass wir darauf achten, was uns an dieser Welt stört, dass wir nicht so werden wie die Menschen, die ihre eingefahrenen Muster haben und jegliche Veränderung ablehnen. Menschen, die nicht mehr nach links und rechts schauen und nicht sehen, was sie eigentlich machen. Es fängt in uns selbst an.
von Björn Franke
Fotos: Karen Ishikawa & Björn Franke

Und weg: uniVista im Land der Kängurus und Koalabären

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Jeder sollte es machen, einige müssen es und ein paar Menschen wollen es unbedingt: das Auslandsstudium. Einige entscheiden sich dafür, weil es gut im Lebenslauf aussieht, andere, weil sie schon immer mal auf Dauer in ein anderes Land wollten oder einfach, um sich selbst einen Kindheitstraum zu erfüllen.
Wie aber soll so etwas organisiert werden, wann sollte man es am besten machen und verdammt nochmal, wohin denn überhaupt? Alles sehr interessante Fragen. Ich habe mich für mein Traumland Australien entschieden, da ich vor einigen Jahren schon einen Schüleraustausch dorthin gemacht hatte und deswegen wusste, was mich erwarten würde.
Sobald man sich mit dem Gedanken näher befasst hat und auf ein paar Infoveranstaltungen (z.B. gostralia!) war, wird das ganze Bild auch schon klarer. Es wird einem erklärt, was alles zu beachten ist, also was beantragt werden muss (eine ganze Menge!), wie sich das Land von der Heimat unterscheidet, wo man welche Post hinschicken und was man alles mitnehmen muss.
Sollte die Wahl auf Australien fallen, wird einem der Großteil der Arbeit durch gostralia! abgenommen. Man sucht sich eine Universität in einer Stadt aus, setzt sich mit gostralia! in Verbindung und fängt an, den Briefkontakt herzustellen. Die Organisation leitet dann alles an die neue Traumuni weiter. Selber muss man sich vor allem um das Auslands-BaföG kümmern. Dies ist jedem zu empfehlen, auch wenn er kein normales BaföG bekommt. Das Amt hilft doch gerne weiter, wenn man im Ausland ist. Die Flugkosten von ca. 1300 € plus Studiengebühren von 4800 € wurden bei mir komplett übernommen und zusätzlich gibt es noch Geld auf die Hand. Damit das aber alles reibungslos verläuft, sollte man sich mit den Menschen vom Amt ca. 6 Monate vor Beginn des Trips auseinander setzen, denn der bürokratische Akt, der hinter dem Auslands-BaföG steht, ist mit offenen Worten nur als hochgradig lächerlich zu bezeichnen. Hat man diese Hürde geschafft und die Bestätigung der Uni in der Tasche, kann man sich ans Planen machen, wobei Planen in diesem Fall bedeutet: Was will ich außer meiner neuen Heimatstadt noch sehen? Wo will ich hinreisen und was wird das ungefähr kosten? Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte für ein Semester Kosten von ca. 10.000 – 12.000 Euro einplanen, die Gebühren und der Flug sind darin dann enthalten. Aber es kommt natürlich darauf an, was man alles erleben will.
Das Leben in Australien ist preislich dem deutschen fast gleich, außer dass Lebensmittel ungeheuer teuer sind, sei es im Supermarkt oder in der Bar, während die Nahverkehrsmittel extrem günstig sind. Super, oder?
Das australische Studentenleben unterscheidet sich schon sehr vom deutschen. Zu allererst möchte ich sagen, dass wenn die Studiengebühren in Deutschland so eingesetzt würden wie die in Australien, zahle ich sie mit einem Lächeln. Meine Universität versteht sich nicht als klassische Universität, sondern als Dienstleister, was bedeutet, dass hier alles Mögliche für den Studenten getan wird. Egal, welche Frage man hat, man wird nicht von a nach b geschickt, sondern bekommt überall qualitativ hochwertige Auskünfte, Stundenpläne werden online erstellt, es gibt keine schwarzen Bretter, auf die man achten muss, die Dozenten informieren die Studenten via E-Mail über alles, was wichtig ist. Ebenso macht es u.a. das Prüfungsamt, das Sekretariat, das International Office und die Student Guild (eine Art AStA). Es wird einem aktiv bei der Wohnungssuche geholfen, der Campus hat reichlich Security, Ärzte und was man sonst noch braucht, stellt der Campus eine Stadt in der Stadt dar. Die internationalen Studenten zahlen natürlich extrem viele Gebühren, da das Hochschulsystem in Australien auch etwas anders funktioniert. Hier zahlt man erst nach dem Studium an seine Uni.
Und nun geht es ans Eingemachte: Das Prüfungssystem ist hier so ganz anders als bei uns, da es hier keine Abschlussklausuren oder ähnliches am Ende des Semesters gibt. Man hat wesentlich weniger Semesterwochenstunden, muss aber pro Unit, in der man eingeschrieben ist, drei oder noch mehr Arbeiten abgeben.
Ein Beispiel: Für den Kurs „Studies in Language“ (eine Stunde Lecture und zwei Stunden Tutorial pro Woche) muss eine Textanalyse über 1000 Worte und eine Diskussionsanalyse über 1000 Worte abgegeben werden, zusätzlich gibt es noch eine Abschlussklausur.
Man ist hier also das ganze Semester unter Hochspannung, was einerseits gut, andererseits aber auch schlecht ist, wie sich wohl jeder vorstellen kann.
Aber darüber sieht man lächelnd hinweg. Denn, wenn man im März den über 30 Grad warmen Spätsommer in Brisbane in sich aufsaugt, während man am Stadtstrand liegt und die Aussicht auf die tolle Skyline dieser Stadt genießen darf, fühlt man sich fast wie im Urlaub und man weiß wieder, warum man sich den ganzen Stress angetan hat.
Auslandsstudium in Australien? Es gibt wohl nichts Schöneres für einen Studenten. Ganz ehrlich.
Weitere Informationen zum Studium in Australien:
Kauftipps:
Lonely Planet Australien von Paul Smitz
Carolyn Bain und Sandra Bao von Lonely Planet Deutschland, ca. 20 Euro
Frühstück mit Kängurus – Australische Abenteuer. von Bill Bryson und Sigrid Ruschmeier von Goldmann, ca. 9,90 Euro
Foto: Sebastian Dargel
von Sebastian Dargel

Die richtige Mixtur: Geld und Ansehen

Indexseiten:     [Rubriken]     [Ausgaben]     [Autoren]
 
 
 
Wettbewerbe und Stipendien versprechen nicht nur ein dickes Plus auf dem Konto, sondern auch große Anerkennung und einen Blickfang für den Lebenslauf. Das Vorurteil, dass dabei nur Musterstudenten mit dem Schnitt 1,0 eine Chance haben, trifft dabei nur bedingt zu. Gute Noten sind sicher von Vorteil, aber nicht alleiniges Kriterium.
Gerade bei den Studentenwettbewerben, welche von Bundesministerien, Botschaften, Stiftungen oder Zeitschriften sowie vom deutschen Studentenwerk ausgeschrieben werden, ist zu erst einmal Kreativität gefragt. Es werden Aufsätze zu bestimmten Themen, eine Kurzgeschichte oder auch die Gestaltung eines Plakats, das Drehen eines Films oder die Entwicklung eines Spiels gefordert. Es ist also für jeden etwas dabei und die Mühe lohnt sich. Die Preise reichen von 500 Euro bis hin zu 10 000 Euro, ganz abgesehen von dem Prestige, das jeden Gewinner durch einen solchen Preis erwartet. Zudem wird meistens nicht nur der erste Platz ausgezeichnet, sondern auch der zweite und dritte. Trotz der oftmals hohen Summen, welche ausgeschrieben werden, ist die Beteiligung an solchen Wettbewerben in der Regel eher gering, was wohl daran liegt, dass die meisten Studierenden von der Existenz dieser Bewerbe gar nicht wissen. Die Chance also, einer unter wenigen oder sogar der Einzige zu sein, ist somit nicht gering. Mitmachen lohnt sich in jedem Fall. Weitere Informationen zu den aktuellen Ausschreibungen findet ihr am Ende des Artikels.
Stipendien sind in Deutschland noch nicht so populär wie zum Beispiel in den USA. Aber es gibt Bemühungen unserer Bundesbildungsministerin, Anette Schavan (selbst Stipendiatin der Konrad Adenauer-Stiftung), eine möglichst hohe Zahl von StudentInnen durch die 11 großen Begabtenförderungswerke zu fördern. Die aktuelle Quote liegt bei 0,7 % aller Studierenden und soll auf 1 % erhöht werden. Die Begabtenförderungswerke haben so viel Geld wie selten zuvor. Die Möglichkeit ist also günstig. Auch unsere Uni hat jüngst 20 Stipendien ausgeschrieben, welche den Auserwählten die Studiengebühren ersparen. Doch eine einmalige Zahlung ist eher untypisch für diese Art von Förderung.
Die Stipendien, welche vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMF) und von verschiedenen Begabtenförderungswerken (z.B. Konrad Adenauer-Stiftung, Friedrich Ebert- Stiftung, Heinrich Böll-Stiftung, Cusanuswerk u.v.m.) vergeben werden, enthalten eine monatliche Unterstützung von bis zu 525 Euro, je nach Einkommen. Hinzu kommt noch Büchergeld in Höhe von 80 Euro pro Monat. Die inländischen Studiengebühren sind nicht Teil des Stipendiums. Die finanzielle Förderung ist jedoch längst nicht alles: Ebenso ist eine ideelle Förderung Bestandteil eines Stipendiums bei den großen Stiftungen. Den Stipendiaten wird persönliche Beratung bei Studienfragen und Berufsfindung geboten. Zudem werden eine Vielzahl von Seminaren nur für die Stipendiaten organisiert, welche für eine umfangreiche zusätzliche Bildung sorgen und die Möglichkeit beinhalten sich mit anderen Studenten anderer Fachrichtungen auszutauschen und Netzwerke zu bilden. Die Reisekosten, welche für die Seminare anfallen, werden dabei von der Stiftung übernommen. Eine Bewerbung sollte möglichst früh im Studium geschehen. Bereits Abiturienten können sich für eine Studienförderung bewerben. Es wird empfohlen, dass man sich ab dem 2. bis zum 4. Semester bewirbt. Als Faustregel gilt, dass der Bewerber noch nicht 2/3 seiner Studienzeit rum haben sollte.
Bei Bachelorstudenten, welche den Master ranhängen wollen, gelten noch einmal andere Maßstäbe. Auswahlkriterien sind neben überdurchschnittlichen Studienleistungen (1-2 im Notenschnitt) auch ehrenamtliches Engagement in Kirche, Verein und/oder an der Uni etc. Denn die Begabtenförderungswerke wollen Biographien fördern, keine Karrieren und das induziert, dass das Verantwortungsbewusstsein junger Menschen einen hohen Stellenwert hat. Aus diesem Grund sollte man sich auch mit den Grundsätzen der Stiftung identifizieren können, bei der er oder sie sich bewirbt.
Nähere Informationen zu den Begabtenförderungswerken und den einzelnen Stiftungen könnt ihr auf den jeweiligen Homepages finden. Wer nicht die Möglichkeit hat, sich im Internet zu informieren, kann sich auch innerhalb der Hochschule an den Referenten für Forschungsförderung Lars Hoffmeier (E021) wenden. Außerdem sind an der Hochschule zwei Stiftungen mit jeweils einem Vertrauensdozenten vertreten. Das ist zum einen Prof. Dr. Joachim Kuropka, Vertrauensdozent für die Konrad Adenauer-Stiftung, zum anderen Prof. Dr. Martin Winter, Vertreter der Hans Böckler-Stiftung.
Bewerben lohnt sich in jedem Fall. Denn entgegen der langläufigen Meinung, dass sich da bestimmt Tausende bewerben und man sowieso keine Chance hat, ist die Bewerberzahl auch bei den großen Stiftungen eher gering, gemessen an der Gesamtzahl der Studierenden im Bundesgebiet. So haben sich bei der Konrad Adenauer- Stiftung im vergangenen Jahr 1072 Studenten beworben, von denen letztlich 392 in die Stiftung aufgenommen wurden. Die Chance steht also nicht schlecht. Wer dennoch glaubt, dass er bei keiner der oben genannten etablierten Stiftungen eine Chance hat, für den gibt es auch noch unbekannte, kleine Organisationen, die Stipendien teilweise nach Ortszugehörigkeit oder Studiengang vergeben. Beispiele hierfür sind: Für die Historiker und Archäologen die Gerda Henkel-Stiftung
(www.gerda-henkel-stiftung.de), für arme Ärztekinder der Hartmannbund (www.hartmannbund.de), für diskriminierte Examenskandidaten die Peter Fud-Stiftung, für Studenten mit Migrationhintergrund etwa die Vodafone-Stiftung (vodafone-stiftung.de) u.v.m. Es lohnt sich also einfach mal, bei Google das Stichwort Stipendium einzugeben. Und auch hier zählt, ähnlich wie bei den Wettbewerben: Wer wagt, der gewinnt. Neben den bereits oben genannten finanziellen Vorteilen eines solchen Stipendiums ist auch die karrierefördernde Wirkung nicht zu unterschätzen. Viele Politiker wie Ex-Kanzler Schröder oder Oskar Lafontaine sind beispielsweise Stipendiaten und auch die Sprecherein der Tagesschau (Petra Gerster) ist in ihrer Studienzeit in den Genuss der Begabtenförderung gekommen.
Auch für Doktoranten oder solche, die es werden wollen, gibt es die Möglichkeit, über die Stiftungen gefördert zu werden (Graduiertenförderung). Innerhalb der Hochschule sind die KFN (Kommission für Nachwuchsförderung) und auch die KFG (Kommission für Frauenförderung und Gleichstellung) für diese Form von Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses zuständig.
Also Vorteile über Vorteile für vergleichsweise wenig Aufwand. Deshalb: Traut euch und bewerbt euch! Letztlich könnt ihr nur gewinnen.
von Stefanie Bruns
Stipendien

Kontakt

uniVista
Campusmagazin Vechta
Driverstr. 22
Raum CN 2 (hinter dem N-Gebäude)
Postfach 12 an der Uni (vor B1)
49377 Vechta
fon: 04441-15-617
email: redaktion[at]univista.de